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Ein literarischer Kanon – notwendig und gleichzeitig unmöglich?

Auseinandersetzung mit dem literarischen Kanon

Hausarbeit 2011 17 Seiten

Literaturwissenschaft - Allgemeines

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition Kanon

3. Kriterien für die Kanonbildung

4. Warum ist ein Kanon notwendig?

5. Warum erscheint ein (universaler und verbindlicher) Kanon 10 unmöglich?

6. Fazit: Mögliche Lösungsansätze

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Er wird einerseits analysiert: Was ist ein Kanon, wie entwickelt er sich, welche Funktionen übernimmt er? Andererseits wird seine Gültigkeit hinterfragt: Brauchen wir heute noch einen Kanon? Ist der Kanon nicht nur ein Machtmittel herrschender kultureller Klassen, um unliebsame Gedanken und Ideen von der kulturellen Praxis auszuschließen?" (Internetquelle 4)

In dieser Arbeit soll der in diesem Zitat deutlich werdende Widerspruch diskutiert werden, dass ein literarischer Kanon sowohl als notwendig als auch als unmöglich bezeichnet werden kann.

Die Arbeit ist entsprechend aufgebaut: Zunächst soll der Begriff Kanon definiert und erläutert werden. Im darauf folgenden Kapitel soll ansatzweise beschrieben werden, wie es zur Kanonbildung und zur Kanonisierung von Literatur kommt. Dabei wird insbesondere auf den Begriff der literarischen Wertung eingegangen. In Kapitel 4 geht es um die Frage, warum und in welchen Kontexten ein literarischer Kanon als notwendig betrachtet werden kann und wird. Es wird herausgestellt, dass ein verbindlicher Kanon in bestimmten Bereichen unentbehrlich erscheint. Anschließend wird in Kapitel 5 darauf eingegangen, welche Faktoren die Festlegung eines allgmein gültigen Kanons dennoch unmöglich bzw ungültig erscheinen lassen. Abschließend sollen im Fazit Überlegungen darüber angestellt werden, welche Lösungsansätze der Notwendigkeit eines literarischen Kanons unter der Berücksichtigung der Unmöglichkeit gerecht werden können.

2. Definition Kanon

Zum Grundverständnis dieser Arbeit soll in diesem Kapitel zunächst der Begriff Kanon erläutert sowie seine Entstehung kurz umrissen werden.

Das Wort „Kanon" geht zurück auf die griechische Bezeichnung für Messrohr oder Richtschnur und stellt im Kontext der Literaturwissenschaft „ein Corpus von Texten (...), das eine Gesellschaft oder Gruppe für wertvoll hält und an dessen Überlieferung sie interessiert ist" dar (Winko in: Grundzüge der Lit.: 585). Seit dem 18. Jahrhundert bezeichnet der Kanon „einen zumeist geschlossenen Kreis von Werken, die aufgrund ihres herausgehobenen Wertes in gewisser Hinsicht für verbindlich angesehen werden" (Grübel in: Grundzüge der Lit. : 617).

Zuvor wurden die im ursprünglich religiös fundierten Kanon aufgenommenen Texte, wie beispielsweise die Bibel, nicht bloß als dringende Lektüreempfehlung verstanden, „sondern als verbindlicher Maßstab für die Auslegung der Welt und Sinngebung der Existenz" (Korte, 2002: 62). Man kann zu dieser Zeit von dem traditionellen Kirchenkanon als Machtinstrument sprechen, der „an Formen symbolischen Handelns (...), an Konventionen, Überlieferungsrituale und langfristig aufgebaute Gewohnheiten" anknüpft und zur Erhaltung dieser beiträgt (vgl. ebd.: 62). Erst durch die Etablierung des Literatursystems wurden verstärkt Romane oder Poesie, literarische Texte mit fiktiven Handlungen und Figuren in den Kanon aufgenommen.

