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Kurt Schwitters - Das plastische Werk

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 40 Seiten

Kunst - Bildhauerei, Skulptur, Plastik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1. Biographisches zu Kurt Schwitters

2. Zum Merz - Kunstbegriff

3. Der Merzbau

4. Plastische Arbeiten
4.1 Frühe dadaistische Konstruktionen
4.1.1 Erste Modelle für den Merzbau thematisieren die mechanische Welt
4.1.2 Die plastisch formulierten Merzbauentwürfe im Kontext der expressionistischen Architektur
4.2 Die Merzbau - Plastiken
4.2.1 Einzelne plastische Arbeiten ais Probeobjekte und Elemente derMerzbaugestaltung
4.2.2 Die konstruktivistische Formensprache verbindet sich mitorganischenStrukturen
4.3 Die späten Exil - Plastiken
4.3.1 Einzelne Beispiele für das Schaffen im Zeichen organoider Formen
4.3.2 Eine sexuelle Konnotation verbindet den Merzbau mit spätenplastischen Arbeiten

Nachwort

Abbildungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Vorwort

„O du, Geliebte meiner siebenundzwanzig Sinne, ich/ liebe dir! - Du deiner dich dir, ich dir, du mir,/ - Wir?/ Das gehört (beiläufig) nicht hierher./ Wer bist du, ungezähltes Frauenzimmer? Du bist/ - - bist du? Die Leute sagen, du wärest, - laß/ sie sagen, sie wissen nicht, wie der Kirchturm steht./ Du trägst den Hut auf deinen Füßen und wanderst/ auf die Hände, auf den Händen wanderst du./ Hallo, deine roten Kleider, in weiße Falten zersägt./ Rot liebe ich Anna Blume, rot liebe ich dir! - Du/ deiner dich dir, ich dir, du mir, -Wir?/ Das gehört (beiläufig) in die kalte Glut./ Rote Blume, rote Anna Blume, wie sagen die Leute?/ Preisfrage: 1.) Anna Blume hat ein Vogel./ 2.) Anna Blume ist rot./ 3.) Welche Farbe hat der Vogel?/ Blau ist die Farbe deines gelben Haares./ Rot ist das Girren deines grünen Vogels./ Du schlichtes Mädchen im Alltagskleid, du liebes/ grünes Tier, ich liebe dir! - Du deiner dich dir, ich/ dir, du mir. - Wir?/ Das gehört (beiläufig) in die Glutenkiste./ Anna Blume! Anna, a-n-n-a, ich träufle deinen/ Namen. Dein Name tropft wie weiches Rindertalg./ Weißt du es, Anna, weißt du es schon?/ Man kann dich auch von hinten lesen, und du,/ du/ Herrlichste von allen, du bist von hinten wie/ von/ vorne: <<a-n-n-a>>./ Rindertalg träufelt streicheln über meinen/ Rücken./ Anna Blume, du tropfes Tier, ich liebe/ dir!"[1]

Diese, mit Anna Blume betitelten Zeilen, sind die bekanntesten Worte eines Lyrikers, der in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts als herausragendes Multitalent, dessen vielfältige Tätigkeiten und Interessen sowie Kreativität, Phantasie und Produktivität in der heutigen Zeit sicherlich nur annähernd einzuschätzen sind , vor allem auch im Bereich der Bildenden Kunst hervortritt.

Die Rede ist selbstverständlich von Kurt Schwitters, der sich zuweilen auch als Kuwitter bezeichnet , dem wichtigsten hannoverschen Künstler des 20. Jahrhunderts, der als Innovator, Dadaist und großer Erfinder innerhalb der Kunst anzusehen ist, was sich auch für die internationale Ebene ausmachen lässt. Zeit seines Lebens erfährt er nicht nur die differenziertesten künstlerischen Phasen, sondern auch die verschiedensten Stadien der staatlichen Existenz, die sich vom Kaiserreich über die Republik, in die Diktatur und letztlich ins Exil erstrecken.[2] Im Jahre 1878 in Hannover geboren, das sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges zu einem Zentrum geistiger Auseinandersetzungen im allgemeineren Sinne entwickelt, ist Schwitters die herausragende Figur einer künstlerisch regsamen Zeit und seit 1920 die bestimmende Künstlerpersönlichkeit der Dada-Bewegung in seiner Heimatstadt, welcher er in den zwanziger Jahren zum Ansehen als ein Mittelpunkt der abstrakten Kunst in Deutschland verhilft. Schwitters besondere künstlerische Form ist dabei mit dem Begriff Merz benannt, der für ihn alle Bereiche des Gestaltens umfasst und sich so von der Merzkunst und der Merzdichtung, über den Merzbau, die Merzbühne, die Merzwerbe und eine eigene Zeitschrift mit dem Titel Merz, bis hin zu der Erkenntnis erstreckt, dass er selbst Merz ist.[3]

Einleitung

Im Rahmen des Hauptseminars III I , das im Wintersemester 2009/2010 unter der Leitung von | III I am III II stattfand, soll diese Arbeit sich mit den plastischen Werken Kurt Schwitters beschäftigen, der, neben Marcel Duchamp, als die Vaterfigur der Moderne beziehungsweise in seiner Tätigkeit als Collagist, als der Vorläufer der Objektkunst zu benennen ist[4].

