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Nachrichtenwerttheorie & "gatekeeper"-Forschung

Hausarbeit 2006 18 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Vorwort & Einleitung
2. 1 Verortung im Kontext
2. 2 Ein kurzer genealogischer Abriss

3. Nachrichtenwerttheorie - Die objektive/intersubjektive Komponente
3. 1 Beispiele
3. 1. 1 Der Faktorkatalog von Johan Galtung & Mari H. Ruge
3. 1. 2 Die Faktorenkataloge von Winifred Schulz bzw. Joachim F. Staab
3. 2 Zwischenbewertung
3. 2. 1 Kritik
3. 2. 2 Weiterführendes/Anknüpfendes

4. “gatekeeper-Forschung” - Die subjektive Komponente
4. 1 Begriffliches & Definition
4. 2 Diverse Studienansätze in drei Kategorien
4. 2. 1 Individuelle Studien: David M. Whites “Mr. Gates”
4. 2. 2 Institutionelle Untersuchungen
4. 2. 3 Der kybernetische Zugang
4. 3 Fazit
4. 3. 1 Kritik
4. 3. 2 Weiterführendes/Anknüpfendes

5. Ausblick: online-Medien

6. Bibliographie

2. Vorwort & Einleitung

Wenn man sich mit Kommunikations- bzw. Medientheorien beschäftigt, muss man sich auch unweigerlich mit den zwei hier zu diskutierenden, nahe verwandten theoretischen Modellen auseinandersetzen, man kommt an ihnen einfach eher schlecht als recht vorbei. Dabei gilt es aber vorweg eines besonders zu beachten: wie immer, wenn man sich auf wenigen Seiten mit Themen befasst, über die Abhandlungen und ganze Bücherregale gefüllt werden, sollte man sich vor Augen führen, dass die Betrachtung eine zutiefst heuristische ist und bleiben muss. Nichtsdestotrotz soll diese Einschränkung nicht den Versuch, die wesentlichen Elemente bündig zusammengestellt wiederzugeben, a priori zum Scheitern verurteilen. Ganz im Gegenteil kann eine überblicksartige Darstellung oft den Wald und nicht nur die Bäume zeigen, kann zur Orientierung im “akademischen Dschungel” durchaus hilfreich sein.

Damit ist auch schon die Brücke zur Crux der vorliegenden Arbeit geschlagen; im Kern beschäftigt sie sich nämlich eben genau damit: wie gelingt es, in diesem Falle Nachrichten im weitesten Sinne verstanden, derart auszuwählen, dass die allen Sprachen innewohnende Redundanz auf ein erträgliches und vor allem und viel wichtiger noch, sinnvolles Maß heruntergeschraubt werden kann?

2. 1. Verortung im Kontext

Kurz und knapp: wie gelingt die Nachrichtenauswahl ?

Die Antwort auf diese Frage führt insbesondere zu einem: zur Entwicklung und in Folge davon, im weiteren Verlauf zur Ausdifferenzierung von Theorien. Zwei davon sollen hier behandelt werden. Eines haben sie allerdings bereits im Vorfeld gemeinsam und zwar mit allen Theorien; sie wollen erklären. Das tun sie in der Regel anhand von Kriterien, die signalisieren, ob ein Ereignis in Reichweite einer Theorie liegt und daher selbige darauf anwendbar ist. Dies wiederum gelingt unter Zuhilfenahme von Operationalisierungen und exakt darum geht es bei den zur Debatte stehenden Konstrukten. Damit gelangt man freilich zu folgender Frage: Welche Kriterien sind es, die uns ermöglichen, reale Ge- & Begebenheiten am ökonomischsten und trefflichsten zu strukturieren, welche Heuristiken1 sind am plausibelsten, um wenigstens ein Mindestmaß an Kohärenz und Stimmigkeit in der Welt aufzudecken? In ähnlicher Form standen vermutlich mit beinahe zwingender Sicherheit all jene Forscher dieser Wissensdisziplin vor dem Problem, die als Antwort darauf Nachrichtenwerttheorien ausklügelten, von denen sowohl die “gatekeeper”Forschung, wie auch die Nachrichtenwerttheorie sui generis, streng genommen nur Unterarten darstellen und die dann als “Schablonen” der Auswahl im eben umrissenen Chaos dienen. Da alle guten Dinge drei sind, eine letzte Frage, bevor dann endlich deren Widerpart in Angriff genommen wird: Wie sehen die damit verbundenen Hypothesen aus und welche anderen Subformen gibt es noch?

