Lade Inhalt...

Vokaloppositionen im Deutschen

Bachelorarbeit 2011 35 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Vokale der deutschen Standardsprache
2.1 Qualitative Klassifizierung der Vokale
2.1.1 Höhe
2.1.2 Horizontale Position
2.1.3 Lippenrundung
2.2 Quantitative Klassifizierung der Vokale
2.2.1 Länge
2.2.2 Gespanntheit
2.2.3 Zentralisiertheit
2.3 „Oppositionsreihen“
2.4 Die Schwa-Vokale [ə] und [ɐ]
2.5 Sonderrolle des [ɛː]

3. Das Vorkommen der Vokale des Deutschen in Vokaloppositionen
3.1 Prosodische Beschreibung der Vokalopposition
3.2 Silbenschnittmodell mit Implosionsposition
3.3 Silbenstrukturelle Opposition
3.4 Abschließende Gedanken zu den unterschiedlichen Theorien

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Gegenstand dieser Arbeit ist die Beantwortung der Fragen, welche Vokallaute und Phoneme zum Bestand der deutschen Standardsprache gehören und wie sich der Vokalismus und die mit ihm verbundenen Vokaloppositionen in Modellen erklären lassen. Dazu wird zuerst aufgezeigt, wie sich Vokallaute klassifizieren lassen, und gängige Überlegungen zum Vokalismus des Deutschen werden erläutert und hinterfragt. Dann wird die Verteilung der Vokale in Oppositionsreihen dargestellt, erklärt, worauf sich diese begründen, und erläutert, wie das in Modellen dargestellt werden kann.

Dieses Thema ist besonders interessant, weil in letzter Zeit neue Theorien zu den Vokaloppositionen im Deutschen entstanden sind, die sich auf die autosegmentale Phonologie stützen und sich von älteren, nur darstellenden Modellen unterscheiden.

Diese Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Zuerst wird eine Bestandsaufnahme über den Vokalismus getätigt. Dazu wird aufgezeigt, anhand welcher Merkmale die Vokallaute üblicherweise klassifiziert werden und welche davon überhaupt präzise und sinnvoll sind. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die Erläuterung, warum das Konzept der Gespanntheit sinnigerweise durch das der Zentralisiertheit ersetzt werden sollte. Dann wird der Phonemstatus der Schwa-Vokale sowie des Lautes [ɛː] erklärt und schließlich werden alle behandelten Vokale in den Oppositionsreihen dargestellt. Dabei ist zu klären, was unter den Vokaloppositionen überhaupt zu verstehen ist. Die Ergebnisse aus der ersten Hälfte dienen dann als Grundlage für den zweiten Teil dieser Arbeit, in welchem die Fragen beantwortet werden, wie der Vokalismus und die Vokaloppositionen modellhaft erklärt werden können und worauf sich die Oppositionen begründen. Des Weiteren wird beschrieben, inwiefern die neuesten Modelle das unterschiedliche Verhalten der Vokale in betonten und unbetonten Silben unter einen Hut bringen können. Die Arbeit schließt mit Überlegungen darüber, welche Modelle zur Erklärung der Vokaloppositionen optimal sind, was problematisch bleibt und ob überhaupt ein universelles Modell gefunden werden kann.

Im ersten Teil der Arbeit greife ich auf Quellen verschiedener Autoren aus den letzten dreißig Jahren zurück, um unterschiedliche Meinungen vergleichen und eigene Lösungen anbieten zu können. Der zweite Teil befasst sich insbesondere mit den aktuellen Untersuchungsergebnissen von Thomas Becker und Jürgen Lenerz, die kritisch begutachtet werden.

In dieser Arbeit wird aufgezeigt, dass das Thema Vokaloppositionen im Deutschen momentan viel diskutiert wird und hiermit möglicherweise eine Momentaufnahme vorliegt, die in wenigen Jahren schon wieder ganz andere, neue Theorien behandeln würde.

