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Die Entwicklung einer Lösungsfokussierten Haltung auch über den Körper

Um den Widerstand, ausgelöst durch die Bedrohung des „Inneren Bildes“ bei einem Konflikt zu transformieren

Masterarbeit 2011 106 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis / Tabellenverzeichnis

Abstract

1 Einleitung
1.1 Ausgangslage
1.2 Begriffsabgrenzung Konfliktklärungssystem

2 Wodurch kann ein Konflikt bewusst werden?
2.1 Ausgangslage
2.1.1 Forschungsstand und Überlegungen zu Konflikt
2.1.2 Zusammenfassung Konflikt
2.1.3 Was treibt den Menschen im Konflikt zu einer Lösung?
2.2 Bildung Hypothese 1
2.3 Forschungsstand:
2.3.1 Emotion Furcht
2.3.2 Furchtkonditionierung
2.3.3 unbewusste Informationsaufnahme
2.3.4 „Innere Bilder“
2.3.5 psychosozialer Konflikt – unkontrollierbare Angst – Stressreaktion
2.4 durch Angst ausgelöste Körperreaktionen
2.5 Begriffsabgrenzung „Nonverbale Kommunikation“
2.6 Praktische Überprüfung der Hypothese 1
2.7 Zusammenfassende Bewertung Hypothese 1
2.8 Resümee in Bezug auf das Kinderhaus

3 Wie kann eine Haltung Verändert werden?
3.1 Ausgangslage
3.2 Bildung der Hypothese 2a
3.3 Forschungsstand zu Haltung und Ableitung Hypothese 2b
3.4 Überprüfung Hypothese 2a
3.4.1 Forschungsstand: Veränderung Körperhaltung und Gefühl
3.4.2 Praktische Überprüfung
3.5 Zusammenfassende Bewertung Hypothese 2a

4 Wie kann das Element des Aktiven Zuhörens in die Lösungsfokussierte Haltung auch über den Körper integriert werden
4.1 Ausgangslage
4.2 Forschungsstand:
4.2.1 Wie werden unsere Grundgefühle gesteuert?
4.2.2 Wann entsteht welches Grundgefühl?
4.2.3 Aktives Zuhören
4.2.4 Herz-Intelligenz
4.3 Bildung der Hypothesen 3a und 3b
4.4 Überprüfung der Hypothese 3a:
4.4.1 Forschungsstand: Das Herz und sein Einfluss auf den Körper
4.4.2 Praktische Überprüfung 1
4.4.3 Forschungsstand: Körperwahrnehmung und ihre Auswirkungen
4.4.4 Forschungsstand: somatische Marker
4.4.5 Forschungsstand: Was bewirkt aktives Zuhören?
4.4.6 Praktische Überprüfung 2
4.5 Zusammenfassende Bewertung Hypothese 3a

5 Ausgangssituation: Welche Veränderung kann durch die Entwicklung einer Lösungsfokussierten Haltung bewirkt werden?
5.1 Methoden zur Klärung der Hypothesen 2b und 3b
5.2 Überprüfung Hypothese 2b
5.3 Überprüfung Hypothese 3b
5.4 Gemeinsame Bewertung Hypothese 2b und 3b

6 Zusammenfassung

7 Dank

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis / Tabellenverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Körperhaltung ungelöster Konflikt

Abbildung 2: Körperhaltung gelöster Konflikt

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: Angstsymptome (Marschitzky/Sator, 2010, S. 72-73)

Tabelle 2: Körperhaltung ungelöster Konflikt

Tabelle 3: MIMIK Angst / ungelöster Konflikt

Tabelle 4: REFLEXE Angst / ungelöster Konflikt

Tabelle 5: Elemente eines zu implementierenden Konfliktklärungssystems

Tabelle 6: Körperhaltung gelöster Konflikt

Tabelle 7: “Kartenabfrage zu KONFLIKT UND GEFÜHLE (Sortierung Gefühlsvarianten: Ciompi, 2005, S. 79)

Tabelle 8: Assoziationsgeflecht zu den Stimulusworten „ich“, „Kinderhaus“, „Konflikt“, „Konfliktklärung“

Tabelle 9: KEKS aufsteigende Sortierung

Abstract

Vorliegende Arbeit befasst sich mit der Möglichkeit der Entwicklung einer Lösungsfokussierten Haltung während der Entwicklung und der Implementierung eines Konfliktklärungssystems. Die Haltung bei einem Konflikt ist mit starken Gefühlen verbunden und zeigt sich in der nonverbalen Kommunikation. Der Kern von Konflikten bezeichnet ein Gefühl der psychischen Bedrohung, der Bedrohung des inneren Gleichgewichts, des Selbstbildes, des individuellen inneren Bildes von sich und der Welt. Die Angst zählt zu den Grundgefühlen und wird durch entsprechende Körperreaktionen ausgelöst, wenn unser inneres Gleichgewicht aus der Balance gerät und wir uns bedroht fühlen. Aufgrund der Furchtkonditionierung reagieren wir auf bestimmte Reize, um Gefahren zu vermeiden oder abzuwehren. Es gilt als erwiesen, dass Einstellungen und Emotionen im Körper verankert sind und sich in der Körpersprache zeigen. Die innere Haltung (Einstellung) zeigt sich in der äußeren Haltung (Körperhaltung). Die Gehirnforschung, die Psychotraumatologie und die Säuglingsforschung belegen, dass Gefühle und Gedanken auf Körperempfindungen aufbauen und miteinander verknüpft sind. Es ist ebenso bekannt, dass die erlebten Erfahrungen und die mit ihnen verknüpften erlernten Reaktionen zwar in jeder Zelle des Körpers gespeichert sind, jedoch wurden diese oft nicht bewusst oder vorsprachlich erfahren und sind daher dem Bewusstsein nicht oder nur bedingt zugänglich. So erweist es sich als schwierig, unsere Einstellungen und unsere Gefühle in einem Konflikt über das bewusste Denken zu verändern. Da Konflikte mit grundlegenden Gefühlen einhergehen, Gefühle unser Denken und Handeln beeinflussen, Emotionen über den Körper entstehen, befasst sich diese Arbeit mit der Entwicklung einer Lösungsfokussierten Haltung auch über den Körper.

This thesis deals with the possibility of developing a solution-Focused attitude during the development and implementation of a conflict resolution system. The attitude in a conflict is associated with strong feelings and is revealed in the non-verbal communication. The core of conflict refers to a sense of psychological threat, the threat of internal balance, the self-image, inner image of the individual himself and the world. Fear is one of the basic emotions and is triggered by appropriate body reactions, if our inner balance is off balance and we feel threatened. Due to the fear conditioning, we react to certain stimuli in order to avoid or ward off threats. It is proven that attitude and emotions are rooted in the body and manifest itself in the body language. The mental attitude is reflected in the motor attitude. The brain research, the psycho-traumatology and infant research are showing that feelings and thoughts and feelings build on body are linked. It is well known that the lived experience associated with them and learned responses are stored in every cell of the body but these were often not aware of or experienced the preverbal and are therefore not or only partially accessible to consciousness. It is difficult to change our attitudes and our feelings in a conflict over the conscious mind. Since conflicts are associated with basic emotions, feelings affect our thinking and acting, emotions arise over the body, this work deals with the development of a solution-Focused on keeping the body well.

1 Einleitung

1.1 Ausgangslage

Projekt

Im Rahmen des Masterstudiums zum Master of Arts in Mediation wurde in einem Kinderhaus das Projekt „Konfliktforschung und Implementierung eines konstruktiven Konfliktklärungssystems“ in der Zeit von April 2010 bis Juli 2011 durchgeführt und die vorliegende Masterthesis erarbeitet.

Der Träger des Kinderhauses ist der Kreisverband eines großen deutschen Wohlfahrtverbandes. Nach einem Gemeinderatsbeschluss wurde ein bereits seit dem Jahr 2000 bestehender Kindergarten um eine Kinderkrippe mit 24 Plätzen erweitert. Die erste Kinderkrippengruppe wurde übergangsweise ab Januar 2008 bis zur Fertigstellung in einem 30 Geh-Minuten externen Gemeinderaum untergebracht. Die zweite Kinderkrippengruppe wurde am 01.02.2010 eröffnet und musste übergangsweise im Turnraum untergebracht werden, bis die Räumlichkeiten am 13. März 2010 soweit fertig gestellt waren, dass die beiden Kinderkrippengruppen einziehen konnten. Nun besteht das Kinderhaus aus drei Kindergartengruppen mit 72 Kindern zwischen 2,5 Jahren und der Einschulung und zwei Krippengruppen mit je 12 Kindern zwischen 3 Monaten und 3 Jahren.

Die Leiterin des Kinderhauses ging Anfang des Jahres 2008 in Erziehungsurlaub und die Leitung wurde vorübergehend von einer Mitarbeiterin der Kinderkrippe übernommen. Zu Beginn des Projektes stand bereits fest, dass der Träger die neue Leitung behalten möchte und sich bemühen würde, mit der vorhergehenden Leitung eine entsprechende Einigung zu erzielen. Diese Einigung wurde Mitte 2010 erreicht, so dass ab diesem Zeitpunkt feststand, dass die jetzige Leiterin bleiben wird und es konnte eine stellvertretende Leiterin benannt werden.

Die erste Kindergartengruppe besteht aus der Leitung (Erzieherin, 31 Jahre alt), welche seit 2002 in dieser Einrichtung arbeitet, einer Kinderpflegerin (27 Jahre alt), welche seit 2003 angestellt ist und einer Teilzeitkraft (37 Jahre alt), welche seit 2004 im Kindergarten arbeitet.

Die zweite Kindergartengruppe besteht aus der stellvertretenden Leitung (Erzieherin, 25 Jahre alt), welche erst Ende 2010 offiziell zur stellvertretenden Leitung ernannt wurde und seit 2006 im Kindergarten arbeitet, einer Kinderpflegerin (24 Jahre alt), welche in 2009 angestellt wurde und einer Berufspraktikantin. Im Kindergarten arbeiten jedes Jahr 2 Praktikantinnen ab den 01. September für ein Jahr. Dieses eine Jahr wird entweder zu Beginn ihrer Ausbildung oder als Berufspraktikum am Ende ihrer Ausbildung zur Erzieherin absolvieren.

Die dritte Kindergartengruppe besteht aus einer Dipl. Sozialpädagogin (31 Jahre alt), welche seit 2008 die Gruppe leitet, einer Kinderpflegerin (25 Jahre alt), welche seit 2006 im Kindergarten arbeitet und einer Praktikantin.

Die erste Kinderkrippengruppe setzte sich in 2008 aus einer Kinderpflegerin in Vollzeit (30 Jahre alt) und einer Kinderpflegerin in Teilzeit (39 Jahre alt) sowie einer Erzieherin (48 Jahre alt) zusammen. Da das Verhältnis zwischen der Erzieherin und der Teilzeitkraft schwierig war, sprach sich die Teilzeitkraft dafür aus, bei der Gründung der zweiten Kinderkrippengruppe nicht mehr zusammen in derselben Gruppe zu arbeiten. So übernahm die Erzieherin die Leitung der neuen Kinderkrippengruppe zum 01.02.2010 und es wurde eine Erzieherin (29 Jahre) als Leitung der ersten Kinderkrippengruppe eingestellt sowie 2 Kinderpflegerinnen (26 Jahre) für die zweite Gruppe, wobei eine der beiden Kinderpflegerinnen während der Probezeit zum 31.08.2010 wieder entlassen wurde. Die Kündigung war eine gemeinsame Entscheidung der Gruppenleitung, der Leitung des Kinderhauses und der Fachabteilungsleitung des Trägers.

Das Projekt „Konfliktforschung und Implementierung eines konstruktiven Konfliktklärungssystems“ wurde der Geschäftsführerin der Kreisverbandes und der Fachabteilungsleitung sowie der Leitung des Kinderhauses vorgestellt. Die Fachabteilungsleitung, welche die Leiterin in ihrer neuen Position unterstützt, begrüßte das Projekt u.a. um das Zusammenwachsen der Gruppen des Kindergartens und der Kinderkrippen zu erleichtern und überzeugte mit Ihrer Begeisterung auch die Leiterin des Kinderhauses.

Die Ausbildung zur Kinderpflegerin dauert 2 Jahre. Ein mittlerer Bildungsabschluß und eine berufspraktische Vorbildung sind die Voraussetzungen für die ErzieherInnenausbildung. In Bayern ist eine einschlägige Berufsausbildung Bedingung für die Aufnahme an Fachschulen bzw. Fachakademien für Sozialpädagogik. Die Ausbildung dauert drei Jahre incl. eines einjährigen Berufspraktikums, das dem dritten Ausbildungsjahr entspricht. Das Berufsbild wird zu 96 % von Frauen ausgefüllt. Zu deren Aufgaben gehört auch, bei Konflikten zwischen den Kindern zu vermitteln. Daher sind den Mitarbeiterinnen im Kinderhaus entsprechende Modelle zur Konfliktbearbeitung bekannt z.B. Eisbergmodell, 4-Ohren-Modell, Konfliktkerze, Dialogverfahren etc.

