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Der Boxeraufstand in China - Hintergründe, Ursachen und Verlauf

Examensarbeit 2011 29 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit
1.2 Stand der Forschung Kolonialisierung Chinas

2 Das Deutsche Kaiserreich in China
2.1 Der Boxer-Aufstand
2.1.1 Wer waren die Boxer?
2.1.2 Ursachen des Boxeraufstandes
2.1.3 Hunnenrede
2.1.4 Strafaktionen und Hunnenbriefe
2.2 Warum haben die Boxer den Krieg verloren?
2.3 Boxerprotokoll

3 Zusammenfassung

Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Im Sommer 1900 kam es in Chinas gebrochenem Verhältnis zum Westen zu einer entscheidenden Episode, dem Boxer-Aufstand, bzw. dem Boxer-Krieg. Es war ein Ereignis, das Zehntausende von Opfern forderte und sich auf das Leben von weiteren Millionen auswirkte, das Ende der herrschenden Mandschu-Dynastie (1911) beschleunigte und Chinas Beziehungen zur übrigen Welt belastete (Preston 2001: 7). Was aber war dieser Boxer- Aufstand wirklich, warum entstand er und warum er sich so explosionsartig in Nordchina ausbreitete, sind die Hauptfragen dieser Arbeit. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreiches in China, auf dem Boxer-Aufstand mit seinen Ursachen, Verlauf und seiner Folge in China. Besondere Berücksichtigung liegt auf dem Vorgehen des Kaiserreiches während des Aufstandes. Der Journalist George Lynch schrieb über den Boxer-Aufstand folgendes: „Über keinen Krieg ist je wirklich die Wahrheit geschrieben worden, und dieser hier bildet keine Ausnahme“ (Lynch in: Preston 2001: 7). Als Ziel nimmt diese Arbeit die Beantwortung dieser Fragen mit verschiedenen Sichtweisen, bzw. Interpretationen der Hauptwerke über dieses Thema, um die „Wahrheit“ darzustellen. Die Transkription chinesischer Ortsbezeichnungen und Namen entspricht der alten deutschen Umschrift, wie z.B. Kiautschou und nicht Jiaozhou.

1.1 Aufbau der Arbeit

Das Thema „Boxer-Aufstand“ wird folgendermaßen aufgegliedert: Zunächst wird erklärt, wie China im 19. Jahrhundert zum Objekt der Kolonialmächte geworden ist. Da der Schwerpunkt dieser Arbeit auf dem Boxer-Aufstand und die Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreiches in China liegt, wird im zweiten Kapitel erläutert, wie und warum das Kaiserreich in China Kolonien erwerben wollte. Laut Peter Flemming (vgl. 1997) war die Besetzung der Stadt Tsingtau 1897 und ein Jahr später die Verpachtung der Bucht Kiautschou an das Deutsche Kaiserreich auf 99 Jahre in der Provinz Schantung nicht der einzige aber der hauptsächliche Grund des Boxer-Aufstandes. Welche Ursachen zum Boxer-Aufstand führten, wer die „Boxer“ waren, was sie mit den Aufständen erreichen wollten, wird ebenso im zweiten Kapitel diskutiert. Die Interpretation der berüchtigten „Hunnenrede“ vom 27. Juli 1900, ihre Auswirkungen auf die nach China zur Bekämpfung des Aufstandes gesandten Expeditionskorp, aber auch dadurch entstandene Hunnenbriefe werden auch im zweiten Kapitel behandelt. Diese Briefe lösten im Reichstag Empörungen aus. Da sich der Boxer- Aufstand mit der Kriegserklärung der chinesischen Kaiserwitwe Ci Xi gegen die Kolonialmächte in einen Krieg verwandelte, wird anschließend den Kriegsverlauf und -ende, bzw. Boxerprotokoll dargestellt. Warum die Boxer den Krieg verloren haben, wird mit den Hintergründen analysiert. Im dritten Kapitel werden alle Erkenntnisse zusammengefasst.

1.2 Stand der Forschung

Die Literatur zu diesem Thema ist umfangreich. Um Jahre 1997 zum 100. Jahrestag der Besetzung Tsingtaus/Kiautschous durch das Deutsche Kaiserreich und in den darauf folgenden Jahren erschienen zahlreiche Publikationen zur Geschichte des Schutzgebietes und den deutsch-chinesischen Beziehungen. Hervorzuheben sind die folgenden Werke: Der von Hans- Martin Hinz und Christoph Lind 1998 herausgegebene Sammelband „Tsingtau. Ein Kapitel deutscher Kolonialgeschichte in China 1897-1914“. Aus diesem Sammelband wird zwei Aufsätze für diese Arbeit verwendet, die sehr guten Überblick bieten: Der Aufsatz von Iwo Amelung „Gegen die ausländischen Barbaren. Die Boxer und ihr Mythos“ und HansMartin Hinz „Das Thema im Ausstellungsrundgang“.

