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Höflichkeit als Wahrung des Gesichts

Grundannahmen des Modells von Brown und Levinson (1987)

Seminararbeit 2008 8 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

1.Einleitung

Diese Ausarbeitung beschäftigt sich mit der Thematik „Höflichkeit als Wahrung des Gesichts“ und soll einen Überblick über die Grundannahmen des Modells von Brown und Levinson (1987) geben. Um dies besser veranschaulichen zu können, soll zu Beginn meiner Ausarbeitung das vorliegende Zitat von Eelen (2001) in Bezug auf das Modell von Brown und Levinson erläutert werden:

„(…) politeness is part and parcel of construction and maintenance of social relationships and addresses the social need for the control of potential aggression within society.“ (Eelen 2001: 5)

Im nächsten Schritt sollen die Strategien positiver und negativer Höflichkeit an Beispielen im Deutschen erläutert werden. Abschließend soll Stellung zu der Frage genommen werden, ob man das deutsche „Höflichkeitssystem“ einer Kultur „negativer Höflichkeit“ oder einer Kultur „positiver Höflichkeit“ zuordnen kann.

2. Grundannahmen des Modells von Brown and Levinson

Will man sich mit dem Phänomen der Höflichkeit sprachwissenschaftlich auseinandersetzen, so sollte zu Beginn grundlegendes hervorgehoben werden: in der Gesellschaft wird nicht allein Zwecks des Informationsaustausches miteinander kommuniziert, sondern ebenfalls, um soziale Beziehungen zu gestalten. Die Kommunikationspartner müssen kontinuierlich darüber entscheiden, was und wie sie etwas sagen. Zur Art und Weise der Sprachverwendung gehört es soziale Prinzipien und gesellschaftliche Normen zu beachten, die unter Höflichkeit zusammengefasst werden können. (vgl. Handout vom 30.10.2008) Diese Definition von Höflichkeit greift auch Eelen (2001) in ihrem Zitat wieder auf:

„(…) politiness is part and parcel of construction and maintenance of social relationships and addresses the social need for the control of potential aggresion within society.“ (Eelen 2001: 5)

Nach ihrer Aussage ist Höflichkeit ein Teil der Struktur und Bewahrung von sozialen Beziehungen. Im Vergleich dazu ergänzen Brown & Levinson (1987), angelehnt an das Grice’sche Kooperationsprinzip (1975) diese Sicht, indem sie Kommunikation als rationales und zielgerichtetes Handeln verstehen und angeben, dass kennzeichnend für Höflichkeit eine Abweichung von rationaler Effizienz ist. (vgl. Brown & Levinson 1987:5) Diese Grundannahme kommt bei Eelen in dieser Form nicht so deutlich zum tragen.

Des Weiteren macht Eelen in seiner Definition deutlich, dass Höflichkeit auf das soziale Bedürfnis abzielt, mögliche Aggressionen in der Gesellschaft zu kontrollieren (vgl. Eelen 2001:5). Auch Brown & Levinson gehen von einem ständig vorhandenen Konfliktpotentials innerhalb sozialer Interaktionen aus. Jeder einzelne Interaktionspartner möchte letztendlich seine Pläne und Ziele, die nicht immer mit denen des Gegenübers kompatibel sind, verwirklichen. Nach Brown & Levinson ist Ziel der Höflichkeit die Wahrung des Gesichts (face) von Sprecher und Gesprächspartner und damit eine harmonische zwischenmenschliche Beziehung ohne eventuelle Aggressionen bzw. Konfliktpotential zu ermöglichen, wie auch in der Definition von Eelen ausgesagt wird. (vgl. Wardhaugh 2002:275) Der Begriff face geht auf Goffmann (1967) zurück und meint das „public self-image“, das man anderen präsentieren will. (Brown & Levinson 1987:61) Brown & Levinson unterscheiden jedoch zwei komplementäre Seiten von face: positive face und negative face. Die Bezeichnungen sind keine Wertungen, sondern implizieren für negative face den Wunsch jedes Erwachsenen, dass er frei und selbstbestimmt handeln kann, ohne von anderen eingeschränkt zu werden. Positive face beinhaltet den Wunsch jedes Mitgliedes, dass seine Handlungen auch einigen anderen wünschenswert seien und Verständnis und Bewunderung finden. (vgl. Brown & Levinson 1987: 62)

