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Thai - ein Spiel mit Identitäten

Bachelorarbeit 2011 45 Seiten

Südasienkunde, Südostasienkunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nationale Identität

3. Thai als nationales Konzept: Nation, Buddhismus und Monarchie
3.1 Nation
3.2 Buddhismus
3.3 Monarchie

4. Die Repräsentation von Thai im Museum of Siam
4.1 Das Museum of Siam
4.2 Die Ausstellung „The Account of Thailand“
4.2.1 Suvarnabhumi wird Ayutthaya
4.2.2 Ayutthaya wird Siam
4.2.3 Siam wird Thailand
4.3 Eine elitäre Konstruktion des Eigenen

5. Fazit

6. Anlage 1: Museum of Siam, Fotos der Ausstellung `The Account of Thailand`

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Voranai Vanijika schrieb vor einigen Wochen in der englischsprachigen Tageszeitung `Bangkok Post`:

We are Thais, the free people, and like any other society we are held together by a set of ideologies. Our ideologies have always been behind our culture, traditions and religion – the things which make up our institution. An ideology is something a person believes in wholeheartedly. It defines who they are in this world and what they stand for.[1]

Nationale Identität, eine Konstruktion des Eigenen in Abgrenzung zum Fremden, ist in Thailand hauptsächlich das Produkt und Spiegelbild des Selbstverständnisses und der Wertevorstellungen monarchistischer und staatlicher Herrschaftseliten. Mit der Erschaf-fung des Nationalstaates und einer, um nationale Ideen erweiterten Ideologie, die sich im Wesentlichen auf die traditionellen und ungebrochenen Weltbilder des Buddhismus und der Monarchie stützt, konnte territoriale Integrität und Herrschaftskontinuität bewahrt werden. Identität als nationales Solidargefühl erlangte eine zunehmende Bedeutung bei der Konstituierung der neuen Staatsordnung zur Herrschaftslegitimation im Rahmen der veränderten Strukturen. Für die Erzeugung und Festigung nationaler Identität war es zweckmäßig, eine einheitliche Repräsentation des Eigenen zu generieren, wozu die historischen Leitbilder und Identitätsformen angepasst und neu konstruiert wurden. Die Medien transportierten die neuen Ideen in die Gesellschaft und durch eine weitreichende Kontrolle der Kommunikationsmittel und Medieninhalte konnte dieser Prozess interes-senkonform gestaltet werden. Ein Medium zur Repräsentation von Geschichte und damit auch zur nationalen Identitätsbildung ist das Museum. Am Beispiel des Museum of Siam und der darin befindlichen Dauerausstellung `The Account of Thailand` soll im Folgenden gezeigt werden, wie der Bezug zur nationalen Identität Thai aus bestimmten Leitsymbolen, Ursprungsmythen und nationalen Eigenschaften heraus konstruiert und als besonderes Eigenes präsentiert wird. Dabei wird dargelegt, dass Thai, auf angeblich grundlegenden historischen nationalen Kontinuitäten beruhend, hauptsächlich eine Fort-setzung der traditionellen Bezugssysteme Buddhismus und Monarchie ist. In moder-nisierter Form wurde Thai durch die Erweiterung um bestimmte Eigenschaften des nationalen Eigenen ein flexibel benutzbares Identifikations- und Legitimationsmittel im Interesse der staatlichen Eliten und vor allem der königlichen Institution.

Wie nationale Identität entsteht und welche besonderen Merkmale ihr dabei zuge-schrieben werden, wird im Kapitel zwei dargelegt. Darin wird auch der historische Hintergrund des Entstehens dieser kollektiven Identitätsform der Moderne skizziert. Es wird dargestellt, dass nationale Identität eine neuzeitliche Form zur Bewältigung von strukturellen Krisen der frühmodernen westlichen Gesellschaft und der Infragestellung ihrer bisher verbindlichen Weltbilder wurde. Neu entwickelte Kommunikationsmittel ermöglichten die Vorstellung einer nationalen Gemeinschaft, die auf dem Fundament der traditionellen Weltbilder von Religion und dynastischem Reich den Nationalstaat als äußere abgrenzbare Form des Eigenen konstruierte. Dieser wurde durch westliche Kolonialpolitik dann auch nach Südostasien und in das heutige Thailand übertragen.

