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Sozialkapital: Allgemeine Grundlagen und Messmethoden

Seminararbeit 2011 22 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definitionsversuche

2. Beziehungsstrukturen

3. Dimensionen von Sozialkapital

4. Formen von Sozialkapital

5. Messmethoden
5.1 Namensgenerator
5.2 Positionsgenerator
5.3 Ressourcengenerator und Vergleich

Schluss

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Die Frage, wieso der Mensch sozial ist, in Gesellschaften lebt und mit anderen seiner Art kooperiert, ist so alt, wie die Gesellschaft selbst. Bereits Aristoteles sieht die Gemeinschaft ursprünglicher als das Individuum.[1] Ab dem 17 Jahrhundert erlebte die Thematik eine neue Hochzeit. Politische Philosophen wie Thomas Hobbes waren der Ansicht, dass das antreibende Prinzip für ein gesellschaftlich-soziales Miteinander der Selbsterhaltungstrieb des Menschen sei.[2]

In den modernen Sozialwissenschaften ist die Thematik immer noch aktuell. Die Frage danach, welche Faktoren Kooperation zwischen Akteuren eines Netzwerkes bedingen und wie sie dies tun, ist somit auch eine der Grundfragen für das Konzept des Sozialkapitals. Der Begriff Sozialkapital ist ein Sonderphänomen der Sozialwissenschaften, da er durch steigende Popularität und vermehrte Versuche, eine Definition dafür festzulegen, immer mehrdeutiger wurde. Er fand plötzlich andere Bedeutung in anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Diese Arbeit soll die bedeutendsten Definitionsversuche und Vorrausetzungen von Sozialkapital erläutern, sowie einige Messmethoden erklären und vergleichen.

1. Definitionsversuche

Sozialkapital ist nicht nur ein vergleichsweise moderner Begriff in den Sozialwissenschaften, sondern vor allem ein mehrdeutiger. Das Konzept beschränkt sich nicht nur auf die Soziologie, sondern unter anderem auf die Politikwissenschaft und Ökonomie. Einer der einflussreichsten Soziologen, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, war Pierre Bourdieu. Für ihn ist Sozialkapital „die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind.“[3] Dabei grenzt er es deutlich von ökonomischem und kulturellem Kapital ab. Nach Hanspeter Kriesi hat Bourdieus Definition zwei grundlegende Ebenen: Ressourcen und soziale Beziehung.[4] Speziell die Ansicht, dass Sozialkapital Ressourcen sind, die man durch andere bereitgestellt bekommt und die Form einer Schenkung haben, sind spezifisch für Bourdieu. Eine vergleichsweise ähnliche, jedoch auch deutlich unterscheidbare Ansicht vertrat James Coleman. Seine Definition richtet sich insbesondere gegen die ökonomische Ansicht, dass Gesellschaft aus autark handelnden Individuen besteht. Sozialkapital sind nach Coleman Ressourcen, die die Durchsetzung der eigenen Interessen erleichtern, wobei damit Zwecke verwirklicht werden, die ohne diese Ressourcen nicht hätten verwirklicht werden können.[5] Dieses so definierte Sozialkapital kann neben privatem auch öffentliches Gut sein.[6] Eine enorme Popularität gewann der Begriff Ende der 90er Jahre durch den Politikwissenschaftler Robert Putnam. Dieser weicht vom Individuum ab und betrachtet lediglich Gesellschaften als Akteure.[7] Putnam sieht Aspekte wie Vertrauen sowie netzwerkinterne Normen und Werte als Sozialkapital an[8] und rekurriert dabei besonders auf das Vereinswesen.[9] Der Rekurs auf das Vereinswesen, den Putnam tätigt, ist schon bei Alexis de Tocqueville zu finden, um bestimmte soziale Phänomene und Sachverhalte zu erklären.[10]

Eine ausführliche Analyse der verschiedenen Definitionsversuche, besonders dem von Putnam, ist in dieser Arbeit nicht möglich, da der Rahmen nicht gesprengt werden soll und der Fokus auf den Vorrausetzungen und Messmethoden liegt. Zwei Kritikpunkte an Putnam sollen trotzdem nicht außer Acht gelassen werden. Einerseits missachtet er, dass Staat und Vereinswesen sich gegenseitig bedingen und andererseits ändern sich Merkmale von Vereinen mit der Zeit.[11]

Ende der 90er Jahren entdecke man sogar in der Ökonomie den Begriff des Sozialkapitals für sich.[12] Das bisher angeführte dürfte das Problem der Mehrdeutigkeit nicht vollständig aufgezeigt, jedoch deutlich gemacht haben.

2. Beziehungsstrukturen

Die Form des Sozialkapitals und dessen Auswirkung hängen von der Beziehungsstruktur ab. Drei grundlegende Unterscheidungen können dabei getroffen werden.[13] Zunächst ist eine Differenzierung von horizontalen und vertikalen Beziehungen möglich. Horizontal bedeutet, dass Personen in diesem Netzwerk einen ähnlichen Status besitzen und zusätzlich dieselben Machtverhältnisse. Bei vertikalen Beziehungen haben uneinheitliche Akteure miteinander zu tun. Nach Putnam fördern besonders horizontale Netzwerke soziale Beziehung und Vertrauen.[14] Vertikale Beziehungen sind dafür ungeeignet, wegen dem ungleichen Machtverhältnis und der damit verbundenen ungleichen Sanktionierungsmöglichkeit. Wenn eine Person in einer hohen Machtposition in einem vertikalen Netzwerk einen Vertrauensbruch begeht, ist die Möglichkeit viel geringer erfolgreich zu Sanktionieren, als bei einer Person in einer niedrigen Machtposition. Allgemein besteht also eine Abhängigkeit von Machtposition und opportunistischem Verhalten ohne erfolgreiche anschließende Sanktionierung der anderen Netzwerkakteure. Dem Problem, dass in den vertikalen Netzwerken auftritt, kann entgangen werden, indem Kontrollinstanzen bzw. wenigstens ein unabhängiges Kontrollorgan inhäriert wird. Coleman präferiert diesbezüglich den Akteuren übergeordnete Personen.[15] Die Frage, warum Kontrollen bei vertikalen Netzwerken zu Kooperation führt, lässt sich eventuell damit beantworten, dass damit eine horizontale Kommunikation ermöglicht bzw. in gewisser Weise erzwungen wird. Auffallend dabei ist, dass damit Kooperation ohne Vertrauen erreicht wird.[16]

