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Die Wirksamkeit technischer Systemtheorien nach Ropohl und Wolffgramm in der gegenwärtigen postindustriellen Informationsgesellschaft

Bachelorarbeit 2010 46 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Technikdefinition
1.1 Technik und Technologiebegriff
1.2 Gegenwärtiges Technikverständnis

2 Technische Systemtheorie
2.1 Ursprünge des Systemdenkens
2.2 Entwicklung von technischen Systemtheorien
2.3 Systemtheorie als Zeichen eines neuen Umweltbewusstseins

3 Technische Systemtheorie nach Ropohl
3.1 Das Sachsystem als Kernstück der Systemtheorie
3.2 Die systematische Funktion eines Sachsystems
3.3 Die Funktionsklassifizierung eines Sachsystems
3.4 Überleitung von Ropohl zu Wolffgramm

4 Technische Systemtheorie nach Wolffgramm
4.1 Ordnungsfunktion in der Technologie
4.2 System der Bearbeitungsvorgänge

5 Vergleich beider Systemtheorien
5.1 Transport und Ortsänderung
5.2 Speicherung und Ortsänderung
5.3 Wandlung, Form und Strukturänderung
5.4 Fazit

6 Die postindustrielle Informationsgesellschaft
6.1 Information und Medien
6.2 Informationsverarbeitung
6.3 Geltungsbereich technischer Systemtheorien in der Informationsgesellschaft

Fazit

Literatur

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Anhang

„Vom Menschen konstruiert, entsteht aus einer umfassenden Akkumulation theoretischem Wissen, praxisgeführten Erfahrungsprozessen, menschlichem Handlungsvermögen sowie einer empfindsamen Einfühlung in den inneren Zusammenhang der Natur ein Metasystem vernetzter, komplexer Technologien.“1

Einleitung

In der vorliegenden Forschungsarbeit sollen die technischen Systemtheorien nach Günter Ropohl und Horst Wolffgramm analysiert und verglichen werden. Eine technische Systemtheorie ist ein Instrument zur Analyse von Strukturen und Funktionen technischer Gebilde, das Vorhersagen über ihr Systemverhalten ermöglicht. Beide technische Systemtheorien wurden in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts von Günter Ropohl in der BRD und von Horst Wolffgramm in DDR entwickelt. Die siebziger Jahre waren von einer Industriegesellschaft geprägt, in der die materielle Güterproduktion den hauptsächlichen industriellen Produktionsanteil ausmachte. Seitdem hat sich das Funktionsverhalten von Technik stark verändert und ihr Handlungsbereich hat sich auf einen soziotechnischen Produktionsbereich vergrößert. Da die technische Systemtheorie sich hauptsächlich mit dem Funktionsverhalten von technischen Gebilden auseinandersetzt, wird in dieser Forschungsarbeit speziell der Frage nach ihrer Anwendbarkeit in der gegenwärtigen Informationsgesellschaft nachgegangen. Hier stellt sich die Frage, inwiefern das Instrument der technischen Systemtheorie die heutigen Phänomene der materiallosen Informationstechnik erfasst und sie sinnvoll charakterisiert.

Im ersten Kapitel der Forschungsarbeit werden zentrale Begrifflichkeiten der Technik, der Technologie, des Technikverständnisses definiert, sowie die Ursprünge erster Technikdefinitionen dargestellt. Diese Begrifflichkeiten bieten die Voraussetzung zum Verständnis technischer Systeme. Im zweiten Kapitel werden anknüpfend an die verschiedenen Verständnisperspektiven von Technik, die Ursprünge typischer Sichtweisen von Systemikers (Systemdenken) dargestellt. Hier werden die zentralen vier Wurzeln der technologischen Systematisierung im zwanzigsten Jahrhundert kurz erläutert und die Entwicklung der technischen Systemtheorie anhand wissenschaftlicher Einflüsse aus anderen Fachdisziplinen vorgestellt. Abschließend wird in diesem Kapitel der umweltpolitische Diskurs der siebziger Jahre beleuchtet, der zum Umdenken und zur Qualitätsprüfung technischer Systeme führte. Gerade die umweltverschmutzenden Nebenwirkungen technischer Gebilde stellten komplexe Ansprüche an eine allgemeine technische Systemtheorie.

