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Der Nürnberger Prozess – Siegerjustiz oder objektive Urteilsfindung? Das Fallbeispiel Karl Dönitz

Seminararbeit 2011 25 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1945/46
2.1 Die Ergebnisse und die Bedeutung
2.2 Der Forschungsstand und die Kritik am Prozess

3. Das Verhandlungsbeispiel Karl Dönitz
3.1 Die Anklage und die Verteidigung von Dönitz
3.2 Das Urteil
3.3 Die Bewertung des Nürnberger Prozesses

4. Zusammenfassung

5. Verzeichnis

1. Einleitung

Die Wehrmacht eines Staates wird nicht gefragt, wann und gegen wen sie zu kämpfen hat. Das ist Sache der politischen Führung, die das Primat gegenüber dem Soldaten hat. Ebenso ist die Beendigung des Krieges Sache des Politikers.“[1] Mit diesen Worten rechtfertigte Karl Dönitz in seinen Memoiren sein auf bedingungsloser Treue beruhendes Verhältnis zu Adolf Hitler bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Dabei stand für ihn fest, dass der Soldat grundsätzlich unpolitisch zu handeln hätte, gleichgültig, welche Position er im Militärapparat einnahm und ob die politische Führung Verbrechen beging.

Wie Dönitz vertraten auch andere hohe deutsche Militärs, die auf der Anklagebank in Nürnberg saßen, diese Einstellung. Für die Richter des Internationalen Militärtribunals (IMT) lag die Schwierigkeit in der Beurteilung der Rolle jedes einzelnen Angeklagten. Die Berufung auf Befehlsnotstand und unpolitische Pflichterfüllung war kennzeichnend für die deutschen Militärrepräsentanten vor dem Gerichtshof in Nürnberg. Schon allein darin wird die Problematik in Bezug auf die Frage nach objektiver Rechtsprechung der Alliierten über das besiegte Hitler-Deutschland deutlich.

Welche Relevanz das Thema in der modernen Historiographie genießt, zeigen die Vielzahl von Veröffentlichungen in den 1990er Jahren und zu Beginn des 21. Jahrhunderts sowie diverse Verfilmungen und Dokumentationen. Allerdings existieren verschiedene Tendenzen in der Beurteilung des Prozesses, die im weiteren Verlauf dargelegt werden.

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei große Themenkomplexe. Im ersten Teil wird der Prozess im Allgemeinen behandelt. Hierbei liegt der Fokus auf der Benennung der Urteile, deren Bedeutung für das allgemeine Völkerrecht und auf der Debatte um die Legitimität des Gerichtshofs. Der aktuelle Forschungsstand zum Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher, zur Person Dönitz und die verschiedenen Ansichten seitens der Historiographie werden am Ende des ersten Hauptteils dargelegt.

Der zweite Komplex der Arbeit widmet sich dem Anklagten Karl Dönitz. Das Beispiel des Marinechefs und Nachfolgers Hitlers als Reichspräsident soll die schwierige Beurteilung der historischen Schuld des Angeklagten durch die vier Richter der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs verdeutlichen. Zum einen setze Dönitz als Staatsoberhaupt die Kämpfe gegen die Anti-Hitler-Koalition nach dem Tod des Diktators fort und erließ 1942 den „Laconia-Befehl“, der als Aufruf zur Ermordung alliierter Schiffbrüchiger gesehen werden kann. Zum anderen war er für die Rettung mehrerer Tausend Flüchtlinge und Soldaten nach Westen verantwortlich und ließ Kapitulationsverhandlungen einleiten, die zur Beendigung des Krieges führten.

Am Schluss der Arbeit erfolgt eine Bewertung des IMT, die versucht, eine Beurteilung unabhängig von den verschiedenen Positionen in der Geschichtsschreibung in Bezug auf das Thema abzugeben.

Im Verlauf der Arbeit wird anhand der folgenden Fragestellungen untersucht, inwiefern der Nürnberger Prozess ein Ausdruck willkürlicher Siegerjustiz durch die Alliierten war: Standen die Urteile schon von Anfang an fest? Wurden rechtsstaatliche Prinzipien während des Prozesses gewahrt? Welche Wirkung auf die internationale und deutsche Öffentlichkeit zeitigten die Gerichtsverhandlungen? Wie wurden die Urteile gegen die hohen Militärs begründet? Und kann Dönitz als Beispiel für eine zu milde Rechtsprechung gesehen werden?

