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Kollaboratives Fremdsprachen-Methodentraining für Pädagogen an österreichischen Berufsschulen

Rahmenbedingungen und Implementierung eines Seminarkonzepts zur schulübergreifenden Nutzung von Wikis und Weblogs in der Lehrerfortbildung der pädagogischen Hochschulen

Hausarbeit 2011 27 Seiten

Pädagogik - Schulwesen, Bildungs- u. Schulpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Rahmenbedingungen der Aus- und Weiterbildung

3 Anforderungsermittlung kollaborativer E-Learning-Fortbildungen
3.1 Problem- und Bedarfsanalyse
3.2 Adressatenanalyse – Lehrkräfte als Seminarteilnehmer
3.3 Wissensanalyse
3.4 Ressourcenanalyse

4 Strategische Konzeption für E-Lehrerfortbildungen
4.1 Zielsetzung und eine Vision
4.2 Systemische Strategieentwicklung
4.2.1 Die Perspektive „Organisation“
4.2.2 Die Perspektive „Mensch“ in Lerngemeinschaften
4.2.3 Die Perspektive „Technik“ - the never ending story
4.3 Förderliche und hemmende Bedingungen

5 Just do it: Die Realisierung der entwickelten Strategie
5.1 Fünf-Phasen-Modell der Wissensschaffung
5.2 Aufbau von Methodenwissen im Blended Learning
5.3 Kooperative Selbstqualifikation
5.4 Lernen durch Reflexion
5.5 Dokumentation und Evaluation

6 Zusammenfassung, Ausblick und ein erster Schritt

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Fremdsprachenunterricht an der Berufsschule sollte geprägt sein von kommunikativen und innovativen Unterrichtsmethoden, die Schülerinnen und Schüler motivieren, die erlernte Fremdsprache auch zu gebrauchen. Solche Methoden eröffnen Zugänge zu Inhalten und bahnen Lernsituationen an, bei denen Schülerinnen und Schüler Handlungskompetenzen entwickeln (Esslinger-Hinz, 2007, S. 154). Einige wenige Methoden genügen dafür nicht, die Lehrkraft sollte vielfältige Methoden in ihrem Repertoire zur Verfügung stehen haben.

Der Spruch „ Teachersteachastheyweretaught, not astheyweretaughttoteach“ beschreibt ein Lehrerhandeln, das maßgeblich von den eigenen Lernerfahrungen geprägt wurde (Busian & Pätzold, 2004, S. 2). Nicht alle Lehrerinnen und Lehrer an Berufsschulen hatten das Glück, in den Jahren vor ihrer Matura (bzw. Reifeprüfung) von methodisch exzellent ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern in einer Fremdsprache unterrichtet worden zu sein. Gerade Berufsschullehrerinnen und –lehrer sind oft Späteinsteiger in den Lehrberuf, eine solide Ausbildung in Unterrichtsmethoden speziell für Fremdsprachen sollte für alle neu eingestellten Lehrkräfte vorgesehen sein.

Das vorliegende Methodentraining in Form eines Seminarkonzepts beschreibt einen möglichen Weg, wie sich Lehrerinnen und Lehrer kollaborativ über praxisnahe Unterrichtsmethoden austauschen können. Dies erfolgt möglichst ressourcenschonend, was Vertretungsstunden, Reisekosten und Abwesenheitszeiten betrifft. Zudem entsteht eine praxisnahe Methodensammlung im Internet, die anderen Kolleginnen und Kollegen ermöglicht, die erprobten Methoden zu verwenden, auch wenn sie am Seminar nicht teilgenommen haben.

Zwar ist das zugrunde liegende didaktische Konzept nicht Inhalt dieser Arbeit, aber zumindest muss die Grobstrukturim Vorfeld dargestellt werden, um die späteren Argumentationen nachvollziehen zu können. Exemplarisch wird es anhand des Unterrichtsfaches „Englisch“ dargestellt, weil dies die am häufigsten unterrichtete Fremdsprache an österreichischen Berufsschulen ist.

