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Burnout im Lehrerberuf

Hausarbeit 2011 27 Seiten

Gesundheit - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Einführung in das Thema Burnout
2.1 Geschichtlicher Hintergrund und Definitionen
2.2 Ursachen
2.3 Symptome
2.4 Phasen der Burnout-Entwicklung
2.5 Diagnostik
2.6 Therapie
2.7 Prävalenz

3. Burnout im Lehrerberuf
3.1 Prävalenz
3.2 Ursachen
3.3 Prävention
3.3.1 Prävention vor und während des Studiums
3.3.2 Prävention im Berufsleben
3.3.2.1 Supervision
3.3.2.2 Coaching
3.3.3 Forschungsstand

4. Schlussfolgerungen und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„We work too much, too long and too intensively. We feel a pressure from within to work and help and we feel a pressure from the outside to give. When staff member then feels an additional pressure from the administrator to give even more, he is under a three pronged attack.” Freudenberger (1974, S. 161) beschrieb in drei einfachen, treffenden Sätzen ein komplexes Szenario aus dem Berufsleben, das zur Entwicklung eines Burnout-Syndroms führen kann. Den genannten Mehrfachbelastungen sind Lehrer1 - wie im Verlauf dieser Arbeit gezeigt wird - in besonderem Maße ausgesetzt, was dazu führt, dass ein hoher Prozentsatz an Burnout leidet bzw. gefährdet ist, ein Burnout-Syndrom zu entwickeln. Dies stellt Lehrer, Schulen, Gesellschaft, Politik und Wissenschaft vor große Herausforderungen.

In der vorliegenden Arbeit werden ausgehend von einem Überblick über den Forschungs-stand zu Burnout allgemein vorliegende wissenschaftliche Erkenntnisse zu Prävalenz und Ätiologie von Burnout bei Lehrern beschrieben. Daran anschließend werden Möglichkeiten der Burnout-Prävention an Schulen erläutert und diskutiert. Abschließend wird aufgezeigt, welcher Handlungs- und Forschungsbedarf besteht.

2. Einführung in das Thema Burnout

2.1 Geschichtlicher Hintergrund und Definitionen

Aufgrund der medialen Berichterstattung in den vergangenen Jahren über die „Manager-krankheit“ Burnout konnte leicht der Eindruck entstehen, es handele sich um ein neu auf-getretenes Phänomen. Dabei wurde bereits 1911 in einem Artikel des Oberpfälzer Schulanzeigers eine bei Lehrern auftretende Erkrankung namens „Neurasthenie“ beschrieben, die hinsichtlich der Symptome wie Kopfschmerzen, Ermüdung, Verringerung der Leistungsfähigkeit und Niedergeschlagenheit enge Parallelen zum Burnout-Phänomen aufweist. Als Ursache der Neurasthenie (Nervenschwäche) wurden die übermäßigen Anforderungen des Lehrerberufs und des gesellschaftlichen Lebens angegeben (Barth 1992, S. 13f). Weitere Erwähnungen fand der Begriff Burnout in Merriam-Webster’s Dictionary in den 1930er Jahren in Bezug auf Profisportler und Künstler (Paine 1982, S. 12) sowie in den späten 1960er Jahren erstmals als psychologisches Phänomen im Zusammenhang vor allem mit helfenden Berufen (Bradley 1969, S. 366).

Freudenberger veröffentlichte 1974 den ersten wissenschaftlichen Aufsatz zum Thema Burnout. Dem deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker, der während einer Tätigkeit im so genannten „free clinic movement“ – einer Bewegung, die sich für den kostenfreien Zugang zum Gesundheitsservice für Bezieher kleiner Einkommen, Unversicherte oder Unterversicherte einsetzt – selbst unter seelischer und körperlicher Erschöpfung litt, war die Häufung der Symptome des Ausgebranntseins bei Mitarbeitern von Einrichtungen wie Kliniken und Kriseninterventionszentren u.a. aufgefallen. In seiner wissenschaftlichen Untersuchung beschreibt er, dass die zunächst bei Arbeitsaufnahme hoch motivierten Therapeuten nach einem Jahr aufopfernder Tätigkeit physisch und psychisch zusammen-brachen. Sie waren erschöpft, ausgelaugt, litten an Kopfschmerzen, gastrointestinalen Beschwerden, Schlaflosigkeit sowie Kurzatmigkeit und zeigten Zeichen einer Depression. Die vormals engagierten und pflichtbewussten Mitarbeiter entwickelten sich zu reizbaren, negativ eingestellten und halsstarrigen Zynikern. Diese vielfältigen Symptome fasste Freudenberger unter dem Begriff Burnout zusammen (Freudenberger 1974, S. 159ff).