Es liegt im Interesse beider Interaktionspartner diese widerstreitenden Bedürfnisse beim Sprechakt auszugleichen. Dazu bedarf es der Höflichkeit, denn es besteht sowohl die Möglichkeit des Gesichtsverlustes, als auch die der Gesichtswahrung und –aufwertung. Deshalb muss eine mögliche Gesichtsbedrohung („face threatening act – FTA) innerhalb einer Interaktion, insbesondere wenn es sich um einen Interessenkonflikt handelt, kontinuierlich berücksichtigt werden. (vgl. Handout vom 13.11.2008: 1) Brown und Levinson unterscheiden vier Möglichkeiten der sprachlichen Gesichtsbedrohung:

1. Bedrohung des negative face des Adressaten durch Druck in Form einer Anweisung oder Ermahnung
2. Bedrohung des positive face des Adressaten durch Äußerung von Kritik oder Tabuthemen
3. Bedrohung des negative face des Sprechers durch die Herstellung einer Bindung an jemanden, indem man beispielsweise sein Angebot annimmt
4. Bedrohung des positive face des Sprechers durch Entgegenkommen, Eingeständnis von Schuld oder Geständnis

(vgl. Handout vom 13.11.08: 2)

Solche FTAs sind häufig nicht zu vermeiden, daher sollte der Sprecher versuchen die Gesichtsbedrohung so gering wie möglich zu halten. Dazu kann zwischen unterschiedlichen Strategien gewählt werden:

Zu aller erst kann der Sprecher entscheiden, ob er die FTA macht oder schweigt. Denn wenn die Gefahr einer sehr großen FTA da ist, kann man es auch bleiben lassen. Ist dies jedoch nicht der Fall, kann der Sprecher wählen zwischen on record, d.h. seine Absicht sehr direkt ausdrücken oder off record, d.h. er deutet seine Absicht nur indirekt an. Wählt der Sprecher die erste Strategie, so kann er seine Absicht mit (siehe Beispiel 2) oder ohne Abmilderung (siehe Beispiel 1) ausdrücken.

(1) „Gib mir die Zeitung.“

(2) „Wäre es vielleicht möglich, dass du mir die Zeitung gibst.“

Drückt es seine Absicht mit Abmilderung aus, so zeigt er an, dass keine Gesichtsbedrohung erwünscht ist. In diesem Fall kann er zwischen positiver Höflichkeit und negativer Höflichkeit wählen, welche im Folgenden erläutert werden sollen. (vgl. Brown & Levinson 1987: 60)

3. Strategien positiver und negativer Höflichkeit an Beispielen aus dem Deutschen

Damit die Interaktionspartner den Wünschen des positive und negative face ihres Gegenübers und auch dem eigenen face gerecht werden, können sie auf den Gebrauch von positiver und negativer Höflichkeitsstrategien zurückgreifen.

Bei der positiven Höflichkeit deutet der Sprecher daraufhin, dass er daran interessiert ist das positive face des Hörers zu wahren. Er behandelt sein Gegenüber wie einen Freund, zeigt Sympathie, solidarisiert sich mit ihm, macht ihm Komplimente, und bemüht sich informellen Sprachgebrauch zu erreichen. Um diese Strategie besser veranschaulichen zu können, möchte ich an dieser Stelle ein paar Beispiele aus dem Deutschen nennen:

(3) „Warst du beim Friseur? Sieht toll aus, die neue Frisur.“

Der Sprecher (S) richtet seine Aufmerksamkeit auf den Hörer (H) und macht ihm ein Kompliment.

