Lade Inhalt...

Umgang mit Bilingualität von Migrantenkindern in der Primarstufe ("KOALA")

Koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht

Hausarbeit 2011 25 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bilingualität
2.1 Definition
2.2 Formen der Bilingualität

3. Spracherwerb
3.1 Spracherwerb bei Migrantenkindern
3.2 Zusammenhang zwischen Erst und Zweitsprachenerwerb
3.3 Geltungswert der Interdependenztheorie

4. Anforderung an den deutschen Sprachunterricht in der Primarstufe

5. Koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht (Koala)
5.1 Entstehung von KOALA
5.2 Funktionsweise des KOALA Konzepts

6. Diskussion und Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die Vergleichsstudien „ Iglu“ und „Pisa“ brachten in den vergangenen Jahren die Schwierigkeiten der Schüler und Schülerinnen mit Migrati onshintergrund im deutschen Bildungssystem immer wieder in das Licht der Öffentlichkeit. Migrationshintergrund bedeutet in diesem Fall, dass die Schüler selber und/oder beide Elternteile nicht in Deutschland gebo ren wurden. Der durchschnittliche Bildungserfolg dieser Schüler, die in dieser Hausarbeit synonym Migrantenkinder genannt werden, liegt deutlich hinter den Ergebnissen der Vergleichsgruppe ohne Migrations hintergrund oder mit nur einem nicht in Deutschland geborenen Eltern teil zurück. Neben sozialschichtbedingten Gründen, auf die in der vor liegenden Arbeit nicht eingegangen wird, bildet die Sprachkompetenz die entscheidende Hürde in der Bildungskarriere von Kindern aus Zu wandererfamilien (vgl. Deutsches Pisakonsortium, 2001, S. 374), denn sprachliche Defizite wirken sich kumulativ auf andere Sachfächer aus. „Fast 50% der Jugendlichen aus Zuwandererfamilien überschreiten im Lesen nicht die elementare Kompetenzstufe I, obwohl über 70% von ihnen die deutsche Schule vollständig durchlaufen haben“ (Deutsches Pisakonsortium, 2001, S. 379). Ein Grund ist dabei auch der Umgang mit dem Thema Mehrsprachigkeit im deutschen Bildungssystem. Die ses geht vor dem Hintergrund der nationalstaatlichen Entwicklung im mer noch von einer sprachlichen Homogenität aus. Das Konstrukt, alle Kinder sprechen bei Schuleintritt monolingual deutsch, erweist sich als überholt, schaut man sich den sprachlichen Habitus der vorhandenen Schülerschaft an. Aus ökonomischen, demographischen und humanitä ren Gründen wird es in den nächsten Jahrzehnten zu weiterem Wachs tum des „multiethnischen Segments“ kommen (vgl. Geißler, S.67). Ging man früher davon aus, dass die Herkunftssprachen nach zwei Genera tionen in den Familien in den Hintergrund gedrängt wurden, ist dies heute nicht mehr der Fall, da durch neuere Kommunikationsmittel, günstigere Reisemöglichkeiten und modernere Medien der Kontakt mit der Herkunftssprache aktiver aufrecht erhalten werden kann. Durch Festhalten an den Herkunftssprachen, „wird der Anteil der zwei und mehrsprachig aufwachsenden Kinder steigen“ (Bainski, 2005, S.7). Vorhandene Mehrsprachigkeit wird jedoch häufig als Defizit empfunden.

Dies ist vor allem dann der Fall, wenn es sich um Sprachkenntnisse mit geringerer gesellschaftlicher Anerkennung z.B. Türkisch in Kombination mit unzureichenden Deutschkenntnissen handelt. Auch vor dem Hinter grund des demographischen Wandels bedeutet diese Nichtanerken nung vorhandener mehrsprachlicher Kompetenzen Ressourcenver schwendung. Bisherige Sprachlernkonzepte, die sich einseitig auf das Erlernen der Zweitsprache Deutsch beziehen, scheinen bisher nicht zum durchschlagenden Erfolg in dieser Problematik zu führen. Daher geht es in dieser Hausarbeit darum, andere effektivere Möglichkeiten zur Förderung des deutschen Spracherwerbs zu finden und dabei auch die heterogene Sprachkompetenz der Schülerschaft nicht aus dem Blick zu verlieren. Das Koala Projekt scheint einen neuen Ansatz zu verfolgen, in dem auch die Erstsprache Berücksichtigung und Akzep tanz findet. Deshalb wird in der vorliegenden Arbeit untersucht, in wie weit das Koala Projekt zur Förderung der deutschen Sprachkompetenz in der Primarstufe geeignet ist.