Die ausführlich kommentierte, von Horst Gründer 1999 herausgegebene Quellensammlung „… da und dort ein junges Deutschland gründen. Rassismus, Kolonien und kolonialer Gedanke vom 16. bis zum 20. Jahrhundert“ umfasst zahlreiche Quellen über die deutschen Kolonien in Afrika, China und in der Südsee. In dieser Quellenauswahl sind wertvolle Quellen über die Kolonialarbeit des Deutschen Reiches bis zu seinem politischen Ende 1943 zu finden, wie in dieser Arbeit erwähnte Hunnenrede mit der Quellennummer 52 zu lesen ist.

Der von Veronika Jäger und Helmut Burmeister im Jahre 2000 herausgegebene Sammelband „China 1900. Der Boxeraufstand, der Maler Theodor Rocholl und das „alte China“ enthält wertvolle Aufsätze. Aus diesem Sammelband ist für diese Arbeit den Aufsatz von Veronika Jäger „ China im 19. Jahrhundert“; von Friederike Neuhaus „Geheimgesellschaften in China bis zum Boxeraufstand“ und von Micha Röhring „Deutsche Weltpolitik und das Chinesische Reich“ verwendet.

Nicht mehr ganz aktuelle, aber sehr gute Darstellung ist „China und die Weltgesellschaft“ (1989) von Jürgen Osterhammel. Im seinem Buch erklärt Osterhammel die politischen, wirtschaftlichen, militärischen usw. Ereignisse in und um China vom 18. Jahrhundert bis 1989.

Im Buch von Gerd Kaminski und Else Unterrieder „Wäre ich Chinese, so wäre ich Boxer“ (1989) sind u.a. sehr wertvolle Auszüge von Tagebüchern, Briefen und Dokumenten von österreichischen Gesandten Arthur von Rosthorn und seiner Ehefrau Paula von Rostorn zu finden. Arthur von Rosthorn gehörte zu den ganz wenigen Europäern, der auf der Seite der Boxer stand, wie er in seinem berühmten Satz „Wäre ich Chinese, so wäre ich Boxer“ seine Haltung betonte.

Das Buch von Peter Fleming „Die Belagerung zu Peking. Zur Geschichte des Boxer- Aufstandes“ 1997 erklärt den Boxer-Aufstand sehr detailreich. Fleming bezieht sich auf zwei sehr wertvollen, die bis dahin unveröffentlichten Dokumenten: Von Sir Claude MacDonald, dem britischen Gesandten in Peking und das Tagebuch des Times-Korrespondenten Dr. G.E. Morrison, der eine führende Rolle bei der Verteidigung der Gesandtschaften gespielt hatte.

Außer dieser genannten Literatur wird auch andere Literatur verwendet, die im Thema in Klammern angegeben werden. Bevor auf die Kolonialpolitik des Deutschen Reiches um/in China eingegangen wird, bedarf es das Thema zunächst Vorgeschichte/Hintergrundinformation „Kolonialisierung Chinas“ durch die Kolonialmächte darzustellen, um den Wettlauf zwischen den Kolonialmächten und die Ursachen des BoxerAufstandes besser verstehen zu können.

Kolonialisierung Chinas

Besonders im Folge der Industierevolution suchten die Industrienationen neue Absatzmärkte, Kapitalanlagemöglichkeiten und Rohstoffe. Aus Sicht der Kolonialmächte war die Besetzung der weiteren Gebiete als Kolonialgebiete oder Militärstützpunkte im Zeitalter des Imperialismus aus strategisch-militärischen, wirtschaftlichen, bevölkerungspolitischen Gründen von großer Bedeutung. Dazu kam auch die Zivilisationsmission als Rechtfertigungsgrund der Kolonialisierung der Naturvölker, d.h. die unterentwickelten Länder, bzw. Barbaren, durch die Kulturvölkern, bzw. Kolonialmächte.