Anschließend wird in Kapitel drei gezeigt, wie diese Identitätsform in Thailand konstruiert wurde und was dabei als das Eigene von Thai erklärt wurde. Es wird be-schrieben, wie erst durch die Festlegung einer neuen Staatsform die Notwendigkeit für diese angepasste kollektive Identitätsform entstand, um damit die veränderte Staatsord-nung ausreichend zu legitimieren und zu stabilisieren. Hierbei wird erläutert, wie die traditionellen Bezugssysteme Buddhismus und Monarchie den neuen Ideen der Nation angepasst wurden und mit ihnen die neue nationale Identitätsform Thai ergaben. Nation, Buddhismus und Monarchie wurden zu den Leitsymbolen von Thai erklärt, mit der Monarchie als dem zentralen Symbol. In einer entsprechenden Geschichtskonstruktion des Eigenen wurden diese Leitsymbole zusammen mit ausgewählten Entstehungsmythen und ersonnenen nationalen Eigenschaften verpackt, um damit traditionelle politische Herrschaft und Ordnung neu zu legitimieren und zu stabilisieren. Thai-Identität wurde damit zu einem zweckdienlich gestalteten und benutzten Instrument in den Händen der jeweils herrschenden Eliten.

Wie die herrschenden Eliten in der heutigen Zeit die Medien und im Speziellen das Medium Museum kreativ für diese Identitätsbildung handhaben, wird in Kapitel vier am Beispiel der im Museum of Siam präsentierten Ausstellung `The Account of Thailand` gezeigt. Anhand der dort gezeigten Darstellungen wird ersichtlich, wie Geschichte als Konstruktion des Eigenen zur nationalen Identitätsbildung eingesetzt wird, welche epochalen Mythen dabei in welcher Form verwendet werden und wie Thai dadurch vor allem zur Legitimation der heute konstitutionell herrschenden Monarchie definiert und dargestellt wird.

Die nationale Identität Thai ist ein Betrachtungspunkt vieler wissenschaftlicher Arbeiten, sowohl von ausländischen Autoren als auch von thailändischen Akademikern. Beeinflusst durch ihre spezielle Sozialisierung schreiben thailändische Autoren dabei in Sichtweisen, die zum Teil von westlichen Betrachtungsweisen abweichen. Das betrifft vor allem das Thema der Monarchie, das in Thailand als nationales Symbol durch Zensur und Selbstzensur besonders geschützt wird. Ein strenges Majestätsbeleidigungs-gesetz hat dabei auch selbstzensierende Auswirkungen auf die Arbeiten vieler westlicher Autoren. Benedict Anderson, Thongchai Winichakul und Craig Reynolds haben mit ihren akademischen Schriften einen guten Beitrag zum Verständnis der Entstehung von Nation, Nationalstaat und nationaler Identität generell und für Thailand im speziellen geleistet. Scot Barme hat die Zeit der 1930er und 1940er untersucht und anschaulich beschrieben, in der sich auch in Thailand ein Nationalismus mit totalitären Zügen entwi-ckeln konnte. Paul Handley hat einen tieferen Einblick in die unterschiedlichen Belange der thailändischen Monarchie gegeben, die ansonsten oft nur sehr allgemein und mit homogenen Zügen beschrieben wird. Teilweise stütze ich mich im Weiteren auch auf meine Semesterarbeit aus 2010, die sich mit der Rolle der Medien bei der Stabilisierung der Monarchie in Thailand auseinandersetzt. Aus der wissenschaftlichen Literatur zur Rolle und Analyse des Museums als Medien- und Repräsentationsmittel wird unter Aus-wahl einiger treffender Beiträge ebenfalls im Folgenden zitiert. Das Museum of Siam in Bangkok ist ein anschauliches Beispiel für die moderne Umsetzung monarchistischer nationaler Identitätspolitik in den staatlichen Medien und wurde von mir für eine entsprechende Analyse im Frühjahr 2011 besucht. Unterlagen über das Museum und die darin enthaltene Ausstellung zum Thema Thai-Identität, wie Prospektmaterial und Photos, sind dieser Arbeit als Quellenverweise und in Anlage beigefügt.

