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Kosovo-Krieg 1998-1999

Erfolg der UÇK dank NATO-Intervention?

Seminararbeit 2008 21 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Südosteuropa, Balkan

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Konfliktverlauf im Kosovo 1998-99
2.1 Der kosovarische Widerstand bis zu den Rambouillet-Verhandlungen
2.1.1 Zuspitzung des Konflikts und gewaltsamer Widerstand
2.1.2 Das „Massaker von Racak“ als Fanal des Kosovo-Konflikts
2.1.3 Die Verhandlungen von Rambouillet
2.2 Die NATO-Intervention “Operation Allied Force” und der Bodenkrieg
2.2.1 Massenexodus der kosovarischen Bevölkerung trotz NATO-Engagement
2.2.2 Späte Erfolge der alliierten Anstrengungen gegen Serbien

3 Schlussfolgerungen

4 Bibliographie
4.1 Gedruckte Literatur
4.2 Internetressourcen

5 Anhang
5.1 Anmerkungen
5.2 Abkürzungsverzeichnis
5.3 Strategische und Übersichtskarten des Kosovo

1 Einleitung

Am 17. Februar 2008 wurde in Priština1 die Unabhängigkeit des Kosovo von Serbien ausgerufen (NZZ 2008). Damit erreichten die Entwicklungen in der Entscheidung der schwierigen Status-Frage der ehemals südserbischen Provinz einen neuen (vorläufigen) Hö- hepunkt (vgl. Kellermann 2006: 288). Der politische Status des Kosovo ist aber nicht erst seit dem Abzug der Jugoslawischen Volksarmee (JVA) und der serbischen Polizeikräfte (SPK) Mitte Juni 1999 ein Streitpunkt zwischen der albanischen und der serbischen Volksgruppe (Dischl 2002: 61; Kellermann 2006: 55f.). Während des Zweiten Weltkriegs verfolgte Josip Broz Tito das Ziel, die bis dahin bestehende serbische Vorherrschaft in Jugoslawien zu bre- chen, falls seine kommunistische Volksbefreiungsarmee (VBA) siegreich aus dem Partisanen- krieg gegen die Besatzer der Achsenmächte hervorgehen sollte. Die verschiedenen Bevölke- rungsgruppen sollten gleichermassen berücksichtigt und die politischen Strukturen zu diesem Zweck verändert werden. Dem im Krieg erfolgreichen Tito, der das Land anschliessend vom März 1945 bis zu seinem Tod im Mai 1980 regierte, gelang es, durch seine Persönlichkeit das Land zusammenzuhalten und die inneren Gegensätze zu überwinden (Stahel 2006: 72, 87f.; Kellermann 2006: 55).

Nach Titos Tod traten die innenpolitischen Differenzen allerdings verstärkt zu Tage. In einem Memorandum der Serbischen Akademie der Künste wurde 1986 die Einschränkung der Autonomie der serbischen Provinzen Vojvodina und Kosovo verlangt, der serbische Na- tionalismus forciert und der Jugoslawische Staat Titos in Frage gestellt (Kellermann 2006: 61). Slobodan Miloševis reiste im April 1987, ein halbes Jahr vor seiner Wahl zum Präsiden- ten der Republik Serbien, in den Kosovo, wo er der serbischen Minderheit öffentlich das Recht und die Pflicht im Kosovo zu leben zusprach. Dieses Vorgehen gipfelte am 28. Juni 1989 in der 600-Jahr-Feier der Schlacht von Kosovo Polje (Amselfeld). Miloševis hielt am Ort der Schlacht (vgl. Abb. 1) vor zwei Millionen Serben eine Rede, in der er den Serben ihren historisch berechtigten Platz in Jugoslawien (hier also der Kosovo) wiederzugeben ver- sprach und dabei auch bewaffnete Kämpfe nicht ausschloss. Was darauf folgte war eine Pha- se der serbischen Zwangsverwaltung, welche mit der rechtswidrigen Auflösung des Regio- nalparlamentes und der Regierungsenthebung im Juni 1990 begann. Die Repressalien gegen die albanischstämmige Bevölkerung nahm im Verlauf der Zeit immer mehr zu und infolge- dessen verliessen bis 1994 ca. 400'000 Albaner den Kosovo. Die kosovarischen Bemühungen um mehr Autonomie innerhalb Jugoslawiens, welche 1981 mit Studentenunruhen begannen, blieben erfolglos und wurden weiter unterdrückt, doch der Wille zur Selbständigkeit blieb nach wie vor bestehen (Dischl 2002: 61; Kellermann 2006: 47f., 63, 68, 73-75). Eine gewalt- tätige Auseinandersetzung zeichnete sich im Kosovo-Konflikt ab, und aus der albanischen Opposition gegen die unerwünschten Herrscher aus Belgrad ging ein neuer Akteur hervor: Die Nationale Befreiungsarmee des Kosovo (UÇK). Als Geburtsstunde des bewaffneten Wi- derstands der Kosovoalbaner kann der Abschluss der Verträge von Dayton im Herbst 1995 gesehen werden. Während das Vertragswerk den Bosnienkrieg beenden konnte, wurde die kosovarische Problematik mit keinem Wort erwähnt (Kreidl 2006: 54).