2. Die Vokale der deutschen Standardsprache

Dieses Kapitel wird sich mit der Frage beschäftigen, welche Vokallaute bzw. Vokalphoneme zum Bestand der deutschen Standardsprache gehören. Ausgehend von den Buchstaben wird aufgezeigt werden, wie sich die Vokale qualitativ bezüglich ihrer Artikulationshöhe, -position und der Lippenrundung klassifizieren lassen. Dann wird eine quantitative Klassifizierung vorgenommen, deren Gegenstand die Unterscheidung von sogenannten Lang- und Kurzvokalen auf Grundlage von ihren Länge- und Gespanntheitseigenschaften ist. Dabei ist zu klären, ob mit den gängigen Begriffen „Langvokal“ und „Kurzvokal“ der deutsche Vokalismus überhaupt hinreichend beschrieben werden kann, und was Gespanntheit bedeutet. Alternativ zur Gespanntheit wird die Zentralisiertheit als quantitatives Klassifizierungsmerkmal untersucht. Bei der Untersuchung werden die Fragen interessant sein, inwieweit Gespanntheit und Zentralisiertheit miteinander zusammenhängen und ob Gespanntheit als differenzierendes Merkmal überhaupt brauchbar ist oder ob stattdessen die Zentralisiertheit verwendet werden sollte. Des Weiteren wird die problematische Rolle des Lautes [ɛː] untersucht und der Phonemcharakter der Schwa-Vokale diskutiert.

2.1 Qualitative Klassifizierung der Vokale

Als Grundlage aller Betrachtungen des Vokalismus der deutschen Standardsprache kann eingangs festgestellt werden, dass im Schriftbild acht Buchstaben für anscheinend acht verschiedene Vokale – und Phoneme? – verwendet werden. Nämlich

(1) <a>, <e>, <i>, <o>, <u>, <ä>, <ö> und <ü>.

Dass jeder dieser Buchstaben einen qualitativ unterschiedlichen Vokal bedeutet, zeigen die Wörter <lagen>, <legen>, <liegen>, <logen>, <lugen>, <lägen>, <lögen> und <lügen>. Um diese Vokale zu klassifizieren, lassen sich die Zungenhöhe, ihre horizontale Position sowie die Lippenrundung untersuchen.

2.1.1 Höhe

Ein Vokal wird als „hoch“ oder „tief“ bezeichnet, wenn sich der Zungenrücken während der Artikulation des Lauts hoch oder tief im Mundraum befindet. Gleichzeitig bewegt sich dabei der Kiefer in eine höhere oder tiefere Position (vgl. Heidolph 1981:904). Alternativ kann man bei hoch positionierter Zunge von einem kleinen Schallraum im Mund, bei tief positionierter Zunge von einem großen Schallraum sprechen.

Bei den i-, ü- und u-Vokalen ist die Zungen am höchsten positioniert, bei der Artikulation der a-Vokale ist sie am niedrigsten und der Schallraum also am größten.

2.1.2 Horizontale Position

Unter der horizontalen Position ist die Lage der Zungenwölbung im Mundraum zu verstehen. Die Zungenwölbung ist im Querschnitt des Lautbildungsapparates gesehen der höchste Punkt der Zunge während der Lauterzeugung. So befindet sich die Zungenwölbung bei den auch als „hell“ bezeichneten Vokalen vorn im Mundraum (z.B. bei den i- und e-Vokalen), bei den u- und o-Vokalen ist die Zungenwölbung hingegen weit hinten. Diese Vokale gelten gemeinhin als „dunkel“.

2.1.3 Lippenrundung

Von Lippenrundung spricht man, wenn bei der Lauterzeugung eines Vokals die Lippenmuskulatur angespannt wird und der Mund somit eine rundere Form annimmt als bei den ungerundeten Vokalen. Als „rund“ werden im Deutschen die u-, o-, ü- und ö-Vokale klassifiziert, nämlich konkret:

(2) [u ʊ o ɔ y ʏ ø œ] (Meinhold/Stock 1980:82).[1]

Alle anderen Vokale im Deutschen sind ungerundet.

Nachdem die unterschiedlichen Kriterien zur Klassifizierung der Vokale erklärt worden sind, lassen sich die anfangs genannten Vokale aus dem Schriftbild folgendermaßen darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Qualitative Klassifizierung der Vokale (vgl. Heidolph 1981:904).

Von den insgesamt acht Vokalen der deutschen Sprache sind also vier gerundet und vier ungerundet. Die i-, ü- und u-Vokale werden bei hoher Zungenposition artikuliert, die ä- und a-Vokale bei tiefer. Des Weiteren werden die i-, e- und ä-Vokale vorn im Mundraum erzeugt und die u-, o- und a-Vokale hinten. Die nichtgenannten befinden sich jeweils in den Zwischenpositionen. Wenn Vokale gerundet werden, werden sich also nicht ganz vorn und nicht ganz tief im Mundraum artikuliert.