Die erschienene Literatur zum Thema Nürnberger Prozesse ist umfassend und zahlreich. Besonders hervorzuheben ist das Werk von Klaus Kastner (Die Völker klagen an. Der Nürnberger Prozess 1945-1946.), welches übersichtlich den Verhandlungsverlauf darstellt und individuell auf jeden Angeklagten eingeht. Außerdem wird die Problematik der Siegerjustiz thematisiert und die vielen Illustrationen veranschaulichen den Inhalt. Als Primärquelle sticht besonders der fotomechanische Nachdruck des IMT hervor, der in mehr als zwanzig Bänden die gesamten Verhandlungen beinhaltet. Auszüge aus diesem Werk finden sich bei Ingo Müller (Der Nürnberger Prozeß. Die Anklagereden des Hauptanklagevertreters der Vereinigten Staaten von Amerika Robert H. Jackson.), der die Anklagereden Jacksons wiedergibt und die Bedeutung des Prozesses gegen die Hauptkriegsverbrecher für das Völkerrecht erläutert.

Hinzu kommen noch Werke zu Dönitz, von denen insbesondere die neueren Darstellungen kritisch gegenüber dem letzten Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches geprägt sind. Hier fallen besonders Dieter Hartwig (Großadmiral Karl Dönitz. Legende und Wirklichkeit.) und Herbert Kraus (Karl Dönitz und das Ende desDritten Reiches “) auf, die das Festhalten von Dönitz an der nationalsozialistischen Ideologie und der Fortführung des Krieges hinterfragen.

2. Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess 1945/46

2.1 Die Ergebnisse und die Bedeutung

Die Bedeutung des IMT lässt sich allein schon an der großen Anzahl an Beweisdokumenten der Ankläger und Verteidiger, dem Verhör einiger hundert Zeugen sowie mehreren tausend eidesstattlichen Erklärungen bemessen, sodass das Tribunal der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs zu Recht als größter Prozess der Weltgeschichte gesehen werden kann.[2]

Der Prozess gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher war bis dato ein Präzedenzfall. Erst-malig wurde ein internationaler, auf völkerrechtlicher Grundlage basierender Gerichtshof errichtet, der die individuelle Schuld nicht nur von den unteren Chargen des Staats- und Militärapparates des nationalsozialistischen Regimes feststellte, sondern auch die Eliten aus Politik, Wirtschaft und Militär verhörte und verurteilte.[3]

Dabei war der Zeitdruck ein entscheidender Faktor, da sich 1945/46 bereits der Kalte Krieg langsam abzuzeichnen begann, weshalb die Siegermächte den Prozess möglichst schnell abschließen wollten. Aus Sicht der USA sollte ohne große Zeitverzögerung der Übergang zur gewohnten Tagesordnung wiederhergestellt werden, weil das Risiko bestand, dass die Sowjet-union bei zunehmenden Differenzen mit der westlichen Supermacht einfach aus dem Prozess ausscheiden könnte. Außerdem verhinderte der wieder aufbrechende Ost-West-Konflikt mit seinen ideologischen Auseinandersetzungen die Bildung eines ständigen Strafgerichtshofs.[4]

Der Chefankläger der USA stellte in seiner Eröffnungsrede eine sehr optimistische Voraus-sage in Bezug auf die Nachhaltigkeit der Verhandlungen auf die Realpolitik, welche sich allerdings nicht erfüllen sollte: "Dieses Gesetz [das Verbot des Führens eines Angriffskrieges] wird hier zwar zunächst auf deutsche Angreifer angewandt, es schließt aber ein und muß, wenn es von Nutzen sein soll, den Angriff jeder anderen Nation verdammen, nicht ausgenommen die, die jetzt hier zu Gericht sitzen".[5]