Seit etwa 1800 gibt es deutschsprachige Kanonliteratur und somit einen Kanon, der nationale Werte und Interessen vertritt. In diesem Zusammenhang sind drei Funktionen zu erwähnen, die dem Kanon allgemein zugeschrieben werden können: Zunächst hält der Kanon eine Legitimationsfunktion inne, indem er aktuelle Werte „durch ihre Verankerung oder auch durch kritischen Bezug auf sie" rechtfertigt (Korte, 2002: 63). Des weiteren stiftet er Identität, indem er Gruppen oder Gesellschaften von anderen solchen abgrenzt. Schließlich bietet er Handlungsorientierung, indem er Verhaltensregeln, Moralvorstellungen, ästhetische Normen und Wissen vorgibt, nach denen sich Gruppen oder Gesellschaften richten können (vgl. u.a. Korte, 2002: 63 ff.).

Mit der Zeit zeichnete sich der literarische Kanon immer mehr durch seine Offenheit aus, was nicht nur zu einer gewissen Durchlässigkeit führte sondern letztendlich auch zu verschiedenen nebeneinander existierenden Erscheinungsformen, so dass heute nicht mehr von dem Kanon im Singular gesprochen werden kann. So gibt es beispielsweise einen Kanon der Weltliteratur, deutschsprachige Kanones, einen Kanon der wichtigsten Werke, die Germanistikstudenten im Laufe ihres Studium lesen sollten oder aber einen Kanon, welcher die zu lesenden Werke für den Deutschunterricht in der Oberstufe festlegt. Hier deutet sich an, dass ein Kanon scheinbar immer in einem bestimmten Kontext zu betrachten ist.

Tatsächlich liest man im Zusammenhang mit dem Begriff Kanon häufig den Begriff der Wertung; so erscheint es nachvollziehbar, dass literarische Werke vor bestimmten Hintergründen bewertet werden müssen, um nach entsprechenden Kriterien von einem Kanon ausgeschlossen oder aber in ihn integriert werden können.

3. Kriterien für die Kanonbildung

Die Überschrift dieses Kapitels lässt hoffen, dass es konkrete Kriterien gib, die ein literarisches Werk erfüllen muss, um in einen Kanon aufgenommen werden zu können. In Wahrheit handelt es sich jedoch um einen sehr komplexen, noch immer unzureichend erforschten Prozess (vgl. hierzu Grübler: 618, Winko: 596).

Im letzten Kapitel wurde bereits angedeutet, dass die Frage nach Ausschluss oder Aufnahme von Literatur in einen Kanon in Verbindung mit der Wertung dieser vor dem Hintergrund eines bestimmten Kontextes steht. Im Folgenden soll versucht werden, einen groben Überblick über den Prozess der Kanonisierung literarischer Werke und die Kanonbildung allgemein zu schaffen.

Einen wesentlichen Beitrag zu dem hohen Komplexitätgrad der Kanonbildung leistet die Tatsache, dass theoretisch viele Personen und Personenkreise an diesem Prozess beteiligt sind. Darüber hinaus kann in modernen Kulturen nicht von dem einen Kanon gesprochen werden, vielmehr verfügen sie über „konkurrierende Autoren- und Werkkataloge, die sich nur zum Teil überschneiden" (Grübler: 619). Jedoch bestehen diese Kanones laut Grübel im wesentlichen aus einem festen Kern, einer „verhältnismäßig beständigen Zwischenschicht" und einer „beweglichen Peripherie" ( 619). Zur Verdeutlichung gehören laut Grübler unter anderem die Bibel und Werke von Homer, Shakespeare, Rousseau, Goethe und Schiller zum festen Kern des Kanons, während er Balzac, Dostoevskij, Brecht, Fontane oder Döblin der relativ stabilen Zwischenschicht zuordnet. Im variierenden Teil siedelt Grübler Autoren wie Hölderlin, Kleist, Wedekind oder Benn an. An dieser Aufzählung wird deutlich, dass offensichtlich nicht nur der Text selbst sondern auch der Autor eines Werkes „Grund" dafür sein kann, in einen Kanon aufgenommen zu werden.

Lange wurde die Ansicht vertreten, ein Kanon stelle eine Sammlung „der besten" Werke und Autoren dar Diese Erklärung bringt jedoch unweigerlich ein Problem mit sich: Wer entscheidet, dass es sich um „die besten" handelt und auf welcher Grundlage tut er das? Zwei Antworten sind hier möglich: Entweder entscheidet ein kleiner Personenkreis, welches seiner Meinung nach „die besten" Werke und Autoren sind und diese Meinung wird verbindlich auf eine Gesellschaft übertragen. Oder aber die Entscheidung fällt auf der Grundlage universeller Werte, wenn man von der Existenz solcher ausgehen kann.