Am Ende der Auseinandersetzung zwischen der UÇK und den serbischen Streitkräf- ten, war Miloševis am 9. Juni 1999, nach 78 Tagen Bombardement auf serbische Ziele durch die North Atlantic Treaty Organization (NATO), gezwungen zu kapitulieren. Die UÇK ging (zusammen mit der NATO) schliesslich als Siegerin aus dem Krieg hervor (Byman/Waxman 2000: 5f.). In Anbetracht dessen, dass offenbar nicht nur der kosovarische Widerstand, son- dern auch die NATO den Kriegsausgang zu Ungunsten Serbiens mitprägte, ist für meine Analyse folgende Fragestellung von Interesse: Inwiefern spielte die NATO-Intervention für den erfolgreichen Widerstandskampf der UÇK gegen die serbischen Streitkräfte eine Rolle? Bei der Untersuchung dieser Fragestellung lasse ich mich dabei von folgender Hypothese, welche ich im nächsten Kapitel testen werde, leiten: Je stärker sich die NATO in den Kosovo- Konflikt einmischte, desto erfolgreicher verliefen die militärischen Operationen der UÇK. Die vorliegende Arbeit berücksichtigt die Analyseebene der Staaten bzw. Regio- nen/Provinzen, sowie die über den Staaten liegende, internationale Ebene. Dabei werden die (militärischen) Organisationen und deren Schlüsselakteure im Zentrum stehen. Ab- schliessend präsentiere ich die Schlussfolgerungen, welche aus meiner Arbeit resultieren und bewerte die Gültigkeit meiner hier verwendeten Hypothese.

2 Der Konfliktverlauf im Kosovo 1998-99

2.1 Der kosovarische Widerstand bis zu den Rambouillet-Verhandlungen

2.1.1 Zuspitzung des Konflikts und gewaltsamer Widerstand

Die UÇK wurde 1996 erstmals aktiv, als sie im Kosovo Bombenattentate auf serbi- sche Polizeistationen und Lager, in denen serbische Flüchtlinge aus der Krajina (Kroatien) und Bosnien-Herzegowina untergebracht waren, verübten. Als ein Jahr später in Albanien der Staat zusammenbrach, erhielt die UÇK die Möglichkeit neue Kampfstärke zu erhalten. Sie konnte Waffen und Munition aus geplünderten staatlichen Depots Albaniens für ihre ei- genen Zwecke einsetzen und den Kampf gegen SPK und die JVA aufnehmen. Ab Februar 1998 begannen Antiterroreinheiten des serbischen Innenministeriums für Polizei (MUP) die UÇK, als Antwort auf deren Anschläge auf serbische Polizeieinrichtungen, zu bekämpfen. Die Kämpfe begannen sich in der Folge zu intensivieren und die UÇK dehnte ihr Einflussge- biet in einer gross angelegten Offensive im Juni/Juli 1998 aus. Bis zu 30% des kosovarischen Territoriums konnten sie unter ihre Kontrolle bringen und die strategisch relevante Region Drenica östlich von Priština besetzen (Dischl 2002: 107f.; vgl. Abb. 2). Bei der militärischen Gegenoffensive der MUP- und JVA-Einheiten wurden erstmals Panzer und Artillerie einge- setzt, die UÇK dabei erfolgreich zurückgedrängt und die von ihnen kontrollierten Gebiete fragmentiert (Rieks/Weigold 2000: 18f.). Die zu diesem Zeitpunkt bis zu 15'000 Mann starke UÇK liess sich von ihrem anfänglichen Erfolg blenden und beging taktische Fehler: Anstatt sich nach erfolgreichen Operationen wieder zurückzuziehen, versuchten sie sich vielmehr wie eine reguläre Streitkraft zu behaupten und die eroberten Gebiete zu halten. Gegen die besser ausgerüsteten Einheiten des MUP und der JVA blieben die UÇK-Kämpfer aber chan- cenlos, auch wenn sie immer grösseren Zulauf aus der albanischstämmigen Bevölkerung erhielten (Kellermann 2006: 80f.). Die JVA verfügte vor der Konfrontation mit der NATO über 114'000 Soldaten, 1270 Kampfpanzer, sowie 238 Kampfflugzeuge. Davon standen 20'000 serbische Soldaten im Kosovo, weitere 20'000 in den Grenzgebieten zum Kosovo und 400'000 Reservisten hätten darüber hinaus in Serbien jederzeit mobilisiert werden können (Ehrhart/Karádí 2000: 183).