Forschungsmethode und Entwicklung der Hypothesen

Die „Grounded Theory“ ist eine Methode der qualitativen Sozialforschung. Entwickelt wurde die Grounded Theory von den Soziologen Barney Glaser und Anselm Strauss und 1967 von ihnen veröffentlicht. Es wurde eine der verbreitesten Vorgehensweisen der qualitativen Sozialforschung. Statt der bloßen Hypothesenprüfung ist Ziel der Grounded Theory die Theoriegewinnung. „Bei der Endeckung von Theorie generiert man konzeptionelle Kategorien oder ihre Eigenschaften auf der Grundlage von Belegen; ist die Kategorie einmal festgelegt, dienen die Belege dazu, das Konzept zu illustrieren.“ (Glaser/Strauss, 2005; S. 33). Der Fokus der Aufmerksamkeit richtet sich nicht von Beginn an auf bereits bestehende Hypothesen, sondern der Blick bleibt offen für Neues, Unerwartetes. Die entwickelte Theorie geht aus dem laufenden Forschungsprozess hervor, d.h. aus den empirischen Daten wird eine hieraus hervorgehende Theorie entwickelt. Somit steht am Anfang keine Theorie bzw. Hypothese, sondern ein Untersuchungsbereich. Die Theorie entwickelt sich aus den vorgefundenen realen Daten der Praxis des Alltags. Die Verifizierung geschieht während des Forschungsprozesses, die Datengewinnung wechselt sich mit der Theorieentwicklung ab und es erfolgt ein ständiger Abgleich. Theoretische und praktische Erwägungen werden miteinander verbunden. „Der Soziologe spürt, dass er ein ‚Gefühl’ für die situative Alltagsrealität hat, während eine in die Situation verstrickte Person erfährt, dass sie die Theorie beherrscht und anwenden kann“ (a.a.O. S. 245). Es ist wichtig, versteckte Vorannahmen zu hinterfragen und sich der interpretativen Rolle des Forschers bewusst zu sein. Die gewonnenen Daten werden skeptisch hinterfragt und der Forscher ist sich seiner beeinflussenden Interaktion bewusst.

Um mit den Teilnehmerinnen zusammen ein für sie passendes Konfliktklärungssystem zu entwickeln, war es wichtig, mit einem „offenen neugierigen Blick“ das Projekt zu beginnen. Daher entschied man sich für die Vorgehensweise der Grounded Theory. Der zu untersuchende Bereich war zunächst das bestehende Konfliktklärungssystem des Kinderhauses. Dieses wurde mittels eines halbstrukturierten Interviewleitfadens erhoben, die Codierung erfolgte nach Mayring. Besonders auffällig war, dass die Mehrzahl der Aussagen zum derzeitigen Ist-Zustand zur Hauptkategorie „Konfliktlösungsverhalten“ der Unterkategorie „Flucht“ zugeordnet werden konnten, von allen Teilnehmerinnen betont wurde, dass sie keine Konflikte hätten, jedoch ein offener Dialog gewünscht wurde. Die Organisationskultur ist geprägt von Konfliktscheu, welche Konfliktvermeidung und Konfliktunterdrückung zur Folge hat (vgl. a.a.O. S. 15; Glasl, 2010, S. 80-84). Bei der „Weder-noch-Wahrnehmung“ der Filterwahl der „verdeckten Unterschiede“ werden laut Conrad/Jacob/Schneider (2003, S. 38-42) die auftretenden Probleme tabuisiert, denn es darf keine Unterschiede geben und so gibt es keinen Konflikt, weil die Unterschiede sofort verdeckt werden. Konflikte werden als gefährlich angesehen, sind unter allen Umständen zu vermeiden und alle Handlungen, die den Zusammenhalt der Betroffenen und Beteiligten gefährden, werden unterlassen. Dies schließt auch ein, dass Konflikte nicht angesprochen werden. Alle Mitglieder müssen sich an diese Regel halten. Damit wird ein harmonisches Zusammenleben erreicht, das durch ungelösten Umgang mit Unterschieden und schwelenden Konflikten bezahlt wird. Konflikte werden vermieden, um die Harmonie, den Zusammenhalt der Gruppe und die eigene Zugehörigkeit zur Gruppe nicht zu gefährden. Außerdem hilft die Vermeidung von Konflikten die Angst bzw. Unsicherheit, welche durch die personellen Veränderungen im Kinderhaus ausgelöst wurde, zu reduzieren. Das Individuum ordnet seine Bedürfnisse und sein Verhalten der Gruppennorm unter.

Die Aufgabenstellung war, gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen des Kinderhauses ein Konfliktklärungssystem zu entwickeln. Die Hypothesen, welche sich entsprechend der Grounded Theory erst im Laufe des Projektes ergaben, werden im Sinne des logischen Aufbaus der Arbeit zu Beginn der Thesis genannt.

Nach entsprechendem Literaturstudium (vgl. 2.) ist davon auszugehen, dass die subjektive Bewertung ausschlaggebend ist, ob wahrgenommene Unterschiede einen Konflikt auslösen. Da Emotionen hinter den Bewertungen stehen, wurde vermutet, dass Angst hierbei eine wesentliche Rolle spielen könnte. Daraus leitete sich die erste Hypothese ab:

Hypothese 1

Durch die bewusste körperliche Wahrnehmung der Angst und ihre Wirkung auf die nonverbale Kommunikation kann dem Menschen bewusst werden, dass ein Konflikt besteht.

Nach Literaturstudium des aktuellen Forschungsstandes und praktischer Überprüfung der ersten Hypothese, wurde hierauf aufbauend die nächste Hypothese gebildet:

Hypothese 2a

Eine Lösungsfokussierte Haltung kann auch über den Körper entwickelt werden

Die Entwicklung einer neuen inneren Haltung auch über den Körper müsste sich auch auf die Einstellung zu Konflikten auswirken:

Hypothese 2b

Durch das Erlernen einer lösungsfokussierten Haltung ändert sich die Einstellung zu Konflikt und Konfliktlösung

Nach Prüfung des aktuellen Forschungstandes, einer praktischen Überprüfung der Hypothese 2a und einer weiteren Datenerhebung stellte sich die Frage, wie das aktive Zuhören, welches ebenfalls ein wichtiger Bestandteil einer Lösungsfokussierten Haltung ist, über den Körper unterstützt werden kann. Nach weiterem Literaturstudium entstand die nächste Hypothese:

Hypothese 3a

Das aktive Zuhören bei einem Konflikt kann durch die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die eigenen Gefühle im Körper unterstützt werden

Eine Fokussierung der Aufmerksamkeit auf die eigenen Gefühle im Körper müsste zur Folge haben, dass sich die Eigenwahrnehmung des Körpers und damit die private Selbstaufmerksamkeit erhöht.

Hypothese 3b

Durch das Erlernen einer lösungsfokussierten Haltung erhöht sich die Eigenwahrnehmung des Körpers und dadurch die private Selbstaufmerksamkeit

1.2 Begriffsabgrenzung Konfliktklärungssystem

Was ist ein System? Was ist ein Kommunikationssystem?

Um den Begriff „Konfliktklärungssystem“ abzugrenzen, muss zunächst betrachtet werden, wie in diesem Zusammenhang die Begriffe „System“ und „Kommunikationssystem“ abzugrenzen sind. Laut Peter Senge (2003, S. 158-159), einem der führenden Experten systemischen Organisationslernens besteht die „Kunst des Systemdenkens darin, dass man Komplexität durchschaut und die grundlegenden Strukturen erkennt, die Veränderungen bewirken. Systemdenken bedeutet nicht, dass man die Komplexität ignoriert. Es bedeutet vielmehr, dass man die Komplexität zu einer zusammenhängenden Geschichte ordnet, die die Ursachen der Probleme deutlich macht und zeigt, wie man sie dauerhaft lösen kann.“

Lebende Systeme sind autopoietische Systeme, d.h. sich selbst reproduzierende Systeme, deren Elemente in komplexen Wechselbeziehungen zueinander stehen. Psychische und soziale Systeme, der Mensch selbst sowie soziale Konflikte sind lebende Systeme. Psychische Systeme bringen durch Gefühle die entsprechenden Gedanken hervor und umgekehrt. Durch das Kommunikationssystem erhält der Mensch Zugang zu dem psychischen System, indem der Mensch das Verhalten (Sprechen, Gestik, Mimik etc.) interpretiert und darauf reagiert. Der Empfänger bewertet das Verhalten, indem er das Verhalten mit einer bestimmten Bedeutung für ihn verbindet (vgl. Simon, 2010, S. 25-29). Systeme nehmen nur wahr, was für sie relevant ist, d.h. was an dem Sinn der bisherigen Kommunikation „anschlussfähig“ ist. Systeme haben ein Gedächtnis und beziehen sich auf die nach ihren eigenen Gesetzen wahrgenommenen Abbildungen, d.h. Systeme beziehen sich auf sich selbst. Die Realität wird durch Unterscheidung konstruiert und so hat jedes System seine eigene konstruierte Realität, seine eigene Wahrnehmung der Umwelt, deren Bedeutung der Beobachter, d.h. der Mensch oder die Gesellschaft, selbst festlegt. Ein System funktioniert, indem es selbst Unterschiede zur Umwelt wahrnimmt. Etwas Erlebtes läuft also durch die subjektiven Unterscheidungskategorien des Menschen und er nimmt nur wahr, was individuell für ihn als wichtig erscheint. Obwohl der Mensch Teil seiner Umwelt ist, kann er sich selbst nicht beobachten und dadurch bleibt ein „blinder Fleck“. In der Kommunikation wird eine Mitteilung durch die eigenen Wahrnehmungsfilter in der selbst konstruierten Realität empfangen und nach eigenen subjektiven Bewertungskriterien verstanden. Die Wahrnehmung beeinflusst die Kommunikation und umgekehrt, d.h. soziale Systeme beeinflussen die psychischen Systeme und umgekehrt, beide sind autonom und doch voneinander abhängig (vgl. Berghaus, 2011, S. 26-72).

Konfliktsysteme sind ebenfalls sich selbst reproduzierende Systeme und haben eine Eigendynamik, hinter der die originären Konfliktursachen immer mehr zurücktreten, je länger der Konflikt andauert. Auch die Gesamtheit affektiver und nicht-affektiver, rationaler und emotionaler Beweggründe müssten beachtet werden und die Aktivierung einer „kritischen Masse“ ist wichtig, um einen Transformationsprozess anzustoßen (vgl. Wils et.al., 2006, S. 11-19). Aus diesem Grunde wurde die Entscheidung getroffen, mit allen Teilnehmerinnen des Kinderhauses die Workshops durchzuführen, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass diese „kritische Masse“ erreicht wird. Ein System ist komplex und es dürfte schwierig sein, die Gesamtheit aller affektiven und nicht affektiven Beweggründe zu erfassen. Zum einen betrifft ein Konflikt vorrangig die Beziehungsebene und zum anderen kann man die Ursache des Konflikts, die selbst erstellten Unterschiede nicht „lösen“. Die Unterschiede bleiben, da sich ein System nicht so ändern kann, dass es seine Identität verliert. Man muss etwas finden, was für jeden Menschen „anschlussfähig“ ist, etwas, indem wir uns nicht unterscheiden und das sind unsere Gefühle, die unsere Gedanken beeinflussen. Jeder weiß, wie sich Angst anfühlt – auch wenn jeder vor etwas anderem Angst hat.

Laut Peter O. Güttler, betonen der Intergruppenansatz von Tajfel, die Systemtheorie und der soziale Konstruktivismus, die Dominanz der Interaktionsbeziehungen und ordnen das Individuum diesen unter, denn „Die Person ist ein gesellschaftlich handelndes Subjekt, das vorwiegend im Rahmen seiner Gruppenmitglieder agiert“ (Güttler, 2003, S. 184-185). Warum ist es uns so wichtig, uns so zu verhalten, wie es die anderen Gruppenmitglieder erwarten, damit wir nicht aus dem Rahmen fallen? „Wir versuchen, lieb, nett, angepasst und brav zu sein, aus Angst, andernfalls von unseren Kolleginnen und Freundinnen abgelehnt zu werden, sie zu verlieren bzw. im Extremfall ganz aus der menschlichen Gemeinschaft ausgestoßen zu werden“ (Koemeda-Lutz, 2009, S. 103). Warum ist es uns so wichtig, ein Mitglied der Gemeinschaft zu sein?

„Lebewesen und ihre Gene sind Systeme, die mit der Umwelt kommunizieren, in der sie leben […] Variation, Rekombination, Kooperation und Selbstmodifikation beschreiben nicht nur das Repertoire von Genen, sondern von biologischen Systemen ganz allgemein“ (Bauer, 2008, S. 174-175). Da am Anfang aller Biologie die Kooperation steht, ist „nicht der Kampf ums Dasein für den Menschen lebensbestimmend. Vielmehr sind Kooperation, Zugewandtheit, Spiegelung und Resonanz das Gravitationsgesetz biologischer Systeme“ (Bauer, 2008, S. 130-132). Denn soziale Resonanz wie z.B. zwischenmenschliche Zuwendung, Anerkennung, Wertschätzung und gemeinsames Lachen mobilisieren die „Wohlfühlbotenstoffe“ Dopamin, Oxytozin und körpereigene Opioide. Diese wirken positiv sowohl auf die Emotionszentren des Gehirns, als auch auf die emotionale Gesundheit und geben ein positives Ich-Gefühl. Die Motivationssysteme und die Lebensfreude, steuern unseren (An)Trieb (vgl. Bauer, 2008, S. 30-46).

In sozialen-Gruppen-Systemen untersteht der Einzelne den Regeln der Gruppe, um zum System zu gehören muss er kooperieren. Das System „Mensch“ braucht ein Gegenüber – woran sollte er sonst seine Unterschiede bilden, um diese durch seine Wahrnehmungsfilter zu bewerten und entsprechend zu handeln und sich zu entwickeln. Gelungene Prozesse zusammen mit anderen Personen, die ihn menschlich weiterbringen und positive Resonanz, sind das, was den Menschen glücklich machen und ihm Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Der Mensch ist eben vor allem ein soziales Wesen.

Was bedeutet „Implementierung eines Konfliktklärungssystems“?

