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„Der gestörte Unterricht“ - Unterrichtsstörungen in der pädagogischen Theorie und Praxis

Praktikumsbericht / -arbeit 2010 43 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Vorstellung der Praktikumsschule und der hospitierten Klasse
2.1 Portrait des Max-Mustermann-Gymnasiums
2.2 Portrait der Klasse 9f des Max-Mustermann-Gymnasiums

3. Unterrichtsstörungen in der pädagogischen Theorie
3.1. Die kritisch-kommunikative Didaktik und die Beobachtungstheorie
3.2. Definitionen, Ursachen und Systematisierungen von Unterrichtsstörungen
3.3. Ziele von Unterrichtsstörungen und die Illusion des störungsfreien Unterrichts

4. Unterrichtsstörungen in der praktischen Beobachtung
4.1. Auswertung der Beobachtungsprotokolle
4.2. Auswertung der Schülerumfrage
4.3. Pädagogische Theorie und Praxis – Sind Unterrichtsstörungen vermeidbar?

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang
7.1. Beobachtungsprotokolle
7.2. Schülerumfrage

1. Einführung

Ziel dieser Hausarbeit soll die theoretische und praktische Untersuchung der Ursachen, Ziele und Wirkungen von Unterrichtsstörungen auf Basis pädagogischer Forschungsliteratur, empirischer Beobachtungsprotokolle und Umfragen sein. Unterrichtsstörungen sind fester Bestandteil des Schulalltags und ergeben sich aus den unterschiedlichen Biographien, Motivationen und Zielen von Schülern und Lehrern.

Die Arbeit folgt dabei einem dreigliedrigen Aufbau. Zunächst soll in Punkt 2.1. das Max-Mustermann-Gymnasium als Praktikums- und Beobachtungsstätte näher beschrieben werden, um anschließend in Punkt 2.2. die beobachtete Klasse 9f im Detail zu analysieren. Der zweite Teil der Arbeit ergründet in Punkt 3.1. explizite Voraussetzungen für eine Beschäftigung mit der Thematik Unterrichtsstörungen, widmet sich in 3.2. Definitionen, Ursachen und Systematisierungen von Unterrichtsstörungen und schließt die theoretische Fundierung dieser Arbeit mit der Frage nach Zielen von Unterrichtsstörungen und einer Argumentation um die Illusion des störungsfreien Unterrichts ab. Im dritten Teil des Praktikumsberichts erfolgt die Auswertung der Beobachtungsbögen sowie einer Schülerumfrage. Dabei werden in 4.1. drei Stundenprotokolle detailliert ausgewertet und auf Unterrichtsstörungen hin analysiert. In Punkt 4.2. erfolgt anschließend in Hinblick auf Motivation, Störverhalten und Aufmerksamkeit eine Kurzauswertung der unter 116 Schülern durchgeführten Umfrage. Im letzten Punkt 4.3. wird die bereits im Praktikumsbericht angedeutete Brücke zwischen theoretischer und praktischer Ursachenforschung zu Unterrichtsstörungen geschlagen. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der Vermeidbarkeit von Unterrichtsstörungen und Möglichkeiten der „Entstörung“.

Warum ist gerade eine Beschäftigung mit dem Thema Unterrichtsstörungen für die (zukünftige) eigene und fremde Lehrertätigkeit erkenntnisbringend? Zum einen stellen Unterrichtsstörungen einen festen Teil jeglicher pädagogischer Arbeit dar. Jeder Lehrer wird im Laufe seiner Berufslaufbahn mehr oder weniger häufig mit ihnen konfrontiert. Dabei ist es wichtig, kompetent und verantwortungsvoll mit Störsituationen umzugehen, damit eine angenehme Lernatmosphäre entstehen kann. Zum anderen geben Unterrichtsstörungen wichtige Indizien über die Unterrichtsführung und Methodik jedes Lehrers. Nicht jeder störanfällige Unterricht ist zwangsläufig uninteressant und langweilig für die Schüler. Dennoch scheinen erfolgreiche Lehrer vor allem dadurch gekennzeichnet zu sein, dass sie Störungen lange vermeiden und diese bei ihrem Auftreten schnell und effizient neutralisieren können.