Nach dieser ersten wissenschaftlichen Annäherung wurde Burnout zunächst von vielen Wissenschaftlern im angloamerikanischen Raum untersucht und beschrieben, jedoch keine einheitliche Definition gefunden. Eine der bekanntesten und am meisten zitierten ist die Definition von Maslach und Jackson (1982, zit. n. Barth 1992, S. 17), die Burnout als ein Syndrom beschreibt, das sich aus emotionaler Erschöpfung, Dehumanisierung und dem Gefühl reduzierter Leistungsfähigkeit bei der Arbeit zusammensetzt.

Im deutschsprachigen Raum wurde dem Phänomen Burnout erst 1983 nach dem Erscheinen eines Artikels von Aronson et al. in der Zeitschrift Psychologie heute Beachtung geschenkt (Barth 1992, S. 16). Seitdem wurden auch im deutschsprachigen Raum verschiedene Definitionen von Burnout entwickelt. Auf Schaufeli und Enzmann (1998, S. 36) geht eine der umfassendsten Definitionen zurück: „Burnout ist ein dauerhafter, negativer, arbeitsbezogener Seelenzustand ‚normaler‘ Individuen. Er ist in erster Linie von Erschöpfung gekennzeichnet, begleitet von Unruhe und Anspannung (Distress), einem Gefühl verringerter Effektivität, gesunkener Motivation und der Entwicklung dysfunktionaler Einstellungen und Verhaltensweisen bei der Arbeit. Diese psychische Verfassung entwickelt sich nach und nach, kann dem betroffenen Menschen aber lange unbemerkt bleiben. Sie resultiert aus einer Fehlpassung von Intentionen und Berufsrealität. Burnout erhält sich wegen ungünstiger Bewältigungsstrategien, die mit dem Syndrom zusammenhängen, oft selbst aufrecht.“

Siegrist (2005, S. 247) definiert Burnout ähnlich und nutzt im Zusammenhang mit den sich entwickelnden negativen Einstellungen zum Beruf wie Freudenberger auch den Begriff „Zynismus“. Er weist zudem in seiner Definition darauf hin, dass die mit Burnout einhergehenden Demoralisierungs- und Hilflosigkeitsgefühle sich nicht nur auf Befinden und Leistungsvermögen, sondern auch auf das interpersonelle Verhalten negativ auswirken.

Unger (2010, S. 117) lehnt sich bei seiner Definition eng an das Gesundheits-Krankheits-Kontinuitätsmodell von Antonovsky an. Er beschreibt Burnout als ein auf die Veränderungen der Arbeitswelt gerichtetes gesellschaftliches und persönliches Unwohlsein. Dabei stellen die Phasen des Burnout-Syndroms einen fortschreitenden Prozess zwischen Gesundheit und klar definierten Krankheiten wie der Depression dar. Am Ende des Burnout-Prozesses steht hier die behandlungsbedürftige Depression.

Die Aufzählung verschiedener Burnout-Definitionen ließe sich aufgrund der Vielzahl von Veröffentlichungen weiter fortsetzen, was auf ein grundlegendes Problem der Burnout-Forschung hinweist. Kleiber/Enzmann kritisierten bereits 1990, dass in vielen Definitionen lediglich die beobachteten Symptome aufgelistet werden und so fast alle „beobachtbaren negativen Reaktionen von Mitarbeitern in Dienstleistungsinstitutionen Eingang in irgendeine Burnoutdefinition“ finden (Kleiber/ Enzmann 1990, S. 19). 20 Jahre später stellt Burisch (2010, S. 20) fest, dass Burnout aufgrund einer fehlenden allgemein akzeptierten Definition „beinahe alles und fast nichts“ ist. Bestätigt wird diese Aussage durch eine Untersuchung von Korczak et al. (2010, S. 1), die feststellt, dass trotz umfangreicher wissenschaftlicher Forschungsarbeit weiterhin keine einheitliche Definition existiert.