Zur Implementierung eines konstruktiven Konfliktklärungssystems zählen auch die Förderung der Selbst- und Sozialkompetenz sowie die Kenntnis unterschiedlicher Instrumente, um die Eskalation von Konflikten zu vermeiden. Die Entwicklung und Implementierung eines konstruktiven Konfliktklärungssystems muss vor allem zusammen mit den Beteiligten der Organisation erfolgen, welche die Impulse geben. Während der Implementierung sollen die Selbst- und Sozialkompetenz erhöht werden, um die Fähigkeit zur Kooperation und zum kooperativen Verhandeln zu entwickeln. Dies kann nur in Ausrichtung auf die Bedürfnisse und gemeinsam mit den Beteiligten erfolgen. Die Verbesserung der Kommunikations- und der sozialen Wahrnehmungsfähigkeiten zur Entwicklung und Stabilisierung eines konstruktiven Konfliktklärungssystems ist die Grundvoraussetzung. Die Beteiligen selbst entwickeln in Begleitung von Mediatoren in Ihrer Organisation den für sie passenden Konfliktklärungsprozess (mündliche Mitteilung vom 23.01.2010, Lisa Waas)

2 Wodurch kann ein Konflikt bewusst werden?

2.1 Ausgangslage

Die Antworten auf die Frage 9 des Interviewleitfadens „Was ist für Sie ein Konflikt“ lassen die Vermutung zu, dass soziale Konflikte auf der Beziehungsebene stattfinden, indem unterschiedliche Meinungen existierten, keine direkte Kommunikation möglich ist (entweder wird sie gar nicht versucht, oder sie bricht ab, nachdem jeder seine Meinung ausgesprochen hat) und es fehlt eine Lösung.

2.1.1 Forschungsstand und Überlegungen zu Konflikt

In der Wissenschaft scheint über eine Definition eines Konflikts keine Einigkeit zu bestehen.

Friedrich Glasl, der zu den ausgewiesenen Konfliktexperten zählt, betrachtet „Differenzen zu haben als natürlichste Sache der Welt“ und er unterscheidet Differenzen im Wahrnehmen und aufgrund dessen Differenzen im Denken, im Vorstellen, Differenzen im Fühlen und Differenzen im Wollen (vgl. Glasl, 2008, S. 22). Dies sind alles Vorgänge, die in uns selbst stattfinden. Seine Definition eines „sozialen Konflikts“, welche wohl am meisten zitiert wird, wenn es um Konfliktdefinition geht:

„Sozialer Konflikt ist eine Interaktion

- zwischen Aktoren (Individuen, Gruppen, Organisationen usw,)
- wobei wenigstens ein Aktor
- Differenzen (Unterschiede, Widersprüche, Unvereinbarkeiten) im Wahrnehmen und im Denken/Vorstellen/Interpretieren und im Fühlen und im Wollen
- Mit dem anderen Aktor (anderen Aktoren) in der Art erlebt,
- dass beim Verwirklichen dessen, was der Aktor denkt, fühlt oder will, eine Beeinträchtigung
- durch einen Aktor (die anderen Aktoren) erfolgt“ (a.a.O., S. 24).

Glasl schreibt „unsere Gefühle und Emotionen sind nicht dieselben“ (a.a.O., S. 22). Für machen mag das missverständlich sein. Denn es sind unsere Gefühle und Emotionen, die uns Menschen verbinden und es sind unsere Gefühle und Emotionen, die unser Leben an- und manchmal auch umtreiben. Im Konstruktivismus, ebenso in den Neurowissenschaften, ist es die Bewertung, die den Unterschied macht und die unsere Gefühle auslöst und unsere Wahrnehmung beeinflusst. Wenn jemand wütend auf jemanden ist und ihn angreift, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass auch der andere wütend wird. „Wir sind so konstruiert, dass wir auf Emotionen mit Emotionen reagieren; in aller Regel fühlen wir die Botschaft“ (Ekman, 2010, S. 129). Unsere Gefühle sind dieselben. Und gerade weil unsere Gefühle dieselben sind, ermöglichen unsere Gefühle uns einander zu verstehen, einander nahe zu kommen. Wir wissen alle, wie sich Angst, Wut, Trauer, Freude etc. anfühlt, auch wenn es uns schwerfällt, unsere Gefühle in Worten auszudrücken. Über das Gefühl lässt sich nicht streiten, auch wenn es uns nicht immer möglich sein sollte, die jeweiligen Ursachen nachzuvollziehen. Wären unsere Gefühle nicht dieselben, könnten wir füreinander kein Verständnis aufbringen. Glasl erklärt die Differenzen im Fühlen dann so, dass jeder im Verlaufe eines Konflikts für sich selbst die positiven und für die andere Seite die negativen Gefühle reserviere (vgl. a.a.O. S. 28). Diese Begründung bestätigt, dass beide sich im Fühlen nicht differieren: im Laufe eines Konflikts sieht man sich selbst immer mehr als der „Gute“ und der andere ist der „Böse“.

Nachvollziehbarer für die Verfasserin wäre, wenn Glasl angeführt hätte, dass aufgrund der unterschiedlichen Erfahrungen jeder Mensch anders auf bestimmte Reize reagiert, bzw. ganz individuell bestimmte Reize mit Emotionen, erlebten Konsequenzen und Verhalten verbindet. Jedoch bei einer Eskalation werden sich beide Kontrahenten in ihrem Empfinden, in ihren Gefühlen immer ähnlicher, denn beide werden immer mehr von ihren Emotionen geleitet und immer weniger von ihrem Verstand – doch hierauf wird im Verlauf der Masterarbeit noch eingegangen werden. So meint dann auch Glasl, dass aus Unterschieden noch kein Konflikt entsteht, sondern „Es kommt einzig darauf an, wie die Menschen die Differenzen erleben und wie sie mit ihnen umgehen“ (a.a.O. S. 23). Weiter geht Glasl davon aus, dass man sich bewusst auf eine Meinungsverschiedenheit einlassen könne, jedoch sei man ab einer bestimmten Schwelle nicht mehr in der Lage, das Geschehen zu überblicken und so zu beeinflussen, dass nur das ursprünglich Beabsichtigte geschieht. Der Konflikt habe einen im Griff, wenn man sich nicht mehr aus dem Geschehen herausnehmen kann und man schließlich wie fremdgesteuert handle. Die Wahrnehmung verzerre sich erheblich, es kämen Gefühle auf, die einen bis zur Besessenheit treiben, das Wollen werde eingeengt und man verhalte sich einfältig, stereotyp und unflexibel (a.a.O. S. 31). Glasl sagt es zwar nicht explizit, doch wird im Verlaufe dieser Masterarbeit herausgearbeitet, warum für die Eskalation eines Konfliktes die Emotionen verantwortlich sind.

Gerhard Schwarz gibt erst gar keine Definition für den Begriff „Konflikt“ und spricht stattdessen lieber vom „Sinn eines Phänomens“ und glaubt, „dass man den klassischen Kausalitätsbegriff ‚Ursache – Wirkung’ hier nicht erfolgreich anwenden kann“ (vgl. Schwarz, 2009, S. 15). Eine Erklärung, weshalb der klassische Kausalitätsbegriff nicht zur Anwendung kommen kann, gibt er nicht. Man könnte diese Aussage damit erklären, dass wir nicht in toten Systemen leben. So kann man bei einem Auto, das nicht mehr anspringt, nach einer Ursache suchen. Jedoch nicht in lebenden Systemen. Für lebende Systeme wird angenommen, dass die Regeln darauf ausgerichtet sind, das System zu befähigen, sich in selbst organisierender Weise selbst zu reproduzieren (vgl. Maturana/Varela, 2010, S. 55-60). Damit ein lebendes System sein Leben sichern und reproduzieren kann, erzeugt es sich selbstrückbezügliche Regeln, die seinen Aufbau wieder ermöglichen. Da sich jedoch die Umwelt ständig ändert, können die bisherigen Regeln nicht belassen werden (Homöostase), sondern müssen in Abstimmung mit der Umwelt, dem Kontext verändert werden (Morphogenese), um zu überleben. Die Kybernetik beschäftigt sich mit sich selbst regulierenden Systemen. Durch Rückkoppelung wird ein immer wieder neu zu definierendes Gleichgewicht gegenüber den Einflüssen der Umwelt gefunden. Systeme lernen jenseits des Gleichgewichts, daher sind beide Seiten notwendig, um zu überleben: die Homöostase und die Veränderung. Somit ist es müßig bei sich selbst regulierenden Systemen nach einer Ursache zu suchen.

Schwarz schreibt weiter, der Sinn von Konflikten bestehe darin, vorhandene Unterschiede zu verdeutlichen und fruchtbar zu machen und die Gruppeneinheit wieder herzustellen (vgl. Schwarz, 2009., S. 20). Der Sinn eines Konfliktes liege sowohl in der Funktion des Trennens, als auch in seiner gegenteiligen Position des Vereinigens. Da sich beides widerspricht, erscheine es eher als sinnvoll, die beiden Prinzipien gut auszubalancieren. Nur durch Konflikte könne man Gemeinsamkeit erreichen, indem das Wesentliche hervortritt und durch die Berücksichtigung der Bedürfnisse der Einzelnen, Vertrauen und damit Gemeinsamkeit entstehe. So gehen die Weiterentwicklung und das Finden von Identität immer mit Konflikten einher und die Anpassungsfähigkeit sichere das Überleben des Menschen. Daher sieht Schwarz im Gegensatz von Verändern und Erhalten einen Sinnaspekt von Konflikten, da nur im polaren Spannungsverhältnis eine Entwicklung erfolgen kann. Schwarz zitiert Laotse: „Nur wenn man die widersprüchlichen Aspekte einer Sache gleichzeitig vor Augen hat, hat man die volle Wahrheit“ (vgl. Schwarz, 2010, S. 16–32).

Hedwig Kellner betont, dass wir es in und um uns mit vier sich widersprechenden Grundstrebungen zu tun haben, dass der Kern von Konflikten darin läge, dass wir zum einen nach Neuem, nach Abwechslung streben und zum Anderen das Gewohnte und Bewährte erhalten wollen. Einerseits nach Abgrenzung und Autonomie bzw. Selbständigkeit streben und andererseits nach Geselligkeit und Harmonie bzw. Hingabe. Weiter schreibt Kellner, dass jeder von uns die vier Strebungen als zwei Gegensatzpaare kenne, was sich in inneren Konflikten zeige (vgl. Kellner, 2000, S. 8–11).

Riemann und Thomann entwickelten zusammen, ausgehend von den vier verschiedenen menschlichen Grundausrichtungen das „Riemann-Thomann-Modell in der Arbeitswelt“. Auf der Raumachse stehen sich die Nähestrebung und die Distanzstrebung gegenüber und auf der Zeitachse stehen sich Dauer und Wechsel gegenüber. Beide gehen davon aus, dass jeder Mensch ein Gemisch aus allen vier Grundstrebungen sei -von dem einem Pol mehr, von dem anderen weniger- wobei man dann in einem der vier Ausprägungen seinen „Persönlichkeitsschwerpunkt“ habe. Jedoch erlebe man sich in unterschiedlichen Situationen verschieden und kenne somit irgendwie alle Tendenzen (vgl. Thomann, 2007, S. 230–266).

Fritz Riemann schreibt in seinem berühmtesten Buch „Grundformen der Angst“ (2009, S. 7-14), dass die Angst „unvermeidlich zu unserem Leben“ gehöre und „wir haben dann meist die Neigung, ihr auszuweichen, sie zu vermeiden, und wir haben mancherlei Techniken und Methoden entwickelt, um sie zu verdrängen, zu betäuben, zu überspielen und zu leugnen.“ Angst kann uns aktiv machen oder lähmen und ist immer ein „Signal und eine Warnung bei Gefahren, und sie enthält gleichzeitig den Aufforderungscharakter, nämlich den Impuls, sie zu überwinden. Das Annehmen und Meistern der Angst bedeutet einen Entwicklungsschritt“, denn sie tritt dort auf, wo wir uns in einer Situation befinden, der wir nicht oder noch nicht gewachsen sind. Somit sei jede Entwicklung mit Angst verbunden, da sie in etwas Neues, bisher Unbekanntes, noch nicht Erlebtes, noch nicht Erfahrenes führt. Weiter meint Riemann, dass es sich jedoch immer um Varianten ganz bestimmter Ängste handeln würde, die er als „Grundformen der Angst“ bezeichnet. Es sind jeweils zwei gegensätzliche bzw. sich ergänzende Impulse, die uns in Bewegung halten und sich aus der Gesetzmäßigkeit ableiten lassen, der sich auch die Erde und das Sonnensystem zu unterwerfen haben: der Individuation und der Einordnung in ein größeres Ganzes, dem Impuls nach Dauer und Beständigkeit und dem Impuls sich zu verändern, zu wandeln. Riemann schreibt: „nach dieser kosmischen Analogie sind wir vier grundlegenden Forderungen ausgesetzt, die wir als einander widersprechende und doch zugleich sich ergänzende Strebungen in uns wiederfinden. In wechselnder Gestalt durchziehen sie unser Leben und wollen in immer neuer Weise von uns beantwortet werden“.