An dieser Stelle ist anzumerken, dass die Abbildung 1 eine vereinfachende Darstellung ist. Tatsächlich sind die einzelnen Abstände zwischen den Vokalen unterschiedlicher, beispielsweise werden die drei hohen Vokale phonetisch betrachtet nicht auf genau der gleichen Höhe artikuliert. Außerdem ist der horizontale Bewegungsraum der Zunge unten im Mundraum geringer als oben. Somit gibt Abbildung 1 keine Auskunft über die absoluten Abstände zwischen den Vokalen. Sie soll hingegen vielmehr einen ersten phonologischen Überblick über die Verteilung der Vokale im Deutschen geben. So kann man in dieser Grafik bereits ablesen, dass bei der Umlautbildung ein Vokal an der nächstvordereren Position gebildet wird (z.B. der u-Vokal hinten und der ü-Vokal in der Mitte bei jeweils hoher Zungenposition).

Zu diesem Zeitpunkt wurde der Aspekt der Quantität außer Acht gelassen. Dieses Klassifizierungsmerkmal wird im nächsten Kapitel untersucht und ab diesem Zeitpunkt können statt der Buchstaben auch die Lautschriftzeichen aus dem IPA verwendet werden.

2.2 Quantitative Klassifizierung der Vokale

Die oben genannten acht Vokale des Deutschen können jeweils als Lang- und Kurzvokal auftreten. So kommt in den Wörtern <Hüte> und <Hütte>, die ein Minimalpaar bilden, beide Male der ü-Vokal vor, jedoch einmal als Lang- und einmal als Kurzvokal, wobei auch ein qualitativer Unterschied feststellbar ist. Das veranschaulicht der Vergleich der Lautschrift dieser beider Wörter:

(3) [hyːtə] <Hüte>, [hʏtə] <Hütte>.[2]

Dabei gibt es nicht nur einen Unterscheidungsfaktor zwischen diesen beiden Vokaltypen im Deutschen, sondern „[d]ie offenen Vokale unterscheiden sich dabei vorwiegend durch Dauer, die geschlossenen und mittleren vorwiegend durch Zentralisierung der Kurzvokale.“ (Becker 1998:163). Becker versteht unter „offen“ die Vokale, die in Abbildung 1 in der ersten Reihe, unter „geschlossen“ und „mittlere“ jene, die in der zweiten und dritten Reihe abgebildet werden. Neben Länge und Zentralisiertheit, welche später genauer erläutert wird, gilt insbesondere die Gespanntheit als Unterscheidungsmerkmal zwischen den beiden genannten Vokaltypen. Definitorisch ist dieser Begriff jedoch kritisch zu betrachten.

2.2.1 Länge

In der Sprachwissenschaft wird allgemein von einer Opposition zwischen langen und kurzen Vokalen im Deutschen ausgegangen, womit gemeint ist, dass der „lange Vokal“ tatsächlich messbar länger artikuliert wird als sein kurzes Pendant. Auch in der Lautschrift von deutschen Wörtern wird dieser Unterschied gewöhnlich mit dem Längenzeichen ː dargestellt. In der folgenden Abbildung 2 werden Minimalpaare zu allen oben genannten Vokalen als Kurz- und Langvokal aufgeführt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Gegenüberstellung der acht Vokale des Deutschen als Kurz- und Langvokale.[3]

Anhand der Lautschrift in der Tabelle ist zu erkennen, dass bei den Vokalen i, ü, u, e,öund o nicht nur ein Längenunterschied erkennbar ist, sondern gleichzeitig auch unterschiedliche Phone in den Oppositionen verwendet werden. Bei der Opposition des a gibt es unterschiedliche Annahmen, ob es sich um unterschiedliche Phone oder dasselbe handelt. Letzteres wird hier dargestellt. Beiägibt es zwei unterschiedliche Realisierungen des Langvokals. Die Erklärung dafür wird unter Punkt 2.5 gegeben.

2.2.2 Gespanntheit

Ein weiterer quantitativer Aspekt, der oftmals in einem Atemzug zusammen mit der Vokallänge im deutschen Vokalismus genannt wird, ist die sogenannte Gespanntheit. Diese wird üblicherweise der Quantität zugeordnet, ist möglicherweise jedoch ein Klassifizierungsaspekt der Vokalqualität. Nichtsdestoweniger wird sie an dieser Stelle traditionell als quantitativer Aspekt aufgeführt.