Aufbau der Arbeit:

Um den Umgang mit Bilingualität bei Migrantenkindern zu untersuchen wird zunächst versucht, Bilingualität zu definieren und in deren ver schiedenen Erscheinungsformen vorzustellen. Dabei werden neben psycholinguistischen Aspekten auch soziologische Ansätze verfolgt werden. Das 3. Kapitel beleuchtet den Spracherwerb von Migrantenkin dern und speziell den Zusammenhang zwischen Erst und Zweitspra chenerwerb aus (sozial )wissenschaftlicher Sicht mit der Interdepen denzhypothese. Die Erkenntnisse werden im 4. Kapitel mit den Anfor derungen an den deutschen Sprachunterricht in der Primarstufe in Ver bindung gebracht. Im 5. Kapitel wird das Koala Projekt vorgestellt. Es wurde entwickelt um Vielfalt als Chance und nicht als Bedrohung zu begreifen. Dabei wird der Entwicklungshintergrund dargestellt und die Funktionsweise von KOALA beschrieben. In der folgenden Diskussion im 6. Kapitel werden die Vor und Nachteile des Koala Projekts erör tert und im abschließenden Fazit bewertet.

Zur besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit die männliche Form be nutzt, gemeint sind aber grundsätzlich auch die weiblichen Varianten.

2. Bilingualität

2.1 Definition

Um den Umgang mit Bilingualität zu untersuchen, muss zunächst ge klärt werden, was Bilingualität ist. Die Suche nach einer eindeutigen Definition von „Bilingualität“ erweist sich als problematisch, da es sie nicht gibt. Es gibt verschiedene Annäherungen, aber sie unterscheiden sich je nach dem, in welchem Kontext „Bilingualität“ definiert wird. Viele verschiedene Wissenschaftsbereiche (z.B. Linguistik, Psychologie, So ziologie oder Pädagogik) beschäftigen sich mit Bilingualität und definie ren sie aus ihrer Perspektive. Grundsätzlich stammt der Begriff aus dem Lateinischen und bedeutet „Zweisprachigkeit“. Damit ist die Be herrschung von 2 Sprachen gemeint ohne dass damit schon eine Be wertung der Kompetenzen der betreffenden Sprachen erfolgt. In der wissenschaftlichen Fachliteratur werden Bilingualität, Bilingualismus, Zweisprachigkeit und auch Mehrsprachigkeit (wenn mehr als zwei Sprachen betroffen sind) oft synonym benutzt. Frühen Definitionsver suchen lag eine Idealvorstellung von Bilingualität zu Grunde. So defi niert Blocher (1909) Zweisprachigkeit als „(...) die Zugehörigkeit eines Menschen zu zwei Sprachgemeinschaften in dem Grade, dass Zweifel darüber bestehen können, zu welcher der beiden Sprachen das Ver hältnis enger ist, oder welche als Muttersprache zu bezeichnen ist, oder welche mit größerer Leichtigkeit gehandhabt wird, oder in welcher man denkt.“(Blocher 1909, S.17). Die Definition Weinreichs macht dagegen keinerlei Aussage mehr zum Kompetenzgrad der Sprachbeherrschung: “(…) two or more languages will be said to be IN CONTACT if they are used alternately by the same persons. The language using individuals are thus the locus of the contact. The practice of alternately using two languages will be called BILINGUALISM, and the persons involved, BI LINGUAL.” (Weinreich1953, S.1. Hervorheb. i. Orig.) Er versteht unter Bilingualismus den abwechselnden Gebrauch zweier Sprachen. Das Begriffsverständnis in dieser Hausarbeit bezieht sich auf Oksaar (2003, S. 31). Sie versteht unter dem Begriff Zweisprachigkeit „die Fähigkeit eines Individuums (…) hier und jetzt zwei oder mehr Sprachen als Kommunikationsmittel zu verwenden und ohne weiteres von der einen Sprache in die andere umzuschalten, wenn die Situation es erfordert“.

