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Die Flexion und der Flexionserwerb

Seminararbeit 2011 22 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Flexion und der Flexionserwerb
2.1. Die Verbflexion
2.2. Die Nominalflexion

3. Datenanalyse zum Flexionserwerb
3.1. Lückentext
3.2. Bildergeschichte

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Plagiatserklärung

1) Einleitung

Der Flexionserwerb gehört zu den grundlegenden grammatikalischen Funktionen, die man im Laufe der ersten Lebensjahre erlernt und immer weiter verbessert. Die Flexion ist verantwortlich für die Konjunktion der Verben, damit man verständliche Sätze bilden kann. Es ist also wichtig, dass man sich diese Funktion richtig aneignet.

Es gibt sehr viele Forscher, die sich immer wieder mit neuen Experimenten und Testen beschäftigen, um herauszufinden, in welchem Alter die Flexion einsetzt, wie gut die Kinder das bereits können, ob es Unterschiede bei den verschiedenen Sprachen gibt oder sogar Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen.

In dieser Hausarbeit soll auf einige Fragen eingegangen werden: Was ist die Flexion? Welche Art von Flexion gibt es? Wann beginnt der Flexionserwerb und wie gestaltet sich dieser? Später folgt dann zusätzlich eine Datenanalyse zum Flexionserwerb.

2) Die Flexion und der Flexionserwerb

In der deutschen Sprache unterscheidet man zwischen der inneren Flexion und der äußeren Flexion. Die innere Flexion beinhaltet den Ablaut, den Umlaut und den grammatischen Wechsel. Die äußere Flexion hingegen beinhaltet den Wortstamm und die Endung.

Flektierbare Wörter sind Verben, Artikel, Nomen, Pronomen, Adjektive, und auch einige Adverbien. Im Folgenden werde ich vor allem auf die Verbflexion und die Nominalflexion eingehen. Die Datenanalyse beschränkt sich auf die Verbalflexion.

In der deutschen Sprache gibt es schwache und starke Verben, Rückumlautverben, Modalverben, und Verben mit einem defektiven Paradigma. Es ist also für Kinder nicht immer leicht, alle Verben sofort richtig einzuordnen und somit richtig zu konjugieren und zu benutzen. In der deutschen Sprache gibt es ungefähr 2001 starke, also unregelmäßige, Verben. Im Französischen gibt es sogar 570. In den Sprachen Quechua2 und Esperanto3 - genauso wie in den meisten Plansprachen4 - gibt es überhaupt keine unregelmäßigen Verben.

2.1. Die Verbflexion

Die Verben lassen sich in verschiedene Flexionsklassen einteilen. Die Flexionsklassen unterscheiden sich durch teilweise unterschiedliche Flexionsmuster in den verschiedenen Zeiten und Modi. Man unterscheidet zwischen regelmäßigen Verben, unregelmäßigen Verben, Modalverben und haben, sein und werden.

Verben können nach folgenden Merkmalen flektiert werden:

- Person: 1., 2. und 3. Person
- Numerus: Singular und Plural
- Tempus: Präsens, Präteritum, Perfekt, Plusquamperfekt, Futur I und II (Hilfsverben: haben, sein und werden)
- Modus: Indikativ, Konjunktiv I und II, Imperativ
- Genus verbi: Aktiv und Passiv (Hilfsverben: werden, sein und kriegen/bekommen)

Nach Elsen5 erwerben die Kinder bis zum 17. Lebensmonat in etwa 15 starke und 15 schwache Verben. Ab dem 17. Lebensmonat nehmen die schwachen Verben zu.

Die Critical Mass Hypothesis6 von Marchman und Bates besagt, dass eine kritische Menge an schwachen Verben bereits erworben sein muss, bis die Flexion einsetzt.

Die Frage, die sich stellt, ist natürlich: Wie können Kinder es lernen, die Verben richtig zu flektieren? Dazu gibt es zwei Möglichkeiten. Einerseits gibt es das rote learning 7, das sogenannte Auswendiglernen und andererseits gibt es das rules learning8, das Lernen nach Regeln.

Steven Pinker9 ist der Meinung dass das rote learning für irreguläre Verben genutzt wird, und dass diese Formen einfach auswendig gelernt werden. Außerdem geht er davon aus, dass die regelmäßigen Verben nach Regeln gelernt werden und dass somit für diese Verben die Rules- Methode angewendet wird. Er sagt, dass die irreguläre Verben “unpredictable” sind, man kann also nicht voraussehen, wie sie gebildet werden, da es da auch innerhalb einer Gruppe von Verben, die den gleichen Stammlaut haben, unterschiedliche starke Verbformen gibt. Bei den regelmäßigen Verben hingegen kann man eine Methode erkennen und somit geht man davon aus, dass auch alle anderen schwachen Verben mit der gleichen Endung die gleiche Form haben. Seine Theorie beruht hauptsächlich auf engischen Verben. Allerdings wird seine Theorie auch sehr stark kritisiert, da er auf einige Aspekte nicht sonderlich gut eingegangen ist. Seine Theorie beachtet nämlich nicht, dass auch einige starke Verben sehr große Ähnlichkeiten aufweisen, wie zB trinken, sinken, stinken oder beißen, reißen, schmeißen.10 Diese Ähnlichkeiten führen nämlich bei Kindern sehr wohl zu sogenannten Kategorien. Sie sehen diese Verben dann als “eine Familie” an und stellen somit für diese Verben ihre eigenen Regeln auf.