Vor allem die Arbeiten Rainer Winkels, allen voran Winkels Standardwerk „Der gestörte Unterricht“, bildeten eine wichtige Basis dieser Arbeit. Winkel schafft es durch die Verbindung theoretischer Fundierung und praktischer Lehrerfahrung Unterrichtsstörungen als Gesamtphänomen analysierbar zu machen. Auch die Monographien Ulrich Kapfers und Michael Pfitzners verschafften durch ihre Verbindung von empirischer Schulforschung und pädagogischer Theorie wichtige Erkenntnisse über mögliche Definitionen, Ursachen und Ziele von Unterrichtsstörungen. In Verbindung mit den praktischen Beobachtungs- und Umfrageergebnissen konnte so an möglichst vielen Stellen der Arbeit eine Verbindung zwischen Theorie und Praxis hergestellt und nachgewiesen werden.

Im Rahmen des Berufsfelderschließenden Praktikums erhoffte ich mir vor allem drei Fragen klären zu können: Zum einen, ob sich meine eigene Sicht auf Unterrichtsstörungen durch den vollzogenen Perspektivwechsel verändern würde. Zum zweiten, inwieweit der Einblick in eine fremde Schule diese Sicht beeinflussen würde und drittens, ob mich die Eindrücke während meines vierwöchigen Praktikums am Max-Mustermann-Gymnasium in meinem Wunsch, den Lehrerberuf zu ergreifen, bestärken würden.

2. Vorstellung der Praktikumsschule und der hospitierten Klasse

2.1 Portrait des Max-Mustermann-Gymnasiums

Das Max-Mustermann-Gymnasium (MMG) wurde 1905 gegründet und ist heute mit mehr als 1200 Schülern1 und fast 100 Lehrern eines der größten Gymnasien Berlins. Die Schülerschaft besteht zu 56,9 Prozent aus Mädchen und zu 43,1 Prozent aus Jungen. Die durchschnittliche Klassenstärke liegt bei 27 Schülern. Das Gymnasium liegt im Süden des Bezirks Musterbezirk, in der Nähe des U-Bahnhofs Musterstraße, der Einzugsbereich umfasst vorrangig die Bezirke Musterbezirk und Musterbezirk 2. Das vierstöckige Hauptgebäude beinhaltet eine Aula, die Platz für bis zu 350 Personen bietet, eine Theaterwerkstatt, eine Mediathek, zwei Computerräume, eine kleine Schülerbücherei sowie eine Cafeteria. Das Hauptgebäude wird dabei von einem etwa fünf Fußminuten entfernten neuen Lehrgebäude ergänzt, welches ausschließlich von den 7. und 8. Klassen genutzt wird. Im hinteren Bereich des Hauptgebäudes befinden sich zudem ein großer Sportplatz mit Tartanbahn sowie eine angrenzende multifunktionale Sporthalle. Die Ausstattung der Schule ist in diesem Sinne vorbildlich, modern und schülerorientiert.

Das Gymnasium fühlt sich der Tradition der Schule verpflichtet, die als "Realgymnasium" begann. Seit vielen Jahren gilt als Motto der Schule: "Miteinander leben - voneinander lernen". Diesem Leitbild verpflichtet, bildet der kulturelle Austausch und die interkulturelle Begegnung einen Schwerpunkt der Erziehungsarbeit am MMG.

Das Max-Mustermann-Gymnasium ist ein sechszügiges Gymnasium mit Schwerpunkt auf den modernen Fremdsprachen und bietet bereits seit 1993 einen bilingualen deutsch-spanischen Zug ab der 5. Klasse an. Je zwei Klassen erhalten ab dem 5. Schuljahr Spanischunterricht, zunächst mit sechs Wochenstunden, ab der 9. Klasse werden dann auch die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer Geschichte und Erdkunde auf Spanisch unterrichtet. Spanisch wird in der gymnasialen Oberstufe zum Leistungsfach und damit Abiturprüfungsfach. Die Schüler des bilingualen Zuges rekrutieren sich aus allen Berliner Bezirken. Einen zweiten, wichtigen Schwerpunkt stellt die praktische künstlerische und musikalische Arbeit dar, die in einer großen Zahl von schulinternen und -externen Ausstellungen, Projekten und Aufführungen und Konzerten Ausdruck findet. Der dritte Schwerpunkt liegt im Bereich der politischen Bildung. Hier beteiligten sich die Schüler in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern regelmäßig an Projekten der aktiven Auseinandersetzung mit der aktuellen Politik.