Im Zeitalter des Imperialismus, in dem die Mächte um den Machterwerb, -erhalt und - ausdehnung kämpften, versuchten die Mächte, sich auf Kosten der anderen Länder zu vergrößern. Die hohen Erwartungen, die von allen imperialistischen Mächten seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in das „Reich der Mitte“ gesetzt wurden, galten neben den Handelsinteressen vor allem den Spekulationsgewinnen, die man sich aus dem Eisenbahnbau und der Erschließung der chinesischen Bodenschätze (Kohle) erhoffte. Die Kolonialmächte waren sich einig, China aufzuteilen und auszubeuten; keine Macht war aber allein in der Lage so ein großes Land (fast homogene Bevölkerung und extreme territoriale Größe) wie China allein einzunehmen. Übrig blieb im Null-Summen-Spiel zwischen den Kolonialmächten ein gemeinsames Vorgehen, wie es auch im Boxer-Aufstand auch der Fall war. Andererseits durfte keine Macht allein die Vorherrschaft in China haben.

China hatte seit dem Ersten Opiumkrieg (1839-1842 zwischen Großbritannien und China) viel an Macht und Einfluss verloren und außerdem große territoriale Verluste. Als Folge dieses Krieges wurde China zur Öffnung seiner Märkte und insbesondere zur Duldung des Opiumhandels gezwungen. Zunächst besetzten die Briten Hongkong (1842), die Halbinsel Kaulun (1860). Auch die Franzosen drangen in das chinesische Reich und besetzten südwestliche Grenzprovinz Jünnan und südliche Kuangsi und Kung Chinas. Vietnam brachte der französisch-chinesischen Krieg 18]84/85 unter französische Kolonialherrschaft (ein Teil Indochinas). Die Russen besetzten große Teile Zentralasien aus der Einflusssphäre Chinas und eroberten die Gebiete an den Flüssen Amur und Ussuri und Ili-Gebiet in der Provinz Sinkiang. Das Zarenreich dehnte seine Grenzen in Zentralasien mächtig aus (zwischen 1860- 1894 gelang dem Zarenreich das gesamte Turkestan [Zentralasien] zu erobern). Diese Erweiterung der territorialen Grenzen des Zarenreiches löste Angst beim Britischen Empire um seine Kolonie Indien aus (vgl. Herold 2004: 22; Fleming 1997: 30 f.; Osterhammel 1989). Das Machtspiel im Imperialismuszeitalter basierte auf dem Null-Summen-Spiel, d.h. wenn ein Akteur durch ein bestimmtes strategisches Verhalten seine Macht vergrößert, nimmt die Macht des anderen Akteurs ab. Die Mächte versuchten, den Machtzugewinn der anderer Seite zu verhindern (Menzel 2001: 113).

Als gutes Beispiel des Null-Summen-Spiel gilt die Open-Door-Politik der USA. Nicht nur das Britische Empire war gegen die russische Expansion, auch die USA fühlten sich durch das Zarenreich bedroht. Mit dieser Politik wollten die USA nicht, dass sich das an China grenzende Zarenreich und Japan in Asien zu einer zu großen Macht entwickeln. Die USA besaßen keine Kolonien in China, wollten aber dem Zarenreich Prinzipien entgegensetzen, wie mit der „Open-Door-Politik“ Doktrin. Militärisch konnten die USA die Lage nicht bestimmen, da: a) Einerseits waren die USA mit der Bekämpfung des Widerstandes auf den Philippinen beschäftigt; b) andererseits waren sie zu der Zeit nicht in der Lage, gegen die Kolonialmächte in China Gebiete zu erobern. Um die chinesischen Märkte ohne Zolleinschränkungen auszubeuten, entwickelte der US-amerikanische Außenminister John Hay 1899 die sogenannte „Open-Door“ Doktrin. Diese Doktrin schlug ein Zollvertrag unter der Aufsicht unparteiischer Seezollbehörden vor; die territoriale Integrität Chinas soll dabei gesichert werden; die Ermöglichung des Handels im eigenen Pachtgebiet gegen die handeltreibenden Angehörigen eines dritten Landes. Wie zu verstehen ist, diente die Open- Door-Doktrin dem Wahren der amerikanischen Wirtschaftsinteressen in China. Als politisches Ziel ginge es den USA um die Verhinderung einer Vorherrschaft des Zarenreiches und Japans in China.

Die Rivalität zwischen den Mächten untereinander verhinderte die vollständige Aufteilung Chinas. Andererseits war China religiös, ethnisch-kulturell ein homogenes Land, aber auch damals das bevölkerungsstärkste Land (fast etwa eine halbe Milliarde), um durch eine einzige Kolonialmacht besetzt zu werden. Diese Faktoren verhinderten, bzw. erschwerten den Kolonialmächten die Aufteilung Chinas, im Vergleich zu Afrika und Indien. Deutschland fing mit der Kolonisierung im Vergleich zu den anderen Mächte sehr spät an. Deshalb wird zunächst im folgenden Kapitel erklärt, bevor auf den Boxer-Krieg eingegangen wird, warum Deutschland in China Kolonien erwerben wollte.