So sollen wir einerseits ein einmaliges Individuum werden, dies sei verbunden mit der Angst, aus der Geborgenheit des Dazugehörens und der Gemeinsamkeit herauszufallen, was Unsicherheit, Nichtverstanden-, Abgelehnt-, Bekämpftwerden, Einsamkeit und Isolation bedeuten würde. Und andererseits sollen wir uns auf das Leben einlassen, was verbunden sei mit der Angst, unser Ich zu verlieren, abhängig zu werden, uns auszuliefern und unsere Individualität nicht leben zu können, zuviel von uns selbst aufgeben zu müssen. So würde sich die Angst vor der „Ich-Aufgabe“ der Angst vor der „Ich-Werdung“ zugleich gegenüberstehen. Und zugleich würden wir Dauer anstreben und würden dabei mit der Angst vor dem Wagnis des Neuen, dem Planen ins Ungewisse, dem ewigen Fliessen des Lebens konfrontiert. Jedoch könnten wir nicht auf die Dauer verzichten, da es uns sonst nicht möglich wäre, uns zu verwirklichen. Einerseits würden wir ohne die Vorstellung, dass alles Geschaffene etwas von Dauer habe, nicht anfangen, unsere Ziele zu verwirklichen und somit sei „diese illusionäre Ewigkeit, ein wesentlicher Impuls, der uns zum Handeln treibt.“ Anderseits sollen wir immer bereit sein, uns zu wandeln, uns immer lebendig weiter zu entwickeln. Angetrieben durch die Angst, durch Regeln, Gewohnheiten etc. festgehalten, festgelegt, eingeengt, in unseren Möglichkeiten und in unserem Freiheitsdrang begrenzt zu werden. Die Angst vor der Vergänglichkeit, vor dem Tod, der für die Erstarrung und für Endgültigkeit steht, lässt uns nicht stillstehen. Zusammenfassend sind die vier Grundformen der Angst: die „Angst vor der Selbsthingabe, als Ich-Verlust und Abhängigkeit“ versus der „Angst vor der Selbstwerdung, als Ungeborgenheit und Isolierung“ sowie die „Angst vor der Wandlung, als Vergänglichkeit und Unsicherheit“ versus der „Angst vor der unausweichlichen Notwendigkeit, als Endgültigkeit und Unfreiheit“. Der Mensch strebe sowohl nach „Selbstbewahrung und Absonderung“, als auch nach „Selbsthingabe und Zugehörigkeit“ und sowohl nach „Dauer und Sicherheit“ als auch nach „Wandlung und Risiko“ und es „scheint eine lebendige Ordnung nur möglich zu sein, wenn wir eine Gleichgewichtigkeit zwischen diesen antinomischen Impulsen zu leben versuchen. Eine solche Gleichgewichtigkeit bedeutet indessen nicht etwas Statisches, […] sondern sie ist voller ungemeiner innerer Dynamik, weil sie nie etwas Erreichtes, sondern etwas immer wieder Herzustellenden ist.“ (a.a.O. S. 14-17).

Johan Galtung gilt als einer der Väter der Friedens- und Konfliktforschung. Er schreibt von den Impulsen. So sei das Ziel sowohl im Leben, wie auch in einem Konflikt, dass etwas erreicht oder etwas vermieden werden soll und dass es kein Leben ohne Widersprüche geben würde. Es gebe kein Leben, kein Ziel ohne Widerspruch, ohne Konflikte, denn „nur tote Wesen sind ohne Widersprüche“ (vgl. Galtung, 2007, S. 14). So spricht Galtung nicht von Unterschieden, Differenzen, sondern von Widersprüchen und erwähnt die Bewegungsimpulse, die einander widersprechenden Bewegungen: der Hinbewegung und der Vermeidung.

So könnte man zusammenfassen, dass die sich gleichzeitig widersprechenden und ergänzenden Pole der Identität und der Gemeinschaft, der Sicherheit des Bekannten und die Unsicherheit des Unbekannten die sich widersprechenden und ergänzenden Impulse der Vermeidung und der Hinbewegung auslösen, die uns bewegen, uns motivieren, uns vorantreiben, durch die wir uns weiterentwickeln, um die gegensätzlichen Pole des Lebens auszugleichen. Also gibt es kein Leben, keine Entwicklung ohne Widerspruch, ohne Konflikte, ohne Angst.

2.1.2 Zusammenfassung Konflikt

Da Systeme jenseits des Gleichgewichts lernen, sind immer 2 Pole/Seiten notwendig, um das System zum Lernen zu bewegen: die Homöostase und die Veränderung. Das Ziel ist, das Gleichgewicht der Stabilität durch/trotz Veränderung durch Rückkopplung immer wieder neu zu erlangen. Wenn man sich zu einem Pol hinbewegt, bewegt man sich gleichzeitig vom anderen Pol weg, wenn man etwas vermeidet, bewegt man sich auf etwas anderes zu. Dadurch entsteht Bewegung. Schwarz nennt als Sinn des Konfliktes das Ausbalancieren des Widerspruchs des Trennens und des Vereinigens. Es wird ein Unterschied wahrgenommen, der einander trennt. Durch Vereinigung entsteht etwas Neues, das System entwickelt sich, es lernt. Durch die Veränderung des Individuums aufgrund der Anforderung der Umwelt wird eine neue Stabilität, ein neues Gleichgewicht des Individuums mit seiner Umwelt erreicht. Die hierbei auftretenden Konflikte zwischen Identität und Anpassung dienen der Weiterentwicklung und der Sicherung des Überlebens. Luhmann sieht aus systemisch-konstruktivistischer Sicht ebenfalls 2 Pole, wobei keiner ohne den anderen existieren kann und beide sich gegenseitig beeinflussen: die vollständige Abhängigkeit und die Autonomie. Keller und Thomann sehen ebenso wie Schwarz und Luhmann die Autonomie und die Geselligkeit als 2 Gegenpole und darüber hinaus noch als weitere Gegenpole das Streben nach Abwechslung und die Erhaltung des Gewohnten/Bewährten, wobei das Gewohnte Sicherheit bedeutet und um Neues zu entdecken, zu lernen, Unsicherheit, Risiko in Kauf genommen werden muss. Jedoch bedeutet Stillstand für jedes System den Tod, so dass wir uns weiterentwickeln müssen, um zu überleben. Leben ist Widerspruch, und birgt dadurch den Konflikt in sich. Da die jeweiligen Pole das Leben ausmachen, ist es nur möglich, die sich widersprechenden Unterschiede zu überwinden, indem man darüber hinausgeht, die Wahrnehmung erweitert und dadurch verändert. Die Unterschiede werden transformiert, die beiden Pole werden durch die Veränderung der Wahrnehmung der Unterschiede ausbalanciert. Durch diese Rückkopplung lernt jedes System - eine Weiterentwicklung des Individuums wird erreicht. Dadurch hat sich dann auch die zukünftige, selektive Wahrnehmung der Umwelt durch das System verändert – die eigene Realität hat sich verändert.

Leben ist Veränderung, Veränderungen gehen mit Konflikten einher. Einerseits möchte der Mensch (und alles Lebende) die Sicherheit des Bekannten, doch bedeutet Stabilität und Dauer auch Tod. Andererseits ist jedes Leben gezwungen sich der lebenden Umwelt anzupassen, um zu überleben. Wir sind ein Teil unserer Umwelt und suchen die Geborgenheit der Zugehörigkeit, dazu müssen wir uns anpassen, jedoch wollen wir gleichzeitig unsere Identität bewahren. Jedes Leben muss hier sein Gleichgewicht finden, indem es die sich widersprechenden, wahrgenommnen subjektiven Unterschiede, die sein inneres Gleichgewicht ins Schwanken bringen, wieder ausbalanciert, eine neue Harmonie wieder herstellt. Dies nennt man Entwicklung bzw. Leben.

Im Konflikt stehen sich auch gleichzeitig zwei widersprechende Bewegungen, die „Hin-zu“-Bewegung der Neugier auf Veränderung, und die „Hinweg-von“-Bewegung der Angst vor Veränderung gegenüber. Jedoch ist die Neugier immer auch mit der Angst vor dem Unbekannten verbunden. Hält sich diese Spannung in Grenzen, kann das Neue auch als Herausforderung erlebt werden, je nach unseren erlebten Erfahrungen. Das, was uns bewegt, was uns antreibt, ist mit Angst verbunden.

2.1.3 Was treibt den Menschen im Konflikt zu einer Lösung?

Damasio (2009, S. 49) schreibt von dem übergeordneten Ziel „Überleben in einem Zustand des Wohlbefindens […] Die Lösung jedes neuen Problems ist notwendig, um das übergeordnete Ziel zu erreichen“. Grawe (2004, S. 186f) geht von einem übergeordneten „Grundprinzip der Konsistenz des psychischen Funktionierens“ aus. Die Konsistenzregulation und die Bedürfnisbefriedigung sind verbunden durch die „Kongruenz zwischen aktuellen motivationalen Zielen und realen Wahrnehmungen“. Inkongruenz bedeute Stress und schlechtes Wohlbefinden (a.a.O. S. 192). So gab Graham Burrows (Präsident einer internationalen Einrichtung zur Stressforschung) im Protokoll des 7. Internationalen Stresskongresses 1995 an, dass er nach jahrelanger Lektüre der Forschungsberichte zum Thema Stress zu dem Schluss gekommen sei, dass sich das ganze Thema auf zwei Grundursachen zurückführen ließe: auf Probleme in der Wahrnehmung und auf Probleme in der Kommunikation (vgl. Childe/Martin, 2010, S. 93).

Die Bedürfnisbefriedigung ist entsprechend Johan Galtungs Entwicklungstheorie per Definition die Vorbedingung für die Reproduktion eines jeden Systems und ohne die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse könnten Individuen und Gesellschaften nicht überleben. Galtung spricht von 4 Grundbedürfnissen: Überleben, Wohlbefinden, Identität und Freiheit und „nur wenn sie befriedigt werden, können wir existieren“ (Galtung, 2007, S. 9-15). „Die Befriedigung elementarer Bedürfnisse […] verstärken die Aktivität dopaminerger Neuronen im mesolimbischen System; die Rückkehr zum körperlich-physiologischen Gleichgewicht wird von uns als lustvoll empfunden“ (Roth, 2001, S. 297). Roth sieht als „das wichtigstes Kriterium menschlichen Handelns […] das Aufrechterhalten eines möglichst stabilen und in sich widerspruchsfreien emotionalen Zustandes.“ Hierzu gehört „ein spannungsarmes Verhältnis zwischen dem ‚Ich’ (insbesondere seiner unbewussten Anteile) und dem ‚Anderen’, zwischen dem Wunsch nach Selbstverwirklichung und dem nach der Zuneigung der Gruppe“ (Roth, 2003, S. 560). Damit spricht Roth ebenfalls jeweils die beiden Pole der eigenen Identität und der Autonomie, bzw. des Trennens und der Anpassung, bzw. der Abhängigkeit und des Vereinigens an. Die Spannung jeweils zwischen zwei Polen erleben wir durch unsere Emotionen. Und das Ziel ist, jeweils die beiden Pole auszubalancieren, um zu Überleben, uns wohl und sicher zu fühlen.

„Kern aller Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung oder Zuneigung zu finden und zu geben. Wir sind – aus neurobiologischer Sicht - auf soziale Resonanz und Kooperation angelegte Wesen“ (Bauer, 2008; S. 36). Hier sieht die Verfasserin den Bezug darauf, dass wir als offene Systeme, soziale Wesen sind, die für ihre innere Harmonie in Harmonie mit ihrer Umwelt leben müssen und aus diesem Grunde die Wiederherstellung des Gleichgewichts angestrebt wird, sobald eine Dissonanz auftritt. Joachim Bauer (2011, S. 32-39) schreibt, dass Voraussetzung eines Trieb-Bedürfnis, bei denen Handlungen spontan auftreten, die Aktivierung der Motivationssysteme und damit die Ausschüttung der Wohlfühlbotenstoffe sei und bezeichnet daher Vertrauen, Zusammenhalt, soziale Akzeptanz, Fairness, Kooperation als „Triebziel“, die den Menschen antreiben. Somit wird das Motivationssystem durch andere Menschen, d.h. durch gute zwischenmenschliche Beziehungen aktiviert. Das Ausbleiben der Aktivierung oder eine Deaktivierung hat Auswirkungen auf das Stressystem, denn „Menschen sind Drogen für andere Menschen“ (mündliche Mitteilung vom 15.07.2011. Prof. Dr. Bauer).

Und schließlich meint Hüther (2010b, S. 120f), dass das, was den Menschen am meisten antreibe, was stärker als die Angst sei, die den Menschen zur Flucht treibe, die Angst vor dem Verlust der Anerkennung anderer oder die Angst vor dem Verlust der eigenen Selbstachtung sei, wenn der Mensch „sein Selbstbild nicht mehr mit dem in Deckung bringen kann, was er getan und wie er gehandelt hat.“ Diese noch größere Angst würde uns zwingen, den mit der Angst verbundenen Hinweg-Impuls zur Flucht zu überwinden. Bei all der erforderlichen Anpassung und damit Weiterentwicklung der eigenen Identität an bzw. durch die Umwelt, macht uns am meisten Angst, das eigene Selbstbild in Frage zu stellen, denn wir benötigen ein „brauchbares, handlungsleitendes und Orientierung bietendes inneres Bild“. Außerdem meint Hüther, wir könnten unser inneres Bild nur erweitern und vergrößern, wenn nicht das Gesamtbild in Frage gestellt wird (vgl. a.a.O. S. 108f). Fühlen wir also in einem sozialen Konflikt unser inneres Bild von uns und der Welt bedroht, ist dies mit einer noch größeren Angst verbunden, die uns unsere Angst, die uns zur Flucht treibt, überwinden und uns mutig für die Bewahrung unseres inneren Bildes einstehen lässt. Laut Hüther entstehen so Helden (a.a.O. S.120). Dies ist insoweit nachvollziehbar, als wir in einer Welt, in der unser inneres Bild von uns und der Welt gänzlich falsch wäre, nicht überleben könnten, denn wir hätten keine passenden oder „anschlussfähigen“ Erfahrungsmuster, um zu agieren. Auch können wir nicht unser ganzes Selbstverständnis komplett neu erschaffen. Wir können nur unser vorhandenes System anpassen, verändern, entwickeln.