2.2 Ursachen

Ganz allgemein entsteht Burnout durch ein Ungleichgewicht von Belastungen, die eine Person bewältigen muss, und Ressourcen, die der Person zur Bewältigung dieser Belastungen zur Verfügung stehen (Leppin 2006, S. 104).

Maslach und Leiter (2001, S. 41ff) haben sechs belastende Faktoren als mögliche Auslöser von Burnout benannt:

Arbeitsüberlastung

Mangel an Kontrolle

Ungenügende Belohnungen

Zusammenbruch des Gemeinschaftsgefühls

Mangelnde Gerechtigkeit

Wertkonflikte

Laut Bonifer (2008, S. 44f) spielen vor allem persönliche Ansprüche und Erwartungen an den Beruf eine große Rolle für die Entstehung von Burnout. Er verweist in diesem Zusammenhang auf den Begriff „Gratifikationskrise“. Dieser steht für ein Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und Belohnungen am Arbeitsplatz, wobei primär nicht finanzielle Aspekte, sondern Wertschätzung, Fairness und selbstbestimmtes Arbeiten gemeint sind.

Die Ursachen für Burnout lassen sich aber nicht allein auf die Berufssituation zurückführen. Auch den biografischen Voraussetzungen sowie dem sozialen Umfeld des von Burnout Betroffenen kommt eine nicht unerhebliche Bedeutung zu. So spielen zum Beispiel Kindheitserfahrungen wie die Missachtung eigener Bedürfnisse, Grenz-verletzungen von Nähe und Distanz sowie eine frühzeitige übermäßige Unterstützung Angehöriger und damit die Entwicklung eines Helfersyndroms eine Rolle. Diese Faktoren führen dazu, dass die Betroffenen nicht in der Lage sind, sich Menschen in ihrem sozialen Umfeld anzuvertrauen und um Hilfe und Unterstützung zu bitten (Hagemann 2009, S. 13f). Becker (2006, S. 79) weist zudem auf die Bedeutung der Konstitution hin. Demnach ist die Gefahr eines Burnout besonders groß, wenn ein Mensch zum einen starken Stressoren ausgesetzt ist, zum anderen eine hohe spezifische Krankheitsanfälligkeit aufweist und ihm keine adäquaten Bewältigungsstrategien zur Verfügung stehen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Burnout durch das Zusammentreffen verschiedener Faktoren in den Bereichen eigene Konstitution, Familie, Freundeskreis und Arbeitswelt entsteht (Hagemann 2009, S. 22). Darüber, wie die einzelnen Faktoren gewichtet werden, gibt es keinen wissenschaftlichen Konsens (Burisch 2010, S. 78). Die Gründe hierfür liegen u.a. darin, dass zu Burnout in der Mehrheit Querschnittsstudien vorliegen, die zur Erforschung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen nicht geeignet sind oder Längsschnittstudien nur über kurze Zeiträume durchgeführt wurden (Burisch 2010, S. 231).

2.3 Symptome

Als Kernsymptome werden emotionale Erschöpfung, Depersonalisation und Leistungsunzufriedenheit bezeichnet. Darüber hinaus können weitere vielfältige Symptome auftreten, die sich den drei Bereichen Körper (z. B. Herz-Kreislauf-Probleme, Luftnot, Magenschmerzen, Tinnitus, erhöhte Infektanfälligkeit), Geist (z. B. Konzentrationsstörungen, Denkblockade, Interesseverlust) und Seele (z. B. depressive Grundstimmung, Verlust von Selbstvertrauen und Lebensfreude, zunehmender Zynismus) zurechnen lassen (Hagemann 2009, S. 52). Welche Symptome in welcher Intensität und welcher Reihenfolge auftreten, hängt von individuellen und/oder Umweltfaktoren ab (Burisch 2010, S. 27).

