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Der Einfluss von Herbert Spencers Evolutionstheorie auf sein Erziehungsmodell

Essay 2009 7 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Der Einfluss von Herbert Spencers Evolutionstheorie auf sein Erziehungsmodell

Im neunzehnten Jahrhundert hat die Evolutionstheorie einen erheblichen Einfluss auf die viktorianische Gesellschaft genommen. Sogenannte Sozialdarwinisten übertrugen die Entwicklung der Arten auf die Entwicklung der Gesellschaft. Einer der bekanntesten davon war Herbert Spencer, obwohl man ihn nicht wirklich als Sozialdarwinist bezeichnen kann, da es seine eigene Evolutionstheorie war, auf die er sein Bild von Gesellschaft, Ethik und der richtigen Erziehung aufbaute. Mit diesem Essay soll nun dargestellt werden. wie diese Übertragung begründet und konkret angewandt wurde und wie praktikabel und sinnvoll das von Spencer vorgeschlagene Erziehungsmodell (auch auf die heutige Zeit bezogen) ist. Dazu soll zunächst die Person Spencers und seine Theorie in den Grundzügen vorgestellt werden.

Leben

“British philosopher and sociologist, Herbert Spencer was a major figure in the intellectual life of the Victorian era. He was one of the principal proponents of evolutionary theory in the mid nineteenth century, and his reputation at the time rivalled that of Charles Darwin. Spencer was initially best known for developing and applying evolutionary theory to philosophy, psychology and the study of society -- what he called his ‘synthetic philosophy’” (Sweet 2006).

Dieser knappen, aber treffenden Zusammenfassung von Sweet kann man zwar entnehmen, dass Spencer zu seiner Zeit sehr bekannt und geachtet war, doch ist sein Ruhm im Gegensatz zu Darwin weitgehend verhallt und sein Name ist kaum mehr ein Begriff. Deswegen soll an dieser Stelle die Person des Herbert Spencer kurz vorgestellt werden.

Geboren in Derby 1820 extremer und radikaler Anhänger des laissez-faire und Malthusianer, der ausbleibenden Erfolg auf einen Mangel an Tugenden zurückführte, bis er durch unkluge Investitionen selbst Geld verloren hatte (vgl. Burrow 1966: 184). Spencer wurde ganz unkonventionell von seinem Vater erzogen, der strikt gegen Institutionen und Kirche war. (vgl. Sweet 2006). Spencer wurde schon früh dazu erzogen zu fragen: „Was ist die Ursache?“ (vgl. Burrow 1966: 184).

1837 bekam Spencer Arbeit bei der London and Birmingham railway als Ingenieur, er wandte sich jedoch bald darauf dem Journalismus und dem Verfassen von politischen Schriften zu. 1851 schrieb er sein erstes Buch Social Statics, or the Conditions Essential to Human Happiness. 1853 machte er eine Erbschaft und war somit finanziell unabhängig und konnte sich ganz auf das Schreiben konzentrieren. Nachdem er 1855 The Principles of Psychology veröffentlicht hatte, arbeitete er eine lange Zeit an dem neunbändigen A System of Synthetic Philosophy (1862- 93). Dieses Werk enthielt seine Ansichten in den Themenbereichen Biologie, Soziologie, Ethik und Politik (vgl. Sweet: 2006).

Spencers Evolutionstheorie und Abgrenzung zu Darwin

Da Spencers Pädagogik auf seine Evolutionstheorie aufbaut, soll sie an dieser Stelle in ihren Grundzügen erläutert werden.

Nach Spencer besitzen die Lebewesen eine Vielzahl biologischer Eigenschaften, mit Hilfe derer sie sich an die Umwelt anpassen, wenn diese sich verändert. Aus dieser Anpassung heraus, die vererblich ist, sind seiner Ansicht nach die einzelnen Arten entstanden (vgl. Keller 2002: 34).

Obwohl seine Theorie zwei Jahre vor Darwins Origin of species erschienen war, und Darwin seinen Begriff „survival of the fittest“ („das Überleben des am besten Angepassten“) übernommen hatte und nicht andersherum, wird er fälschlicherweise oft nur als der Denker angesehen, der Darwins Konzept auf die Gesellschaft übertragen hat (vgl. Schuknecht 1999: 3).

Zwischen den Theorien von Darwin und Spencer besteht ein großer, hauptsächlicher Unterschied: Laut Spencer passen sich die Arten der Umwelt an und sichern sich durch diese Veränderungen ihr Überleben. Laut Darwin besitzen die Arten die Fähigkeit zur Anpassung nicht, sondern es überleben nur die Arten, die durch eine Mutation – d.h. nicht durch biologische Fähigkeiten, sondern durch Zufall – plötzlich besser an die Umwelt angepasst sind. In beiden Fällen greift die Aussage, dass der Angepassteste überlebt, doch der Vorgang der Anpassung findet auf unterschiedliche Art und Weise statt.