Die UÇK war in Kampfkraft und Ausrüstung der JVA also eindeutig unterlegen und verfügte lediglich über eine leichte Bewaffnung (Gewehre, Granaten), aber über keine me- chanisierten Truppen oder gar eine Luftwaffe (vgl. Dischl 2002: 107, 112f.). Bis zum Herbst 1998 handelte es sich bei der Auseinandersetzung zwischen der UÇK und den serbischen Streitkräften also um einen asymmetrischen Konflikt, in dem die serbische Seite militärisch klar stärker war. Trotz dieser Asymmetrie kann bis zu diesem Zeitpunkt, aufgrund der von der UÇK gewählten Taktik (noch) nicht von einem Guerillakrieg gesprochen werden (vgl. Stahel 2006: 199f.). Seit Ausbruch der Kämpfe waren bis dahin im Kosovo 1600 Gefallene und 45'000 zerstörte Gebäude zu beklagen. Des Weiteren waren 200'000 internally displaced persons (IDPs) im Landesinnern auf der Flucht und 98'100 Kosovoalbaner verliessen das Land ganz (Kreidl 2006: 104).

Die am 23. September 1998 als Reaktion auf die Kämpfe erlassene Resolution 11992 der United Nations (UN) erschien der NATO als unzureichend, da sie auf Druckmittel ge- genüber Serbien verzichtete. Um den Forderungen der UN-Resolution Nachdruck zu verlei- hen, erliess die NATO einen Tag später eine Aktivierungswarnung für eine auf militärische Ziele beschränkte Luftkriegsoperation, womit sie sich bereits über Art. 42 der UN-Charta3 hinwegsetzte. Am 12. Oktober 1998 unterzeichneten Miloševis und der US-Sondergesandte Richard Holbrooke ein gemeinsames Abkommen, mit dem die NATO die Kernanliegen der UN-Resolution und die Rückkehr der vertriebenen Kosovaren durchsetzen wollte. An Bel- grad mussten dabei aber drei wichtige Konzessionen gemacht werden: (1) Die JVA und die Sicherheitspolizei des MUP durften weiterhin mit 15'000 bzw. 10'000 Mann im Kosovo verbleiben. (2) Der serbisch-albanische Verständigungsdialog sollte ohne internationale Be- teiligung stattfinden und (3) die Überwachung des informellen Waffenstillstandes sollte le- diglich von zivilen Beobachtern sowie aus unbewaffneten Flugzeugen vorgenommen werden (Meyer/Schlotter 2000: 16f.).

2.1.2 Das „Massaker von Rašak“ als Fanal des Kosovo-Konflikts

Die nun von der Organization for Security and Co-operation in Europe (OSCE) ein- gesetzten zivilen Überwacher der Kosovo Verification Mission (KVM) fanden aber eine ver- änderte Situation gegenüber dem Sommer vor: Die UÇK verabschiedete sich ab November 1998 definitiv vom zuvor geführten Stellungskrieg und wechselte zur Guerillataktik des hit- and-run. So konnte sie einerseits die Kontrolle der KVM, auf deren Abbruch sie hinarbeitete, umgehen und andererseits die MUP-Einheiten an ihrer schwächsten Stelle treffen. Im Koso- vo bewegte sich die UÇK nun „wie ein Fisch im Wasser“ (Dischl 2002: 112). Durch den partiellen Rückzug der serbischen Streitkräfte konnte sie erneut in ihre Stammgebiete einsi- ckern (Kellermann 2006: 86). Ausserdem waren „die Grenzen des Kosovo zu Albanien und Mazedonien für die UÇK kein ernst zu nehmendes Hindernis“ (Meyer/Schlotter 2000: 14) und so verfügten die kosovarischen Partisanen über einen logistischen Rückzugsraum der dem Zugriff der serbischen Einheiten aus Gründen der nationalen Souveränität verwehrt blieb.

