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Die Ironieauffassungen von Friedrich Schlegel und Karl Wilhelm Ferdinand Solger im Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 24 Seiten

Philosophie - Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. VORBEMERKUNG

II. Ironie bei Friedrich Schlegel
1. Die Lyceum s-Fragmente
2. Das Athenäum
a) Die Zeitschrift
b) Die Fragmente
c) Ironie in den Athenäum s-Fragmenten
d) Gespräch über die Poesie
e) Ideen -Sammlung
f) Über die Unverständlichkeit

III. Ironie bei Karl Wilhelm Ferdinand Solger
1. Künstlerische Ironie in Solgers Schriften
a) Erwin. Vier Gespräche über das Schöne und die Kunst
b) Vorlesungen über Ästhetik
2. Formen der Ironie
a) Die unechte Ironie
b) Die echte Ironie

IV. HEGELS KRITIK DER IRONIE
1. Hegel über Schlegel
2. Hegel über Solger

V. VERGLEICH SCHLEGEL - SOLGER

VI. Bibliographie
1. Primärliteratur
2. Sekundärliteratur

I. VORBEMERKUNG

Romantische Ironie bedeutet die Überlegenheit des genialen Menschen, der über den Dingen steht, diese nicht ernst nimmt, sie und auch sich selbst, sein eigenes Tun jederzeit aufzulösen und zu überwinden vermag. Sie ist Bewusstseinshaltung und künstlerisches Vermögen zugleich. Indem die romantische Ironie sich als selbständiger Akt in der Seele des Schaffenden abspielt, umschließt sie die dialektische Einheit seiner selbstbewegenden und selbstbewegten ideellen Kraft. Poesie und Ironie werden identisch, sie vereinigen sich in der Grundhaltung des Subjekts.

Friedrich Schlegel entwickelt im Ausgang von Johann Gottlieb Fichtes Wissenschaftslehre die romantische Ironie, indem er dessen Kategorien in der Kunst zur Anwendung bringt. Schlegel und die Frühromantiker radikalisieren Fichtes subjektiven Idealismus und übertragen seine einem überindividuellen, als Gattungswesen verstandenen Subjekt zugeschriebene Autonomie auf das einzelne Individuum. Die mit dem Ich assoziierten produktiven und aktiven Eigenschaften werden in die Philosophie der Kunst übernommen. Der Ich-Begriff Fichtes bildet die Folie, von der sich die Ironie erhebt. Ironie ist nicht länger bloße ästhetische Kategorie, sie erweitert ihre Bedeutung über dieses Stadium hinaus zu einer geschichtsphilosophischen Kategorie, welche sich hauptsächlich mit der Haltung des Subjekts gegenüber der Realität beschäftigt.

Auf den nachfolgenden Seiten möchte ich versuchen, eine Theorie der romantischen Ironie zu entwerfen. Dafür werde ich verschiedene Schriften heranziehen, um aus diesen eine Theorie der Ironie herauszuarbeiten. Konzentrieren will ich mich dabei besonders auf Friedrich Schlegel und Karl Ferdinand Wilhelm Solger.

Von Schlegel werde ich die Fragmente des Lyceum und Athenäum behandeln. Sie sind die wichtigste Quelle für die ursprüngliche Konzeption der romantischen Ironie. In den Lyceum s-Fragmenten wurde Ironie bestimmt als eine Erhebung über sich selbst aus Freiheit, eine aus Selbstschöpfung und Selbstvernichtung resultierende Selbstbeschränkung, auch unendliche Kraft genannt. In den Athenäum s-Fragmenten geht es um die Bestimmung eines dynamischen Prinzips: einer über Gegensätze und Synthesis sich vollziehenden Lebensbewegung. Im abschließenden Band des Athenäum, in dem sich der Essay Über die Unverständlichkeit befindet, macht Schlegel weitere Äußerungen zu dieser Thematik. Seine Ironie-Konzeption ist eng mit der Forderung nach einer Universalpoesie verknüpft, denn Poesie wird als Möglichkeit verstanden, dem Endlichen die Spur des Unendlichen einzuschreiben und es selbst als Ausdruck des Absoluten kenntlich zu machen. Deshalb sollen auch Schlegels Gespräch über die Poesie und die Fragmentensammlung Ideen hinzugezogen werden, in denen auf die Poesie genauer eingegangen wird.

Für Solger werden der Erwin. Vier Gespräche über das Schöne und die Kunst und seine Vorlesungen über Ästhetik betrachtet werden. Solgers Hauptwerk ist der Erwin, welcher 1815 erschienen ist. Er hat dieses Buch in Dialogform gestaltet, denn dadurch verwandelt sich seiner Meinung nach Philosophie in Erkenntnis. Zudem ist es so möglich, die Ästhetik in poetischer Form zu behandeln, und auch die Philosophie mit der Poesie zu verbinden. 1829 veröffentlichte Karl Wilhelm Ludwig Heyse Solgers Vorlesungen über Ästhetik. Es handelt sich dabei um Mitschriften der von Solger 1819 gehaltenen Vorlesungen.

Auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat sich zu beiden Autoren geäußert. Inwieweit er Stellung zu Schlegel oder Solger bezieht, soll ebenfalls mit in den Vergleich einfließen. Dazu habe ich besonders seine Rezension zu Solgers nachgelassene Schriften und Briefwechsel und seine Vorlesungen über die Ästhetik untersucht.

II. Ironie bei Friedrich Schlegel

1. Die Lyceums-Fragmente

Die Lyceum s-Fragmente, die auch als Kritische Fragmente bezeichnet werden, erschienen 1797 in Johann Friedrich Reichardts Zeitschrift Lyceum der schönen Künste. Friedrich Schlegel gilt als ihr fleißigster Verfasser. Dabei orientierte er sich an der Aphorismensammlung des französischen Moralisten Chamfort, dessen Pensées, Maximes, Anecdotes, Dialogues 1796 erschienen sind. Dieses Vorbild drängte zu Kürze und Abgeschlossenheit. In den Lyceum s-Fragmenten dominierte noch diese Chamfortsche Form. Später entfernte man sich davon zugunsten der fragmentarischen Abhandlungen.

Eines der Themen im Lyceum ist der Witz. Allerdings überwiegte im 18.Jahrhundert noch das aristotelische Verständnis dieses Begriffes, welches den Witz mit Scharfsinn gleichsetzte. Für Schlegel ist der Begriff des Witzes jedoch keineswegs mit dem des Verstandes identisch. Im Lyceum heißt es: „Witz ist unbedingt geselliger Geist, oder fragmentarische Genialität.“[1] Das bedeutet, dass die angemessene Form für den Witz das Fragment ist, denn Stoff und Form sollen ineinander gehen.

Es gelingt auch eine erste wichtige Bestimmung des Problems der Ironie. Im Mittelpunkt steht der Gedanke einer Erhebung über sich selbst, in der eine Relation zum Unbedingten offenbar wird. Die innere Paradoxie eines zugleich Handelnden und Behandelten ist als dialektischer Vollzug gedacht, in dem die einzelnen Handlungen Selbstbeschränkung ermöglichen. Ironie ist eine „Form des Paradoxen“[2]. Das Paradoxe ist das Bewusstsein des ewigen Widerspruchs zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen, begleitet von dem Gefühl der Notwendigkeit einer Überbrückung dieses Widerspruchs. In der romantischen Dichtung und Theorie lässt sich der Zwiespalt von Unendlichkeit und Endlichkeit, Unbewusstem und Bewusstem, Notwendigkeit und Freiheit, Begeisterung und Kunst erahnen. Andererseits tritt auch die Überwindung dieses Zwiespaltes durch die Ironie hervor. So bezeichnet der Begriff der Ironie eine Haltung des Geistes, der sich der Zwiespälte der Welt bewusst ist, und sich zur Aufgabe macht, diese zu überwinden.

Die folgende Definition der Ironie, auch wenn er sie hier selbst Sokratische Ironie nennt ist für Schlegel bezeichnend. „Die Sokratische Ironie ist die einzige durchaus willkürliche, und doch durchaus besonnene Verstellung. Es ist gleich unmöglich sie zu erkünsteln, und sie zu verraten. Wer sie nicht hat, dem bleibt sie auch nach dem offensten Geständnis ein Rätsel. Sie soll niemanden täuschen, als die, welche sie für Täuschung halten, und entweder ihre Freude haben an der herrlichen Schalkheit, alle Welt zum besten zu haben, oder böse werden, wenn sie ahnden, sie wären wohl auch mit gemeint. In ihr soll alles Scherz und Ernst sein, alles treuherzig offen, und alles tief verstellt. Sie entspringt aus der Verknüpfung von Lebenskunstsinn und wissenschaftlichem Geist, aus dem Zusammentreffen vollendeter Naturphilosophie und vollendeter Kunstphilosophie. Sie enthält und erregt ein Gefühl von dem unauflöslichem Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten, der Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen Mitteilung. Sie ist die freieste aller Lizenzen, denn durch sie setzt man sich über sich selbst weg; und doch auch die gesetzlichste, denn sie ist unbedingt notwendig.“[3] Was er hier sagt, taucht in Variationen, Erweiterungen und Vertiefungen immer wieder auf, wenn er von Ironie spricht.