Pinker geht aber in seiner Theorie auch darauf ein, dass die unregelmäßigen Verben - je mehr sie benutzt werden - auch richtiger konjugiert werden. Wenn die Kinder also die Verben öfters hören, da sie beispielsweise von den Eltern sehr oft benutzt werden, dann können sie sie sich auch besser merken, da es sich ja um ein “Auswendiglernen” handelt. Dies zeigt auch, dass Erwachsene sich sehr oft unsicher sind bei den starken Verbformen von einigen Verbformen, die man nicht sonderlich oft benutzt. Pinker nennt hierzu folgende Beispiele: smote, bade, slew.11

John Case hat die Theorie des U-Shaped-Learning12 entwickelt. Er ist der Meinung, dass die Kinder ganz am Anfang die unregelmäßigen Verben bereits kennen und auch richtig benutzen. Dann allerdings benutzen sie auf einmal die falsche Form des Verbs - vermutlich, weil sie Regeln aufstellen und dann die Verben so konjugieren. Schlussendlich aber lernen sie dann die unregelmäßigen Verben, und konjugieren sie dann auch richtig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Figur I: U-Shaped-Learning

Anhand der Figur kann man erkennen, was Case mit seiner U-Shaped-Learning -Theorie verdeutlichen wollte. Zu Beginn der Zeitspanne sieht man, dass die Kurve sich vor bei Right befindet. Zuerst konjugieren die Kinder das Verb also richtig. Dann allerdings - wenn man in der Zeitspanne weitergeht - beginnen die Kinder, die Verben falsch zu konjugieren. Dies hängt damit zusammen, dass sie für die regelmäßigen Verben Regeln aufgestellt haben, und diese - solange sie die anderen noch nicht hundertprozentig auswendig kennen - auch auf die unregelmäßigen Verben anwenden. Somit wird deren Form falsch.

2.2. Die Nominalflexion

„Unter Nominalflexion versteht man die Flexion von allen deklinierbaren Wortarten, d.h. von Substantiven, Adjektiven, Pronomen und Artikeln.“13

Es gibt aber nicht nur die Verbflexion, sondern auch die Nominalflexion, das Plural. Auch hier gibt es unterschiedliche Methoden, das Plural zu bilden. Man kann folgende Endungen im Deutschen finden:

-e, z.B. Tisch -Tische
-er, z.B. Kind - Kinder
-n, z.B. Blume - Blumen
-s, z.B. Auto - Autos

-manche Nomen erhalten keine Endung, z.B. Ritter - Ritter14

Damit Kinder wissen, wie und wann sie den Plural bilden müssen müssen sie zuerst einmal wissen, dass es einen Unterschied zwischen Singular und Plural gibt und warum. Dann müssen sie lernen, dass es unterschiedliche Pluralendungen gibt und sie müssen wissen, wann und wie sie diese benutzen müssen. Die unterschiedlichen Pluralendungen gehören natürlich zu unterschiedlichen Flexionsmustern. Zudem müssen sie auch noch wissen, dass bestimmt Nomina zu bestimmten Flexionsklassen gehören. 15

Hierzu gibt es eine Studie von Behrens 16, bei der ein Kind - Leo - untersucht zwischen im Alter von zwei Jahren bis zum Alter von zwei Jahren und fünf Monaten. Als Resultat der Studie kann man sagen, dass Leo eine Woche nach der ersten Singular-Plural-Markierung bereits eine erste Übergeneralisierung vorgenommen hat. Innerhalb von sechs Wochen hat er dann alle Pluralmarkierungen identifiziert und hat auch begonnen, diese in Übergeneralisierungen einzuteilen. Drei Monate nach Beginn der Studie gab es nur noch eine Fehlerquote von maximal zehn Prozent.

[...]


1 Vgl. hierzu und im Folgenden: http://de.wikipedia.org/wiki/Unregelmäßiges_Verb

2 Quechua wird in Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile, Kolumbien, Ecuador und Peru gesprochen und ist die Amtssprache von Bolivien, Peru und Ecuador.

3 Esperanto ist eine Plansprache, respektive eine geplante Sprache.

4 Als Plansprache bezeichnet man eine menschliche Sprache, deren Entwicklung von einem bewusst und planmäßig ausgearbeiteten Sprachprojekt ihren Ausgang genommen hat. (http://de.wikipedia.org/wiki/Plansprache)

5 Elsen H. (1998): The acquisition of past participle: One or two mechanism? In: Fabri, R.; Ortmann, A.; Parodi, T. (Hg.): Models of inflection. Tübingen: Niemeyer, S. 134-151.

6 Marchman, V.; Bates, E. (1994): Continuity in lexical and morphological development: a test of the critical mass hypothesis. Journal of Child Language, Jg. 21., S. 339-366

7 rote learning = memorization by repetition

8 Beim rules learning geht es darum, zuerst genau zu verstehen, was man lernen soll, um sich dann selbst Regeln aufzustellen, nach denen man es sich merken kann.

9 Pinker, Steven (1991): Rules of Language. Science, H. 253, S. 530-535.

10 Beispiele: Handout zum Thema “Flexion”.

11 Vgl. Pinker, Steven (1991): Rules of Language. Science, H. 253, S. 532

12 Vgl. http://www.eecis.udel.edu/~case/slides/nugget-ushape.pdf

13 http://www.uni-bielefeld.de/lili/personen/ssahel/Nominalflexion/nominalflexion.pdf

14 Beispiele aus dem Essay: http://psych.stanford.edu/~jlm/pdfs/PenkeKrauseGermanPlural.pdf

15 Vgl. Handout zu “Flexion”.

16 Vgl. Handout zu “Flexion”.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656017776
ISBN (Buch)
9783656017943
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179387
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
flexion flexionserwerb

Autor

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Titel: Die Flexion und der Flexionserwerb