Johan Galtung entwickelte das sogenannte Konfliktdreieck: Als Inhalt des Konflikts bezeichnet er den Widerspruch, d.h. eine Unvereinbarkeit von Zielen, Interessen, Wertvorstellungen, Bedürfnissen, Erwartungen, welche durch die kognitive und emotionale Haltung/Annnahme/Einstellung bewertet wurden. Diese beiden Komponenten des Konflikts seien zunächst unbewusst und würden sichtbar in dem Verhalten, den Strategien, die auf eine Veränderung hinwirken. Galtung (2007, S. 32-33) spricht davon, den Konflikt durch eine „sowohl-als-auch-Formulierung“ zu transformieren und erst „wenn die Transformation angenommen wird und sich außerdem als dauerhaft erweist, dann können wir von einer ‚Lösung’ sprechen“. Somit spricht auch Galtung davon, dass eine Verbindung der durch die Emotionen wahrgenommenen und bewerteten Unterschiede nicht möglich ist, jedoch eine Weiterentwicklung, die diese beinhaltet. Er nennt es „Transformation“ und Fritz B. Simon nennt es „Entscheidung“ (2010, S. 19) „Der Konflikt ist ein sich selbst am Leben erhaltendes System, das heißt, er setzt sich fort, bis eine Entscheidung fällt“. Simon schreibt weiter, dass diese Entscheidung erst getroffen werden könne, wenn die Wahrnehmung der Unterschiede, welche immer eine Bewertung beinhalte, sich verändere. „Erst wenn Veränderungen in der Beobachtung der Beteiligten zu einer Asymmetrie in der Bewertung der beiden Seiten der Unterscheidung führen, kommt es zur Entscheidung.“

Was bewirkt die Wahrnehmung und Bewertung der Unterschiede? Und wie kann man die Wahrnehmung und Bewertung verändern?

2.2 Bildung Hypothese 1

Nach dem o.a. Literaturstudium lässt sich folgende Theorie bilden: Aufgrund der individuellen Bewertung der subjektiv wahrgenommen Unterschiede stehen sich zwei Seiten gegenüber: die Sicherheit des Bewährten und die Entwicklung durch Wandlung. Sind andere Menschen beteiligt, stehen sich auch die beiden Pole der Selbstbewahrung und der Zugehörigkeit gegenüber. Die beiden Seiten sind jeweils unvereinbar und doch sind sie unabdingbar für das Leben, denn Leben bedeutet Veränderung, Stillstand den Tod. Das Ziel eines jeden Systems ist es zu überleben – der Mensch hat das übergeordnete Ziel in einem Zustand des Wohlbefindens zu überleben. Dies ist sein Grundbedürfnis. Durch die dadurch ausgelösten „Wohlfühlbotenstoffe“ wird es zum Trieb. So muss er in seiner Entwicklung für sich immer wieder das Gleichgewicht seiner „inneren Bilder“ neu finden. Dies ist begleitet von der Angst aufgrund des Widerspruchs der beiden Pole, welche durch die Impulse der Annäherung und der Vermeidung, das Leben motivieren. Der Konflikt entsteht aus dem Widerspruch der Pole des Lebens und ist damit ebenso unvermeidbar, wie die damit verbundene Angst, da jeweils der eine Pol den anderen ausschließt, den wir aber zum Überleben brauchen. Angst ist zwar immer ein Signal und eine Warnung vor etwas Unbekannten oder vor bekannten Gefahren, jedoch ist Angst gleichzeitig eine Aufforderung, die Angst durch Mut zu überwinden und zu handeln, die Unterschiede, die Widerstände zu transformieren, eine Entscheidung zu treffen, die eigene Wahrnehmung und Bewertung durch die Emotionen zu verändern. Die Emotionen zu verändern.

So ließe sich auch erklären, weshalb das Vermeiden von Konflikten angstreduzierend wirkt, indem man die wahrgenommenen Unterschiede verdeckt, welche einen Konflikt auslösen könnten. Wird ein Konflikt vermieden, den die Auseinandersetzung mit etwas Neuem oder/und etwas Furchterregendem mit sich bringt, wodurch wir uns verändern werden, wird auch die damit verbundene Angst vermieden. Nach einem Konflikt ist nichts mehr, wie es zuvor war. Außerdem braucht der Mensch als soziales Wesen die Anerkennung und Wertschätzung anderer, dies gibt ihm Sicherheit, deshalb passt er sich an. Andererseits kann er seine Individualität nicht leben, wenn er sich anpasst. Die Spannung der beiden Pole - der Anpassung und der Individualität - führt früher oder später zum Konflikt, um die wahrgenommene Unterschiedlichkeit zu transformieren, um sich weiterzuentwickeln.

Was macht dem Menschen bewusst, dass ein Widerspruch besteht, Grundbedürfnisse nicht befriedigt sind und den Menschen auf eine Veränderung in Haltung und Verhalten zu einer Entscheidung, zu einer Transformation drängt?

Die erste Hypothese entstand durch

- die Auswertung der Interviews, welche ergab, dass 15 von 16 Teilnehmerinnen als Konfliktlösungsverhalten die Konfliktflucht und die Konfliktvermeidung bevorzugt zeigen und dieses Verhalten auch die Gruppennorm prägt
- und sich in der Angst vor der Einführung eines Konfliktklärungssystems wiederfindet
- die Beobachtungen während der Präsentation, welche die Auswertung und Interpretation der Interviews unterstrich
- durch die oben angeführte Auseinandersetzung mit der erwähnten Literatur

Hypothese 1

Durch die bewusste körperliche Wahrnehmung der Angst und ihre Wirkung auf die nonverbale Kommunikation kann dem Menschen bewusst werden, dass ein Konflikt besteht.

Die Ergebnisse des ersten Workshops wurden erst nach dem nachfolgendem Literaturstudium zu „Angst und ihre Auswirkung auf die nonverbale Kommunikation“ analysiert.

2.3 Forschungsstand:

2.3.1 Emotion Furcht

Antonio Damasio schreibt, dass für das Überleben die Emotionen sorgen, welche aus einfachen Reaktionen bestehen. Von Geburt aus sind alle lebenden Organismen „mit Mechanismen ausgestattet, die dazu bestimmt sind, die Grundprobleme des Lebens automatisch, ohne Denkprozesse im eigentlichen Sinne, zu lösen“. Die einfachsten Mechanismen des Organismus seien Annäherung, verbunden mit dem Gesichtsausdruck von Selbstvertrauen und Wohlgefühl oder Vermeidung, verbunden mit Schmerz, Rückzug und Schutz des Körpers, mit dem Gesichtsausdruck von Schrecken oder Schmerz (Damasio, 2009, S. 40 - 44).

Das, was uns also bewegt, uns zu etwas hinzieht oder uns etwas vermeiden lässt und damit für unser Überleben sorgt, sind für Damasio unsere Emotionen, über die wir von Geburt an verfügen. Diese Gefühle nennt man auch „Grundgefühle“, „Primärgefühle“ oder „Basisgefühle“. Die „emotionalen Universalien“ in Ausdruck und Verhalten wurden bereits von Darwin aufgezeigt. Ihr Ursprung wird in dem „elementaren organistischen Verhaltensmuster wie Kampf oder Flucht“ und der sozialen Interaktion gesehen, die mit dem parasympathischen und dem sympathischen Nervensystem, dem körperlichen und dem geistigen Zustand zusammenhängen (vgl. Ciompi, 2005, S. 80f).

„Wenn uns eine Emotion packt, dann deshalb, weil etwas Wichtiges, vielleicht etwas Bedrohliches geschieht, und auf dieses Problem wird ein Großteil der Ressourcen des Gehirns angesetzt […] Das ganze Selbst wird von der Emotion absorbiert. Emotionen bewirken, wie Klaus Scherer gesagt hat, eine Mobilisierung und Synchronisierung der Aktivität des Gehirns“ (LeDeoux, 2010, S. 322).

Joseph LeDeoux schreibt, dass Furcht von verschiedenen Theoretikern als elementare angeborene Emotion gilt und von vielen an einer universalen Mimik erkannt werden will (vgl. LeDeoux, 2010, S. 121). Furcht wird zu Angst, wenn sowohl Flucht, als auch Vermeidung einer bedrohlichen Situation vereitelt würden. Angst sei „das Ergebnis von Traumatischen Lernerlebnissen“, der Furchtkonditionierung. Konditionierte Reize würden die Amygdala aktivieren und diese aktiviere unbewusst das ursprüngliche Traumata, welches die Amygdala noch mehr errege. Durch den körperlichen Ausdruck der Reaktion der Amygdala im limbischen System würde der Cortex informiert und damit die furchterregenden Gedanken weiter angeregt werden, wodurch das Gehirn in einen emotionalen und kognitiven „Teufelskreis“ gerät. Im Vermeidungslernen komme es nach der Furchtkonditionierung zum Erlernen einer Reaktion, die vermeintlich die erlernte Furcht vermeidet. Dass wir mehr Ängste hätten, als nötig wären, wäre wohl auf unser äußerst wirksames Furchtkonditionierungssystem zurückzuführen und auf unsere Fähigkeit, uns unsere Ängste auszumalen und unserer Unfähigkeit, sie zu kontrollieren (vgl. LeDeoux, 2010, S. 245-286; Grawe, 2004, S. 94-97).

Laut Joachim Bauer wird m ittels Emotionen die Umwelt beurteilt, um entsprechend zu reagieren. „Die Bewertung neuer Situationen durch das Gehirn erfolgt durch einen in Sekundenbruchteilen vollzogenen Abgleich der aktuellen Lage mit abgespeicherten Erinnerungen an ähnliche Situationen. Eine Bewertung als Gefahr ergibt sich dann, wenn die aktuelle Situation eine Erinnerung an eine frühere Situation wachruft, in der ungute Erfahrungen gemacht wurden. Als gefährlich werden Situationen eingeschätzt, die früheren Situationen gleichen, welche z.B. vom Betroffenen selbst oder von bedeutsamen Bezugspersonen nicht zu bewältigen waren oder bei denen der Betroffene keine Hilfe von anderen erhielt; oder bei der bedeutsame Bezugspersonen deutlich gemacht haben, dass sie dem Betroffenen eine Bewältigung nicht zutrauen“ (Bauer, 2010, S. 37).

Die Bewertung der wahrgenommenen Unterschiede geschieht also durch unsere Emotionen, die unser Überleben durch automatische Reaktionen sicherstellen. Hierzu bestimmen unsere Emotionen, was und wie wir etwas wahrnehmen, welche Erinnerungen, welche Gedanken aktiviert werden und mit welchen Verhalten reagiert wird.

Dies beschreibt auch Luc Ciompi. Er bezeichnet das Angstgefühl als lebenswichtiger Warner vor Gefahr, vor potentiell gefährlichen Umwelt- wie auch Denk- und Verhaltensbereichen, verbunden mit einer grundlegenden Motivation des „Hinweg-von“, d.h. im Extremfall Flucht. Es sei die Angst, die allem Verhalten, Wahrnehmen und Denken überlebenswichtige Grenzen setzen würde und allem Neuen gegenüber untergründig mitschwinge, als ambivalenter Impuls zur Neugier. Der Aufmerksamkeitsfokus werde verengt und vertieft, und nur, was zur aktuellen Emotion passe, würde als Wirklichkeit wahrgenommen und gleichzeitig würden entsprechende Erinnerungen aktiviert, alles andere würde ausgeblendet. Durch die gemeinsame Emotion würden Gedanken, Erinnerungen miteinander verbunden, abgespeichert und wieder aufgerufen. So verbinde z.B. das Gefühl der Angst, alle entsprechend erlebten Situationen miteinander und bilde damit den Schlüssel deren Remobilisierung. Je stärker das Gefühl, desto stärker dominiere es das Empfinden, unsere Wahrnehmung und unsere Gedanken. Unsere Gefühle würden bestimmen, was wir aus der Fülle an Informationen wahrnehmen und wie wir es wahrnehmen (vgl. Ciompi, 2005, S. 95-100).

Wir alle kennen dieses Gefühl, wenn wir im Konfliktfall die kognitive Kontrolle verlieren. Doch wie funktioniert das genau?

Gerhard Roth schreibt: „Geringe Furcht wird als Stress erlebt […] Große Furcht hingegen führt zu Fluchtdrang, zu Vermeidungs- und Abwehrverhalten, sehr große Furcht zu ‚blindem Angriff’ oder zu ‚kopfloser Flucht’. […] Das Furchtsystem und das Stress-System arbeiten hierbei eng miteinander zusammen“ (Roth, 2001, S. 290f). Denn wie beim Stress wirke die Furcht auf die limbischen Zentren, jedoch führe der Weg über die Amygdala zum Hypothalamus und Zentralen Höhlengrau und die angeborene Furchtreaktion würde so viel schneller ausgelöst und „melden gleichzeitig die Bedrohung sofort zu den bewußtseinsfähigen Cortexarealen zurück“ (a.a.O. S. 292). Auch Roth bezieht sich auf die Furchtkonditionierung, durch die das Gehirn, aufgrund des gemeinsamen Auftretens, einen neutralen Reiz mit einem furchterregenden Ereignis verbindet, wodurch der vormals neutrale Reiz nun Furcht auslöst, bekannt als Pawlowsche Konditionierung (vgl. a.a.O. S. 292). Vor was haben wir Furcht?

Die Studie aus Michigan belegte, dass emotionaler Schmerz identisch ist mit körperlichem Schmerz. Denn dieselben Areale des Gehirns, welche bei körperlichem Schmerz aktiviert werden, werden ebenfalls bei leidvollen emotionalen Reizen aktiviert und auf der organischen Ebene beantwortet. Soziale Konflikte werden also von unserem Gehirn als ebenso gesundheitsgefährdend bewertet wie körperliche Beschädigungen (vgl. Kross 2011).

