Lade Inhalt...

Der Tod des Wachtmeisters Anton Lerch - Die "Reitergeschichte" von Hugo von Hofmannsthal im Kontext der Kurzprosa der literarischen Moderne

Hausarbeit 2006 11 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Strukturmerkmale und Erzählverhalten der Kurzprosa der literarischen Moderne

3. Hugo von Hofmannsthals Reitergeschichte (1898)
3.1 Der Fall des Wachtmeisters Anton Lerch
3.2 Der Tod als Resultat subversiven Verhaltens
3.3 Warum muss Lerch auf diese Weise sterben?

4. Schlussbesprechung

Glossar

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Er hob mit einer nachlässigen, beinahe gezierten Bewegung den Arm, und indem er, die Oberlippe verächtlich heraufziehend, ´drei´ zählte, krachte auch schon der Schuß, und der Wachtmeister taumelte, in die Stirn getroffen, mit dem Oberleib auf den Hals seines Pferdes […].[1]

In der vorliegenden Arbeit steht die Frage im Vordergrund, warum der Wachtmeister Anton Lerch in der Reitergeschichte Hugo von Hofmannsthals auf die dargestellte Weise den Tod findet.

Zudem werden Strukturmerkmale und Erzählverhalten der Kurzprosa der literarischen Moderne, zu der die Reitergeschichte zählt, im Überblick vorgestellt. Die Reitergeschichte soll allerdings nicht vordergründig auf Erzählverhalten und Strukturmerkmale untersucht, sondern lediglich in diesen Kontext eingebettet werden, um innerhalb dieses strukturellen Rahmens eine Deutung des Textes vorzunehmen.

Substanziell für die Deutung der Reitergeschichte ist die ´innere Geschichte´ der Figuren, die die Autoren der literarischen Moderne außerordentlich hervorgehoben haben. So lässt sich anhand seiner ´inneren Geschichte´ der Abstieg und Tod des Wachtmeisters Anton Lerch nachvollziehen, in einem übergeordneten Rahmen fassen und in einen Zusammenhang mit dem Leben in einer strengen Befehlshierarchie beschreiben.

In der vorliegenden Arbeit wird im zweiten Kapitel eine Übersicht über Strukturmerkmale und Erzählverhalten der Kurzprosa der literarischen Moderne geliefert. Im dritten Kapitel erfolgt eine Betrachtung der Reitergeschichte von Hofmannsthals, diese wird letztendlich mit der Fragestellung untersucht, warum der Wachtmeister Anton Lerch auf die vorgefundene Weise exekutiert wird. In der Schlussbesprechung finden sich ein Fazit und eine Zusammenführung der Ergebnisse.

2. Strukturmerkmale und Erzählverhalten der Kurzprosa der literarischen Moderne

Typisches Merkmal der Kurzprosa der Moderne ist die Anlehnung an die Struktur der Novelle. Die Novelle gilt – neben der Erzählung – als Vertreter der epischen mittleren Länge. Allerdings hat es bereits im 19. und 20. Jahrhundert keine verbindliche Definition ihrer Struktur gegeben und so existiert bis in die Gegenwart eine Vielfalt von Theorien nebeneinander. Prinzipiell liegen zwei Auffassungen von der Form einer Novelle vor: Eine normative, welche von festen Grundzügen ausgeht und die Novelle an bestimmten Merkmalen wie dem Mittelpunktereignis, der unerhörten Begebenheit oder dem zentralen Geschehnis festmacht. Die historische Auffassung hingegen lässt verschiedene Formen und Gestaltungen zu und versteht den Novellenbegriff freier und wandelbarer.[2]

Signifikant für die Kurzprosa der Moderne ist die Vielfalt der verwendeten Gattungsbezeichnungen. Sie dokumentiert das Bemühen um neue Strukturen und eine „Gleichgültigkeit gegenüber den überlieferten Formen“[3]. Zudem sind viele Dichter der Moderne misstrauisch gegen den schwer zu definierenden Novellenbegriff und ziehen die ´neutrale´ Bezeichnung Erzählung vor, „auch wenn ihre Werke [nach der historischen Novellenauffassung] anstandslos als Novelle passieren könnten.“[4] So erscheint es als nur logische Konsequenz, dass die einzelnen Kurzprosastücke der Moderne „in dieser Ausgabe als Novelle, in jener als Erzählung [...] [bezeichnet werden], nicht weil der eine Begriff ein Unterbegriff des anderen wäre, sondern weil beide als synonym empfunden werden“[5].