Unter Einbeziehung der Literatur der zuvor angeführten Autoren und Quellen, aber auch anderer zweckdienlicher Literatur soll im Folgenden der Frage nachgegangen werden, was in Thailand als nationale Identität Thai konstruiert und in welcher Form repräsentiert wird. Dazu soll ermittelt werden, wie die herrschenden Eliten die Identität Thai in ihrem Selbstverständnis und Interesse formulieren und gebrauchen und welchen verbindlichen Ausdruck dabei Thai für Thailands Bevölkerung erhält.

2. Nationale Identität

Der Mensch bildet in seinem kulturellen und sozialen Umfeld durch die Erfahrungen im Umgang mit sich selbst und mit anderen ein Identitätsgefühl, das zu einer Frage seines Selbstbewusstseins wird. Identität beruht somit auf Unterscheidung, einem Wechselspiel von Dazugehören und Abgrenzen, bei dem das Individuum einzigartige Merkmale als „Ich-Identität“ und geteilte Merkmale als „Wir-Identität“ trennt. Identität ist dabei nichts starres, sondern verändert sich und entsteht in jeder Situation neu.[2]

Mehr eine Konstruktion als eine Selbstzuschreibung ist Nationale Identität, ein zentrales Konzept kollektiver Identität der Moderne. Wie Benedict Anderson beschreibt, ist der Begriff der Nation im heutigen Sinne erst vor relativ kurzer Zeit, ab dem 18. Jahrhundert entstanden. Nationalisten suggerieren dabei eine subjektiv ältere Wahrneh-mung.[3] Durch strukturelle Krisen der frühmodernen westlichen Gesellschaften und die Infragestellung ihrer bisher verbindlichen Weltbilder wurden neue Ideen zur Organisie-rung, Legitimierung und Stabilisierung von Herrschaft nötig.[4] So schreibt Max Weber im Jahr 1893: „Die ´Weltbilder´, welche durch ´Ideen´ geschaffen werden, haben sehr oft als Weichensteller die Bahnen bestimmt, in denen die Dynamik der Interessen das Handeln fortbewegte.“[5] Ein Wandel der Wahrnehmungsformen der Welt ermöglichte in einem Nebeneinander von kosmischer Vielfalt und weltlicher Besonderheit die Vorstel-lung von nationaler Einheit. Als kulturelle Bezugssysteme sind religiöse Gemeinschaft und dynastisches Reich dem Nationalstaat vorangegangen, wurden als legitimierende und stabilisierende Traditionsbestände in das Weltbild des Nationalismus integriert. Die Entwicklung des Druckgewerbes und einheitlicher Schriftsprachen schuf die Basis zur Entwicklung eines nationalen Empfindens und Bewusstseins, welches sich im Rahmen des entwickelnden Kapitalismus mit seinen wachsenden Märkten verstärken konnte. Das ermöglichte, die nationale Idee massenwirksam zu verbreiten und ein kollektives Identi-tätsgefühl zu entwickeln. Aus der Welt der Ideen entstand dadurch eine vorgestellte Gemeinschaft, die gedachte Ordnung einer Nation. Damit hatte sich aber auch ein neues politisches Machtmittel ergeben, welches zu neuen Machtsprachen, Statusdifferenzie-rungen und der Unterdrückung von Minderheiten führte.[6]

Der Nationalismus als Identität, Ideologie und Praxis wurde somit ein Instrument zu neuzeitlicher Herrschaftslegitimierung. Er erschuf und mobilisierte den Solidarverband der Nation und integrierte diesen in die Form des Nationalstaates.[7] Dieser konnte durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Innovationen genauer vermessen und dadurch auf Karten territorial begrenzt dargestellt werden. Der Staat erhielt damit einen „Geobody“, ein definiertes gemeinsames nationales Territorium, welches durch die Medien in den Vorstellungen der Menschen verankerte wurde und dadurch einen emotionalen Bezug zum Eigenen in Abgrenzung zum Anderen, Fremden erhielt.[8] Durch die Nationalisierung des allgemeinen Lebens wurden bestimmte Wertebilder und Ver-haltensformen gefördert, emotional durch Rituale und Symbole verankert und national ausgerichtet. Da die Nation als begrenzte und souveräne Gemeinschaft wahrgenommen wird, ist der grundlegende Wesenszug nationaler Identität die Abgrenzung und Differen-zierung zum Anderen, die Ethnisierung durch Selbst- und Fremdzuschreibung. Es ist die herrschende ethnische Gruppe, die dabei den nationalen Diskurs bestimmt und sich durch den Rückgriff auf ihre symbolischen Traditionsbestände legitimiert. Damit defi-niert sie für die Mitglieder der Nation, die eine Vielzahl von konkurrierenden Loyali-täten und ethnisch unterschiedlichen Identitäten bilden, nationale Identitätsmerkmale als verbindlichen Rahmen einer Staatsordnung.[9]