Konflikte generell sind wahrgenommene Unterschiede zwischen dem inneren Bild, wie es sein sollte und der wahrgenommenen individuellen Realität, zwischen Soll und Ist. Sie verursachen Schmerzen. Alles, was für uns mit Schmerzen verbunden ist, wird aufgrund der Furchtkonditionierung mit der erlernten Reaktion zu vermeiden versucht. Wenn dies nicht gelingt, erleben wir die Angst.

2.3.2 Furchtkonditionierung

Roth schreibt weiter, die Furchtkonditionierung, „die meist unbewusst oder nur oberflächlich bewusst abläuft […] ermöglicht es uns, furchterregenden oder schädlichen Dingen rechtzeitig aus dem Weg zu gehen oder Maßnahmen zu treffen, die diese schädlichen Dinge unterbinden. Situationen, die häufig mit unangenehmen Zuständen gepaart wurden und so zu Voraussagern für diese Zustände wurden, können ihrerseits die Funktion eines unbedingten Reizes übernehmen und einen weiteren neutralen Reiz negativ ‚einfärben’, der mit ihnen gepaart auftritt […] Für die konditionierte Furcht ist nach Meinung der Mehrzahl der Fachleute ausschließlich die Amygdala verantwortlich“ und diese erhalte über den Hippocampus „die Details über den Kontext der Furchtkonditionierung“ (a.a.O. S. 292f). In der Amygdala wird „die konditionierte Furchtreaktion mit der angeborenen Furchtreaktion verknüpft“, so dass „dann die mit Furcht verbundenen Verhaltensreaktionen und vegetative Reaktionen einschließlich der Freisetzung von Cortisol“ von der Amygdala ausgelöst werden können. „Das Besondere an der amygdaläre Furchtkonditionierung ist, dass sie so schnell erfolgt und kein oder nur ein sehr langsames Vergessen kennt […] Der Cortex, ist zwar in der Lage, innerhalb gewisser Grenzen die Auswirkungen der Tätigkeit der Amygdala auf unsere Gefühls- und Handlungssystem zu kontrollieren, nicht aber die Furchtcodierung in der Amygdala selbst“ (a.a.O. S. 295). „Hat ein Individuum erst einmal gelernt, dass Flucht ein gutes Mittel ist, sich der Bedrohung zu entziehen, so wird es weiterhin hierzu neigen und sich nicht etwa zur Wehr setzen“ (a.a.O. S. 315). „Ein wichtiger Aspekt menschlicher (und tierischer) Aggressivität ist die Tatsache, dass Lernen am Erfolg, d.h. positive Konditionierung, stark aggressionsfördernd wirken kann“ (a.a.O. S. 316). „Dieses auf positiver und negativer Konditionierung beruhende emotionale Gedächtnis lernt (wie das implizite Gedächtnis allgemein) langsam, aber sehr nachdrücklich.“ Die emotionalen Konditionierungen beginnen bereits im Mutterleib „und können ihre Aktivität in Grenzen erfahrungsabhängig kontrollieren. […] Sie bewerten alles, was der Körper tut, nach den positiven und negativen Konsequenzen dieses Tuns und speichern die Resultate dieser Bewertungen im unbewussten emotionalen Erfahrungsgedächtnis ab.“ Der Einfluss des bewusstseinsfähigen Cortex auf unbewussten Ebenen sei vergleichsweise gering, während umgekehrt die unbewusste Ebene und die emotionale Konditionierung massiv die bewusstseinsfähige Ebene beeinflussen würde (a.a.O. S. 320). So beherrschen die Gefühle den Verstand eher als umgekehrt. „Das ist auch gut so, denn unsere konditionierten Gefühle sind unsere konzentrierte Lebenserfahrung […] ohne Gefühle und Motive, die uns antreiben, sind wir rein passive Wesen“ (a.a.O. S321). Das Gehirn ist „ein Bewertungssystem im Dienste der Verhaltenssteuerung […] Zur Bewertung gehört das affektiv-emotionale, relativ detailarme Erfassen der gegenwärtigen Situation und das Vergleichen mit dem emotionalen Gedächtnis“. Gleichzeitig erfasst und wägt der Cortex die Sachlage und die Konsequenzen ab. „Diese corticale Aktivität kann die subcorticalen Einschätzungen und Antriebe entweder unterstützen […] oder ihnen widersprechen […] der orbitofrontale Cortex scheint dabei vornehmlich eine hemmende Wirkung auf die Amygdala auszuüben. […] je größer die Bedeutung des anstehenden Problems und der zu erwartenden Konsequenzen ist, desto wahrscheinlicher wird das emotionale System gewinnen. Beiden Systemen zugeordnet ist das Aufmerksamkeitssystem, das unseren Blick unbewusst oder bewusst auf dasjenige lenkt, was für das Gehirn auffallend und wichtig erscheint. Diese Aufmerksamkeitssteuerung ist ein wichtiger Teil des Bewertungssystems, denn was wir nicht mit dem ‚Scheinwerfer’ der Aufmerksamkeit erfassen, kann uns auch nicht stark bewegen“ (a.a.O. S. 322).

Unser System will vorrangig überleben und die Furchtkonditionierung dient dazu, rechtzeitig zu erkennen, wenn uns etwas droht, dass uns erfahrungsgemäß in der Vergangenheit nicht gut getan hat. Zur Selbstregulation eines jeden Systems, des System des Menschen selbst und des Systems des Menschen in Beziehung mit seiner Umwelt, drückt sich die Motivation in Annäherung oder Vermeidung aus. Das Annäherungssystem ist mit den Belohnungsbahnen des Gehirns verbunden und löst die Hinzu-Bewegung aus. Das Vermeidungsverhalten ist mit dem Angstzentrum im Gehirn, der Amygdala verbunden und löst die Hinweg-Bewegung aus. Beide Zentren werden von unseren Emotionen gesteuert. Wenn wir also eine konflikthafte Situation erleben, die uns an eine vergangene Situation erinnert, welche mit Schmerz bzw. mit negativen Konsequenzen für uns verbunden war, dann wird die Furchtreaktion ausgelöst, die sich dem Bewusstsein entzieht. Je nachdem, ob gelernt wurde, dass Flucht oder Aggression eine bewährte Verhaltensweise ist, wird automatisch reagiert und umso bedrohlicher eine Situation bewertet wird, desto mehr wird das Bewusstsein und das logische Denken außer Kraft gesetzt werden. Denn wenn es um das bloße Überleben für das System geht, muss sofort gehandelt werden, ohne zeitaufwendig logisch abzuwägen. Die Angst fokussiert unsere Aufmerksamkeit auf das, wodurch wir uns bedroht fühlen, alles andere wird ausgeblendet. So sehen wir schließlich in dem anderen nur noch die Bedrohung, den Feind und nicht mehr den Menschen.

2.3.3 unbewusste Informationsaufnahme

Roth führt weiter an, dass sich das limbische System und das subcorticale, das sich dem Bewusstsein entziehende System, embryonal bereits ab der fünften Woche entwickeln würden und damit weit vor dem hippocampocorticalen, dem bewusstseinsfähigen System. Das isocorticale System, der Träger des bewussten Ichs, reife erst nach der Geburt aus und der Reifungsprozess sei erst mit Ende der Pubertät abgeschlossen. Die erlebte, als Wirklichkeit erfahrene Welt würde von unserem Gehirn in mühevoller Arbeit über viele Jahre hindurch konstruiert und bestehe aus Wahrnehmungen, Gedanken, Vorstellungen, Erinnerungen, Gefühlen, Wünschen und Plänen, die unser Gehirn hat. Diese entstünden in der Individualentwicklung lange bevor das Ich entstehe und sei ebenso eine Konstruktion des Gehirns wie ihre Wirklichkeit. Beide würden das Gehirn in die Lage versetzen, komplexe Informationen zu verarbeiten, neue, unbekannte Situationen zu meistern und langfristige Handlungsplanungen zu betreiben. Früh würde die notwendige Balance zwischen einer Bindung, die Sicherheit, Schutzbedürfnis und Geborgenheit gibt und dem Erkunden der Umwelt, des Neuen und Fremden erlernt. Forschungsergebnisse ließen mit aller Vorsicht vermuten, dass die Persönlichkeit zu 40 bis 50 % genetisch determiniert sei, 30 bis 40% auf Prägungs- und Erlebnisprozesse im Alter zwischen 0 und 5 Jahren zurückgehen und 20% durch spätere Erlebnisse beeinflusst werden (vgl. Roth, 2001, S. 324-353).

Das, was uns also in einem Konflikt Angst macht und zur Furchtkonditionierung führt, das, was uns automatisch reagieren lässt, entzieht sich oft unserem Bewusstsein, da sich das emotionale Gedächtnis zum einen entwickelt, bevor sich unser bewusstseinsfähiger Teil des Gehirns entwickelt und zum anderen, da das sogenannte „emotionale Gehirn“, unabhängig von unserem bewusstseinsfähigen Cortex Informationen aufnimmt und speichert. Alles, was sich ab der fünften Embryonalwoche ereignet, wird im „emotionalen Gedächtnis“ abgespeichert, während sich der bewusstseinsfähige Teil des Gehirns erst sehr langsam nach der Geburt entwickelt. Und jeder muss in seinem Leben die Balance zwischen der Sicherheit und Geborgenheit des Bekannten und der Entdeckung und Erprobung des Unbekannten sowie zwischen der Anpassung an die Gruppe und der Entwicklung der eigenen Identität finden. Roth weißt zwar darauf hin, dass ca. 30 bis 40 % der Einstellung einer Person auf Erlebnisse zwischen dem 0 bis 5. Lebensjahr zurückzuführen sind, doch prägen auch die Erlebnisse im Mutterleib die Einstellungen bzw. die Furchtkonditionierung. Es bleibt also abzuwarten, wie viel von den angenommenen 40 bis 50 %, die Roth noch der Genetik zugeschrieben hat, tatsächlich auf Prägungsprozesse im Mutterleib zurückzuführen sind. Doch wie dem auch sei, so ist es doch beeindruckend, dass die Wissenschaft davon ausgeht, dass nur ca. 20 % der Prägung auf Erlebnisse nach dem 5. Lebensjahr zurückzuführen sind. Dies würde bedeuten, dass die Persönlichkeit und die Einstellung eines Menschen überwiegend unbewusst geprägt werden und damit nicht einfach durch das bewusste Denken verändert werden können, zumal wir nur etwas „verinnerlichen“, wenn es uns emotional berührt.

Hans J. Markowitsch sieht als weiteres Argument für unsere Unfähigkeit, uns an die Kleinkindzeit zurückzuerinnern „die mangelnde Sprachkodierungsfähigkeit und den geringen Wortschatz kleiner Kinder“ und bezeichnet das „Fehlen bewusster Erinnerung an die ersten Lebensjahre“ als „Infantile Amnesie“. Er zieht daraus den Schluss, dass in dieser Zeit erfahrene Extremerlebnisse „durchaus unbewusst präsent sind und infolgedessen gegenwärtiges Handeln beeinflussen“ können (Markowitsch, 2009, S. 77). Hüther nimmt wohl darauf Bezug, als er meint, dass das menschliche Gehirn zwar diese „spezifischen Verhaltensmuster“ dieser Erfahrungen aktivieren könne, jedoch ließe sich diese Erinnerung nicht in Worte fassen, wenn die Fähigkeit zur verbalen Beschreibung zu dem Entstehungszeitpunkt nicht hinreichend entwickelt gewesen sei. „Sie können jedoch nicht bewusst erinnert oder mitgeteilt werden, kommen jedoch bisweilen auf andere, zum Beispiel körperliche Weise zum Ausdruck“ (Hüther, 2010b, S. 72f). Außerdem meint Markowitsch, dass „Informationen, die ‚zu Herzen gehen‘ oder die affektgeladen sind, ganz besonders eingespeichert werden, und in Kindheit und Jugend wird vieles als bedeutend gesehen“ und die „hochgradig emotionalen Ereignisse scheinen sich fast augenblicklich ins Gedächtnis einzubrennen“ (a.a.O. S. 14, 56). Markowitsch schreibt weiter, dass „die subliminale Wahrnehmung, das Erkennen von Reizen, die wegen ihrer zeitlichen Kürze oder dadurch, dass sie von anderen Reizen verdeckt (maskiert) werden, nicht in das Bewusstsein vordringen können“ und „dass wir angeblich 95 % unserer Informationen unbewusst aufnehmen (Bargh & Chartrand, 1999; Drachman, 2005). Unbewusst reagieren wir auch auf Gefahren oder in vielen Situationen, in denen es um die motorische Kontrolle unseres Körpers geht“ (a.a.O. S. 70f).

Besser verständlich wird die 95 prozentige unbewusste Informationsaufnahme, wenn man die Ergebnisse des „Phänomen des transgenerationellen Transfers“ der Bindungsforschung kennt: „Gefühle wie Angst, Wut und Verzweiflung werden an spätere Generationen weitergegeben“ (Trautman-Voigt/Voigt. 2009, S. 55). Außerdem wurde In Untersuchungen nachgewiesen, dass pränatale Umgebungseinflüsse, wie eine negative mütterliche Emotionalität, der Bewältigungsstil der Mutter, die nonverbale Interaktion zwischen Mutter und pränatalem Säugling, bereits Auswirkungen auf die kognitive Entwicklung und auf die Affektregulation haben (a.a.O. S. 54f; Geuter, 2010, S. 84). Deshalb meint Schore (2007, S. 43) „Der Kern des Selbst ist somit nonverbal und unbewusst und ist eingebettet in die Matrix der Affektregulation“.