Heute finden Begründungsversuche der Kanonbildung differenzierter statt. Winko fasst Kanonbildung als „Resultat von Deutungs- und Selektionsprozessen" zusammen, „in denen literaturinterne und soziale Komponenten auf komplexe Weise zusammenspielen" (596).

Laut Grübel „geht die Begründung von Kanones stets mit ausdrücklichen oder unausdrücklichen Werturteilen einher" obwohl „der Wertbegriff bislang zur Grundlegung einer Theorie des literarischen Kanons kaum herangezogen" wurde (S. 617). Es erscheint jedoch nachvollziehbar, dass eine Form der Bewertung stattfinden muss, um bestimmte Texte als „wertvoll" genug einstufen zu können, um sie in einen Kanon aufzunehmen. Entsprechend soll im Folgenden näher darauf eingegangen werden, nach welchen Maßstäben Werte gebildet werden.

„Unter dem Begriff „Wertung" ist eine Handlung zu verstehen, mit der ein Subjekt einem Objekt (Gegenstand, Sachverhalt, Person) die Eigenschaft zuordnet, in Bezug auf einen bestimmten Maßstab, einen Wert, positiv oder negativ zu sein" (Winko, in Grundzüge der Lit.: 586). Zentral ist also, dass ein literarisches Werk seinen Wert nicht in sich trägt, sondern diesen immer in Bezug zu einem Wertmaßstab auferlegt bekommt. Simone Winko unterscheidet dabei zwei Formen von Wertungen, welche sie in Anlehnung an Heydebrand (1984) als „sprachliche" und „motivationale" Wertung bezeichnet.

Während es sich bei ersterer um Aussagen über ein bestimmtes Werk (explizit) oder auf den ersten Blick neutrale Sachverhaltsdarstellungen (implizit) handeln kann, stellen zweitere Selektionshandlungen, wie beispielsweise den Kauf eines Romans dar (vgl. Winko: 587): Indem sich der Käufer für den Kauf eines Buches entscheidet, entscheidet er sich automatisch auch gegen den Kauf anderer Werke.

An dieser Stelle wird bereits deutlich, dass Wertung von Literatur auf den verschiedensten Ebenen, bewusst und unbewusst geschehen kann. Als Voraussetzung für die Bildung eines Kanons wird versucht, „subjektive Faktoren zu verringern und so die Verbindlichkeit von Wertungen zu erhöhen" (ebd. 592). Nach Winko kann ein Werturteil dann als verbindlich gelten, wenn es „intersubjektiv" begründbar und fundiert ist (ebd. 592), dafür müssen drei Bedingungen erfüllt sein: Zunächst müssen Belege dafür vorgebracht werden, dass der Text die hervorgehobenen Eigenschaften tatsächlich aufweist. Darüber hinaus muss der Wertmaßstab, der dem Urteil zugrunde liegt, vor dem Hintergrund eines Wertesystems zu rechtfertigen sein. Schließlich muss ein eindeutiger Bezug zwischen dem dem Maßstab zugrunde liegenden Wert und den hervorgehobenen Eigenschaften hergestellt werden, mit anderen Worten muss belegt werden, „dass die Texteigenschaften tatsächlich in der Lage sind, den Wert zu realisieren" (ebd. 593).

Die Wertmaßstäbe selbst können unterschiedlicher Natur sein. Winko unterscheidet beispielsweise formal-ästhetische Werte, wie „Schönheit’, „Stimmigkeit" oder Ganzheit" und inhaltliche Werte, wie „Moralität’, „Humanität" oder „Emanzipation" Darüber hinaus nennt sie relationale, also auf eine Bezugsgröße bezogene Werte. Eine solche Bezugsgröße kann beispielsweise „die natürliche Sprache" darstellen. So kann die Eigenschaft eines Textes besonders hervorgehoben werden, dass er der natürlichen Sprache besonders nah kommt, ebenso kann dies aber auch im Sinne der Poetizität negativ bewertet werden.