Die zweite Unterscheidung bei Beziehungsstrukturen, die man vornehmen kann, ist zwischen formellen und informellen Beziehungen. Für Putnam stehen, wie bereits erwähnt, formelle Organisationen, wie Vereine im Vordergrund. Solche sozialen Gebilde haben trotz ihres formellen Charakters nur bedingt vertikale Beziehungsstrukturen, sondern enthalten primär horizontale.[17] Wobei durch zunehmende Professionalisierung von Vereinen auch der vertikale Beziehungsanteil wächst. Ein Beispiel für ein informelles Netzwerk ist ein Freundeskreis, als ein Netzwerk von Akteuren, dass durch freundschaftliche Beziehungen charakterisiert ist. Eine informelle Gemeinschaft, die hauptsächlich vertikale Beziehungen besitzt, ist beispielsweise die Arbeitsstelle mit dem Arbeitsumfeld. Es gibt auch Theorien von einer Informalisierung der zivilen Netzwerke, aufgrund von Auflösung der örtlichen Gebundenheiten persönlicher Beziehungen.[18]

Als dritte Möglichkeit der Unterscheidung von Beziehungsstrukturen existiert die Einteilung in schwache und starke Beziehungen. „Starke Beziehungen [sind] solche zwischen engen Freunden und Familienmitgliedern, während schwache Beziehungen eher oberflächlich Bekannte verknüpfen.“[19] Dabei wird unter anderem die Theorie vertreten, dass starke Beziehungen eher zu sozialer Schließung führen; schwache dagegen ermöglichen ein größeres Netzwerk und vor allem Verbindung von eigentlich geschlossenen Netzwerken. Beide Formen haben ihre Vor und Nachteile, die in dieser Untersuchung nicht ausführlich behandelt werden können. In Bezug auf Sozialkapital ist es speziell davon abhängig, um welche Form es sich davon handelt. Putnam zielt eher auf die schwachen Verbindungen ab, weil diese Sozialkapital, nach seiner Definition, bedingen. „Bridging networks [...] are better for linkage to external assets and for information diffusion.“[20] Ein bedeutender Unterschied zwischen schwachen und starken Beziehungen bezüglich Sozialkapital ist, dass in geschlossenen Netzwerken das Vertrauen in die Mitglieder und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Gefallen reziprok zurückerstattet wird, weitaus größer ist, als in Netzwerken schwacher Beziehungen, da andere wirkungsreichere Sanktionsmöglichkeiten bestehen. So wie schwache Beziehungen Brücken zwischen Netzwerken bilden können, schafft das komplette Konzept von Sozialkapital Verbindungen von inhärent soziologischen oder andern nichtsoziologischen Disziplinen, die lediglich unabhängig voneinander behandelt werden. „Die Tatsache, dass sich alle drei Disziplinen [Soziologie, Politikwissenschaft und Ökonomie] für das Konzept interessieren, verleiht ihm ein einzigartiges brückenbildendes Potential, das die Intensität des Austausches zwischen den Disziplinen zu erhöhen verspricht.“[21]

[...]


[1] Vgl. Aristoteles (1965), S. 10 1252b.

[2] Vgl. Hobbes (1984).

[3] Boudieu (1983), S. 190.

[4] Vgl. Kriesi (2007), S. 24.

[5] Vgl. Coleman (1990), S.302; „Like other forms of social capital, social capital is productive, making possible the achievement of certain ends that would not be attainable in its absence.”

[6] Vgl. Coleman (1990), S. 315; „Social capital is not the private property of any of the persons who benefit from it.“

[7] Vgl. Kriesi (2007), S. 27.

[8] Vgl. Putnam (2000), S. 134 ff.; “The norm of generalized reciprocity is so fundamental to civilized life [...]. Our Subject here is social trust, not trust in government or other social institutions. Trust in other people is logically quite different from trust in institutions and political authorities.”

[9] Vgl Franzen etc. (2007)a, S. 11.

[10] Vgl. Tocqueville (1997), S. 148 ff.

[11] Vgl. Kriesi (2007), S. 31 ff.

[12] Vgl. Diekmann (2007), S. 48.

[13] Vgl. Kriesi (2007), S. 35 ff.

[14] Putnam (1993), S. 173.

[15] Coleman (1990), S. 311.

[16] Kriesi (2007), S. 36.

[17] Vgl. ebd., S. 37.

[18] Vgl. ebd.

[19] Ebd., S. 38.

[20] Putnam (2000), S 22.

[21] Kriesi (2007), S. 43.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656012931
ISBN (Buch)
9783656013150
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v178976
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Soziologie
Note
2,7
Schlagworte
Sozialkapital Messmethode Netzwerk

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