Nach der Meinung des deutschen Professors für Strafrecht und Rechtsphilosophie der Universität Heidelberg – Reinhard Merkel – stellte sich für die Siegermächte nach dem Zweiten Weltkrieg die Frage, wie eine notstandsähnliche Abwägung zwischen den Prinzipien des Rückwirkungsverbots und dem strafrechtlichen Schutz der Fundamente der Zivilisation zu treffen sei. Nach dem Bekanntwerden der Singularität der NS-Verbrechen gab es für die Alliierten keine rechtlichen, politischen und moralischen Zweifel mehr daran, dass die Urheber des Weltkriegs vor einem Gericht zur Rechenschaft gezogen werden müssten, wodurch die Menschenrechte über bisher gewohnte Rechtsnormen auf internationaler Ebene gestellt wurden.[6]

Der deutsche Völkerrechtler Gregor Schirmer sieht im Nürnberger Prozess geradezu eine "Revolution im Völkerrecht". Dies begründet er damit, dass vor dem Zweiten Weltkrieg die Strafjustiz als innere Angelegenheit eines souveränen Staates angesehen wurde – ergo kein Völkerrecht war. Somit konnte Kriegsverbrechern und Aggressoren nur innerstaatlich der Prozess gemacht werden, wodurch die Verfolgung und Verurteilung durch ein internationales Gericht ausgeschlossen blieb. Demgegenüber wurde mit dem IMT der Versuch unternommen, die Führung eines kriegstreibenden und verbrecherischen Staates auf Völkerrechtsbasis anzuklagen. Dabei genossen die NS-Eliten keine Immunität gegenüber einer strafrechtlichen Verfolgung durch die Alliierten, wie es nach alten Rechtsgrundsätzen üblich gewesen wäre. Zudem konnten sich die Angeklagten nicht auf bloßen Befehlsgehorsam berufen, der sie in ihren Augen entlastete, sondern die individuelle Verantwortung der Beschuldigten wurde untersucht. Das Handeln auf Befehl konnte zwar strafmildernd wirken, jedoch blieb es kein Strafausschließungsgrund.[7]

Ein Novum in der Rechtsgeschichte war das Nürnberger Tribunal zudem auch in Hinsicht auf die Anklage verbrecherischer Organisationen wie die Reichsregierung, das Korps der poli-tischen Leiter, die SS, der SD, die Gestapo, die SA, der Große Generalstab und das OKW. Die bloße Mitgliedschaft in diesen Institutionen war nicht gleichbedeutend mit einem Verbrechen, allerdings war sie ein Instrument in den nachfolgenden Prozessen, um die Angeklagten besser einschätzen und bewerten zu können.[8]

Das IMT war kein Schauprozess im stalinistischen Sinn. Zwar erfolgte keine Thematisierung bzw. Untersuchung alliierter Kriegsverbrechen, jedoch wurde der Versuch unternommen mit rechtsstaatlichen Mitteln auch der Öffentlichkeit Zeitgeschichte zu verdeutlichen und die Verhandlungen offen nach außen zu führen und nicht unter Ausschluss der Medien, was die Aufarbeitung des Nationalsozialismus begünstigte.[9]

Welche Bedeutung der öffentlichen Meinung zukam, wird in der Äußerung des Assistenten des US-amerikanischen Hauptanklagevertreters ─ Telford Taylor ─ deutlich: „So konnte der Internationale Militärgerichtshof seine Arbeit mit allgemeiner Zustimmung und nur wenig Kritik von Seiten der Weltöffentlichkeit beginnen und beenden. Niemand warf ihm vor, er wolle sich die Angeklagten lediglich vom Hals schaffen; die Enthüllungen der Nazigräueltaten waren furchtbar, und die Richter erwiesen sich als gerechte und humane Männer. Somit leistete das Tribunal genau das, wozu es errichtet worden war. Die Weltöffentlichkeit war zufrieden gestellt.“[10]