Dabei kann „das Verhältnis der Sprachen durchaus unterschiedlich sein in der einen kann, je nach der Struktur des kommunikativen Aktes bedingt u.a. durch Situationen und Themen, ein restringierterer Code, also nicht stark differenzierter Code, in der anderen ein elaborierterer verwendet werden. Eine der Sprachen kann in gewissen Situationen oder Domänen durchaus dominant sein. Es handelt sich um eine vari able kommunikative und interaktionale Kompetenz in mehr als einer Sprache.“ (Oksaar 2003, S.31) Diese Auslegung weist schon auf ver schiedene Ausprägungen der Bilingualität hin, die im folgenden Ab schnitt genauer dargelegt werden.

2.2 Formen der Bilingualität

Bilingualität tritt in unterschiedlichen Erscheinungsformen auf, die sich in viele verschiedenen Kategorien einteilen lassen. In der vorliegenden Arbeit wird sich auf die Vorstellung der Einteilung nach der Perspektive, des Alters bei Spracherwerb und gegenseitige Beeinflussung der Sprachkompetenz beschränkt, da sie im weiteren Verlauf der Arbeit relevant sind.

Die Unterscheidung zwischen gesellschaftlicher und individueller Bilin gualität bezieht sich entweder auf die Gesellschaft, die zweisprachig ist oder auf das zweisprachige Individuum. Eine bilinguale Gesellschaft führt nicht automatisch dazu, dass auch das Individuum zwei Sprachen beherrscht. Hierbei spielt der Status der betroffenen Sprachen eine wichtige Rolle. In Deutschland lebte zwar schon immer eine mehrspra chige Bevölkerung, doch wurde diese Tatsache durch die nationalstaat liche Orientierung im Bildungswesen in der Vergangenheit bewusst übersehen und Hochdeutsch hat in den Schulen den Status der offiziel len Bildungssprache mit der Konsequenz, dass Migrantenkinder im deutschen Bildungssystem benachteiligt sind.

Der Zeitpunkt des Spracherwerbs führt zur Differenzierung von simulta ner und sukzessiver Bilingualität. Von simultaner Bilingualität spricht man, wenn von Geburt an beide Sprachen gelernt werden, auch be kannt unter der Rubrik „one parent, one language“ (John Edwards, S.238) wie es in Familien mit gemischtsprachlichen Eltern häufig der Fall ist: Die Mutter spricht z.B. nur Deutsch mit dem Kind und der Vater Englisch oder umgekehrt. Sukzessive Zweisprachigkeit besteht dann, wenn die Erstsprache im Elternhaus und enger familiärer Umgebung gelernt und gesprochen wird und die Zweitsprache als „bildungspolitische“ Sprache (vgl. Rösch 2001, S.23) vor allem bei Eintritt ins öffentliche Leben in Schule und Kindergarten benutzt wird. Diese Form ist in Familien von Migrantenkindern meistens vorhanden.

Die gegenseitige Beeinflussung der beherrschten Sprachkompetenz beschreibt die Unterteilung in additive und substraktive Bilingualität. Additive Bilingualität beschreibt das Hinzufügen einer Zweitsprache zur Primärsprache ohne dass die Kompetenzen in der Erstsprache einge schränkt werden. Das Gegenteil ist die subtraktive Bilingualität. Hier nimmt mit fortschreitendem Erwerb einer Zweitsprache die Sprachkom petenz in der Primärsprache ab (vgl. Cummins 1979, S.197 205). Wird die Zweitsprache dann nur unvollständig erworben, spricht man von Semilingualismus. Subtraktive Bilingualität und Semilingualismus treten häufig bei Sprechern von Minderheitensprachen in mehrheitssprachi gem Umfeld auf. Der auch doppelte Halbsprachlichkeit genannte Semi lingualismus ist nicht immer als endgültiger Zustand zu verstehen, son dern als Phase im bilingualen Spracherwerb zu sehen (vgl. Daller 1999, S. 52). Schüler mit diesem Sprachstand bilden u.a. die Zielgruppe für das im 5. Kapitel vorgestellte KOALA Projekt. Doch zunächst wird noch geklärt, wie Spracherwerb funktioniert und welche Besonderheiten beim Spracherwerb von Migrantenkindern auftreten, so dass die Ursachen und damit auch Unterstützungsmöglichkeiten bei subtraktiver Bilingualität oder Semilingualismus genauer erkennbar sind.