Das Seminar läuft folgendermaßen ab:

1. Pro Berufsschule, die am Seminar teilnimmt, melden sich zwei Lehrerinnen bzw. Lehrer an, die nachfolgend Lehrer-Tandem genannt werden.
2. In einer eintägigen Präsenzveranstaltung gibt die Seminarleitung nach der Kennenlern-Phase Infos über den Ablauf des Seminars und führt in die grundlegende Benutzung der zu verwendenden Internet-Werkzeuge (Wikis und Blogs) ein.
3. In den nächsten zwei Monaten recherchiert das Lehrer-Tandem Methoden für den Englisch-Unterricht, trifft eine kleine Auswahl von geeigneten Methoden, plant die Einbindung in den Unterricht, führt diese geplanten Unterrichtsstunden in den eigenen Berufsschulklassen durch, reflektiert die Methoden und hält Methoden und Reflexion strukturiert in einem Wiki fest.
4. Zu einem festgesetzten Zeitpunkt berichtet dieses Lehrer-Tandem den anderen Seminarteilnehmern in einer Internet-Konferenz über Erfahrungen mit diesen Methoden und ergänzt das Wiki gemäß den Anmerkungen und Fragen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.
5. Einige der vorgestellten Methoden werden innerhalb einer bestimmten Frist (ca. 2 Monate) von den anderen Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern ausprobiert und wiederum reflektiert.
6. Während dieser Phasen ist es die Aufgabe der Seminarleitung, durch kleinere Zwischenaufgaben, Informationen, Anweisungen zur Peer-Review etc. eine Diskussion über Methoden via Blog (oder Forum) am Laufen zu halten.

Bei dieser Vorgehensweise ergeben sich zwei grundlegende Fragen:

1. Welche Anforderungen an die Organisation und welche Rahmenbedingungen sind notwendig, um diese Art der dezentralisierten Weiterbildung von Methodenkompetenz für den Fremdsprachenunterricht (hier: Englisch-Unterricht) zu ermöglichen?
2. Welche Strategien ermöglichen einen kollaborativen, schulübergreifenden Austausch von Methodenwissen und welche Barrieren sind dabei absehbar?

Im Folgenden werden die derzeitigen Rahmenbedingungen für die Aus- und Weiterbildung von Englisch-Lehrerinnen und Lehrern an österreichischen Berufsschulen beschrieben. Anschließend erfolgt eine Darstellung möglicher Analysewege zur Erhebung des Bedarfs, eine Analyse der Adressaten undeine Analyse des zu vermittelnden Wissens und der benötigten Ressourcen. Im Kapitel „Konzeption“ wird das Ziel der Fortbildung erläutert und Strategien bezüglich Organisation, Mensch und Technik festgelegt, wobei besonderes Augenmerk auf förderliche und hemmende Bedingungen gelegt wird. Anschließend werden unter Zuhilfenahme von Modellen aus dem Wissensmanagement und aus Erkenntnissen des Blended-LearningsHinweise zur Durchführung dieses Lernarrangements gegeben. Ob eine Chance besteht, dieses Konzept innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen realisieren zu können, darüber wird im letzten Kapitel nachgedacht.

2 Rahmenbedingungen der Aus- und Weiterbildung

Das Studium „Berufsschulpädagogik“, das für Berufsschullehrer innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Aufnahme in den Lehrdienst zu absolvieren ist, wird an den Pädagogischen Hochschulen des jeweiligen Bundeslandes angeboten. Es ist in weiten Teilen von einer kontinuierlichen Parallelität von Studium und Unterricht geprägt. Während des sechssemestrigen Studiums ist das erste und des letzte Studienjahr berufsbegleitend geblockt zu absolvieren, sodass nebenbei an der Berufsschule, meist im Ausmaß einer vollen Lehrverpflichtung von 23 - 26,5 Wochenstunden, unterrichtet werden kann. Das 3. und 4. Semester wird im Vollzeitstudium angeboten.Dies, und der rasche Einstieg in das Unterrichten sofort im Anschluss an eine mindestens dreijährige Tätigkeit in der Wirtschaft, ermöglichen eine frühzeitige Praxiserfahrung schon während des Studiums. Da die Studierenden als voll integrierte Lehrende tätig sind, ist eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis möglich (Mathies, 2009, S. 115).

Was die Englisch-Ausbildung während dieses Studiums betrifft, wird Englisch einsemestrig als Wahlpflichtmodul im Ausmaß von 2,5 SWS angeboten, allerdings in Konkurrenz zu drei bis vier weiteren Wahlpflichtmodulen. Dieses Modul ist keineswegs Voraussetzung, um an der Berufsschule Englisch zu unterrichten. Es ist Usus, das (vor Jahren) erlangte Matura- bzw. Reifeprüfungsniveau vorläufig als ausreichende Befähigung für das Fach „Berufsbezogenes Englisch“ zu akzeptieren, bis später (freiwillig) ein sechssemestriger Lehrgang „Berufsbezogene Fremdsprache Englisch“ besucht wird. Bei weitem nicht alle Lehrkräfte, die dieses Fach unterrichten, haben diesen Lehrgang besucht.