Die Akzeptanz und Befürwortung des Nürnberger Prozesses in der deutschen Bevölkerung lag einerseits darin begründet, dass Verbrechen verhandelt wurden, die ohne Beispiel in der Geschichte waren. Andererseits begünstigte der Prozess im öffentlichen Bewusstsein die Trennung von Täter- und angeblicher Mittäterschaft. Dies förderte eine gewisse Mitläufergesinnung in weiten Teilen des Volkes, d.h. die Verantwortung und Mitwisserschaft des Einzelnen für die Verbrechen des Nationalsozialismus wurden zwar im Hauptkriegsverbrecherprozess berücksichtigt, jedoch verdrängte die Mehrheit der deutschen Bürger ihre eigene Schuld.[11] Meinungsumfragen unmittelbar nach dem Nürnberger Prozess ergaben, dass eine große Mehrheit der deutschen Bevölkerung die Verhandlungen gegen die Hauptkriegsverbrecher und die Urteile als gerecht empfanden. Allerdings hatte sich zu Beginn der 1950er Jahre die öffentliche Stimmung dahingehend gewandelt, dass die Hälfte der Befragten dem Prozess übermäßige Härte und Ungerechtigkeit unterstellten.[12]

Das Militärtribunal verfolgte vorrangig ̶ vom Standpunkt der US-Amerikaner aus gesehen ̶ zwei wesentliche Ziele. Zum einen sollte die deutsche und die Weltöffentlichkeit durch die Prozessermittlungen und die Sicherstellung von Beweismitteln über die Verbrechen des Na-tionalsozialismus aufgeklärt werden, was im Kontext der alliierten Demilitarisierungs-, Denazifizierungs- und Demokratisierungspolitik in Deutschland stand. Zum anderen zielte das internationale Gericht in Nürnberg auf die Bestrafung der Hauptverantwortlichen für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Europa und der Kriegsverbrecher ab. Dazu sollte Anklage gegen ausgewählte Personen des NS-Staates erhoben und diese verurteilt werden. Dabei schwang die Intention der USA mit, den Angriffskrieg nachhaltig zu ächten, was bereits mit dem Briand-Kellogg-Pakt formal vor dem Krieg geschehen war.[13]

Der am 27. Januar 1929 abgeschlossene Briand-Kellogg-Pakt, der von 15 Staaten unterzeichnet worden war, darunter das Deutsche Reich, hatte den Krieg als Mittel für die Lösung internationaler Konflikte verurteilt und ein universales Kriegsverbot ausgesprochen. Allerdings konnten sich die Unterzeichnerstaaten auf keine allgemeinen Sanktionsmaßnahmen im Falle eines Vertragsbruchs einigen, sodass Aggressoren gegen den internationalen Frieden in den 1930er Jahren, z.B. Italien 1935 und Japan 1931 sowie 1937, nicht kollektiv bestraft wurden. Jedoch beruhte in Nürnberg der zweite Anklagepunkt – die Vorbereitung und Durchführung eines Angriffskrieges – auf den Vorgaben des Briand-Kellogg-Paktes.[14]

Die Alliierten wollten nach dem Zweiten Weltkrieg die Verfolgung von Kriegsverbrechern unter keinen Umständen deutschen Nachkriegsgerichten überlassen. Stattdessen sahen sich die Staaten der Anti-Hitler-Koalition dazu berufen, unter der Führung eines internationalen Gerichts einen Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher zu initiieren.[15]

Eine sehr treffende Beurteilung der historischen Bedeutung des Nürnberger Prozesses liefert Reinhard Merkel: "Nürnberg hat jene Revolution im Völkerrecht, die 1919 noch gescheitert war in einem exemplarischen Akt vollzogen. Keine gegenläufige, spurenverwischende Praxis der Staaten in der nachfolgenden Ära des Kalten Krieges hat die Grundidee des Prozesses zerstören können: dass die Selbstlegitimation aller staatlichen Macht ihre Grenze findet in einem Recht der Menschlichkeit; und dass der Täter, der diese Grenze missachtet, als einzelner zur Verantwortung gezogen wird, vor der ihn keine staatliche Deckung seiner Taten schützen kann. Nürnberg war der weltgeschichtlich erste Versuch, auf ungekannte Exzesse der Macht gleichwohl in den Formen des Rechts zu antworten."[16]

Bei der Untersuchung der Urteile des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses fällt auf, dass von den zweiundzwanzig Angeklagten nur knapp mehr als die Hälfte zum Tode durch den Strang verurteilt wurden. Zudem gab es zwei Freisprüche für Hans Fritzsche und Franz von Papen. Bei den Haftstrafen sind besonders politische NS-Größen vertreten, wobei unter den Todesurteilen der Anteil an hohen Militärs markant ist. Die geringe Anzahl an Todesstrafen verdeutlicht, dass der Nürnberger Prozess nicht pauschal als willkürlicher Siegergerichtshof gesehen werden kann. Ohne ein gewisses Mindestmaß an juristischer Objektivität und dem Willen der Alliierten den NS-Tätern auch konkret ihre Verbrechen nachzuweisen, wären die Urteilssprüche des IMT nicht erklärbar.