Etwa zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler stammen aus dem direkten Umfeld der Schule beziehungsweise einem Einzugsbereich von unter 10 Kilometern. Zahlreiche Schüler mit Migrationshintergrund besuchen das Gymnasium. Etwa 40 Prozent der nichtdeutschen MMG-Schüler besitzen die türkische Staatsangehörigkeit, je etwa 10 Prozent die polnische beziehungsweise russische Staatsbürgerschaft. Der Rest verteilt sich auf 29 Nationen. Ihr Anteil an der Gesamtschülerzahl beläuft sich dabei insgesamt auf circa 10 Prozent. Der Anteil der Schüler mit nichtdeutscher Herkunftssprache beträgt 26,4 Prozent. Ihre Deutschkenntnisse sind dabei zumeist auf gutem Niveau, sie scheinen insgesamt gut integriert2.

Zahlreiche Veranstaltungen wie Musikabende, Bandkonzerte, Schuldisco, Theateraufführungen sowie Schul- und Sportfeste verbessern das Miteinander an der Schule. Auch die Möglichkeit der Teilnahme an sportlichen Veranstaltungen wie „Jugend trainiert für Olympia“, Waldläufen sowie dem Schwimmen trifft bei den Schülern auf große Zustimmung. Die Schulleitung engagiert sich insbesondere in zwei Bereichen: Zum einen steht der Umweltschutz im Mittelpunkt des Schulgeschehens. Dazu gehören energietechnische Aufklärungsmaßnahmen im Physikunterricht, der bewusste Umgang mit Ressourcen wie Wasser, Strom und Wärme sowie die korrekte Abfalltrennung und Beseitigung. Zum anderen wurde ein Patenschaftsprogramm an der Schule ins Leben gerufen. Getreu dem Schulmotto „Miteinander leben – voneinander lernen“ übernehmen dabei im Idealfall zwei Jungen und Mädchen der 9. und 10. Klasse Patenschaften für neu hinzugekommene 5. beziehungsweise 10. Klassen. Sie helfen den anderen Schülern bei der Schuleinführung, betreuen und beraten bei aktuellen Klassenproblemen, helfen bei der Organisation von Wandertagen und geben als Außenstehende Tipps für die Verbesserung des Klassenklimas. Insgesamt sind die unzähligen Projekte sehr erfolgreich. Die Schüler sind durch das in sie gesetzte Vertrauen für die tatkräftige Unterstützung in den AGs, bei der Organisation von Veranstaltungen oder bei der Mitarbeit in Projektgruppen motiviert.

Innerhalb der Schule herrscht ein entspanntes und offenes Lernklima. Schüler und Lehrer gehen rücksichtsvoll miteinander um, unter den Schülern kam es während meines Praktikums weder zu Handgreiflichkeiten noch zu anderen gewalttätigen Handlungen. Die Schüler sehen sich als wichtiger Teil der Schule, ihre eigene Handschrift ziert das Gebäude an nahezu jeder Stelle. Im Eingangsbereich des Gymnasiums werden aktuelle Kunstprojekte vorgestellt, der Pausenhof ist mit Wandkunstwerken von den Schülern selbst gestaltet worden und in den Fluren finden sich Abschiedsgrüße vergangener Abiturjahrgänge. Auch in den Klassenräumen finden sich Projektarbeiten oder auch Poster an den Wänden, die den Räumen so eine persönliche Note verleihen. Die so geschaffene Atmosphäre spiegelt sich im Miteinander und Arbeitsklima wider. Während der Pause herrscht auf den Fluren keine Hektik, verschiedene Rückzugspunkte innerhalb und außerhalb des Schulgebäudes sorgen dafür, dass sich Lehrer und Schüler gleichsam entspannen können. Auch das Lehrerzimmer, in vielen Schulen eine Art Festung des Personals, steht allen Schülern jederzeit offen. Materialien und Kopierer stehen dort bereit, Lehrer und Schüler können hier abseits des Klassenraums beratende und persönliche Gespräche führen.

2.2 Portrait der Klasse 9f des Max-Mustermann-Gymnasiums

Neben zahlreichen hospitierten Stunden in Geschichte, Englisch und weiteren Fächern in anderen Klassen richtete sich der Beobachtungsfokus vor allem auf die Klasse 9f des Max-Mustermann-Gymnasiums. Im Klassenraum 307A des Hauptgebäudes haben die Schüler die meisten Stunden in der Woche und werden dabei in den Fächern Mathematik und Physik von ihrer Klassenlehrerin Frau Mustermann unterrichtet. Die Klasse ist mit nur 21 Schülern ungewöhnlich klein im Vergleich zur durchschnittlichen MMG-Klassenstärke von 27 Schülern. Die Klasse 9f setzt sich dabei aus 9 Jungen und 11 Mädchen zusammen, die alle im Alter zwischen 14 und 16 sind.