Die Fortbildungsplanung (bis zur Pensionierung) ist traditionell Aufgabe der einzelnen Lehrperson. Mit zunehmender Autonomisierung und Profilierung der Schulen wird der Wunsch nach einer koordinierten Bildungssteuerung laut. Auch bildungspolitische Rahmenbedingungen (z. B.: der „Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen – GERS“) machen eine Koordination von Fortbildungen notwendig. Ein erster Schritt war, dass seit 2007 die PädagogischenHochschulen allein hauptzuständig für die Fortbildung der Pflichtschullehrerinnen und –lehrer sind(Mayr & Neuweg, 2009, S. 115). In Oberösterreich bieten (als Sonderfall) sowohl die Pädagogische Hochschule des Bundes als auch die Private Pädagogische Hochschule der Diözese Linz Seminare für Berufsschullehrerinnen und –lehrer an.

Anlässlich einer Rechnungshof-Prüfung der Hochschulen im Jahr 2007 wurde das Fehlen von statistischen Daten zum Fortbildungsverhalten von Lehrkräften bei den Schulbehörden bemängelt. Zwar existiert eine überprüfbare gesetzliche Fortbildungsverpflichtung für Pflichtschullehrer in einem Stundenausmaß von 15 Stunden pro Jahr (vgl. Lehrbeauftragtengesetz LDG 1986, § 43, Abs. 3), aber in welche Themen und Seminare diese Zeit investiert wird, ist nach Meinung des Rechnungshofes völlig intransparent. Ebenso wurde kritisiert, dass Fortbildungsmaßnahmen keinen unmittelbaren Einfluss auf das Gehalt haben und nur ein Viertel der formellen Fortbildungen in der Freizeit stattfinden, was in direkter Folge erhöhte Kosten für Vertretungsstunden zur Folge hat. Vorwiegend werden deshalb kurze Fortbildungen angeboten (Mayr & Neuweg, 2009, S. 117).

Im Rahmen dieser Fortbildungsverpflichtung steht es den Lehrkräften völlig frei, sich in der Fremdsprache weiterzubilden. Derzeit stehen zwei Möglichkeiten offen:

1. Derschon erwähnte berufsbegleitende, sechssemestrige Lehrgang „Berufsbezogene Fremdsprache Englisch“ im Ausmaß von 30 ECTS, der auch formell dazu berechtigt, das Fach „Berufsbezogenes Englisch in Berufsschulen“ zu unterrichten. Jedoch wird dieser Lehrgang nicht jährlich angeboten bzw. ist die Teilnehmeranzahl begrenzt.
2. Die Nutzung des Seminarangebotes der beiden Pädagogischen Hochschulen in OÖ[1].

Die Implementierung dieses Seminarkonzepts wäre in beiden oben angegebenen Varianten möglich.

Nachfolgend wird ein ressourcenschonendes Seminarkonzept für Fremdsprachen (am Beispiel Englisch) vorgestellt, das Praxisnähe, Kollaboration und Nachhaltigkeit mit Hilfe von E-Learning-Elementen verbindet.

3 Anforderungsermittlung kollaborativer E-Learning-Fortbildungen

"Dass ohne Bestimmung der Rahmenbedingungen und der Ressourcen noch nicht einmal ein simples Trainingsprogramm entwickelt werden kann, dürfte sich von selbst verstehen." (Niegemann, 2004, S. 111)

Eine gründliche Analyse der Anforderungen aus verschiedenen Perspektiven ist ein wesentliches Element für erfolgreiche Fortbildungsvorhaben. In Anlehnung an Niegemann (2004, S. 97–112) werden nachfolgend Problem- und Bedarfsanalyse, Adressatenanalyse, Wissens- und Ressourcenanalyse skizziert.

3.1 Problem- und Bedarfsanalyse

Die Problem- und Bedarfsanalyse bestimmt den Bildungs- bzw. Trainingsbedarf, setzt Prioritäten bei der Festlegung von Weiterbildungsaktivitäten und liefert Daten, um die spätere Wirksamkeit der Instruktionsmaßnahmen bestimmenzu können.