2.2 Der Forschungsstand und die Kritik am Prozess

Aus heutiger Sicht sprechen viele Fakten dafür, den Nürnberger Prozess kritisch zu beurteilen. Dabei haben sich verschiedene Denk- bzw. Bewertungsrichtungen herausgebildet. Eine Gruppe von Historikern, wie z.B. Werner Maser und David Irving, vertritt eine revisionis-tische Geschichtsauffassung und bewerten das IMT als Instrument alliierter Willkür über die Besiegten. Dem gegenüber stehen Geschichtsschreiber wie Klaus Kastner, Peter Reichel oder Gregor Schirmer, die den Prozess als Grundstein eines universellen Völkerrechts sehen und Kritik am Tribunal als eher zweitrangig einstufen. Hinzu kommen noch Historiker wie Gitta Sereny, Manfred Messerschmidt, Albin Eser oder Peter Steinbach, welche dem Prozess positive und negative Aspekte bescheinigen und versuchen, ein ausgewogenes Bild bei der Bewertung des IMT zu zeichnen.

Die Vertreter einer revisionistischen Geschichtsauffassung wie Werner Maser argumentieren, dass eine Nation zu Gericht über Hitler-Deutschland saß, die selbst Angriffskriege gegen Polen, Finnland und Japan geführt hatte und aus dem Völkerbund ausgeschlossen worden war – nämlich die Sowjetunion (tu quoque -Argument). Eine eindeutige Definition des Aggressionsbegriffes hätten die Siegermächte nachträglich in Schwierigkeiten gebracht, wenn sie sich an die Nürnberger Prinzipien gehalten hätten, was die sowjetische Intervention 1956 in Ungarn oder die in Vietnam und Kambodscha geführten Kriege der USA beweisen. Gemessen an den Nürnberger Rechtsgrundsätzen hätten auch hierfür Todesurteile gefällt werden müssen.[17]

Zudem verletzte die Sowjetunion mit ihrer territorialen Expansion nach Westen eklatant das Völkerrecht. Die Annexion Ostpreußens und die Enteignung des Besitzes der ansässigen deutschen Bevölkerung verstießen gegen völkerrechtliche Bestimmungen. Nach Maser erschienen der deutschen Öffentlichkeit die Urteile von Nürnberg als maßlose Übertreibung und Beschönigung einer Rachejustiz, da während des Prozesses anerkanntes Recht gebeugt worden war (Rückwirkungsverbot).[18]

Der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess wird im Nachhinein von vielen Historikern als "Glanzpunkt des Völkerrechts" beurteilt. Besonders positiv sieht Peter Reichel den Prozess. Laut diesem zielten die Haupteinwände gegen das Verfahren auf das Rückwirkungsverbot. Allerdings konnte sich der Gerichtshof in Nürnberg auf bestehendes Völkerrecht vor dem Zweiten Weltkrieg berufen. Außerdem wurden Verbrechen gegen die Menschlichkeit nach dem Recht aller Rechtsstaaten als Straftat angesehen. Besonders problematisch war die Zusammensetzung des Gerichts, da diesem nur Richter aus Ländern vorsaßen, die Deutschlands Kriegsgegner gewesen waren und keine neutralen Staaten. Dies förderte die Wahrnehmung des Gerichtshofs als "Besatzungsgericht" bei den Angeklagten und deutschen Juristen umso mehr.[19]

Zudem wurden während des IMT Kriegsverbrechen der Alliierten, wie z.B. die Massenerschießungen polnischer Offiziere durch die Sowjets bei Katyn oder die Bombardierung "weicher Ziele" im Deutschen Reich durch US-Amerikaner und Briten, nicht behandelt, um den Prozess nicht zu gefährden. Denn die Thematisierung und Untersuchung der Verbrechen der Anti-Hitler-Koalition hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zum Bruch zwischen der USA und der Sowjetunion geführt und somit eine interalliierte Verurteilung der NS-Verbrecher verhindert.

