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Wilde Cliquen in der Weimarer Zeit

Probleme und Epochen der Bildungsgeschichte: Aufwachsen in Zeiten von Krise und Umbruch. Erziehung, Bildung und Sozialisation in den Weimarer Jahren

Hausarbeit 2010 15 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehung und Entwicklung

3. Mitglieder

4. Philosophie

5. Kleidung, Fahrten, Lieder

6. Regeln und Riten

7. Die Wilden Cliquen und andere Jugendorganisationen

8. Sozialisation, Bildung und Erziehung in den Wilden Cliquen

9. Fazit

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Penner nennen uns die Leute Penner sind wir lange nicht, denn wir haben noch ne Bleibe Mutter Grün verläßt uns nicht.“[1]

Dieses Lied verdeutlicht wie die Bevölkerung der Weimarer Zeit die Mitglieder der Wilden Cliquen wahrnahm. Die Wilden Cliquen waren zwar nur eine Minderheit in der Jugend der Unterschicht, wurden aber in der Öffentlichkeit als besonders charakteristisch und bedrohlich zugleich aufgefasst.

Wie sie entstanden, sich entwickelten und welche Ausprägungsformen sie annahmen, beschreibt diese Arbeit. Besonders eingegangen wird hierbei auf die Philosophie der Cliquen, auf die Mitglieder und deren Erscheinung, sowie auf Fahrten und Lieder. Die verschiedenen Regeln und Aufnahmeriten werden ebenfalls kurz thematisiert. Des Weiteren folgt ein Abschnitt über das Verhältnis der Wilden Cliquen zu anderen Jugendorganisationen der Weimarer Zeit. Abschließend werden die Wilden Cliquen speziell im Hinblick auf das Seminarthema zu den Aspekten Bildung, Erziehung und Sozialisation betrachtet, bevor zum Abschluss der Arbeit ein kurzes Fazit gezogen wird.

Die zeitgenössische Literatur stellt die Wilden Cliquen vor allem mit Hilfe von Interviews, Zeitungsberichten oder Dokumentationen, meist bezogen auf die Erscheinungen in der Reichshauptstadt Berlin, dar. Auf Grund dessen beschränken sich die Angaben in dieser Arbeit ebenfalls hauptsächlich auf die Stadt Berlin und weniger auf vergleichbare Erscheinungen in anderen Regionen, welche es jedoch trotzdem gegeben hat.

2. Entstehung und Entwicklung

Über die Entstehung der Wilden Cliquen in Deutschland ist relativ wenig bekannt. Es bestehen verschiedene Annahmen über ihre Ursprünge. Zum Beispiel gehen einige von der Abspaltung von Wilden Cliquen von Jugend- oder Wandervogelorganisationen vor dem Ersten Weltkrieg aus. Anders als die Wilden Cliquen bestanden die Wandervogelgruppierungen jedoch hauptsächlich aus Gymnasiasten und Handwerkslehrlingen.

In England sprach man schon Mitte des 19. Jahrhunderts von Jugendbanden mit ausgeprägtem Revierbewusstsein. Diese Banden galten als äußerst vergnügungsorientiert und bestanden aus Jugendlichen aus den Arbeiterfamilien.

Erstmals in Deutschland, genauer in Berlin, wurden im Jahr 1917 junge Leute beobachtet, wie sie, meist betrunken, seltsam gekleidet und lärmend durch die Straßen zogen. „Wanderflegel“ wurden diese Jugendlichen, deren Väter meist im Krieg waren und deren Mütter in Betrieben arbeiteten, von der Bevölkerung genannt (vgl. Lessing 1981, S. 16 f.). Die Entstehung der Cliquen erfolgte meist spontan. Zum größten Teil lernten sich die Jugendlichen auf der Straße, in der Nachbarschaft, in Kneipen oder auf Rummelplätzen kennen (vgl. Peukert 1987, S. 253). Die Zusammensetzung ergab sich häufig aus der Gemeinsamkeit des Aufwachsens, des Zusammenlebens und der geteilten Lebensperspektive, auf welche später noch eingegangen wird. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil war das traditionelle Freizeitangebot im Unterschichtmilieu, welches sich in Großstädten häufig auf Rummelplätzen gestaltete. Diese Rummelplätze existierten teilweise andauernd und bildeten somit einen idealen Treffpunkt. Sie ermöglichten den Jugendlichen die Flucht in eine kulturelle zweite Welt und mit boten ihnen Freiräume, Ablenkung und Sensationsangebote (vgl. ebd., S. 261). Die Vaterlose Kriegsgesellschaft, der Zusammenbruch des autoritären Systems 1918 und die Unruhe der Inflationsjahre boten den Wilden Cliquen Raum zur Entfaltung und waren die Basis für die Entstehung in genau dieser Zeit (vgl. ebd., S. 264).