Das spezifische Erzählverhalten (definiert nach Franz K. Stanzel und weiterentwickelt von Jürgen H. Petersen) der Kurzprosa der Moderne ist dadurch gekennzeichnet, dass die verschiedenen Möglichkeiten – wie auktoriales, personales und neutrales Erzählverhalten – aufgegriffen und „eklektisch oder spielerisch“[6] kombiniert werden.

In der Epoche der literarischen Moderne entsteht zunehmend ein „Interesse an der ´inneren Geschichte´ der Figuren“[7]. Um diese Innerlichkeit darstellen zu können, entwickeln sich spezifische Erzähltechniken: Der Bewusstseinsbericht ist eine Darstellung von Figurenbewusstsein mit einem relativ hohen Grad an Distanz, sie erfolgt in der Regel in der 3. Person, Präteritum. Im Unterschied zur erlebten Rede spricht hier eindeutig ein erzählendes Subjekt und nicht die erlebende Figur selbst. Die erlebte Rede meint die Darstellung einer gedachten oder gesprochenen Figurenrede in der 3. Person, Präteritum, Indikativ (ohne ein einleitendes verbum dicendi). Der innere Monolog hingegen ist meist länger als die erlebte Rede und wirkt unmittelbarer. Seine Darstellung erfolgt in der 1. Person, Präsens. Von einem autonomen inneren Monolog wiederum spricht man, wenn der Text durchgängig aus der Darstellung der Bewusstseinsvorgänge einer Figur besteht. Die radikale Form des inneren Monologs ist der Bewusstseinsstrom (´stream of consciousness´). Hier werden Gedanken und Gefühle ohne jede grammatische Verschiebung wiedergegeben. Der Bewusstseinsstrom stellt sich sprachlich oft als unstrukturierte Aneinanderreihung von syntaktischen Bruchstücken (Satzfetzen, Einzelwörter usw.) dar.[8] Das Interesse der Autoren der literarischen Moderne an der ´inneren Geschichte´ wird insbesondere an der Figur des Wachtmeisters Anton Lerch in Hofmannsthals Reitergeschichte deutlich.

[...]


[1] Hofmannsthal, Hugo von: Reitergeschichte. In: Hofmannsthal, Hugo von: Gesammelte Werke,

Erzählungen. Fischer, Frankfurt am Main 1979, S. 131

[2] Vgl. Pohlheim, Karl Konrad: Gattungsproblematik. In: Pohlheim, Karl Konrad (Hrsg.): Handbuch der

deutschen Erzählung. Bagel, Düsseldorf 1981, S. 12-13

[3] Nehring, Wolfgang: Der Beginn der Moderne. In: Pohlheim, Karl Konrad (Hrsg.): Handbuch der

deutschen Erzählung. Bagel, Düsseldorf 1981, S. 384

[4] Ebd., S. 385

[5] Ebd., S. 385

[6] Vogt, Joachim: Grundlagen narrativer Texte. In: Arnold, H. L./Detering, H. (Hrsg.): Grundzüge der

Literaturwissenschaft. 5. Aufl. München 2002, S. 302

[7] Ebd., S. 295

[8] Vgl. Martinez, Matias und Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 6. Auflage. Beck, München 2005, S. 186-192

Details

Seiten
11
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656012986
ISBN (Buch)
9783656012702
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178939
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig – Seminar für deutsche Sprache und Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Moderne Hugo von Hofmannsthal Arthur Schnitzler Novelle Erzählung Strukturmerkmale Erzählverhalten

Autor

Zurück

Titel: Der Tod des Wachtmeisters Anton Lerch - Die "Reitergeschichte" von Hugo von Hofmannsthal im Kontext der Kurzprosa der literarischen Moderne