Eine genauere Bestimmung der Bedeutung von Wertmaßstäben und ob sie negativ oder positiv eingeschätzt wird hängt davon ab, welche Literaturtheorie ihnen zugrunde liegt. Winko macht das an einem Beispiel zu der Bezugsgröße „Realität" deutlich: „Eine authentische Darstellung sozialer Wirklichkeit etwa kann unter dieser Voraussetzung als positiv, eine surrealistisch verfremdende Gestaltung dagegen als negativ beurteilt werden (oder eben umgekehrt)" (Winko: 595).

Schließlich verweist Winko auf die wirkungsbezogenen Werte, also die Einschätzung der Effekte auf den Leser eines Textes. Diese reichen von der reinen Leselust (beim nicht professionellen Leser) bis hin zu emotionalen Wirkungen, wie Betroffenheit, Mitleid oder Identifikation und kognitiven Effekten, wie Informationsgewinn oder Wissensvermittlung (vgl. Winko: 595).

Die Komplexität literarischer Wertung wird bereits deutlich und ist an dieser Stelle nur angerissen. Im Kontext dieser Arbeit ist vor allem hervorzuheben, dass sie einen maßgeblichen Teil der Bildung von Kanones ausmacht, indem sie den Maßstab definiert, nachdem literarische Werke auf ihre Tauglichkeit für einen Kanon beurteilt werden.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es sich bei der Kanonbildung um einen sehr komplexen Prozess handelt, der durch viele Faktoren beeinflusst wird und hier nur ansatzweise thematisiert werden kann. Das Ergebnis, der Kanon, ist nicht generell als Literaturliste oder Verzeichnis abrufbar, lässt sich aber durch gezielte Fragen rekonstruieren: Zusammenfassend ist nach der Präsenz eines Textes in verschiedenen Kontexten zu fragen, danach, wie regelmäßig ein Text beispielsweise an der Universität thematisiert wird.

Winko kommt schließlich zu zwei Faktoren, die -pauschal betrachtet- die Chancen eines Textes erhöhen, in einen literarischen Kanon aufgenommen zu werden: „Zum einen muss er komplex genug sein, um mehrmals gelesen werden zu können, zum anderen muss er für verschiede komplexe Lesarten und unterschiedliche Wertvorstellungen anschlussfähig sein" (598).

4. Warum ist ein Kanon notwendig?

"Die Frage, ob wir einen solchen Katalog benötigen, ist mir unverständlich, denn der Verzicht auf einen Kanon würde den Rückfall in die Barbarei bedeuten"

(Reich Ranicki, Internetquelle 1).

Dieses Zitat von dem berühmten Literaturkritiker Reich Ranicki macht seinen

Standpunkt zu der Frage nach der Notwenigkeit eines literarischen Kanons sehr deutlich. Im Folgenden soll erläutert werden, aus welchen Gründen ein Kanon, auch in der heutigen Zeit, als notwendig betrachtet werden kann.

Die Beschäftigung mit Literatur, in welchem Kontext auch immer, bringt einen Prozess von Auswahlentscheidungen unweigerlich mit sich. In Bezug auf Literatur ist es unmöglich, Vollständigkeit zu erreichen - niemand wird je alles lesen können. Der Leser ist also gezwungen, eine Auswahl zu treffen und diese geschieht nach bestimmten Maßstäben. Angefangen bei dem Hobbyleser, der mit dem Ziel in eine Buchhandlung geht, eine neue Abendlektüre zu erwerben: Sein Maßstab könnte beispielsweise sein, dass sich der Klappentext so spannend anhört, dass es das Buch aus seiner Sicht lesenswert macht.

Ein anderer Maßstab könnte jedoch auch sein, welches Buch auf der Bestsellerliste ganz oben steht. Bei diesen Listen handelt es sich um Empfehlungen, die wiederum von dafür autorisierten Personen ausgesprochen werden, natürlich wiederum vor dem Hintergrund bestimmter Maßstäbe. Die reine Existenz solcher Listen macht deutlich, dass die Gesellschaft nach einem Kanon, im Sinne einer Vorauswahl oder Empfehlungsliste, verlangt. Der Leser möchte nicht erst viele Bücher lesen, um anschließend festzustellen, dass sie nicht lesenswert waren, er möchte mit großer Wahrscheinlichkeit direkt ein gutes Buch lesen. Zusammenfassend stellen also Bestsellerlisten literarische Kanones im Sinne einer Empfehlungsliste dar, deren Notwendigkeit auf der Hand liegt.