Im dritten Kapitel wird die technische Systemtheorie von Günter Ropohl vorgestellt. Dabei wird der Fokus auf technische Gebilde gerichtet. Hierbei spielen besonders die systematischen Funktionsklassen verschiedener Bearbeitungsvorgänge, sowie deren Eingangs und Ausgangskomponenten eine entscheidende Rolle. Im vierten Kapitel wird die technische Systemtheorie von Horst Wolffgramm beschrieben, mit Schwerpunkt auf das Ordnungssystem, das sämtliche Funktionen von technischen Gebilden erfasst und in eine Systemmatrix einordnet. Dabei bestimmen ähnlich wie bei Ropohl, die Bearbeitungsvorgänge von technischen Gebilden den entscheidenden systemtheoretischen Schwerpunkt. Im fünften Kapitel werden die Systemtheorien von Ropohl und Wolffgramm miteinander verglichen und die Gemeinsamkeiten und Unterschiede aufgezeigt. Hierfür findet zuerst ein Vergleich der verschiedenen Begrifflichkeiten und anschließend eine inhaltliche Definition der verschiedenen technischen Funktionsklassen beider Systemtheorien statt.

Im letzten Kapitel der Forschungsarbeit wird die Informationsgesellschaft des zwanzigsten Jahrhunderts und der damit verbundene Wandel technischer Gebilde beschrieben. Der Fokus liegt auf dem zunehmenden Wachstum von immateriellen Gütern und deren Marktpotenzial. An dieser Stelle wird überprüft, inwiefern technische Systemtheorien ausreichend Potenzial zur Analyse der soziotechnischen Gegebenheiten der Informationsgesellschaft bieten. Letztlich wird der Frage nachgegangen, inwiefern die technische Systemtheorie gegenwärtig ein Instrument zur Analyse von technischen Systemen bietet da die technische Systemtheorie gerade in der fachwissenschaftlichen Technikforschung des Fachs Arbeitslehre ein Forschungsinstrument für „niedrig komplexe“ Gegenstände darstellt.2 Die vorliegende Forschungsarbeit soll klären, inwiefern die technische Systemtheorie sich für eine funktionale Betrachtung der postindustriellen Informationsgesellschaft eignet oder ob dieses Instrument obsolet geworden ist.

1 Technikdefinition

1.1 Technik und Technologiebegriff

Der Begriff der Technik leitet sich vom altgriechischen Substantiv „téchne“ ab. Dieser Ausdruck steht für Handwerk, Kunst und Wissenschaft.3 In der menschlichen Kulturgeschichte wurden Werkzeuge nicht nur nutzenorientiert gestaltet, sondern stets mit künstlerischen Aspekten ausgestattet.4 Zur konkreten Umsetzung von Technik in Form eines praktischen Gebildes, beispielsweise einer Maschine, sind wissenschaftliche Erkenntnisse notwendig, die als Technologie bezeichnet werden.5

Historisch betrachtet leitet sich Technologie vom griechischen Wort "technologia" ab und bedeutet „Lehre der Kunst“6. Der Zustand der Technologie ist ein Prozess, der ständiger Entwicklung und Veränderung unterworfen ist, da sich wissenschaftliche Erkenntnisse durch Forschung ständig verändern. Während hingegen Technik stets eine Momentaufnahme technischen Wissens ist, die in Form praktischer Gebilde dargestellt wird.7 Günter Spur definiert den Unterschied zwischen Technik und Technologie, wie folgt: „Technologie ist die Lehre vom Wandel der Technik“8. Technologie ist die instrumentelle Transformation wissenschaftlicher Erkenntnisse in technische Gebilde, Systeme und Verfahren. Technologie umfasst demnach die Gesamtheit technischen Wissens, das heißt alle Fähigkeiten, Kenntnisse und Möglichkeiten der Anwendung und Entwicklung von Technik. Doch sie beschreibt nicht nur die gegenwärtigen Ergebnisse der Technik, sondern auch den historischen Prozess von Technik, welcher eine Reform gegenüber natürlich existierenden Dinge darstellt. Die Reform der natürlichen Dinge erfolgt durch den Eingriff des Menschen in die Umwelt mithilfe von technischen Gebilden.9