Dies würde bedeuten, dass uns die eigentliche Ursache unserer Furchtkonditionierung bei Konflikten oftmals nicht bewusst oder mittels Sprache zugänglich sein dürfte, da sie sich auf Ereignisse bezieht, die wir bereits im Mutterleib oder in unseren ersten Lebensjahren erlebten bzw. unbewusst aufgenommen haben. Unser Körper reagiert jedoch auf die abgespeicherten Informationen in unserem emotionalen Gedächtnis, auch wenn dabei unser Bewusstsein nicht folgen kann.

Und so betont dann auch LeDeoux (2010, S, 321), dass Gefühle zwar einen bewussten Inhalt hätten, jedoch „zu den Prozessen, die den Inhalt produzieren, haben wir nicht unbedingt bewussten Zugang“. Und selbst wenn wir diesen Zugang hätten, wäre uns nicht bewusst, was der Ursprung war, der zuerst die emotionale Reaktion ausgelöst hat, denn „Sowohl die emotionalen Reaktionen als auch der bewusste Inhalt, sind Produkte spezialisierter Emotionssysteme, die unbewußt arbeiten“. So kann man das Gefühl bewusst wahrnehmen, jedoch nicht verstehen, da man den eigentlichen Ursprung nicht kenne und man schreibe einfach dem Auslöser die Verursachung zu.

2.3.4 „Innere Bilder“

Die „im Gehirn verankerten Verschaltungsmuster zwischen den Nervenzellen“, die „ein bestimmtes Erregungsmuster“ auslösen und das Denken, Fühlen und Handeln entsprechend ausrichten, bezeichnet Hüther als „Innere Bilder“, die den „Rückgriff auf handlungsleitende, Orientierung bietende innere Muster“ ermöglichen (Hüther, 2010b, S.16). Neu eintreffende Erregungsmuster würden ältere aktivieren, beide würden überlagert und es entstünde ein neues, erweitertes Aktivierungsmuster. Erschütternde Ereignisse, die als innere Bilder „in Form bestimmter Aktivierungsmuster in den assoziativen Bereichen des Gehirns entstehen, bleiben eng mit dem für die Regulation körperlicher Funktionen zuständigen Aktivierungsmustern in subkortikalen, limbischen Hirnbereichen verbunden und werden besonders komplex und nachhaltig stabilisiert und durch Bahnungsprozesse strukturell verankert. Es sind Bilder, die nie wieder ‚aus dem Sinn’ gehen, da sie so stark ‚zu Herzen’ gegangen sind oder so stark ‚auf dem Magen’ geschlagen haben“ (a.a.O. S. 22-24).

Die Erlebnisse, die Bewertungen hierzu und die abgespeicherten Verhaltensmuster, werden somit laut Hüther ständig erneuert: Sobald eine ähnliche konflikthafte Situation erlebt wird, wird das neue Erleben zu dem alt Erlebten dazugepackt. Und wenn wir dann auf eine aktuelle konflikthafte Situation treffen, die eine Ähnlichkeit mit einer bedrohlichen vergangen Situation aufweist, reagieren wir mit dem ganzen Paket der Erfahrung ähnlich erlebter Situationen. Wenn wir uns aus der Distanz betrachten, mag uns vielleicht manchmal bewusst werden, dass wir dem eigentlichen Auslöser entsprechend absolut unangemessen reagiert haben, denn der eine Auslöser erweckt die zusammengesetzte Reaktion aller angesammelter vergangenen, ähnlichen Erfahrungen.

Hüther meint weiter, dass jedes Kind bereits mit Inneren Bildern zur Welt komme, „die immer dann wachgerufen und als handlungsleitende Reaktionsmuster aktiviert werden, wenn es zu einer Bedrohung des inneren Gleichgewichts kommt.“ Jedes Lebewesen verfüge über Innere Bilder oder Vorlagen „auf der Ebene der Zellen in Form bestimmter DNA-Sequenzen,[…] auf der Ebene des Gehirns durch individuell gemachte Erfahrungen und auf der Ebene menschlicher Gemeinschaft, durch kollektiv akzeptierten und transgenerational kommunizierten Regeln“. Das innere Beziehungsgefüge, das durch die inneren Bilder herausgeformt und aufrechterhalten würde, sei mehr oder weniger labil. „Jede Veränderung der bisher vorherrschenden äußeren Verhältnisse, die zu einer Veränderung der bisherige inneren Ordnung […] führt, ist eine Störung, die durch den Rückgriff auf die präformierten Handlungsmuster beantwortet wird“ (a.a.O S.43).

Eine Störung des inneren Gleichgewichts wird zum Konflikt, wenn das Gleichgewicht durch bewährtes Verhalten nicht wiederhergestellt werden kann. Dies löst Angst aus und hierauf wird so reagiert, wie die Menschheit gelernt hat zu reagieren, wie das Individuum dank der Furchtkonditionierung gelernt hat zu reagieren oder wie der Mensch in Bezug zu seiner Gemeinschaft gelernt hat zu reagieren.

Die Zellen können sich durch den „Abruf ihrer genetisch überlieferten präformierten Reaktionsmuster“ an die veränderten Bedingungen anpassen. Jede Zelle müsse für die Veränderung ihres inneren Gleichgewichts eine Lösung finden, und sei es, die Störung weiterzuleiten. Die Veränderung des Muskeltonus oder der Organe würde an das Gehirn weitergeleitet, wodurch eine Reaktion ausgelöst würde, die sich „bereits in der Vergangenheit angesichts ähnlicher Störungen bewährt hat“. Als Bilder über den Zustand des Körpers erzeuge daher das Gehirn als wichtigste Repräsentanz die „Körperbilder“. Sinnesorgane würden auffällige Veränderungen in der äußeren Welt melden, „noch bevor sie den Körper erreichen und zu einer ernsthafte Bedrohung der inneren Ordnung führen“ und die Inneren Bilder würden durch die subjektiv bedeutsamen Bilder der Außenwelt ergänzt (Hüther, 2010b, S.60-63).

Jedes Gehirn verfügt also über sogenannte Körperkarten. Damit weiß das Gehirn immer direkt, wie es dem Körper geht. Sobald das innere Gleichgewicht gestört wird und der Körper entsprechend reagiert, wird dadurch das Gehirn veranlasst, aufgrund seiner Lebenserfahrung die erlernten Reaktionen einzuleiten (vgl. auch Damasio, 2009, S. 208). Aufgrund der erlernten Furchtkonditionierung kann über die Sinnesorgane frühzeitig Bedrohliches „erkannt“ werden und es kann rechtzeitig eine entsprechende Reaktion erfolgen, bevor uns –wie damals- etwas Ungutes passiert.

2.3.5 psychosozialer Konflikt – unkontrollierbare Angst – Stressreaktion

Gerald Hüther schreibt in seinem Buch „Biologie der Angst“: „Aus all den Erfahrungen, die wir im Leben machen und von denen andere Menschen uns berichten, entstehen in unserem Gehirn Vorstellungen darüber, wie nicht nur wir, sondern wie auch die Welt um uns herum sein sollte, wie sie so geworden ist, wie sie ist, und was aus ihr und aus uns wird, wenn wir sie verlassen haben. Es sind Ideen und Hypothesen, deren Gültigkeit niemand überprüfen kann, an denen wir jedoch, so gut es geht, festhalten und an die wir glauben. Jede Erschütterung dieser Vorstellungen durch das, was wir täglich erleben, bedeutet eine Bedrohung und wird ganz so, als ob uns jemand seinen Revolver in den Nacken drückte, zum Auslöser einer unkontrollierten Streßreaktion“ (Hüther, 2009, S. 42). „Für den Menschen, dessen gesamte Erfahrungsschatz von Geburt an durch soziale Faktoren, durch das Verhalten anderer Menschen geprägt ist, kann jede nur denkbare Veränderung seiner Beziehungen zu anderen Menschen unkontrollierbare Angst auslösen […]. Besonders einschneidende Erlebnisse mit anderen Menschen werden über lange Zeit gespeichert, deshalb kann die Erinnerung an eine erlebte Erniedrigung, an ein schweres Versagen, […] zu einer fortgesetzten oder bei geringfügigen Anlässen immer wieder aufflammenden unkontrollierbaren Belastung werden“ (Hüther, 2009, S. 41). „Bei allen sozial organisierten Säugetieren und insbesondere bei Menschen ist psychosozialer Konflikt die wichtigste und häufigste Ursache für die Aktivierung der Streßreaktion, die leicht unkontrollierbar werden kann“ (a.a.O. S. 43). Zu unterscheiden von einer unkontrollierten Stressreaktion sei die kontrollierte Stressreaktion. Die Angst würde auch hier wahrgenommen und veranlasse das Gehirn nach Lösungen zu suchen, „eine angelegte Verschaltung für eine Verhaltensstrategie zu aktivieren, die geeignet erscheint, die Bedrohung irgendwie abzuwenden“. Finden wir so eine und es stellt sich heraus, dass es das Richtige war, fällt uns ein Stein vom Herzen und „die Alarmglocken hören auf zu dröhnen“ (vgl. Hüther, 2009, S. 33-34).

Da unser körpereigenes System eng mit unserer Umwelt verbunden ist, reagieren wir entsprechend, wenn wir uns in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen bedroht fühlen. Wir haben ein „inneres Bild“ von uns und von der Welt an sich und jedes Erleben, dass dieses Bild ins Wanken bringt, löst Angst aus. Daher werden solche Erlebnisse auch gut abgespeichert, um sie rechtzeitig zu erkennen, sie zu vermeiden oder abzuwehren.

Die Stressforschung unterscheide „zwischen einer ‚Erstbewertung‘ […] in der das Individuum ein Ereignis hinsichtlich seiner Auswirkungen auf die eigne Person einschätzt, einer ‚Zweitbewertung‘ […] als Einschätzung der individuellen Bewältigungsmöglichkeiten und einer dritten Phase der abschließenden ‚Neubewertung‘ der Situation.“ Anschließend erfolge der „Bewältigungsprozeß“ (a.a.O. S. 29). Der Angstbegriff bezeichne „das Initial bei jeder psychologischen Streßreaktion ausgelöste Gefühl, das sich durch die individuelle Erfahrung der Bewältigbarkeit einer bestimmten psychischen Belastung zwangsläufig verändert“ (a.a.O. S. 31). Haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir in einem bestimmten Konflikt nicht auf Strategien zurückgreifen können, die wir bereits in der Vergangenheit bei ähnlichen Konflikten erfolgreich anwenden konnten, wird die Angst zunehmen.

In seiner 4. Auflage der Darstellung aktueller Theorien und Forschungsbefunde definiert Ralf Schwarzer Stress, als eine „prozeßhafte wechselseitige Person-Umwelt-Auseinandersetzung, bei der die Anforderungen die eigenen Handlungsmöglichkeiten infrage stellen oder übersteigen. Situations- und Selbsteinschätzung entscheiden darüber, in welchem Maße Stress subjektiv erlebt wird, welche Bewältigungsformen zum Einsatz gelangen und wie das Selbst und das Handeln prozeßhaft reguliert werden. Angst kann dabei als eine Begleitemotion auftreten. Sie entsteht aufgrund von Bedrohung, die ihrerseits auf kognitive Vorgänge zurückgeführt werden kann.“ Weiter schreibt Schwarzer (1993, S. 11): „Demnach müssen die eigene Fertigkeiten und Fähigkeiten, mit denen man sich normalerweise die Umwelt verfügbar macht, von irgendwelchen Anforderungen übertroffen oder zumindest in Frage gestellt werden. Diese Anforderungen können seitens der Umwelt oder seitens der eigenen Person geltend gemacht werden“. Ein Streßreiches Ereignis lässt sich „als Herausforderung, Schaden (beziehungsweise Verlust) oder als Bedrohung“ bewerten. Schwarzer unterscheidet hier zwischen Selbstwertbedrohung und Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit (a.a.O. S. 12). Die Streßbewältigung sieht Schwarzer in der Informationsverarbeitung, im Denken und Handeln sowie in Prozessen der Abwehr, welche unterhalb der Bewusstseinschwelle verlaufen, begleitet von Emotionen. „Im Falle einer Auseinandersetzung mit einem streßrelevanten Ereignis, welches als bedrohlich eingeschätzt wird, tritt Angst auf […] im Falle von Schaden bzw. Verlust eher Traurigkeit, Niedergeschlagenheit oder Ärger […] Angst enthält die Information, dass die eigenen Ressourcen die Umweltanforderungen nicht zu überschreiten vermögen […] Es handelt sich daher vor allem um eine kognitive Auseinandersetzung des Ichs mit den Ansprüchen der Außenwelt (manchmal auch der Innenwelt), wobei sich Person und Umwelt im Fluss des Geschehens wechselseitig bedingen. Nach jedem Erkenntnis- oder Regulationsschritt haben sich beide Seiten aufgrund gegenseitiger Beeinflussung verändert. Ein solcher Vorgang heißt Transaktion“ (Schwarzer, 1993 S. 13-14)

Ludger Rensing, Michael Koch, Bernhard Rippe und Volkard Rippe schreiben in ihrem Buch „Mensch im Stress“ (2009, S. 5), das zahlreiche Stressoren unterschiedlicher Art von außen und innen Stresszustände unterschiedlicher Art erzeugen würden und „die Unterschiede liegen zum einen in der Gefühlstönung des Stresszustandes - wenn er neuronal wahrgenommen wird – und zum anderen in den darauf reagierenden Hirnregionen und Hormonen wie auch den zellulären Veränderungen“. Zu den Stressoren, die über neuronale Prozesse wahrgenommen werden, würden auch das psychische Erleben und Gefühle gehören. Z.B. wären „exogene Stressoren Feinde, Konkurrenten“ und zu den „endogenen Stressoren [würden] die aversiven Gefühle Angst und Schmerz“ gehören, die auch als Reaktion auf exogene Stressoren auftreten können (Rensing et.al., 2006, S. 5-7). So „dienen Emotionen als Motivatoren, die dafür sorgen, dass sich der gesamte Organismus um die Lösung der Stressreaktion […] bemüht und die Verhaltensweisen, wie Nahrungssuche, Flucht oder Sozialkontakte, umgesetzt werden. Zum anderen findet durch das Auftreten aversiver Gefühle -wie Furcht- eine Markierung bestimmter Situationen im Gedächtnis statt, durch die gelernt wird, die Stressreize und den Kontext, die mit dem Auftreten der Stressreaktion assoziiert werden, schnell als aversiv wiederzuerkennen und die entsprechende Defensivreaktion antizipatorisch zu aktivieren“ (a.a.O. S. 11f). Eine Störung im homöostatischen System löse als Gegenreaktion eine Stressreaktion aus, „durch die der ungestörte Zustand (Sollzustand) wieder erreicht werden soll [..] Ziel ist dabei primär, einen stabilen Zustand eines Organ-/Zell-Systems und damit des gesamten Organismus wieder herzustellen und dessen Bedrohung abzuwenden [...] Joffe und Sandler haben bereits 1967 auf die besondere Bedeutung eines Regulationssystems hingewiesen, das der Aufrechterhaltung von Sicherheit, Selbstvertrauen, Kohärenz und Konstanz des Selbstbildes dient. […] Gelinge es dem Selbstsystem nicht, sich optimal auszutarieren, sucht es durch Des- und Reorganisation die nächstbeste Organisationsform, um sich zu stabilisieren“(a.a.O. S. 13f).