(4) Firmenchef: „Wir sitzen doch alle im gleichen Boot, also lasst uns…!“

S betont die gemeinsame „in group“ – Zughörigkeit, indem er eine entsprechende Anredeform gegenüber H wählt und sowohl sich selbst als H in die Handlung mit einbezieht.

(5) „Das Wetter ist heute aber wieder ungemütlich! Musstest du auch heut morgen mit dem Regenschirm raus?“

S sucht Gemeinsamkeiten mit H durch small talk über ein triviales Thema wie das Wetter.

(6) „Ich weiß genau was du jetzt denkst, für mich als Abiturientin käme eine einfache Frisösenausbildung auch nicht in Frage!“

S hebt eine gemeinsame Meinung und Denkweise hervorgehoben. Insbesondere wird hier betont, dass S und H das gleiche Bildungsniveau haben.

(7) Dozent in der Universität: „Ich habe gemerkt, dass sie langsam unruhig werden und dass ich schon lange ihre Aufmerksamkeit gefordert habe, meine Konzentration ist auch bald am Ende, deshalb lassen sie mich noch kurz zwei abschließende Sätze sagen…“

S zeigt seine Kenntnis über die Wünsche und Bedürfnisse von H und beachtet diese.

(vgl. Scollon & Scollon 1995: 40f.)

Bei der negativen Höflichkeit orientiert sich der Sprecher an der Wahrung des negative face. „It emphasizes their right not to be completely dominated by group or social values, and to be free from the impositions of others.” (ebd.:37) Zum besseren Verständnis möchte ich auch zu dieser Strategie ein paar Beispiele aus dem Deutschen aufführen:

(8) „Ich bin mir nicht sicher, ob Sie die Zeitung noch lesen möchten?“

S geht von minimalen Annahmen über die Bedürfnisse von H aus.

(9) „Wenn es für Sie zeitlich kein Problem ist, dann würde ich ihnen gern noch etw. mehr von meinen Kunstwerken zeigen.“

S gibt H die Handlungsmöglichkeit noch zu sagen, dass er keine Zeit hat. H hat die Möglichkeit frei zu entscheiden.

(10) „Könntest du mir vielleicht nur ein paar Cent leihen? Das Wechselgeld von gerade reicht auch völlig…“

S hält die Zumutung für H möglichst gering, indem er betont, dass es um nicht viel Geld geht und das Kleingeld in seiner Hand ausreicht.

(11) „Entschuldigung, Professor Meyer, könnten Sie mir vielleicht den Klausurtermin noch mal nennen? Ich habe ihn gerade nicht mitbekommen!“

S zeigt H gegenüber Respekt, indem er ihn mit seinem Titel anredet und die Sie – Form verwendet. Außerdem beginnt er seine Bitte mit einer Entschuldigung.

(12) „Es wurde darauf hingewiesen, dass Rauchen zu unterlassen.“

S drückt sich unpersönlich und allgemein aus, um sich selbst und H von der Situation zu distanzieren. S sagt nicht, dass er selbst das Rauchverbot erlassen hat und spricht H auch nicht direkt an, sodass dieser sich nicht angegriffen fühlen muss.

(vgl. Scollon & Scollon (1995): 41)

Grundsätzlich liegt der Unterschied zwischen beiden Strategien darin, dass die negative Höflichkeit gesichtsbedrohende Handlungen entschärfen soll. Positive Höflichkeit kann auch diesen Zweck erfüllen, jedoch kann sie ebenso gut dazu verwendet werden, um zwischenmenschliches Interesse und Anerkennung gegenüber seinem Interaktionsparter auszudrücken, weil der Sprecher ihm nahe steht oder man die Absicht verfolgt ihm näher zu kommen. (vgl. Brown & Levinson 1987:103)

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Details

Seiten
8
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656031994
ISBN (Buch)
9783656483311
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180440
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Schlagworte
höflichkeit wahrung gesichts grundannahmen modells brown levinson

Autor

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