2.2 Ein kurzer genealogischer Abriss

Der zweite Teil soll an diesem Punkt zuerst enträtselt werden, da der erste den Rest des Essays in Anspruch nehmen wird. Der Gattungsbegriff der Nachrichtenwerttheorien erstreckt sich nahezu über das gesamte Spektrum kommunikativer Akte in all ihren Spielarten. An der Peripherie werden Ansätze tangiert, die sich mit den Phänomenen der Rezipientenforschung befassen und zudem mit dem “framing”-Konzept in enger Beziehung stehen. Jedoch wenigstens die konsumorientierte Perspektive ist ja das kontradiktorische Gegenteil der hier veranschlagten. Und “Rahmen” sind als Oberbegriff für den gesamten Themenkomplex durchaus von erheblichem Nutzen. Naheliegender hingegen ist das “gatekeeping” selber, die “news-bias“-Forschung, welche sich im Wesentlichen um Präjudizierendes dreht, des weiteren Fallstudien zur Organisationstheorie und - last not least - die genuine Nachrichtenwerttheorie. Nachdem also nun eine grobe Struktur den Ereignishorizont absteckt, wird es Zeit sich der Genese der zwei zentralen Theoreme zu stellen, teils aus historischer Sicht, teils mit Querverweisen auf bereits genannte “Familienangehörige” und - im Vorgriff - mit dem Hintergedanken, aufzuzeigen, warum gerade diese beanspruchen können, als polarisierende Enden eines fiktiven Kontinuums herzuhalten. Was damit gemeint ist wird hoffentlich nach einem intensiveren Blick auf die zwei hier besonders relevanten “Äste des Stammbaums” klar werden. Zunächst also zum einen Rand, dem am Abgrund des Nichtdefinierten.

3. Nachrichtenwerttheorie - Die objektive/intersubjektive Komponente

Warum diese kryptische, mystisch-mythologisch anmutende Formulierung? Nun, wie will man das, das man nicht beschreiben, geschweige denn benennen kann, erklären bzw. überhaupt erst mal verstehen, wenn einem die Wörter dazu fehlen? Das Problem hier ist folgendes: es gibt noch keine Kriterien oder Faktoren anhand derer man irgendetwas auswählen könnte, nur Informationen, die man noch nicht einmal so bezeichnen darf, da man sich bisher noch auf nichts geeinigt hat. Wenn man einfach mal die Notwendigkeiten, die uns in dem Zusammenhang kaum angehen, postuliert, Sprache beispielsweise und ein differenziertes System diverser Medien, dann bilden sich schnell Strukturen in den Nachrichtenflüssen aus und diesen Vorgang gilt es zu ergründen. Beispielhaft für diese Prozesse die weit über die journalistische Korrespondenz hinaus-, bis tief in das alltägliche “Geplauder” hineingreifen, seien die Selektionsroutinen genannt, die sich aus mittlerweile zahlreichen Faktorkatalogen ergeben und eben jene determinieren.

Es gibt natürlich selbstverständlich auch die Möglichkeit sich dem ganzen weniger metaphysisch anzunähern. Profaner ist der Zugang über einen Teil der Fachgeschichte, der mit der Genealogie der genannten Felder in enger Wechsel- beziehung steht. Über die weiter unter ausführlicher erläuterte “gatekeeper”- Forschung, wie sie in den 50ern des letzten Jahrhunderts aufkommt und die den Journalist ins Rampenlicht stellt, ist der Weg nicht weit zum “news-bias”, der Passivität unterstellt, gespeist aus dem kritischen Vorwurf, der das zuvorderst genannte als persönlichkeitspsychologisch tendenziös brandmarkt. Von dort wiederum gelangt man durch die Erweiterung auf das gesamte Gesellschaftsgefüge, auch unter Einbezug sozialpsychologischer Impulse, zur Organisationstheorie und zur Sozialisation dieser Berufsgruppe. Exemplarisch seien hier Tuchman & Saxer mit ihrer “Theorie der redaktionellen Entscheidungsprogramme/Routinen” angebracht, weil sie die eine Seite einer Medaille untersuchen, deren andere in diesem Kontext von höchstem Interesse ist. Sie nämlich weisen auf strukturelle Zwänge wie Quellenzugänglichkeit, Beschaffungsaufwand, Zeit- & Platzmangel und die Überweisung der Themen an Einzelressorts und -rubriken hin, erhaschen aber noch einen kurzen Blick auf die Rückseite, indem sie ein Schlaglicht auf bestimmte Gütemerkmale werfen, denen der geneigte “Schreiberling” genüge zu leisten hat und vielmehr noch, sogar mit dem Anspruch auftritt dies auch zu wollen! In einem Wort, kann man auch von einer Nachrichtenwertverk ö rperung sprechen und schon (oder endlich?) sind wir wieder bei der Nachrichtenwerttheorie und zwar diesmal bei der eigentlichen & genuinen angelangt.2 Viele Wege führen nach Rom. Lange Rede, kurzer Sinn; was wir jetzt brauchen sind Fakten. Diese liegen in vielfältiger Art und Weise vor, allen voran in Form von Katalogen geronnen. Zustande kamen diese durch die Konzentration auf ganz bestimmte Aspekte in unserem noch recht wirren, eristisch-anarchistischen “Strom der Informationen”, aus dem sich jedoch, dank empirischer Anstrengungen, im Laufe der Zeiten Regelmäßigkeiten und Wiederholungen rauslesen ließen, oder aber, erneut von der entgegengesetzten, aktiven Warte der alles beherrschenden Dialektik gedacht, könnte man ebenso mit Recht behaupten das dieser ominöse “flow” gar erst mit der Wertverleihung an spezifische Facetten durch Nachrichten-Faktoren entsteht!