Die Übertragung der Evolutionstheorie auf Gesellschaft, Ethik und die Lehrerrolle

Spencer zufolge gleicht die Gesellschaft einem Organismus. So ist das Fortbestehen der Gesellschaft gleichwie das Leben des Organismus unabhängig von den einzelnen Teilen (einzelne Menschen/Zellen) und existiert auch länger als die einzelnen Teile. Die einzelnen Teile der Gesellschaft werden aber immer mehr voneinander abhängig, was zu einem Wachstum ihrer Rechte beigetragen hat. Daraus schließt Spencer, dass der Staat langfristig gesehen überflüssig werden wird und der höchste ethische Wert somit das Wohlergehen des Individuums sein muss (vgl. Keller 2002: 35f.). Dies kann nicht einleuchtend erklärt werden, da die Begründung Spencers sehr abstrakt und weit hergeholt erscheint, jedoch soll an dieser Stelle dieses oberste Ziel als Basis seines Erziehungsideals festgehalten werden.

Nach Spencer gibt es nun vier Arten des sittlichen Handelns: „das Handeln zum Zweck der Selbsterhaltung, das Handeln zum Zweck der Arterhaltung, das Handeln zum Zweck der Erhöhung der Gesamtsumme des Lebens durch die Förderung dauernd friedlicher Gesellschaften, das Handeln, dessen Zweck es ist, anderen bei ihrer Selbsterhaltung zu helfen“ (Keller 2002: 40). Hier wird bereits die von Spencer vorgezeichnete Rolle des Lehrers erkennbar: Die Schüler sollen sich später selbst und somit auch ihre Art erhalten können und der Lehrer soll ihnen die entsprechenden Fähigkeiten dazu vermitteln.

Spencers Erziehungsmodell und kritische Analyse

Nach Spencers Auffassung basiert Erziehung auf den Prinzipien der Evolution. Sein Erziehungssystem ist in die drei Bereiche der intellektuellen, moralischen und physischen Erziehung untergliedert, die sich alle gegenseitig bedingen.

Spencer geht davon aus, dass die intellektuelle Entwicklung gleich abläuft wie die Entwicklung der menschlichen Rasse und dass die mentalen Fähigkeiten, welche sich unsere Vorfahren durch Erfahrungen angeeignet haben, erblich sind. Spencer denkt, dass nun der Herausbildungsprozess dieser Fähigkeiten in jedem von uns nochmals abläuft, nur viel schneller und auch nur, wenn kein Teil dieser Entwicklung übersprungen wird (vgl. Keller 2002: 57). Weiterhin müssen einige wichtige Prinzipien beachtet werden.

Erstens sollte der Unterricht mit einfachen und unbestimmten Themen beginnen und erst mit der Zeit komplizierter und klarer definiert werden. Das schließt auch mit ein, dass in der Schule zu Beginn möglichst wenige Fächer unterrichtet werden sollen. Zweitens sollte die Richtung des Lernens vom Konkreten/Empirischen zum Abstrakten/Rationalen gehen, da Abstraktion immer auf konkreten Einzelinformationen fußt (vgl. Keller 2002: 56). Der Lehrer muss dazu zunächst die Beobachtungsgabe seiner Schüler schärfen, bevor er damit arbeiten und Anschauungsunterricht halten kann (vgl. Keller 2002: 57). Er sollte seine Unterrichtseinheiten mit Experimenten beginnen und erst nach einer Weile Spekulationen über Prinzipien anstellen lassen, zum Beispiel sollte praktisches Zeichnen vorm perspektivischen Zeichnen unterrichtet werden. Dies stattet die Schüler mit dem nötigen Rüstzeug aus, um sich auch außerhalb des Schulkontexts oder nach der Schulzeit neue Dinge anzueignen. Diese Methodenkompetenz ist essentiell für Prinzip Nr. 3, die Selbstentwicklung. Diese ist für Spencer deswegen so wichtig, weil seinem Glauben nach die menschliche Rasse ihre Erfahrungen selbst gemacht und sich so ihr Wissen eigenständig angeeignet hat. So ist auch wie bereits oben erwähnt wichtigste Aufgabe des Lehrers, dem Schüler dabei zu helfen, sich selbst zu bilden, damit auch die „natürliche Ordnung“ des Lehrstoffes nicht gestört wird (vgl. Keller 2002: 57f.). Diese Art zu Unterrichten bietet eine Reihe von Vorteilen, die nicht von der Hand zu weisen sind und auch in der heutigen Didaktik anerkannt werden. So kann der Schüler seiner eigenen Geschwindigkeit nach lernen und die Informationen, die er sich selbst erarbeitet, besser abrufen als andere. Wenn ein Schüler z.B. ein Parallelogramm in einzelne Teile zerlegt und sich so die Flächeninhaltsformel des Trapezes aneignet, hat er diese wirklich verstanden und nicht nur auswendig gelernt. Das letzte Prinzip befasst sich damit, dass sich der Lehrer ständig fragen sollte, ob er einen Lernanreiz für die Schüler geschaffen hat (vgl. Keller 2002: 59).

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Details

Seiten
7
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656029762
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180023
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Englisches Seminar
Note
1,7
Schlagworte
einfluss herbert spencers evolutionstheorie erziehungsmodell

Autor

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