Die Wurzeln des Technologiebegriffs finden sich in dem von Johann Beckmann 1777 erscheinen Werk „Anleitung zur Technologie“. Darin definiert Beckmann: „Technologie ist die Wissenschaft, welche die Verarbeitung der Naturalien, oder die Kenntnisse der Handwerke lehrt“10. Beckmann schuf damit die begriffliche Grundlage für eine wissenschaftliche Entwicklung der Technologie und erste verfahrensorientierte Systematiken. Johann Heinrich Moritz von Poppe, ein Schüler von Beckmann, definiert Technologie in seinem 1807 erschienen Werk „Geschichte der Technologie“ folgendermaßen: „In der Technologie wird nicht bloß die Geschichte der Handwerke gelehrt; es werden darin vielmehr alle Arbeiten, ihre Folgen und Gründe ordentlich und deutlich gelehrt“11. Von Poppe nimmt dabei auf zwei entscheidende Faktoren des Handwerks Bezug: a) die Verfahrenskunde und b) die Folgen und Gründe, die bei der Anwendung technischer Verfahren stets eine Rolle spielen. Klaus Tuchel definiert Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts den modernen Technikbegriff als:

- die Menge der nutzenorientierten, künstlichen, gegenständlichen Gebilde;
- die Menge menschlicher Handlungen und Einrichtungen, in denen Sachsysteme entstehen;
- die Menge menschlicher Handlungen, in denen Sachsysteme verwendet werden12.

Für die ropohlsche Systemtheorie bildet Tuchels Technikbegriff die Grundlage.13 Horst Wolffgramm definiert 1978 den Technikbegriff als die „Gesamtheit der Mittel und Verfahren, durch die sich der Mensch mit dem Ziel der Befriedigung seiner materiellen und kulturellen Bedürfnisse dienstbar macht“14.

1.2 Gegenw ä rtiges Technikverst ä ndnis

In der Technikwissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts wird zwischen einem engen, mittelweiten und weiten Technikbegriff unterschieden.15 Der enge Technikbegriff beschreibt die Welt der zusammengesetzten mechanischen, elektrischen und optischen Geräte. Die menschliche Handlung wird dabei ausgeklammert und der Fokus ausschließlich auf die künstlich geschaffenen Gebilde gerichtet.16 Die wolffgrammsche Systemtheorie, die in Kapitel 5 vorgestellt wird, fußt auf diesem engen Technikverständnis.17

Der weite Technikbegriff knüpft an den Ausdruck der Geschicklichkeit an und beschreibt die „kunstfertige regelgeleitete Verfahrensweise in beliebigen menschlichen Handlungsfeldern“18. Der Terminus Technik wird häufig in diesem Zusammenhang in der Umgangssprache genannt, beispielsweise die Technik des Lernens oder die Technik beim Boxwettkampf. Technik im Sinne des weiten Technikbegriffs bezieht sich nicht auf die Funktion technischer Gebilde, sondern der Höchstform des rationalen Handelns.19 Während der enge Technikbegriff sämtliche menschliche Handlungen ausschließt, spielen sie beim weiten Technikbegriff die Hauptrolle.20

Für ein angemessenes Technikverständnis sind beide Technikbegriffe jedoch unangemessen, da sie kein reales Technikverhalten widerspiegeln: Der enge Technikbegriff beschreibt eine Welt der Technik losgelöst von der Umwelt, spiegelt aber nicht die soziotechnische Realität wieder, obwohl die meisten technischen Bereiche durch das menschliche Handeln beeinflusst werden. Der weite Technikbereich hingegen beschreibt sämtliche menschlichen Handlungsbereiche ohne Berücksichtigung technischer Instrumentarien.