Während es Ende 1998 noch gelang, der serbischen „Weihnachtsoffensive“ im Raum Podujevo (vgl. Abb. 1 und 2, UÇK-Operationsgebiet Llap) Einhalt zu gebieten und einen lokalen Waffenstillstand auszuhandeln, eskalierte die Situation kurz nach Neujahr 1999 (Kel- lermann 2006: 86). Um die systematische Vertreibung der kosovoalbanischen Bevölkerung voranzutreiben, lancierte Belgrad die „Operation Hufeisen“, welche im „Massaker von Rašak“ am 15. Januar 1999 gipfelte (Rieks/ Weigold 2000: 19). Die Ereignisse dieses Tages gelten als Wendepunkt in der Entwicklung des Kosovo-Konflikts, obwohl nicht im Detail nachvollziehbar ist, was in diesem Dorf unmittelbar bei Štimlje (vgl. Abb. 1) wirklich ge- schehen ist. Wenige Tage zuvor töteten Männer der UÇK vier serbische Polizisten, den letz- ten von ihnen in Slivovo, in der Nähe von Racak. Am 15. Januar bekämpften sich MUP- Einheiten und Teile der UÇK in und um Racak heftig. Die KVM erhielt erst am Nachmittag Zugang zur Gefechtszone wo sie einen toten und fünf verwundete Zivilisten vorfand. Am Morgen des 16. Januars fanden zwei KVM-Trupps am selben Ort 45 Leichen, ebenfalls alle in Zivil gekleidet, vor. William Walker, der Leiter der KVM, lud gleichentags rund fünfzig Journalisten nach Racak ein, um dem Ereignis eine möglichst grosse Publizität zu verschaf- fen. Gleichzev180816itig bezeichnete Walker an einer Pressekonferenz den Vorfall als Massaker und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Darüber hinaus machte er ohne zu zögern gleich die serbische Regierung dafür verantwortlich (Loquai 2003: 93-96). Obwohl Walker am 17. Ja- nuar von der serbischen Regierung zur persona non grata erklärt wurde, konnten US- Vermittler Christopher Hill und der OSCE-Vorsitzende Knut Vollebaek Walkers Abreise abwenden. Das Scheitern der KVM stand nach diesem Vorfall aber bereits fest (Dischl 2002: 118f.).

2.1.3 Die Verhandlungen von Rambouillet

Die schrecklichen Ereignisse von Racak rüttelten die internationale Gemeinschaft auf und veränderten die diplomatische Atmosphäre zwischen den involvierten Parteien nachhal- tig. US-Präsident Bill Clinton unterstützte eine Drohkulisse gegenüber Belgrad, welche die Anwendung von Gewalt (use of force) nicht mehr ausschloss und bezeichnete die NATO als geeignete Institution für die Durchführung eines entsprechenden Einsatzes. Für US- Aussenministerin Madeleine Albright war eine führende Rolle der USA wichtig um die NATO-Mitgliedstaaten auf eine konzertierte Aktion einzustimmen. Auch Albright sah die NATO als die richtige Organisation um die UÇK zu entwaffnen und Miloševis zum Einlen- ken zu bewegen. Die Präsidenten Grossbritanniens, Tony Blair, und Frankreichs, Jacques Chirac, wollten eine letzte Verhandlungsrunde mit den Konfliktparteien jedoch nicht unver- sucht lassen, um die use of force evt. doch noch abwenden zu können. Der in der Kosovo- Kontaktgruppe 4 ausgehandelte Vorschlag, dass eine glaubwürdige Drohung Miloševis schliesslich zur Raison bringen und die UÇK nachfolgend ebenfalls in eine politische Lösung einlenken würde, überzeugte schliesslich auch grosse Teile der Clinton-Administration (Hen- riksen 2007: 164f., 167).

Im Vorfeld der darauf beschlossenen Konferenz auf Schloss Rambouillet bei Paris wurden 26 nicht verhandelbare Prinzipien für eine dreijährige Übergangsphase definiert.

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Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656039990
ISBN (Buch)
9783656040606
Dateigröße
2.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180816
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Institut für Politikwissenschaft
Note
2,0 (CH: 5,0)
Schlagworte
Kosovo Serbien NATO UCK Guerillakrieg Kosovo-Konflikt JVA Operation Allied Force Gewaltsamer Widerstand Rambouillet Kosovo-Kontaktgruppe Hashim Thaci Slobodan Milosevic Luftschläge Richard Holbrooke UN-Resolution 1244 UN-Sicherheitsrat KFOR UNMIK Carl von Clausewitz Hans von Dach OSCE KVM

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