Wie sieht es mit Kanones in anderen Bereichen, wie beispielsweise der Schule oder der Universität aus?

Das Schulministerium NRW schreibt im Rahmen der Vorgaben für das Zentralabitur jährlich die Behandlung ganz bestimmter literarischer Werke vor. Hiernach mussten die Abiturienten 2011 beispielsweise Schillers Don Carlos und Büchners Woyzeck als Vertreter des Dramas im Epochenumbruch vom 18./19. Jahrhundert, sowie Effi Briest (Fontane), Die Traumnovelle (Schnitzler) und Tauben im Gras von Wolfgang Koeppen gelesen haben. In Hinblick auf das Zentralabitur erscheint es sinnvoll, eine Vorauswahl an Literatur zu treffen und diese verbindlich für die einzelnen Jahrgänge zu machen. Auf diese Weise wird Vergleichbarkeit angestrebt und eine exemplarische Auseinandersetzung mit den gängigen Literaturformen so wie Epochen gewährleistet. (Denkbar wäre an dieser Stelle eine offene Formulierung der Vorgaben, wie beispielsweise die Thematisi]erung eines Dramas um die Jahrhundertwende 18./19. als Beispiel für den Epochenumbruch und die Entwicklung des Dramas.) Man kann also auch im schulischen Kontext, zumindest seit der Einführung des Zentralabiturs, von einer Notwendigkeit literarischer Kanones sprechen.

Im Rahmen eines Germanistikstudiums erhält jeder Studierende zu Beginn seines Studium eines Liste mit literarischen Werken, die gelesen werden sollten. Je nach angestrebtem Abschluss handelt es sich dabei um 50 bis wesentlich mehr Werke verschiedener Epochen. Obwohl auch in den Seminaren und Vorlesungen viel gelesen wird, kann eine solche Menge von Literatur nicht im Rahmen des Studiums abgedeckt werden. Hier wird nur examplarisch gearbeitet und natürlich wählen verschiedene Dozenten auch unterschiedliche Werke zur Auseinandersetzung aus: So deckt ein Studierender den Bereich der Literatur des 18. Jahrhunderts mit Erzählungen von Goethe ab, während ein anderer ein Seminar über die Werke Schillers besucht. Über den Kanon wird im Rahmen eines literaturwissenschaftlichen Studiums also gewährleistet, dass es eine grundlegende Auswahl von Texten gibt, die jeder Student kennt und über die sich entsprechend verständigt werden kann: „Relevant für das Studium sind nach wie vor die literarischen Texte und Autoren, auf die sich andere Autoren bezogen und die auf die Entwicklung der Literatur - in formaler wie inhaltlicher Hinsicht - maßgeblich eingewirkt haben" (Winko: 599).

5. Warum erscheint ein (universaler und verbindlicher) Kanon unmöglich?

Die bisherigen Ausführungen verdeutlichen ansatzweise, wie es zu einer Kanonisierung von Literatur kommt und warum diese in bestimmten Kontexten unentbehrlich ist. Die aufgeführten Gründe erscheinen auf den ersten Blick nachvollziehbar und vor allem unproblematisch. Allerdings gibt es in der Kanonforschung auch Gegenstimmen, welche die Gefahren von Kanones diskutieren und sogar solche, die einen Kanon in der heutigen Gesellschaft als unmöglich oder ungültig bezeichnen.

Zunächst sollen hier mögliche Erklärungen dafür aufgeführt werden, warum ein literarischer Kanon als ungültig oder sogar nicht möglich bezeichnet werden kann. Bereits auf der Ebene der literarischen Wertung entsteht ein Problem, nämlich dann, wenn sich den Werten zugrunde liegende Maßstäbe verändern. Das tun sie, da sie zeitlichen und gesellschaftlichen Prozessen unterliegen: „Literaturwissenschaftliche Wertmaßstäbe sind (...) keineswegs zeitlos, und eben so wenig sind sie unabhängig von gesellschaftlichen Entwicklungen und Theorien anderer Disziplinen" (Winko: 595).

Zum einen liegt ein Wertewandel vor, was exemplarisch an einigen Werken dargestellt werden kann. Werke, die lange Zeit für ästhetisch wertvoll betrachtet wurden, sind inzwischen genau in dieser Hinsicht umstritten. Da das Werk selbst dasselbe geblieben ist, ist dieser Wandel auf eine Veränderung der Wertmaßstäbe zurückzuführen. Axiologische Werte hängen immer von bestimmten Interessen ab. So lassen sich bestenfalls Kanones für überschaubare Gruppen zu einem bestimmten Zeitpunkt vereinbaren.