Der mittelweite Technikbegriff21 zielt einerseits auf eine Betrachtungsweise von technischen Gebilden und impliziert anderseits das damit verbundene menschliche Handlungsfeld, das mit der Herstellung und Verwendung technischer Gebilde eindeutig zusammenhängt. Nach Günter Ropohls Systemtheorie ermöglicht erst der Einfluss des technischen Handelns durch den Menschen die vollständige Realisierung einer technischen Systemtheorie.22

2 Technische Systemtheorie

Ein System ist ein theoretisches Werkzeug, das reale Erkenntnisse organisieren kann.23 Der Mensch macht sich mithilfe eines Systems ein Bild von der Realität. Jeder beliebig existierende technische Gegenstand kann als System interpretiert werden. Eine Systemtheorie stellt grundsätzliche Verhaltensweisen von Systemen in idealen Situationen mit idealen Modellen dar und strebt dabei universelle Geltung an. Die Nebeneffekte realer technischer Systeme, wie Umwelteinflüsse, Verbrauchs und Verschleißerscheinungen werden dabei ausgeklammert.24 Eine Systemtheorie der Technik ist eine Modellvorstellung, die aus einem Modellkonzept entwickelt wird, welches auf empirischen Erkenntnissen basiert. Um Technik systematisch darzustellen, bedarf es korrekt entwickelter Modellkonzepte. Einerseits müssen sie eine hohe strukturelle Komplexität aufweisen und anderseits die dynamischen Prozesse und Funktionen technischer Gebilde umfassend beschreiben. Technische Systeme müssen optimierbar sein und sich jeglicher Veränderung anpassen, damit sie funktionsverbessernde Ergebnisse erzielen können. Dieses Modellkonzept unterliegt einem strukturellen Wachstumsprozess und strebt stets das Optimum technischer Leistungseffizienz an. Da Technik sich in ständiger Zustandsänderung befindet, beschreibt ein technisches Gebilde stets eine Momentaufnahme augenblicklicher technologischer Erkenntnisse.25 Eine Zustandsänderung kann eine gewollte und geplante verbesserte Funktion zur Folge haben oder aber eine unbestimmte, meist durch Störungen hervorgerufene Funktion beinhalten. Oft treten bei besonders komplexen Systemen beide Zustandsänderungen gleichzeitig auf: Durch eine Optimierung werden abhängige Faktoren verändert, die wiederum unkalkulierbare Störungen beinhalten. Technische Systeme werden deterministisch ausgelegt, verhalten sich aber stochastisch. Das stochastische Verhalten nimmt proportional zur Komplexität des technischen Systems zu und damit steigt ebenfalls das Fehlerrisiko.26

2.1 Urspr ü nge des Systemdenkens

Es gibt vier entscheidende Wurzeln im zwanzigsten Jahrhunderts, die zur Entwicklung modernen technischen Systemdenkens geführt haben. Diese werden hier nur kurz zusammengefasst:

1.) Eine „Allgemeine Systemlehre“ wurde 1949 von Ludwig von Bertalanffys publiziert. Er stellte darin bezogen auf die Biologie folgende These auf: „Die Eigenschaften und Verhaltensweisen höherer Ebenen sind nicht durch die Summation der Eigenschaften und Verhaltensweisen ihrer Bestandteile erklärbar, solange man diese isoliert betrachtet. Wenn wir jedoch das Ensemble der Bestandteile und Relationen kennen, die zwischen ihnen bestehen, dann sind die höheren Ebenen von den Bestandteilen abteilbar“.27 Bertalanffy knüpft damit an die mathematische Definition „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teiler“ von Aristoteles an und konkretisiert die erste allgemeine Systemlehre.28
2.) Das 1968 erschiene Werk Kybernetik von Norbert Wieners setzt sich mit sämtlichen Informationstechniken zwischen Maschine, Mensch und Umwelt auseinander.29 Wieners Theorie verallgemeinert die Verknüpfung verschiedener soziotechnischer Bereiche und legt einen besonderen Fokus auf die Informationstechniken.
3.) Mehrere praxisorientierte Systemansätze wie „Operations Research“, Systemanalyse und Systemtechnik entstanden in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Operation Research war der Versuch eine mathematische Modellanalyse zur Optimierung praktischer Lösungen durchzuführen, die anfangs im zweiten Weltkrieg und später in kommerziellen Wirtschaftsbereichen angewendet wurde. Die Systemanalyse und Systemtechnik wurde in den USA zur Lösung praktisch strategischer und politisch gesellschaftlicher Probleme eingeführt. Diese Systemansätze hatten gemeinsam, dass sie praxisorientierte Lösungen mithilfe von systematischen Betrachtungsweisen zu erreichen versuchten.30
4.) Die moderne Mathematik ist aufgrund ihrer allgemeinen Strukturen und Beziehungen ein Paradebeispiel für eine ideale Systemtheorie. Der Mathematiker Stephen Cole Kleene31 definierte 1932 ein System als eine Menge von Objekten zwischen denen bestimmte Beziehungen herrschen.32

2.2 Entwicklung von technischen Systemtheorien

Aufgrund der wachsenden technischen Entwicklung in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts33 bedurfte es einer Theorie, welche die Multidimensionalität von Techniksystemen widerspiegelte34 und gleichzeitig „einfach komplex“35 war, um auch ingenieurfremden Disziplinen die Technikwissenschaften zu öffnen. Gerade eine sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Technik und Technologie war durchaus gewollt.36 Durch die ropohlsche Systemtheorie in der BRD und der wolffgrammschen Systemtheorie in der DDR konnte eine allgemeine Technologieforschung und Techniklehre im geteilten Deutschland möglich werden.37 Die Entwicklung technischer Gebilde, in denen die Maschine dem Menschen Handlungskompetenzen abnimmt, sollte in eine allgemeine systematische Technikforschung integriert werden. Die Technikforschung sollte nicht nur ein Forschungsgebiet für technische Fachdisziplinen sein, sondern ebenfalls von allgemeinen Technik und Sozialwissenschaftlern betrieben werden.

In den fünfziger Jahren entstanden Bestrebungen einer sinnvollen technologischen Systematisierung, beeinflusst durch die Systemtechnik, Konstruktionswissenschaften und der Technischen Prognostik:38

1.) Die Systemtechnik beinhaltet diverse Organisationsmethoden und Arbeitsformen, die sich mit der Gestaltung und Planung komplexer technischer Systeme befasst. Sie konkretisiert abstrakte Systemtheorien auf vorgegebene Systeminhalte.39 Technische Einzelerscheinungen können auf diese Weise in einem breiten Kontext verstanden werden. Beruhend auf der Kybernetik und einer allgemeinen Systemtheorie ermöglicht das Systemdenken einen interdisziplinären Zugang zur Technik und den bedingenden Faktoren von Mensch und Umwelt.40
2.) Die Konstruktionswissenschaften schaffen objektive Prozeduren zur technischen Konstruktion. Die Methodologie der Konstruktionswissenschaften ermöglicht einerseits ein besseres Verständnis und anderseits eine genauere Beherrschbarkeit konstruktiver Entwicklungen. Wie bei der Systemtechnik müssen die konstruktiven Aufgaben möglichst allgemein formuliert werden, um einen hohen Universalitätsgrad zu erreichen und als systemtheoretisches Erklärungsmodell zu dienen.41
3.) Die Technische Prognostik ist die Gesamtentwicklung technischer Gebilde, die zuvor mithilfe der Systemtechnik und der Konstruktionswissenschaften geplant wurden. Die technische Prognostik analysiert die mögliche Entwicklung technischer Systeme und gibt Auskunft über die Planbarkeit aufgrund von Annahmen über die Gesetzmäßigkeit technischer Entwicklungen.42