2. Das Athenäum

a) Die Zeitschrift

Das Athenäum wurde von den Gebrüdern Schlegel herausgeben, wobei Friedrich Schlegel die tragende Gestalt war. Zu ihrem Leitmotiv wurde die Symphilosphie, die den Geist ihrer Mitwirkenden in innige Verbindung setzen sollte. Auf dieser Theorie der mystischen Geistesvereinigung beruhte das Konzept der Beiträge. Außerdem wurde eine Art Enzyklopädie angestrebt. Es sollten Beiträge aus den verschiedensten Bereichen der Erkenntnis, Aufsätze zu Poetik, Literaturgeschichte und Übersichten und Kritiken der Philosophie veröffentlicht werden.

Im Dezember 1797 wurde die Arbeit aufgenommen. Zu den Mitarbeitern zählten neben den Gebrüdern Schlegel Novalis, Ernst Friedrich Schleiermacher, August Ludwig Hülsen, die Frauen der Schlegel-Brüder Caroline und Dorothea, Karl Gustav Brinkmann sowie A.F. Bernhardi und Sophie Bernhardi-Tieck. In den Jahren 1798-1800 erschienen insgesamt drei Bände mit jeweils zwei Heften.

Das erste Heft erschien um Ostern 1798 und war fast ausschließlich von August Wilhelm Schlegel verfasst. Außerdem ist darin Novalis Blütenstaub enthalten. Die Formen der ersten Beiträge (Gesprächsform und fragmentarische Abhandlung) wurde auch in den nächsten Heften beibehalten. Das zweite Heft, welches im Juli 1798 herauskam, enthielt vor allem aus der Feder Friedrich Schlegels entsprungene Gedanken. So seine Rezension zu Goethes Wilhelm Meister und 451 Fragmente, wobei davon nicht alle von ihm stammen. Das dritte Heft wurde Anfang März 1799 veröffentlicht. Es gab nur drei Beiträge, die von den Gebrüdern Schlegel und von Hülsen geschrieben waren. Im vierten Heft vom August 1799 war wieder August Wilhelm Schlegel fast allein am Werk. Es beinhaltete eine Reihe von Rezensionen, welche unter dem Titel Notizen zusammengefasst wurden. Ein neuer satirisch-polemischer Ton macht sich bemerkbar. Das fünfte Heft ist wahrscheinlich das bedeutendste und steht abermals unter einem neuen, zunehmend religiösen, Aspekt. Die religiöse Wendung wird besonders in den Ideen und dem Gespräch über die Poesie sichtbar. Letzteres greift zum Teil auf Friedrich Schlegels Vorlesungen in der Berliner Gesellschaft zurück und entwirft die erste umfassende Theorie der romantischen Poesie. Das sechste Heft, welches im August 1800 herausgegeben wurde, steht schon unter dem Vorzeichen der Auflösung der Zeitschrift. Friedrich Schlegel schreibt dafür seinen ironischen Aufsatz Über die Unverständlichkeit. Aufgrund der schlechten Resonanz beim Publikum wurde das Athenäum danach eingestellt.

b) Die Fragmente

Das Fragment ist Ausdruck von Schlegels Vision. Entscheidend ist der immer weiter strebende Gang des Geistes und als Medium für diesen beweglichen, im Zustand des Werdens und der Veränderung begriffenen Prozess kommt nur das Fragment in Frage. In ihrer Kürze zeigen die Fragmente nicht nur, dass sie Bestandteile eines Prozesses sind, den sie selbst nicht abzuschließen vermögen. Sie stellen gleichzeitig eine Form äußerster Pointierung dar, die wenn auch vorläufig einen Abschluß markiert. Schlegel formuliert das folgendermaßen: „Ein Fragment muß gleich einem kleinen Kunstwerke von der umgebenden Welt ganz abgesondert und in sich selbst vollendet sein wie ein Igel.“[4] Ein Fragment ist also gleichzeitig ein Anfang und ein Ende. In aller Regel tritt es nicht allein auf, sondern im Verbund einer Fragmentensammlung, was sich auch in Schlegels Auffassung wiederspiegelt, dass alle poetischen Fragmente Teil eines Ganzen sein müssen.

[...]


[1] Friedrich Schlegel Kritische SchriftenKritische Fragmente S. 6 (Lyceum Nr.9)

[2] dass. S. 12 (Lyceum Nr.48)

[3] Friedrich Schlegel Kritische SchriftenKritische Fragmente S. 20 (Lyceum Nr.108)

[4] Friedrich Schlegel Kritische SchriftenAthenäums-Fragmente S. 47 (Athenäum Nr. 206)

Details

Seiten
24
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638224987
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18080
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Ironieauffassungen Friedrich Schlegel Karl Wilhelm Ferdinand Solger Vergleich Begriff Ironie Romantik

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