Wie also sehen nun diese “news-values” aus?

3. 1 Beispiele

Schon im Mittelalter entstehen erste unsystematische Versuche, von Freidank z. B. ist ein wundervolles Kleinod aus dem 13. Jahrhundert überliefert: “Böse Nachricht nimmt immer zu. Gute Nachricht kommt bald zur Ruh.” Höhere Komplexitätsniveaus sind aber erst seit 1922 erreichbar. In jenem Jahr legt Lippmann ein wichtiges Fundament durch seine Unterscheidung von Umwelt und Pseudo-Umwelt, die unmittelbar auf das latente Spannungsverhältnis der zur Debatte stehenden Theorien verweist. Bereits dadurch “ist die Tür einen Spalt weit geöffnet”, die Bernays vier Jahre später gänzlich aufstößt, wenn er den Journalisten nicht nur als Berichterstatter von Ereignissen, sondern auch als deren Kreateur, als “Schöpfer” von Neuigkeiten erkennt.3 Welche “Mücken da plötzlich zu Elefanten werden können” und wie es uns Pseudo-Ereignisse, die Legion sind, tagtäglich demonstrieren, sei an dieser Stelle nur im Vorbeiflug erwähnt. Nachdem aber nun ein vorläufig ausreichendes, vages Verständnis für die Probleme, die sich mit “Realität” ergeben, vorliegt, ist es an der Zeit, schließlich doch die versprochenen Listen vorzulegen.

Merz macht den Anfang mit noch vergleichsweise bescheidenen vier Wertbestandteilen, aber weniger ist ja bekanntlich oft mehr. Im Einzelnen wären dies: Personalisierung, Prominenz, Spannung, Konflikt. Warren schließt an den Konflikt und die Prominenz die Unmittelbarkeit, Nähe, Ungewöhnlichkeit und die Bedeutung an. Unsere H.G. Wells’sche Zeitmaschine zeigt mittlerweile 1965 auf ihrer Uhr an und wir haben gerade Gelegenheit Östgaard über die Schulter zu schauen, während er sich zu seinen “Lieblingen” Vereinfachung, Identifikation & Sensationalismus bekennt. Nun müssen wir uns aber sputen, sonst verpassen wir den im gleichen Jahr von Galtung & Ruge entwickelten, bis dato vollständigsten Katalog.4

[...]


1 Zur Rolle von Heuristiken, im Unterschied zu vollbewussten Entscheidungsprozessen , bei der Nachrichtenwahl s. Shoemaker, loc. cit.; S. 38-43

2 vgl. Pürer; loc. cit.; S. 128 f.

3 vgl. auch Watzlawick; loc. cit.; S. 7: „Dieses Buch handelt davon, dass die sogenannte Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation ist. Diese These scheint den Wagen vor das Pferd zu spannen, denn die Wirklichkeit ist doch offensichtlich das, was wirklich der Fall ist, und Kommunikation nur die Art und Weise, sie zu beschreiben und mitzuteilen. Es soll gezeigt werden, dass dies nicht so ist [...]“. Damit ist das Spannungsverhältnis „subjektiv vs. inter~/objektiv“ meines Erachtens ganz gut getroffen.

4 vgl. Kunczik & Zipfel; loc. cit.; S. 245-247

Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656024262
ISBN (Buch)
9783656024101
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v179895
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – IfKW
Note
3,0
Schlagworte
nachrichtenwerttheorie gatekeeper selektion news value agenda

Autor

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Titel: Nachrichtenwerttheorie & "gatekeeper"-Forschung