Mit einer Erinnerungskultur aus epochalen Entstehungsmythen, Schöpfungen aus der Wertesphäre des jeweiligen Herrschaftsverbandes, berufen sich viele nationale Ideolo-gien auf das angeblich historisch verankerte Eigene. Dabei werden vormoderne ethni-sche Identitäten konstruiert, auf einem vermeintlichen Stammterritorium platziert und mit einer glorreichen „goldenen Vergangenheit“ überhöht. Vorstellungen vom „auser-wählten Volk“, dem „gelobten und heiligen Land“ sowie einer historischen spezifischen Freiheit sind oft Teil von geschichtlichen Repräsentationen. Als Ressourcendepot und Heimstätte einer nationalen Kultur erhält nationales Territorium dabei einen besonders hohen Symbolwert.[10] Durch die Repräsentation, Symbolisierung und Ritualisierung des gemeinsamen Eigenen, die Konstruktion und Pflege einer spezifischen Erinnerungs-kultur, bestehend aus Leitsymbolen, epochalen Mythen und nationalen Eigenschaften, werden die grundlegenden Ideen zur Bildung einer nationalen Identität vermittelt.[11]

Im Rahmen des Kolonialismus wurde die nationale Idee zusammen mit modernen nationalstaatlichen Strukturvorstellungen von Europa nach Südostasien und Thailand transferiert, umgedeutet und den lokalen Gegebenheiten angepasst. Der Nationalstaat wurde der Form nach errichtet, mit festgelegten Grenzen und modernen Institutionen, wobei das nationale Gemeinschaftsgefühl zur tatsächlichen Funktionalität des neuen Staatswesens noch fehlte. Da die alten Weltbilder und Identitäten noch intakt und stabil waren, wurden sie zum großen Teil unverändert übernommen und allmählich um einen nationalen Bezug erweitert.[12] Wie dieser Nationalisierungsprozess in Thailand ablief, und aus welchen Identitätsbausteinen dabei das nationale Identitätsbild konstruiert wurde, wird im folgenden Kapitel dargestellt.

3. Thai als nationales Konzept: Nation, Buddhismus und Monarchie

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich in Siam, dem heutigen Thailand, der Nationalstaat als Ergebnis westlicher Kolonialpolitik, in der Auseinandersetzung mit den Kolonial-mächten England und Frankreich, die ihre kolonialen Einflussgebiete immer weiter ausdehnten und Siam in die Zange nahmen. Der Druck aggressiver Kolonialpolitik, verbunden mit den Existenzängsten der herrschenden Eliten in Siam führte zu einer Anpassung der Staatsform, die dann allmählich mit nationalen Inhalten gefüllt wurde.

Während König Chulalonkorn die entscheidenden Strukturreformen durchführte, die Siam modernisierten und zu einem Nationalstaat der Form nach machten, blieben die Identifikationen weiterhin traditionell autoritär, regional und lokal ausgerichtet, und es entwickelte sich keine nationale Identität.[13] Erst sein Sohn Vajiravudh, der von seinem vierzehnten Lebensjahr an neun Jahre lang in England militärische, geschichtliche und rechtliche Ausbildung erhielt, entwickelte als nachfolgender König Vorstellungen eines offiziellen Nationalismus.[14] Er verband das traditionelle buddhistische Weltbild mit der westlichen Identitätsformel von Gott, König und Vaterland zu einer neuen Form von Thai-Identität, bestehend aus den Leitsymbolen chat, satsana, phra mahakasat, oder Nation, Buddhismus, Monarchie. Diese werden bis heute offiziell als die drei Säulen der Thai-Nation, ihre bestimmenden Identitätsmerkmale deklariert.[15] Dementsprechend wur-den auch die Farben der Nationalflagge gestaltet: in der Mitte ein breiter blauer Steifen für die Monarchie, ummantelt von zwei weißen Streifen für den Buddhismus, wiederum umschlossen von zwei roten Steifen für das Blut der der Thais, als Symbol der nationalen Verbundenheit.[16] Die Nationalflagge symbolisiert damit sehr deutlich die nationale Ordnung mit der Monarchie in ihrem Zentrum. Für Vajiravudh war dabei Nationalismus identisch mit Königtum, eine Einstellung, die auch im heutigen Thailand noch viele Anhänger findet. So schreibt Thanong Khanthong, Redakteur der englisch-sprachigen Tageszeitung `The Nation` im Juni 2010:

The combination of chat (nationhood through the sacred land of Suvarnabhumi), satsana (religion through Buddhism) and phra mahakasat (monarchy through King Bhumibol) makes Thailand a unique country. Together, chat, satsana and phra mahakasat form a perfect trinity. [...] As the old Thai saying goes: Raja pen sa-nga haeng khwaen (our king is the dignity of the land).[17]

Craig Reynolds schreibt der Identitätskonstruktion Thai einen gewissen Hang zur Hegemonie im Bewusstsein der herrschenden Eliten zu, die ihr Verständnis von Thai durch die Kontrolle und den Einsatz der Machtmittel anderen zu Bewusstsein bringen.[18] Edward Shils beschreibt solche traditionellen autoritären Gesellschaftsstrukturen und Identitäten als „primordial“, als natürlich entstanden gedacht. Dabei erhält nicht das Tatsächliche, sondern der symbolische Gehalt einer Kultur Bedeutung und Gültigkeit, und die legitimierte Macht des Herrschers resultiert aus seiner direkten Abstammung von einer primordialen und sich wiederholenden dynastischen Vergangenheit.[19]

3.1 Nation

Die Idee der Solidargemeinschaft auf einem nationalen Territorium war für Siam eine neue Identifikationsform und wurde, da sie keine vorhandene Staatstradition verkörper-te, in eine weit zurückliegende mythische Erinnerung projiziert. Damit wurde eine Erin-nerungskultur geschaffen, in der Buddhismus, Monarchie und Nation als ein historisches Produkt des Eigenen erscheinen, beruhend auf ausgesuchten epochalen Mythen mit primordialen nationalen Eigenschaften.

Durch das ethnische Konzept von Selbst- und Fremdzuschreibung, das in der west-lichen Welt entstand, wurde die Nation auch als ein politischer Ausdruck von `Rasse` dargestellt. Die absolute Monarchie entwickelte als entsprechendes Äquivalent für die eigene Nation im späten 19. Jahrhundert den Begriff chat, der aus dem indischen Wort jati abgeleitet wurde. Chat war ursprünglich ein Ausdruck für Geburt, Herkunft oder Stellung im kosmischen Kreislauf der Wiedergeburten und bezeichnete eine gesell-schaftliche Gruppe mit „natürlich“ vorbestimmten gemeinsamen Merkmalen. Prinz Damrong definierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Charakter der Nation in Bezug zu seinem Verständnis von Thai-Geschichte. Demzufolge schrieb er der nationalen Identität folgende Merkmale zu: Liebe von Frieden und Unabhängigkeit, Ablehnung von Gewalt und Assimilations- sowie Kompromissfähigkeit.[20]

Dem Konzept von chat wurde das traditionelle Unterscheidungsprinzip der Sprache hinzugefügt, wobei alle Sprecher der Tai-Sprachfamilie zur nationalen Gruppe Thai erklärt wurden. Dadurch wurde der ethnischen Vielfalt im Königreich eine „gemeinsame Sprache“ als nationales Identitätsmerkmal zugeschrieben. Weiterhin wurde die Zuge-hörigkeit zur neuen Staatsordnung mit dem Nationality Act von 1913 für diejenigen erklärt, die innerhalb der nationalen Grenzen geboren wurden und sich staatlich regis-trieren ließen. Diese erklärte nationale Gemeinschaft war mehr eine Form staatlicher Zentralisierung und homogener Präsentation nach außen, als dass sie im Inneren wirk-liche Einheit schaffte. Dort blieb die Gesellschaft weiterhin in verschiedener Weise differenziert, ethnisch wie auch ständisch.[21]