Klaus Kastner führt an, dass der Anklagepunkt "Verbrechen gegen den Frieden" ein Auffangtatbestand ist, der dazu diente, alles zu subsumieren, was den Funktionsträgern des NS-Staates angelastet werden sollte. Zudem widersprach die Kriminalisierung dem im Londoner Statut normierten Grundsatz der individuellen Verantwortlichkeit, wobei der Befehlsnotstand Untergebener verkannt worden wäre. Eine deutsche Gerichtsbeteiligung hätte zudem die Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer jüngsten Vergangenheit befördert, wobei sich deutsche Richter dem Vorwurf hätten aussetzen müssen, eine Marionette der Alliierten zu sein.[20]

Ingo Müller hebt in besonderer Weise hervor, dass das IMT mit den Mitteln des Rechtsstaates in der Lage war, Straftaten zu verhandeln, die bisher einzigartig und von besonderer Grausamkeit gekennzeichnet waren. Zudem sieht Müller eine markante Verdammung des An-griffskrieges auf internationaler Ebene durch den Prozess gegeben, wobei jedoch die Wirkung dieser Kriegsächtung in der Realität leider kaum Widerhall fand. Nach dem Nürnberger Prozess wurden aggressive Kriegshandlungen auch durch die Supermächte vorgenommen.[21]

[...]


[1] Dönitz, Karl: Zehn Jahre und zwanzig Tage. Frankfurt/Main 1967, S. 299.

[2] Vgl. Müller, Ingo: Der Nürnberger Prozeß. Die Anklagereden des Hauptanklagevertreters der Vereinigten Staaten von Amerika Robert H. Jackson. Weinheim 1995, S. XVII.

[3] Vgl. Eser, Albin: Das Internationale Militärtribunal von Nürnberg aus deutscher Perspektive. In: Reginbogin, Herbert; Safferling, Christoph (Hrsg.): Die Nürnberger Prozesse. Völkerstrafrecht seit 1945. Internationale Konferenz zum 60. Jahrestag. München 2006, S. 266.

[4] Vgl. ebd., S. 266.

[5] Jackson zitiert nach Müller, a.a.O., S. XVIII.

[6] Merkel zitiert nach Eser, a.a.O., S. 58.

[7] Vgl. Schirmer, Gregor: Die Nürnberger Prinzipien – ein Umbruch im Völkerrecht. In: Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung. Heft 27. Berlin 2006, S. 5.

[8] Vgl. Kastner, Klaus: Die Völker klagen an. Der Nürnberger Prozess 1945-1946. Darmstadt 2005, S. 50.

[9] Vgl. Steinbach, Peter: Der Nürnberger Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher. In: Ueberschär, Gerd (Hrsg.): Der Nationalsozialismus vor Gericht. Die alliierten Prozesse gegen Kriegsverbrecher und Soldaten 1943-1952. Frankfurt/Main 1999, S. 38.

[10] Kastner, a.a.O., S. 161.

[11] Vgl. Steinbach, a.a.O., S. 37ff.

[12] Vgl. Reichel, Peter: Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute. München 2001, S. 69.

[13] Vgl. Reichel, a.a.O., S. 42.

[14] Vgl. Kastner, a.a.O., S. 17f.

[15] Vgl. ebd., S. 2.

[16] Merkel zitiert nach Eser, a.a.O., S. 58.

[17] Vgl. Maser, Werner: Nürnberg – Tribunal der Sieger. Düsseldorf 1988, S. 522 und 529.

[18] Vgl. ebd., S. 562 und 577.

[19] Vgl. Reichel, a.a.O., S. 45.

[20] Vgl. Kastner, a.a.O., S. 159ff.

[21] Vgl. Müller, a.a.O., S. XVIII.

Details

Seiten
25
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656039891
ISBN (Buch)
9783656040491
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180834
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Schlagworte
Nürnberger Prozess Nürnberg Karl Dönitz Kriegsverbrechen

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Titel: Der Nürnberger Prozess – Siegerjustiz oder objektive Urteilsfindung? Das Fallbeispiel Karl Dönitz