Die Bildung eines Kanons hängt wie bereits dargestellt mit Selektions-prozessen zusammen und die bringen eine sehr häufig kritisierte Tatsache mit sich: Durch die Bildung eines Kanons werden bestimmte Werde ausgewählt, die vor dem Hintergrund eines bestimmten Kontextes besonders würdig erscheinen, in eben diesen Kanon aufgenommen zu werden. Das bedeutet aber auch immer, dass andere Werke ausgeschlossen werden und somit eine Abwertung erfahren. Kanonisierung bedeutet immer auch Ausgrenzung, sei sie thematisch, zeitlich, von der Textsorte oder dem Autor abhängig.

Auf diese Weise kann ein Kanon auch als Machtinstrument oder eine Art „Filter" einer „machthabenden Gruppe" Einsatz finden (vgl. Winko: 599). Während genau das sicher einmal die Absicht des Bildungsbürgertums in Bezug auf die Bildung des Kanons gewesen ist, so ist das heute wesentlich komplizierter: „In immer stärker differenzierten Gesellschaften ist es zunehmend problematisch, von homogenen sozialen Schichten oder Gruppen zu sprechen" wodurch die Existenz eines einheitlichen Kanons unmöglich wird.

Die bisher aufgeführten Aspekte verdeutlichen die Problematik, zumindest eines verbindlichen und allgemein gültigen Kanons und machen auf die eventuellen Gefahren eines solchen aufmerksam. Ganz allgemein kann (und wird) aber auch die Notwendigkeit eines literarischen Kanons in Frage gestellt (werden), insbesondere unter der Berücksichtigung der in Kapitel 2 erwähnten Funktionen des Kanons. Wie In Kapitel 3 ausgeführt wurde, wird der Kanon unter anderem damit gerechtfertigt, dass er eine notwendige Kommunikationsgrundlage darstellt. Gerade in der heutigen Zeit der neuen Medien kann natürlich hinterfragt werden, inwiefern dies ausgerechnet über Bücher geschehen muss, da das Buch als Medium heutzutage neben den neuen Medien wie Computer und modernen Kommunikationstechniken in seiner Präsenz zurücktritt.

Zahlreiche Berufsfelder kommunizieren auf einer ganz anderen Grundlage und entsprechend über einen anderen Konsens. Damit bröckelt das alte Bild vom Kanon, „man müsse ihn gelesen haben, um mitreden zu können".

Darüber hinaus muss man sich ganz ehrlich fragen, für wen ein Kanon heutzutage überhaupt Bedeutung hat. Pauschal gesagt sind es wohl alle Abiturienten, welche zunächst im Rahmen ihres Deutschunterrichts mit dem entsprechenden Literaturkanon konfrontiert werden und in einem weiteren Schritt wohl am wahrscheinlichsten den Teil der Bevölkerung ausmachen, der sich im nachschulischen Leben damit auseinandersetzen muss oder möchte: Studenten der Germanistik oder besonders Literaturinteressierte. Zusammengefasst bedeutet das, dass ein Großteil der Bevölkerung nie in Kontakt mit einem literarischen Kanon kommen wird, was seiner Notwendigkeit nachvollziehbaren Abbruch tut.

6. Fazit: Mögliche Lösungsansätze

Es wurde herausgestellt, dass ein literarischer Kanon in verschiedenen Kontexten unentbehrlich ist und ein Verzicht darauf mit offensichtlichen Problemen verbunden wäre. Ebenso wurde deutlich, dass die Bildung eines universellen, verbindlichen Kanons nicht möglich erscheint, bzw nicht zu rechtfertigen ist. Wichtigstes Argument in diesem Zusammenhang: Eine Auswahl bringt auch immer einen bewussten Ausschluss mit sich, der in vielen Fällen nicht zu unterstützen ist.