Erst nachdem putschende Eliten aus Militär und Bürokratie im Jahr 1932 die absolute Monarchie gestürzt und deren Widerstand 1933 militärisch gebrochen hatten,[22] wurde die nationale Idee stärker propagiert. Nationalismus wurde für das neue Regime unter dem Oberbefehlshaber der Armee Phibun Songkhram, der 1938 Premierminister wurde, Instrument zur Legitimation und Stabilisierung diktatorischer Macht. Phibun war dann auch der Initiator einer Reihe von Maßnahmen, die das königliche Konzept von Thai nationalistisch prägten und über die Medien auf größere Bereiche der Bevölkerung übertrugen. Da seine Diktatur in Konkurrenz zur Monarchie stand, wurde die Rolle der königlichen Institution in seiner Konstruktion der nationalen Ideologie zurückgedrängt, an deren Stelle er einen Kult um seine eigene Person, den zeitgemäßen „Führerkult“ entwickelte. Das königlich entwickelte Identitätskonzept von Thai wurde somit nur inhaltlich etwas verändert, nicht beseitigt. Die Verfassung wurde als Legitimationsmittel hinzugefügt und als oberstes Rechtsprinzip den traditionellen Bezugssystemen von Buddhismus und Monarchie übergeordnet, was allerdings in Abhängigkeit von den damaligen Medien- und Bildungsmöglichkeiten hauptsächlich beim städtischen Beam-tentum und weniger bei der breiten Masse der Landbevölkerung spürbar und wirksam wurde.[23]

An der Seite von Phibun war es vor allem Luang Wichit Wathakan, der in leitenden staatlichen Funktionen für die Kreation einer stark nationalistisch beeinflussten Variante von Thai verantwortlich war und diese Aufgabe engagiert umsetzte. Die Führungsriege um Phibun hatte ihre nationalistischen Vorstellungen hauptsächlich bei ihrem Studium in Westeuropa und da vor allem in Frankreich vor ihrem Staatsstreich von 1932 entwi-ckelt. Doch hatte auch der erstarkende Faschismus in Italien, Deutschland und Japan und die nationalistische türkische Reformbewegung unter Kemal Atatürk starken Einfluss auf die weitere Entwicklung des thailändischen Nationalismus. Das kam auch in den staatlichen Kulturerlassen zwischen 1939 und 1943 zum Ausdruck. Dabei wurde Siam in Thailand umbenannte, Thai-Identität wurde mit nationaler Sicherheit verbunden, Thai wurde die generelle Bezeichnung für alle Bevölkerungsteile, unabhängig ihrer geografi-schen Lage, und Loyalitäten wurden auf die nationalen Symbole ausgerichtet. Mit diesen Regelungen brachte die Thai-Elite ihre Vorstellungen von Zivilisation und Kultur als der westlichen Elitenkultur ebenbürtig zum Ausdruck, indem sie entsprechende Verhaltens-, Kleidungs-, und Lebensformen für den Alltag vorschrieb. Kulturelle und ethnische Viel-falt wurde hierbei im Namen der nationalen Einheit und Zivilisation durch das erfundene Konzept einer Nationalkultur überdeckt und homogenisiert. Dem diente auch eine entsprechende Sprachpolitik, bei der Zentral-Thai als Nationalsprache deklariert und durch die staatlichen Medien propagiert wurde.[24] Damit wurde die Nation zu einer Ideologie des Staatsapparates, wobei die herrschende Gruppe diese Ideologie aus ihren Vorstellungen und in ihrem Interesse heraus formte und über die kontrollierten Medien öffentlich machte.[25]

In dieser Phase von gesteigertem Nationalismus mit totalitären Zügen wurden zur Legitimation der politischen Macht und der entsprechenden Politik die Identitätsbezüge in der Geschichte neu- und umgestaltet. Luang Wichits historisches Konzept beruhte auf einer Thai-buddhistischen Gesellschaft im Königreich von Sukhothai, verknüpft mit einer angeblichen Abstammung aus dem ehemaligen Reich von Nanchao, welches sich im Südwesten des heutigen China befand. Die Thais wurden entsprechend dieser Darstellung ihrer Geschichte von den Chinesen aus Nanchao vertrieben, womit anti-chinesisch geschürte Empfindungen dieser Zeit unterstützt wurden.[26] Eine rassistisch gefärbte Identitätspolitik beschwor auch die Blutsverwandtschaft aller Tai-Sprecher mit einer Verknüpfung zum einstigen „Goldenen Land“ Survanabhumi, ein mythisches Konzept, was zuvor schon von der Monarchie entwickelt wurde. Damit wurde Anspruch auf die „verlorenen Gebiete“ in den angrenzenden Staaten erhoben, von denen Thailand einen Teil im zweiten Weltkrieg mit japanischer Hilfe besetzte und nach dem Krieg wieder zurückgeben musste. Dieses territoriale Anspruchsdenken deckte sich auch mit den Ansichten reaktionärer monarchistischer Kräfte dieser Zeit.[27]

Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer Abkehr vom totalitären Nationalismus, wobei die nationalistischen Kräfte in Thailand von den USA im Kampf gegen den Kommunismus als Bündnispartner reaktiviert wurden. Phibun und Wichit, die sich auf Druck der Briten und Franzosen kurzzeitig als Kriegsverbrecher verantworten mussten, wurden wieder für machttauglich befunden.[28] Die USA rüstete zuerst Thailands Armee und Polizei hoch und machte später das Land zu ihrer militärischen Aufmarschbasis gegen die kommunistische Gefahr in Asien. Antikommunismus hatte dabei in Thailand bereits Tradition. Schon die absolute Monarchie brandmarkte kommunistische Tenden-zen als Un-Thai, was sich unter der militärischen Diktatur von Phibun fortsetzte und verschärfte.[29] Die nationalistische Politik der 1930´er und 1940´er Jahre wurde in Thailand nie richtig aufgearbeitet und hat das Identitätsbild einiger Thais, vor allem in Kreisen des Militärs und der Staatsbürokratie, bis heute stark beeinflusst.

[...]


[1] The Bangkok Post 2011: Defending the Institution.

[2] Hamilton 2002: 278.

[3] Anderson u. Mergel 1996: 20; vgl. Andrejkovits 2010: 2.

[4] Wehler 2001: 17.

[5] Weber 1988: 252.

[6] Anderson u. Mergel: 14-16, 20, 30, 38-40, 44-47, 285; vgl. Andrejkovits 2010: 2-3.

[7] David 2009: 356.

[8] Winichakul 1994: 16f; Fong 2010: 679.

[9] Wehler: 38.

[10] Anderson u. Mergel: 286, 292; Fong: 678; Wehler: 27-30.

[11] Houben 2008: 216.

[12] Houben: 210, 213.

[13] Samudavanjia 2002: 50, 57.

[14] Hamilton: 286; Baker u. Phongpaichit 2005: 106.

[15] Sivaraksa 2002: 35; Swearer 2003: 832; Murashima 1988: 80, 91; Baker u. Phongpaichit: 107.

[16] Nationalflagge: http://www.nationalflaggen.de/flagge-thailand.html.

[17] The Nation 2010: The King; vgl. Andrejkovits 2010: 7.

[18] Reynolds 2002: 26.

[19] Fong: 677, 681; Houben 216.

[20] Baker u. Phongpaichit: 63 f, 73 f, 113; Reynolds: 12, 20; Sivaraksa: 36; Fong: 676; Murashima: 81f, 87f.

[21] Baker u. Phongpaichit: 64, 113; Barme 1993: 6 f, 31.

[22] Barme: 62, 84-86.

[23] Barme: 111-113, 138f.

[24] Diller 2002: 73, 75, 97f; Kamler 2010: 104; Baker u. Phongpaichit: 116-126, 132-135; Samudavanija: 58f.

[25] Reynolds: 5-10; Barme: 114f, 144-160.

[26] Reynolds: 16; Barme: 120, 160-162; Baker u. Phongpaichit: 127; Samudavanija: 60.

[27] Reynolds: 17; Barme: 124-127; Baker u. Phongpaichit: 135f.

[28] Barme: 183-185.

[29] Reynolds: 18; Barme: 70-74; Baker u. Phongpaichit: 115, 146, 168.

Details

Seiten
45
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656021322
ISBN (Buch)
9783656021209
Dateigröße
28.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179713
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Asien- und Afrikawissenschaften
Note
1,7
Schlagworte
Thailand Thai Nationale Identität Museum of Siam What is Thai? Identitätspolitik National Identity

Autor

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Titel: Thai - ein Spiel mit Identitäten