Der Bedarf selbst ist gekennzeichnet durch eine Differenz zwischen dem, was gegeben ist, und dem, was erwartet wird. Ein normativer Bedarf, also das Zurückbleiben der Qualifikation der Zielgruppe hinter dem Standard ist schwierig und aufwändig zu messen. Der Bedarf kann allerdings auch durch andere Faktoren bestimmt werden: Ein subjektiv empfundener Bedarf liegt vor, wenn Individuen selbst den Wunsch äußern, ihre Qualifikation in bestimmter Weise zu verbessern. Beim demonstrierten Bedarf weist das Verhalten der Zielgruppe (z. B. durch hohe Anmeldezahlen) auf den Bedarf hin.Auch Methoden der empirischen Sozialforschung, beispielsweise eine Fragebogenerhebung oder Interviews mit Führungskräften, können diesen Bedarf spezifizieren (Niegemann, 2004, S. 99–100).Für das vorliegende Seminarkonzept könnten beispielsweise unter Nutzung der hierarchischen Strukturen im Schulwesen, dem „Dienstweg“, per Rundschreiben mögliche Teilnehmer vorab ermittelt werden.

3.2 Adressatenanalyse –Lehrkräfte als Seminarteilnehmer

Für das didaktische Konzept ist es wichtig, bestimmte Merkmale der Zielgruppe zu kennen: Vorwissen, Position und Funktion in der Organisation, Lerngeschichte, Lernmotivation, Einstellungen, Interessen und persönliche Zielsetzungen(Niegemann, 2004, S. 101).

Da Seminare, die kollaboratives Arbeiten über Internet fordern, noch sehr selten angeboten und genutzt werden, ist für dieses Seminarkonzept das Vorwissen,die persönliche Einstellung und das Interessefür E-Learning im Speziellenzu hinterfragen.

Das Seminarkonzept eines kollaborativen Fremdsprachentrainings via Internet fordert aber auch die Lehrerinnen und Lehrer auf andere Weise: Sie sind keine passiven "Betroffenen" mehr, sondern müssen im Vergleich zu Präsenzseminaren mehr Verantwortung für die eigene Leistung und Weiterentwicklung übernehmen. Das erfordert hohe Motivation, Selbstverantwortung und Zeitmanagement. Qualitativ hohe Lernergebnisse hängen vom Lernenden selbst ab. Der Lernende muss "das Lernen lernen" (Keller & Back, 2004, S. 7).

Um also zu entscheiden, ob sich diese Vorgehensweise für die Zielgruppe eignet, sind zwei Fragen zu beantworten: Welche Erfahrung besitzt die Zielgruppe mit den Formen technologiegestützten Lernens?Ist die Zielgruppe in der Lage selbstorganisiert zu arbeiten und zu lernen? (Böhler et al., 2011, S. 3).

Beide Fragen könnten mit persönlichen Gesprächen oder „Einstufungstests“ geklärt werden. DaErsteres sehr zeitaufwändig und Letzteres in der Lehrerfortbildung sehr ungewöhnlich wäre, wird auf ein eherunüblichesMerkmalin Seminarausschreibungen für Lehrkräfte zurückgegriffen: Wenn die Lehrkraft den Umgang mit einer Lernplattform (z. B. Moodle) oder eines sozialen Netzwerks (z. B. Facebook) beherrscht, dann ist dies für vorliegendes Seminar ausreichend. Da der Umgang mit Blogs und Wikis ähnlich ist, dürfte eine kurz gehaltene Einführungsphase ausreichend sein. In der Seminarausschreibung wird deshalb als Voraussetzung für die Teilnahme „Medienkompetenz auf Moodle- oder Facebook-Niveau“ angeführt.

[...]


[1] Im Schuljahr 2011/12 sind für den Berufsschulbereich vier eintägige Seminare („Useitor lose it“, „Designing Worksheets andtests“, „Leistungsbeurteilung im Englischunterricht“) und ein zweitägiges Seminar („Classroom-Management“) vorgesehen (Prieler, 2001, S. 61; Lux, 2011, S. 95).

Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656025016
ISBN (Buch)
9783656025177
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179877
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
eEducation eLearning Berufsschule Neue Medien Englisch Fremdsprache esl Schilf Lehrerfortbildung Wiki Blog Seminar Pädagogik

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