3. Spracherwerb

„Spracherwerb vollzieht sich als Prozess der Wechselwirkung zwischen angeborenen Voraussetzungen und sozialen Einflüssen“ (Gogolin, 2010, S.40). Über das Verhältnis von angeborenen Voraussetzungen und Umwelteinflüssen, die für den Spracherwerb notwendig sind, herrscht in der aktuellen wissenschaftlichen Literatur keine Einigkeit.

Die Fähigkeit zum Spracherwerb gehört zur „biologischen Grundaus stattung“ des Menschen. Der Spracherwerbsplan enthält einen „roten Faden“, dem jedes Kind von Anfang an folgt, wenn es in Auseinander setzung mit seiner sprachlichen Umgebung seine Sprache entwickelt. (vgl. Boettcher, Herrlitz, Nündel, Switella, 1983, S. 150). Ein Säugling ist zunächst in der Lage unbewusst die unterschiedlichsten Laute zu erzeugen. Durch intensiven wechselseitigen Kontakt zu seinen engsten Familienangehörigen eignet sich das Kind jedoch schnell die Kategorie des Lautsystems der Umgebungssprache an. Laute, die es nicht in sei ner Umwelt wahrnimmt, werden kaum noch benutzt. Die Sprache, die ein Kind von Geburt bis zum Eintritt in institutionelle Bildungseinrichtun gen erlernt, nennt sich Erstsprache oder Primärsprache. Dabei ist es zunächst auf das direkte Zusammenwirken von Verständigungsmittel und Bedeutung angewiesen. Mit zunehmender Beweglichkeit benötigt es komplexere Äußerungen um aus dem direkten Kontext heraus abs trahieren zu können und auch Gefühle, Situationen oder Handlungen zu deuten (vgl. Gogolin, Neumann, Roth, 2003, S.40). „Psycholinguisti sche Forschung belegt, dass sich das Kind durch sein praktisches Tun und seine geistigen Handlungen die eigene nervliche Organisation letzt lich selbst herstellt.“ (Gogolin, 2010, S.8) Außerhalb der Familie wird sich der Sprachstil zwar mehr oder weniger stark von der Familienspra che unterscheiden, doch durch einen großen Bestand an Grundge meinsamkeiten kann sich das Kind aus dem gesamtsprachlichen Um feld für die eigene Sprachaneignung bedienen (vgl. Gogolin, 2010, S. 41). Gleichzeitig erwirbt es mit der Sprache und deren grammatischen Strukturen spezifische soziale Regeln, Werte und Denkweisen, die dem Kind Orientierung bei seiner Identitätsentwicklung geben (vgl. Gogolin 1988,1, S.21). Bis zum Eintritt in Kindergarten oder Schule erfolgt der Spracherwerb ungesteuert (auch natürlicher Spracherwerb genannt). Mit Eintritt in den Kindergarten und verstärkt mit Schulbeginn wird die ser natürliche Spracherwerb durch gesteuerten Spracherwerb im schu lischen Deutschunterricht ergänzt. Die Sprachaneignung von Migran tenkindern unterscheidet sich in wesentlichen Aspekten vom Spracher werb des einsprachigen Kindes in einer homogenen Sprachumgebung, der in diesem Abschnitt kurz dargestellt wurde.

[...]

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656033219
ISBN (Buch)
9783656033097
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180541
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,0
Schlagworte
Interdependenzhypothese Alphabetisierung KOALA Deutschförderung Zweitsprache Deutsch Grundschule Spracherwerb Zweitspracherwerb Cummins Interkulturelle Erziehungswissenschaft

Autor

Zurück

Titel: Umgang mit Bilingualität von Migrantenkindern in der Primarstufe ("KOALA")