Als Grund dafür ist festzustellen, dass in der älteren Forschung Länge und Gespanntheit der Vokale als eng miteinander verbundene Phänomene angesehen worden sind. Man hat angenommen, dass alle langen Vokale im Deutschen gespannt, alle kurzen ungespannt seien. Betrachtet man die Vokaloppositionen bei hohen und mittelhohen Vokalen (also den i-, ü-, u-, e-, ö- und o Vokalen), kann diese Annahme auch bestätigt werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Vokalopposition bei den hohen und mittelhohen Vokalen im Deutschen.

Ein erstes Problem zeigt sich allerdings beim ä-Vokal. Mit dem kurzen [ɛ] opponiert gewöhnlich der Langvokal [ɛː][4]. Dieser ist logischerweise ebenfalls ungespannt, denn schon die IPA-Schreibweise verdeutlicht, dass sich diese Opposition lediglich in der Artikulationsdauer unterscheidet. Dieser Abweichung von der Regel kann aus dem Wege gegangen werden, indem man annimmt, dass die Aussprache [ɛː] eine Buchlautung ist und tatsächlich von der Realisation [eː] ausgegangen werden muss, wie sie in vielen Dialekten, besonders in Norddeutschland, beobachtet werden kann. Dann verhielten sich die ä-Vokale genauso wie die e-Vokale. Allerdings ist die [ɛː]-Aussprache zumindest als eine Variante der Standardaussprache anzunehmen, weil sie weit verbreitet ist.[5]

Einen weiteren Widerspruch gegenüber der Annahme, dass Vokallänge gleichzeitig mit Gespanntheit auftritt, bedeutet die Vokalopposition beim a. Meinhold und Stock erklären dazu:

Dem Kurzvokal wird in den Phonetiken der deutschen Sprache zumeist eine ‚helle‘ Klangqualität, dem langen /a:/ dagegen eine ‚dunkle(re)‘ zugeordnet, doch treffen diese Unterschiede für das Deutsche in so geringem Maße zu, daß eine qualitative Trennung perzeptiv kaum möglich ist. Insofern wirkt auch hier die Quantität [=Vokallänge] distinktiv (Schall – Schal) (Meinhold/Stock 1980:89).

Eine genaue Positionierung der a-Vokale scheint schwierig zu sein, weil sie in der Literatur unterschiedlich vorgenommen wird. So gehen Altmann und Ziegenhain (vgl. 2010:86) von zwei unterschiedlichen Vokalphonemen [a] und [ɑ] aus, die beide in verschiedenen Wörtern bald kurz und bald lang erscheinen können, wie „bereits Siebs (1969)“ annimmt. Meinhold und Stock gehen hingegen von nur einem Laut [a] aus, der lang und kurz vorkommt (vgl. 1980:89f.), und Heidolph notiert den kurzen Vokal als [a] und den langen als [ɑː], weil das kurze „‚helle a‘ weiter vorn im Mundraum gebildet [werde] als der entsprechende lange (das ‚dunkle a‘)“ (Heidolph 1981:910). Die Gespanntheit beschreibt er als „gerade umgekehrt“:

[...]


[1] [ʊ] und [ɔ] weisen nur eine geringe Lippenrundung auf und werden bei Altmann und Ziegenhain (2010) als ungerundet klassifiziert, s. Abbildung 4. Ich klassifiziere sie hier als gerundet, weil ich die Unterscheidung zwischen Lang- und Kurzvokal erst in 2.2 vornehmen werde.

[2] In Anbetracht der unterschiedlichen Definitionen von Silbengrenzen, die später in dieser Arbeit thematisiert werden müssen, verzichte ich hier darauf, Silben in der Lautschrift zu kennzeichnen.

[3] Bei der hier dargestellten Lautschrift handelt es sich eher um eine hochlautliche Aussprache. Ich verzichte auf Darstellungen, die möglicherweise näher an der sprachlichen Realität sind, beispielsweise vokalisierte Nasale in den unbetonten Silben, weil diese Phänomene für die Gegenüberstellung Kurz-/Langvokal an dieser Stelle unwichtig sind.

[4] Sofern nicht von einer Opposition [ɛ] – [eː] beimäausgegangen wird.

[5] Die Diskussion um den Phonemcharakter des [ɛː] behandle ich unter Punkt 2.5 näher.

Details

Seiten
35
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656030089
ISBN (Buch)
9783656030478
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180380
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Schlagworte
Deutsch Linguistik Vokalismus Vokale Vokalopposition Vokaloppositionen Oppositionen Oppositionsreihen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Vokaloppositionen im Deutschen