2.3 Systemtheorie als Zeichen eines neuen Umweltbewusstseins

In den siebziger und achtziger Jahren erreichte die Techniklehre ein neues Entwicklungsstadium.43 Ein Anzeichen dafür war das wachsende Interesse an Sozial und Geisteswissenschaften, aber auch den Technikwissenschaften an Grundfragen der Technik. Es entstand eine Vielzahl von Literatur, die sich mit den Technikwissenschaften, sowie mit sozial und moralphilosophischen Fragestellungen auseinandersetzte.

Mitte der siebziger Jahren fand eine interdisziplinäre Integration von Systemtechnik, Konstruktionswissenschaften und technischer Prognostik in die Technikwissenschaften statt. Es entstanden unter anderem neue Ansätze zur Systematik der Technikwissenschaften.44

Zusätzlich entstand eine öffentliche Debatte in der BRD über die rapide Entwicklung technischer Geräte und ihrer Auswirkung auf den Menschen und die Natur.45

[...]


1 Spur, G.: Zum Selbstverständnis der Technikwissenschaften, In: Ropohl, G.: (Hrsg.): Erträge der interdisziplinären Technikforschung - Eine Bilanz nach 20 Jahren, Erich Schmidt Verlag Berlin 2001, S.51

2 Im Rahmen der Projektarbeit des Moduls AL P4 werden an der TU Berlin niedrig komplexe Produkte untersucht, die nicht aus „hunderten von Einzelteilen“ (Vgl. Schulz, R.: Information zum Projekt, TU Berlin) bestehen.

3 Vgl. Spur, G.: Technologie und Management - Zum Selbstverständnis der Technikwissenschaften, Carl Hanser Verlag München Wien 1998, S.77

4Beispielsweise „elegante Formen, einfallsreiches Dekor und geschmackvolle Farbgebung schenken den Nutzgebilden einen ästhetischen Zusatzwert. Diese Tendenz hat sich in der modernen Technik fortgesetzt, von der klassizistischen Eisenguss Ornametik der Gründerjahre über den Zweckform Purismus, den Werkbund und Bauhaus entwickelt haben, bis hin zum Industriedesign der Gegenwart.“ Ropohl, G.: Allgemeine Technologie Eine Systemtheorie der Technik, 3. Auflage, Universitätsverlag Karlsruhe 2009, S.38

5 „Während Technologie auf eine fortschreitende Veränderung deutet, […] beinhaltet Technik mehr einen Zustand oder die Gesamtheit des technologischen Wissens“ Spur, G.: Technologie und Management, S.83. „Während Technik den oben bestimmten Bereich der konkreten Erfahrungswirklichkeit bezeichnet, meint Technologie die Menge wissenschaftlich systematisierter Aussagen über jenen Wirklichkeitsbereich.“ Ropohl, G.: Allgemeine Technologie Eine Systemtheorie der Technik, 3. Auflage, Universitätsverlag Karlsruhe 2009, S.31

6 Spur, G.: Technologie und Management - Zum Selbstverständnis der Technikwissenschaften, Carl Hanser Verlag München Wien 1998, S.77

7Der Begriff der Technik wird häufig mit dem Begriff Technologie verwechselt, wenn eigentlich die Rede von Technik ist. Die Verwechselung der Begriffe Technik und Technologie im allgemeinen Sprachgebrauch erfolgt durch das anglo amerikanischen Begriffsverständnis, dort steht „technology“ nicht für Technologie, sondern den engen oder mittelweiten Technikbegriff. Ropohl, G.: Allgemeine Technologie Eine Systemtheorie der Technik, 3. Auflage, Universitätsverlag Karlsruhe 2009, S. 31, siehe hierzu auch Kapitel 2.1