2.4 Phasen der Burnout-Entwicklung

So unterschiedlich Burnout definiert wird, so unterschiedlich wird auch der Verlauf in der Literatur beschrieben. Exemplarisch sollen zwei Phasenmodelle vorgestellt werden.

Freudenberger und North (1992, S. 123) haben folgenden Burnout-Zyklus entwickelt:

Stadium 1: Zwang, sich zu beweisen

Stadium 2: Verstärkter Einsatz

Stadium 3: Vernachlässigung eigener Bedürfnisse

Stadium 4: Missverhältnis von inneren Bedürfnissen und äußeren Erfordernissen, so genannten Sachzwängen, führt zu Energiemangel

Stadium 5: Umdeutung von Werten

Stadium 6: Verdrängung von auftretenden Problemen. Typisch sind Abkapseln von der Umwelt, Zynismus, aggressive Abwertung, Ungeduld und Intoleranz

Stadium 7: Das soziale Netz wird als feindlich, fordernd und überfordernd erlebt.

Stadium 8: Zunahme des Rückzugs.

Stadium 9: Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit.

Stadium 10: Innere Leere.

Stadium 11: Verzweiflung und Erschöpfung werden übermächtig.

Stadium 12: Völlige Burnout-Erschöpfung, geistig, körperlich, emotional.

Hagemann (2009, S. 64f) beschränkt sich bei seiner Beschreibung auf vier Phasen.

1. Phase

In einem Zeitraum von bis zu einem halben Jahr nach erstmaligem Auftreten des chronischen Stresses gelingt es den Betroffenen, ihr Leben ohne äußere erkennbare Belastungen weiterzuführen. Die auslösenden Konflikte, die mit starken Gemütserregungen verbunden sind, bleiben ungelöst, da sie nicht befriedigend verarbeitet werden konnten.

2. Phase

Diese Phase ist ein ca. zweijähriger Zustand des „So tun als ob“. Der auslösende Konflikt wird verdrängt, gerät in Vergessenheit. Die Betroffenen bemühen sich weiterzuleben, ohne ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Sie versuchen, negative Auswirkungen durch vermehrte Leistung und oft überangepasstes Verhalten zu kompensieren. Dabei schwelt der innere Konflikt weiter; Arbeitsfreude, Kreativität und Schaffenskraft gehen verloren.

3. Phase

Diese ca. zwei bis fünf Jahre dauernde Phase wird auch als Phase der zunehmenden Erkrankungshäufigkeit bezeichnet. Bei den Betroffenen zeigen sich Zeichen einer psychovegetativen Erschöpfung, die zu immer häufigeren Arztbesuchen und Arbeitsausfällen führt. Selbst Bagatellerkrankungen werden als schwerwiegend erlebt und heilen nur langsam. Arbeitsbelastbarkeit und –leistung lassen erheblich nach.

4. Phase

Schon ein nichtiger Anlass führt zum Zusammenbruch. Dem Betroffenen ist es nicht möglich, den Zusammenhang mit dem ursprünglichen auslösenden Konflikt zu erkennen. Neue ungelöste Konfliktfelder sind hinzugekommen.

Alle zum Burnout vorliegenden Phasentheorien beruhen nicht auf systematischen empirischen Studien, sondern auf intuitiven Typisierungsversuchen. Auch die Abgrenzung der Stadien untereinander lässt sich wissenschaftlich nicht untermauern, sondern erfolgte größtenteils willkürlich. Unabhängig von der Unterschiedlichkeit der Phasenmodelle besteht in der wissenschaftlichen Diskussion aber Einigkeit darüber, dass Burnout ein schleichend einsetzender und langwieriger Prozess ist (Burisch 2010, S. 39).

[...]


1 Aus Gründen der Vereinfachung und besseren Lesbarkeit wird die männliche Form verwendet. Darin ist das weibliche Geschlecht mit einbezogen.

Details

Seiten
27
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656037088
ISBN (Buch)
9783656041511
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180647
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Gesundheitswissenschaften
Note
Schlagworte
Burnout Lehrer

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