Furcht löst zwar eine Stressreaktion aus, jedoch liegt ihre Funktion darin, den gesamten Organismus zu einer Lösung zu aktivieren. Da die Kontexte einer bedrohlichen Situation in der Furchtkonditionierung abgespeichert werden, wird auch auf Reize reagiert, die zwar in einer bedrohlichen Situation vorhanden waren, jedoch nicht direkt etwas damit zu tun hatten. Ziel von Angst ist, das ursprüngliche innere Gleichgewicht wieder herzustellen z.B. durch Flucht. Gelingt dies nicht, wird das Erreichen eines neuen Gleichgewichts angestrebt, d.h. das System verändert sich, lernt dazu. Schwarzer spricht von „Transaktion“ und Rensing/Koch/Rippe/Rippe von „Des- und Reorganisation“. Dies scheint der Sinn einer Stressreaktion zu sein.

„Stress im allgemeinen und bezogen auf psychosoziale und intrapsychische Konflikte geht mit der Entstehung von aversiven Gefühlen einher […] Diese aversiven Gefühle sind offenbar wichtige Antriebskräfte (Motivationen) zu Verhaltensweisen, die diesen Störungen entgegen wirken […]. Erfolglosigkeit dieser Gegenmaßnahmen erzeugt Gefühle wie Angst, Wut, Hilflosigkeit und verursacht […] psychischen Stress. Ebenso ist es bei den Bedürfnissen nach Bindung und sozialer Integration. Werden sie gestört, entstehen zunächst Gefühle von Angst und Wut, welche die Motivation zu Veränderung liefern“ (Rensing et.al., 2006, S. 39).

Da Noradrenalin auch bei Furcht und Angst eine wichtige Rolle spiele, würde es auch als „Alarmtransmitter“ bezeichnet und bewirke eine Erhöhung der Aufmerksamkeit, Verhaltensaktivierung und Konsolidierung von aversiven Gedächtnisinhalten (vgl. a.a.O. S. 86). Das wichtigste Kontroll- und Steuerzentrum der zentralnervösen Stressantwort auf der Verhaltensebene sei das limbische System und „wichtige Verhaltensreaktionen, die durch Stress ausgelöst werden sind die durch Angst und Furcht motivierte Vermeidungsreaktion und Flucht“. Die sekundäre Verhaltensreaktion, diene dazu, „den erlebten Stressor künftig zu vermeiden“, indem der „Stressreiz oder die Situation, in welcher er erlebt wurde, abgespeichert werden, verknüpft mit einer aversiven Motivation und einer Defensivreaktion und somit dafür sorgen, dass künftig solche Reize und Situationen vermieden werden“ (a.a.O., 2006, S. 102-108). Somit wird sich auf die Furchtkonditionierung bezogen, jedoch in Verbindung mit der Stressreaktion. Wie verhält man sich, wenn sich die furchterregende Situation nicht vermeiden lässt?

Hüther spricht davon, dass die durch Angst ausgelöste „Notfallreaktion“ älter und fester verankert wäre, als alle anderen „reaktions- und handlungsleitenden Muster“. Daher würden diese greifen, wenn die „hochkomplexen und besonders labilen Verschaltungsmuster“ unseres bewussten Denkens durch die Aktivierung der Angsterregungsmuster ins Chaos geraten und dadurch „keine handlungsleitenden Aktivierungsmuster“ mehr aufgebaut werden könnten. Daher reagiere der Mensch dann entweder mit den aus seiner frühen Kindheit stammenden Muster bzw. bei besonders furchterregender Bedrohung greifen die „archaische Notfallhandlungen“: „Flucht oder Angriff, wenn keines von beiden funktioniert – Erstarrung“ (Hüther, 2010b, S. 118f).

Die Furcht aktiviert also unseren Körper, die Angst unser Gehirn, um eine Lösung einer Bedrohung zu finden und fokussiert uns auf die Gefahr. Je größer die Gefahr, desto mehr dominieren die automatischen Überlebensfunktionen und desto weniger hat unser bewusstes Denken Einfluss auf die automatisch ausgelösten Reaktionen. Jedoch gerade dann, wenn das Problem nicht mit automatischen Reaktionen gelöst werden kann, wäre das logische, kreative Denken auf der Suche nach neuen Lösungen besonders gefragt. So meint Damasio, dass Gefühle uns helfen würden, „schwierige Problem zu lösen, die Kreativität und Urteilsfähigkeit verlangen und Entscheidungsprozesse erforderlich machen, in deren Verlauf umfangreiche Wissensmengen abgerufen und manipuliert werden müssen. […] Bewusste Gefühle sind markante mentale Ereignisse und lenken die Aufmerksamkeit sowohl auf die Emotionen, denen sie ihre Entstehung verdanken, als auch auf die Objekte, die diese Emotionen ausgelöst haben“. So wäre es uns möglich, wenn Gefühle bewusst werden, Situationen zu analysieren und zu verarbeiten, die Konsequenzen zu überdenken und das Leben bewusst zu steuern, indem Vergangenheit, Gegenwart und mögliche Zukunft aufgrund der Gefühle miteinander verknüpft werden. Die „geistige Besorgnis“ um das „individuelle Selbst“ würde durch die Gefühle geweckt werden, damit wir mittels mentaler Überlegungen eine effektive Lösung eines Konflikts finden (vgl. Damasio, 2009, S. 208-211).

Die Angst brauchen wir in zweifacher Hinsicht zum Überleben: um „instinktiv“ bei Gefahr zu reagieren und um zu lernen. „Wir lernen etwas Neues richtig und schnell und so, dass es auch sitzt, offenbar nur dann, wenn dieses sonderbare noradrenergene System in unserem Gehirn eingeschaltet wird, das uns gehörig wachrüttelt und dazu beiträgt, die erfolgreich zur Lösung des Problems, zur Bewältigung der Angst eingesetzten Verschaltungen zu bahnen“ (Hüther, 2009, S. 66). Jedoch trifft dies nur bei einer „kontrollierbaren Stressreaktion“ zu, die als Herausforderung betrachtet wird. Bei einer „unkontrollierbaren Stressreaktion“, welche besonders häufig bei sozialen Konflikten ausgelöst wird, „bei Unerreichbarkeit von vorgestellten Zielen und die Unerfüllbarkeit von als zwingend empfundenen Bedürfnissen und Wünschen innerhalb des gegebenen soziokulturellen Kontextes“, wird das Gehirn nicht nur „wachgerüttelt“, sondern es wird im Extremfall das logische Denken ganz ausgeschaltet (a.a.O. S. 43).

2.4 durch Angst ausgelöste Körperreaktionen

Damasio unterscheidet zwischen Emotion und Gefühl: Wenn die von der Emotion ausgelösten Körperreaktionen wieder zurück in das Gehirn, über die Körperkarten im Gehirn, abgebildet werden, wird die Emotion bewusst und Damasio nennt die bewusste Emotion „Gefühl“, das entsprechende Gedanken auslöst und damit bewusst wird. Er bezeichnet daher Gefühle als „Repräsentation eines bestimmten Körperzustandes im Gehirn […] Gefühle übersetzen die jeweilige Lebens- und Körperverfassung in die Sprache des Geistes“ (Damasio, 2009, S. 103). „Ein Gefühl ist die Wahrnehmung eines bestimmten Körperzustandes in Verbindung mit der Wahrnehmung einer bestimmten Art zu denken und solcher Gedanken, die sich mit bestimmten Themen beschäftigen“ (a.a.O. S. 104).

Wird eine Gefahr wahrgenommen oder vorausgeahnt, wird über das autonome Nervensystem der Körper auf die Notfallreaktionen Kampf oder Flucht vorbereitet. Das vegetative Nervensystem wird auch autonomes Nervensystem genannt, da es unbewusst die innere Homöostase, das innere Gleichgewicht aufrecht erhält. Es steuert z.B. Herzschlag, Atmung, Blutdruck, Verdauung, Stoffwechsel, innere Organe. Das autonome Nervensystem besteht aus dem Sympathischen Nervensystem, das zuständig ist für die Leistung, das Parasympathische Nervensystem, das zuständig ist für die Entspannung und das enterische Nervensystem, das Nervensystem des Magen-Darm-Trakts. Über die Amygdala werden die Verhaltensweise (Flucht, Kampf, Starre, Gesichtsausdruck), die Reaktion des autonomen Nervensystems und die hormonelle Reaktion (Adrenalin, Noradrenalin) ausgelöst. Diese Botenstoffe geben die Erregung zwischen den Nervenenden und den Körperorganen weiter. Damit wird auch die Herzfrequenz erhöht, der Blutkreislauf beschleunigt, der Transport von Sauerstoff ins Gewebe und der Abtransport von Stoffwechselprodukten aus dem Gewebe werden verbessert. Der Blutfluss verändert sich. Die Atmung wird schneller und tiefer, um das Gewebe mit mehr Sauerstoff zu versorgen, wenn wir uns auf Flucht oder Kampf vorbereiten. Dies kann Atemlosigkeit, Erstickungsgefühle, Schmerzen oder Beklemmungsgefühle in der Brust verursachen. Die Atmung verlangsamt sich, wenn der Todstellreflex ausgelöst wird, der Säure- Basenhaushalt des Blutes verändert sich. Wenn die Atmung sich nicht normalisiert, müssen die Nieren verstärkt tätig werden. Im Kampf- und Fluchtmodus werden die Muskeln aktiviert, die Aktivität aller Organe, die hierzu nicht gebraucht werden wird reduziert z.B. Magentätigkeit, Speicheldrüse. Grundsätzlich wird Blut von dort, wo es nicht gebraucht wird, durch Verengung der Blutgefäße weggenommen und durch Dehnung der Blutgefäße dorthin transportiert, wo ein erhöhter Bedarf besteht. So wird bei Gefahr das Blut z.B. aus der Haut, den Fingern und den Zehen wegtransportiert, um bei einer Verletzung nicht zu verbluten. Daher wird die Haut bei Angst oft blass und fühlt sich kalt an, die Finger und Zehen werden kalt und fühlen sich taub und kribbelig an. Das Blut wird von dort zu den großen Muskeln transportiert z.B. Oberschenkeln um zu laufen. Die Versorgung des Gehirns wird kurzzeitig etwas heruntergesetzt, was mit Benommenheit, verschwommenem Sehen, Zuständen von Verwirrung und Unwirklichkeit verbunden sein kann. Die Aktivierung führt zu vermehrten Schwitzen, um die Haut glitschiger zu machen und es so dem Angreifer schwer zu machen zuzupacken sowie um den Körper zu kühlen und damit vor Überhitzen zu schützen. Außerdem weiten sich die Pupillen, um mehr Licht durchzulassen. Dies kann verschwommenes Sehen, Pünktchen vor den Augen und ähnliches zur Folge haben. Verminderter Speichelfluss verursacht einen trockenen Mund und die Aktivität des Verdauungssystems wird herabgesetzt, was Übelkeit, ein schweres Gefühl im Magen oder gar Verstopfung hervorrufen kann. Viele Muskelgruppen spannen sich an, die Schultern werden unwillkürlich hochgezogen, evtl. werden die Fäuste geballt, die eingelagerten Fett- und Zuckerreserven werden mobilisiert. Dieses subjektive Gefühl der Anspannung kann sich manchmal zu sichtbarem Zittern oder Beben ausweiten. Ingesamt wird der gesamte Stoffwechsel aktiviert und man fühlt sich dadurch oft heiß und erhitzt, erlebt Hitze- oder Kältewallungen. Sobald diese Körperreaktionen ausgedrückt werden, werden Signale im Körper erzeugt, die ans Gehirn zurückgemeldet werden und das Gefühl wird bewusst. Und weil dieser Prozess eine Menge Energie verbraucht, fühlt man sich hinterher müde und ausgelaugt (vgl. Koemeda-Lutz, 2009, S51-52; Medicine-wordwide; Roth, 2001, S. 263; LeDeoux, 2010, 304 – 324).

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Titel: Die Entwicklung einer Lösungsfokussierten Haltung auch über den Körper