8 Vgl. ebd., S.83

9 Vgl. ebd. S.121

10 Beckmann, J.: Anleitung zur Technologie, 2. Auflage, 1984, S. 67, §12

11 Vgl. Poppe, J. H. M.: Geschichte der Technologie, Röwer Göttingen 1807, S.64

12 Vgl. Tuchel, K.: Herausforderung der Technik, Schuenemann C. E. Bremen, 1967, S. 24 ff

13 „Ergänzend hat K. Tuchel herausgearbeitet, dass technisches Handeln in zwei typischen Formen vorkommt: als Herstellung von Artefakten und als deren Gebrauch. So schlage ich vor, immer dann, und nur dann, von „Technik“ zu sprechen, wenn Gegenstände von Menschen künstlich gemacht und für bestimmte Zwecke verwendet werden“ Ropohl, G.: Allgemeine Technologie Eine Systemtheorie der Technik, 3. Auflage, Universitätsverlag Karlsruhe 2009, S.30

14Dort heißt es weiter „Sie ist das durch den Einsatz künstlicher materieller Mittel erzwungen komplexe und zielgerichtete Zusammenwirken von Naturvorgängen, durch das die Gegenstände menschlicher Tätigkeit zweckentsprechend und gemäß den gesellschaftlichen und individuellen Zielen verändert werden.“ Wolffgramm, H.: Allgemeine Technologie - Elemente, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten; Einführung in die Denk und Arbeitsweisen einer allgemeinen Techniklehre, Teil 1, Verlag Franzbecker Hildesheim 1994, S.26

15Vgl. Ropohl, G.: Das neue Technikverständnis In: Ropohl, G.: (Hrsg.): Erträge der interdisziplinären Technikforschung - Eine Bilanz nach 20 Jahren, Erich Schmidt Verlag Berlin 2001, S.15f

16Vgl. Ropohl, G.: Der Begriff der „Technik“ In: Banse, G. u. A.: Erkennen und Gestalten - Eine Theorie der Technikwissenschaften, edition sigma Berlin 2006, S.44

17 Vgl. Wolffgramm, H.: Technische Systeme, Teil 1, Verlag Franzbecker Hildesheim 1997, S.36f

18Vgl. Ropohl, G.: Der Begriff der „Technik“ In: Banse, G. u. A.: Erkennen und Gestalten - Eine Theorie der Technikwissenschaften, edition sigma Berlin 2006, S.44

19 Ebd.

20Vgl. Ropohl, G.: Allgemeine Technologie Eine Systemtheorie der Technik, 3. Auflage, Universitätsverlag Karlsruhe 2009, S.31

21 Ebd.

22Die Entwicklung und Herstellung technischer Systeme verlangt nach professionellen Handeln, während der Benutzer des technischen Gebildes lediglich über alltägliches Handeln verfügen muss, um das Sachsystem zu bedienen. Je gründlicher professionelles Wissen in die Konstruktion eines Sachsystems eingeflossen ist, um so weniger professionelles Handeln ist vom Benutzer bei der Bedienung des Sachsystems zu erwarten. Fand die Integration professionellen Handelns in das Sachsystem nicht statt, wird vom Benutzer neben dem alltäglichen Handeln zusätzlich ein gewisses professionelles Handeln vorausgesetzt. Vgl. Ropohl, G.: Der Begriff der „Technik“ In: Banse, G. u. A.: Erkennen und Gestalten - Eine Theorie der Technikwissenschaften, edition sigma Berlin 2006, S.47

23Vgl. Langenegger, D.: Gesamtbedeutungen moderner Technik. Moscovici, Ropohl, Ellul, Heidegger - Eine interdiskursive Problemsicht, Königshausen & Neumann Würzburg 1990, S. 71

24 Vgl. Spur, G.: Technologie und Management - Zum Selbstverständnis der Technikwissenschaften, Carl Hanser Verlag München Wien 1998, S.23