Reich Ranicki hat bereits auf diesen Widerspruch reagiert, indem er sagt: „Ein Kanon ist nicht etwa ein Gesetzbuch sondern eine Liste empfehlenswerter, wichtiger, exemplarischer und, wenn es um die Schule geht, für den Unterricht besonders geeigneter Werke." Nach diesem Ausspruch ist ein Kanon also eher als Orientierungshilfe zu verstehen, die nicht vorschreibt sondern unterstützt, wenn Bedarf nach einer solchen Unterstützung besteht.

Ist dem Leser, der sich aus welchen Gründen auch immer an einem bestimmten Kanon orientiert, bewusst, dass es sich immer nur um einen Kanon von vielen, nicht aber um DEN Kanon handelt, ist ein erster Schritt in die richtige Richtung getan: Dem Ausschluss der in diesem Fall nicht kanonisierten Literatur wird entgegengewirkt. So formuliert Reich Ranicki bei einer von ihm erstellten Literaturliste ganz deutlich, in welchem Kontext sie zu betrachten ist: Es handelt sich um einen genreübergreifenden „Kanon für Leser" deutschsprachiger Literatur aus den Jahren 1774 bis 1984. Damit wird ganz deutlich, dass der Kanon leser­und nicht fachwissenschaftlich orientiert ist, dass er nicht deutschsprachige Literatur sowie Werke vor 1774 und nach 1984 ausklammert und sich nicht auf bestimmte Genres beschränkt. Die Tatsache, dass Ranicki Kanones als Empfehlungsliste betrachtet impliziert streng genommen auch, dass diese Empfehlungen von einer ganz bestimmten Person gemacht wurden. In diesem Zusammenhang erscheint folgendes, wenn auch etwas überspitztes, Zitat sehr passend: „Ein Kanon sagt weniger etwas darüber aus, welche Bücher lesenswert sind und welche nicht. Ein Kanon sagt vielmehr etwas über den aus, der ihn geschrieben hat" (Internetquelle 2). Zusammengefasst würde das bedeuten, dass ein gewissenhafter, toleranter Umgang mit Kanones, sowohl von Seiten des Rezipienten als auch von Seiten des- oder denjenigen, der oder die die Auswahl vornimmt bzw vornehmen, gefordert ist. Kein Kanon sollte aus den in Kapitel 5 beschriebenen Gründen als allgemeingültig, sondern als eine von vielen Empehlungslisten verstanden werden.

Auch in den in Kapitel 4 vorgestellten Bereichen, in denen ein universeller Kanon als Kommunikationsgrundlage unentbehrlich erscheint, könnte reagiert werden: Ein Grundstock mehrheitsfähiger und bedeutsamer Literatur bleibt unumgänglich, dennoch könnte auch hier eine wie von Grübel bezeichnete „bewegliche Peripherie" dazu beitragen, einen Spielraum für individuelle Interessen und Entfaltung zu lassen. Auf diese Weise könnte auch neuere Literatur ihre Berechtigung finden.

Vorsicht ist jedoch geboten, wenn es um Felder wie die Universität oder auch die schulische Bildung geht: Hier dürfen die so eben formulierten Ideen bezüglich eines offeneren Umgang mit Kanones nicht missverstanden werden. Der Kanon bliebt in diesen Fällen eine feste Größe, die es zu lesen gilt. Hier können schwerlich mehrere Listen nebeneinander bestehen, ein Konsens ist Grundlage. Einen weiteren guten Hinweis gibt Sabine Buck wenn sie schreibt, man solle den Kanon nicht als „unveränderliches Produkt’, sondern als „Prozess" verstehen (Internetquelle 3).

Zusammenfassend hieße das, den Kanon weniger als Machtinstrument denn als Orientierungsmöglichkeit zu verstehen, also weg vom normativen, bestimmenden hin zu einem stärker beschreibenden, exemplarisch verstandenen Kanon. Auf diese Weise entspräche ein Kanon, der, wie in dieser Arbeit dargelegt wurde, immer noch unentbehrlich ist, stärker dem Bestreben nach einem allgemein vertretbaren Konsens und stellte weniger eine Instanz dar, die nur einer bestimmten Gruppe gerecht wird und somit eine große Anzahl literarischer Werke ausschließt.

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Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656022084
ISBN (Buch)
9783656022213
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179742
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Literatur und Literaturwissenschaft
Note
2.0
Schlagworte
Kanon literarischer

Autor

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Titel: Ein literarischer Kanon – notwendig und gleichzeitig unmöglich?