Der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund ist gemessen am schulinternen Schnitt hoch und bereitet keine Schwierigkeiten. Die meisten nichtdeutschen Schüler besitzen die türkische Staatsbürgerschaft, davon 6 Jungen und 9 Mädchen. Das Klassenklima ist angenehm, die Schüler zeichnen sich durch angemessene Mitarbeit und individuell sehr unterschiedliches Leistungsvermögen aus, es handelt sich insgesamt um eine stark heterogene Lerngruppe. Im Schulvergleich der neunten Klassen ist das Leistungsniveau durchschnittlich, der Großteil der Schüler erreicht in Tests und Klassenarbeiten befriedigende bis gute Ergebnisse. Die Arbeitsgeschwindigkeit der Schüler variiert geringfügig, die methodischen Kenntnisse sind bei den meisten Schülern auf einem ähnlichen Niveau. Im subjektiven Vergleich zeichnet sich die Klasse vor allem durch ihre Kollegialität und den starken inneren Zusammenhalt aus. Die meisten Schüler pflegen, auch bedingt durch die geringe Schüleranzahl, freundschaftliche Kontakte, insgesamt kommt es selten zu Streitigkeiten. Die Schüler respektieren einander, während des Unterrichts kommt es nicht zu Anfeindungen gegen Mitschüler, schwächere Schüler werden sogar im Unterricht von ihren Mitschülern zur Mitarbeit ermuntert. Diese Hilfsbereitschaft ist vor allem auf den Einfluss von Frau Mustermann zurückzuführen. Sie leitet die Klassen in ihren eigenen Stunden verständnisvoll zum rücksichtsvollen Umgang miteinander an und betreut die Klasse nun bereits seit mehreren Jahren. Sie kennt daher die Eigenheiten ihrer Schüler und kann so als Klassenlehrerin auf deren Sorgen und Nöte gut eingehen.

Ähnlich wie in den anderen Klassen des Max-Mustermann-Gymnasiums zeichnet sich auch die 9f durch eine hohe Selbstständigkeit aus. Jede Woche übernimmt ein Schüler den Tafeldienst, ein anderer sorgt für das Abholen und den Transport des Klassenbuches. Die Schüler werden auch bei der Raumgestaltung zur Mitarbeit angeregt. Durch das Anbringen von Projektarbeiten und Postern und der regelmäßigen Erneuerung dieser, befindet sich der Raum ständig in der Umgestaltung. Die Schüler empfinden diese Veränderung nach eigenem Bekunden als willkommene Abwechslung zum normalen Schulalltag und besonders die Mädchen wenden sich immer wieder mit Veränderungswünschen an ihre Klassenlehrerin.

Die Mädchen übernehmen, auch bedingt durch ihre Überzahl, die Führungsrolle in der Klasse. Zum einen erreichen sie in den Tests überdurchschnittlich oft gute Ergebnisse, zum anderen sind sie freundschaftlich enger miteinander verbunden. Die Jungen pflegen zwar untereinander lose freundschaftliche Beziehungen, doch ordnen sie sich durch den schwächeren Zusammenhalt bei klasseninternen Entscheidungen den Mädchen unter, beispielsweise bei der Entscheidung über das Ziel der Klassenfahrt. Diese Gruppendynamik ist insofern für den Untersuchungsgegenstand wichtig, als dass die Häufigkeit und Intensität der Unterrichtsstörungen im Vergleich zu anderen neunten Klassen des MMG etwas geringer ist. Die Mädchen arbeiten konzentrierter und regulieren Normbrüche innerhalb der Klasse selbstständig. Bei akuten Störsituationen, zum Beispiel ausgelöst durch einen Jungen, greifen sie mitunter in die Situation verbal ein und versuchen die Unterrichtsstörung zu beseitigen.

[...]


1 Anmerkung: Im Folgenden wird nur noch von „Schüler“ und „Lehrer“ gesprochen werden, um die Texte durch die kürzere Formulierung zu entlasten. Dies stellt keine geschlechtsspezifische Wertung dar und impliziert ebenso Schülerinnen und Lehrerinnen.

2 Konkretere Aussagen zu dieser Frage sind im Rahmen dieses Praktikumsberichtes nicht möglich.

Details

Seiten
43
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656025061
ISBN (Buch)
9783656024736
Dateigröße
839 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179829
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Erziehungswissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Unterrichtsstörungen Berufsfelderschließendes Praktikum Schulpraktikum Störungsfreier Unterricht Beobachtungsprotokoll

Autor

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Titel: „Der gestörte Unterricht“ - Unterrichtsstörungen in der pädagogischen Theorie und Praxis