2 Das Deutsche Kaiserreich in China

Nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 bestimmten vermehrt sowohl wirtschaftspolitische Argumente (Rohstoffquellen, Absatzmärkte) als auch nationale Überlegungen (Beteiligung an der Aufteilung der Erde) sowie Fragen des rapiden Bevölkerungswachstums (Auswanderungen) die Diskussionen um die Rolle Deutschlands als Kolonialmacht (Hinz 1998: 13). Seitdem Deutschland Kolonien im Pazifik besaß, richtete das Reich seinen Blick auf die chinesische Küste. An der chinesischen Küste wollte das Deutsche Reich einen Flottenstützpunkt mit einer Kohlestation zu errichten. Der Erwerb eines Marinestützpunktes wäre aber das Äußerste gewesen, was der Reichskanzler Otto von Bismarck (1871-1890) akzeptiert hätte. Er setzte auch in Ostasien in erster Linie auf die

„Solidarität europäischer Interessen“ (Gründer 1999: 197) und er sah deutsche Interessen überwiegend in Europa (Hinz 1998: 13).

Den vorläufigen Höhepunkt bürgerlicher Kolonial- und Flottenpläne stellte die Revolution 1848 dar. Der hessische Geologe Ernst Dieffenbach legte der Nationalversammlung ein Promemoria vor, das den engen Zusammenhang von Auswanderung einerseits und einer Flotte und eigenem Kolonialbesitz andererseits demonstrieren sollte. Als potentielle Erwerbsgebiete schlug er die Ost- und Westküste des südlichen Amerika, Neuseeland und Tasmanien vor. In den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde der Ferner Osten interessanter. Wiederholt, namentlich unter dem Einfluss der preußischen Handelsexpedition 1860/61 nach Siam, China und Japan, stand Formosa (Taiwan) als Basis eines deutschen Kolonialreiches zur Diskussion. Deutschland interessierte sich für den Handel mit China schon unter Friedrich II. (der Große), der mit einem Kapital von 270 000 Talern an der 1751 in Emden etablierten „Asiatisch-Chinesischen Handelsgesellschaft“ beteiligte (Gründer 1999: 12 f.).

Kiautschou als Kolonie zu besetzen schlug der Geologe und Geograph Ferdinand Freiherr von Richthofen vor, um hier einen deutschen Marine- und Handelsstützpunkt zu errichten (Gründer 1999: 13-17). Richthofen hatte zwischen 1868 und 1872 nicht weniger als 13 von den damals 18 Provinzen Chinas auf insgesamt sieben Reisen durchquert, die Aufmerksamkeit auf diese günstig gelegene Bucht gemacht hat. Darüber hinaus verwies er auf die Ausbeutung großer Kohlefelder und die ungeheuren Möglichkeiten, die sich für den Eisenbahnbau in China ergaben. Kiautschou sollte die Eingangspforte für den Handel mit China bilden sowie gleichzeitig eine strategische Basis für die Verbindung zum Südseeraum darstellen (Gründer 1999: 68). In seinem Buch „China“ Band II, welches 1882 in Berlin veröffentlicht wurde, schreibt von Richthofen, dass Kiautschou, „an guten Steinkohlengebieten liegt und zugleich bequeme Verbindung mit den nördlichen Theilen der Grossen Ebene gestattet. Diesen Bedingungen entspricht allein Kiau-tschou“ (…) Neben dem ausgedehnten Binnenverkehr, den jede Eisenbahn in China mit sich bringen wird, würde die Kohle von Shantung Millionen von Consumenten zugeführt werden. Es würde der Baumwolle, dem Eisen und anderen Producten des Nordens ein leichter Ausweg und den Importen ein billiger Zugang zu einigen der wichtigsten Gebiete verschafft werden“ (Forschungsreise und imperiales Programm - Der Geograph Ferdinand Freiherr von Richthofen über Kiautschou als „Eingangspforte“ nach China, 1882. In: Gründer 1999: 80 f.).

[...]

Details

Seiten
29
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656033943
ISBN (Buch)
9783656034247
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180617
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,1
Schlagworte
Das Kaiserreich und Kolonialpolitik Boxerkrieg Geschichte Chinas Hunnenrede Boxerprotokol Imperialismus Kolonialismus Asien

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