25 Vgl. ebd., S.26

26 Vgl. ebd., S.29

27 von Bertalanffy, L.: The History and Status of General Systems Theory In: Klir, J. G. (Hrsg.): Trends in general systems theory. Wiley New York u. a. 1972, S. 25; zitiert nach Ropohl, G.: Allgemeine Technologie Eine Systemtheorie der Technik, 3. Auflage, Universitätsverlag Karlsruhe 2009, S.72

28 Ebd.

29 Vgl. Wiener N.: Kybernetik. Rowohlt Reinbek b. Hamburg 1968, S. 32

30Vgl. Ropohl, G.: Allgemeine Technologie Eine Systemtheorie der Technik, 3. Auflage, Universitätsverlag Karlsruhe 2009, S.73

31 Vgl. Schurig, V.: Die Entdeckung der Systemeigenschaft „Ganzheit“, Gestalt Theory 7, Kramer Wien 1985, S.221

32 “When the objects of the system are known only through the relationships of the system, the system is abstract. What is established in this case is the structure of the system, and what the objects are, in any respects other than how they fit into the structure, is left unspecified. Then any further specification of what the objects are given a representation (or model) of the abstract system and has some further status as well. These objects are not necessarily more concrete, as they may be chosen from some other abstract system (or even from the same one under a reinterpretation of the relationships).” Kleene, S. C.: Introduction to Metamathematics, Van Nostrand, New York, 1952; 7. reprint Wolters Noordhoff Publishing Co., Groningen and North Holland. 1974, S.24f

33 Im Folgenden werde ich mich bei der Angabe des Jahrzehnts stets auf zwanzigsten Jahrhundert beziehen, es sei denn, ein anderes Jahrhundert wird explizit angegeben.

34 Ein besonderes Augenmerk richtet Ropohl besonders auf die soziotechnischen Systeme, die Mensch Maschine Schnittstelle wurde zum Schwerpunkt seines Handlungssystems. Aufgrund der Fokussierung auf die Entstehung und Entwicklung der ropohlschen und wolffgrammschen Systemtheorie wird dieser Aspekt jedoch in dieser Arbeit ausgeklammert.

35 Die Einfachheit verallgemeinernder Theorien entsteht durch übersichtliche Darstellung komplexer technischer Verfahren, Prozesse und Operationen.

36Vgl. Ropohl, G.: Allgemeine Technologie Eine Systemtheorie der Technik, 3. Auflage, Universitätsverlag Karlsruhe 2009, S. 13

37Es bleibt jedoch ungeklärt, inwiefern Ropohl und Wolffgramm bei der Entwicklung ihrer technischen Systemtheorien zusammengearbeiteten haben, beziehungsweise sie voneinander getrennt entwickelt haben, da beide Theorien sehr zeitnah veröffentlicht wurden.

38 Vgl. Spur, G.: Technologie und Management - Zum Selbstverständnis der Technikwissenschaften, Carl Hanser Verlag München Wien 1998, S.23

39 Vgl. ebd. und Ropohl, G.: Allgemeine Technologie Eine Systemtheorie der Technik, 3. Auflage, Universitätsverlag Karlsruhe 2009, S.27

40 Vgl. ebd.

41 Vgl. ebd.

42 Vgl. ebd. S.28

43 Vgl. Ropohl, G.: Technologische Aufklärung - Beiträge zur Technikphilosophie, 2. Aufl., Suhrkamp Frankfurt/Main 1999, S. 13

44 Ebd. S.14

45 Eine ähnliche Debatte über Umweltbewusstsein wurde in der DDR nicht geführt. „In den Ländern der ehemaligen DDR besaßen bei Entscheidungen über die Gestaltung von Produktionsprozessen weitgehend ökonomische

Details

Seiten
46
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656014539
ISBN (Buch)
9783656014249
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179123
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Berufliche Bildung und Arbeitslehre
Note
1,3
Schlagworte
wirksamkeit systemtheorien ropohl wolffgramm informationsgesellschaft

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Titel: Die Wirksamkeit technischer Systemtheorien nach Ropohl und Wolffgramm in der gegenwärtigen postindustriellen Informationsgesellschaft