Seit 1927 schlossen sich die Cliquen zu „Ringen“ zusammen. Diese Ringe umfassten meist mehrere Stadtbezirke und dienten zum größten Teil dem Selbstschutz. Der von den Ringen eingeführte Wohlfahrtsfonds diente der Begleichung von Strafen, der Unterstützung von Gruppenmitgliedern, die von der Polizei verfolgt wurden und der Unternehmung von Fahrten und Anschaffung von Kleidern. Jedes Mitglied musste einen wöchentlichen Beitrag entrichten, über deren Verwendung auf Gruppenabenden abgestimmt wurde. Insgesamt lässt sich sagen, dass der Höhepunkt der Wilden Cliquen sich in den Krisenjahren der Weimarer Republik, vor allem Ende der Zwanziger und Anfang der Dreißiger Jahre verzeichnen lässt (vgl. Lessing 1981, S. 20 f.). In Berlin gab es um 1930 zwischen 100 und 600 wilder Cliquen. Einige zählten bis zu mehrere Dutzend Mitglieder, im Schnitt verzeichneten die meisten jedoch zehn Mitglieder pro Clique. Insgesamt waren circa sieben Prozent der Berliner Arbeiterjugend in Wilden Cliquen vertreten, was einer Zahl von maximal 10.000 Jugendlichen entspricht. Eine Clique bestand durchschnittlich etwa zwei bis drei Jahre (vgl. Peukert 1987, S. 262 f.). Die Cliquen waren zu 10 Prozent krimineller Natur, 20 Prozent standen zwischen kriminellen Cliquen und Wandercliquen und 70 Prozent waren ausschließlich Wandercliquen. Davon zählte die Hälfte zu den politisch uninteressierten Jugendlichen und 15 beziehungsweise 5 Prozent waren linksradikal oder rechtsradikal orientiert. Fast alle Cliquen widersetzten sich jedoch den Nationalsozialisten und leisteten Widerstand gegen den Eintritt in die Hitlerjugend, da diese hauptsächlich aus Kindern der Mittelschicht bestand. Des Weiteren entsprach die Hitlerjugend mit ihrer Disziplin und straffen Organisations- und Führungsstruktur keinesfalls der Philosophie der Wilden Cliquen, welche im fünften Abschnitt genauer erläutert wird (vgl. ebd., S. 71 f.).

3. Mitglieder

Die Wilden Cliquen bestanden aus Jugendlichen, welche noch in der Pubertät waren, oder diese gerade beendet hatten. Zum größten Teil waren es männliche Jugendliche aus dem Proletariat, welche die Cliquen dominierten. Dabei handelte es sich weniger um jugendliche Arbeiter als um Jugendliche aus dem Arbeitermilieu. Viele hatten durch die Bedingungen der Weltwirtschaftskrise nur selten dauerhafte Arbeit (vgl. Peukert 1987, S. 255).

Schlossen einige Cliquen wie „Mädchenscheu“ weibliche Mitglieder gänzlich aus, waren in den meisten Cliquen zwei bis drei Mädchen, so genannte „Cliquenkühe“, vertreten. Vereinzelt gründeten sie sogar eigene Mädchencliquen (vgl. Lessing 1981, S. 16 f.).

[...]


[1] Peukert 1987, S. 254.

Details

Seiten
15
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656034117
ISBN (Buch)
9783656034353
Dateigröße
450 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180566
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
2,0
Schlagworte
Weimarer Republik

Autor

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