Im Folgenden soll nun, nach einer einleitenden Betrachtung hinsichtlich der biographischen Daten Kurt Schwitters, zunächst sein Merz-Kunstbegriff vorgestellt werden, dem er, ab 1918 und 1919, sein gesamtes künstlerisches Schaffen unterordnet.

Im Anschluss daran, wird sich seinem monumentalsten Werk, dem so genannten Merzbau gewidmet werden, ein plastisch geformter Raum, gleichzeitig aber auch eine begehbare Plastik, eine Architektur-Skulptur mit allerlei eingebrachten Objekten und gegensätzlichen Assoziationen, vor allem jenen von Kathedrale und Grotte.

Ausgehend davon, soll sich daraufhin einzelnen plastischen Arbeiten gewidmet werden, die allesamt im Kontext mit diesem architektonischen Gebilde zu betrachten sind. Zunächst sind es dabei seine frühen dadaistischen Konstruktionen mit der Thematik einer mechanischen Welt, die in Augenschein genommen werden müssen, da sie, vor dem Hintergrund der expressionistischen Architektur, als erste Modelle für den Merzbau zu verstehen sind. Hiernach sollen dann seine Merzbau-Plastiken einer genaueren Betrachtung unterzogen werden, die sich als Probearbeiten oder auch Elemente der Merzbaugestaltung darstellen sowie auch erstmals konstruktivistische und organoide Formen miteinander verschmelzen lassen, ein Aspekt, der sich dann vor allem auch für seine späten Exil-Plastiken festmachen lässt.

Mit einer Betrachtung dieser Plastiken aus Schwitters Spätwerk, die, neben Ölbildern, Collagen, kleinformatigen Merzzeichnungen, Assemblagen und Montagen, auch heute noch in der Sammlung des Sprengel Museums in Schwitters Heimatstadt Hannover zu besichtigen sind, wo er mit einem Umfang von 130 Werken unterschiedlichster Art einen Sammlungsschwerpunkt bildet und welche sich vereinzelt auch besonders hinsichtlich ihrer Verbindung zum Merzbau durch ihre sexuelle Konnotation als interessant darbieten sowie einem abrundenden Nachwort, soll diese Arbeit daraufhin beschlossen werden.

1. Biographisches zu Kurt Schwitters

Curt Hermann Eduard Carl Julius Schwitters wird am 20. Juni 1887 in Hannover geboren[5], wo er sich, nach seinem Abitur im Jahre 1908 an der Kunstgewerbeschule einschreibt, an der er seine grundlegenden künstlerischen Fähigkeiten und Fertigkeiten erlernt. Im Jahre 1909 wechselt er an die Königlich Sächsische Akademie der Künste in Dresden, die ihm ein Studium der freien Kunst ermöglicht und ihn in den klassischen akademischen Fächern Portrait, Anatomie, Tiermalerei und Genre ausbildet.[6] Zwei Jahre später kann er sich daraufhin mit einigen naturalistischen Arbeiten erstmals an einer Ausstellung im Hannoverschen Kunstverein beteiligen.[7]

Ganz nach dem Motto: „Das Abmalen der Natur ist die Übersetzung der dreidimensionalen Körperlichkeit auf eine zweidimensionale Fläche. Das kann man lernen, wenn man gesund ist und nicht farbenblind" , löst Schwitters sich, nach seinem Studienabschluss in Dresden im Kriegsausbruchsjahr 1914, vom realistisch-akademischen Schema und durchläuft die künstlerischen Tendenzen seiner Zeit, die sich vom Spätexpressionismus mit seinen locker gemalten Landschaftsstücken, über den Fauvismus und den Kubo-Futurismus, bis hin zum Expressionismus erstrecken, der sich durch stark farbige Portraits und Landschaften auszeichnet.[8]

Zurück in seiner Heimatstadt, zieht er 1915 mit seiner Frau Helma Fischer in die gemeinsame Wohnung im Elternhaus, die sich in der Waldhausenstraße 5 befindet[9], jenen Ort, an dem sein hannoverscher Merzbau entstehen soll.

Im Jahre 1917 trifft er erstmals mit Christof Spengemann zusammen, einem Publizisten und Werbefachmann, der ihn in die literarischen Kreise in Hannover einführt. Im gleichen Jahr beginnt für Schwitters jedoch auch ein Hilfsdienst als Werkstattzeichner im Eisenwerk Wülfel sowie eine Einschreibung in der Abteilung I für Architektur an der Königlichen Technischen Hochschule für ein Semester.[10]

Ein Jahr später kommt es zur ersten Ausstellung abstrakter Bilder in der Galerie Der Sturm in Berlin[11] und um 1918 und 1919, mit der so genannten „großen glorreichen Revolution von Revon" , zum großen Umbruch, denn unter dem Begriff Merz gründet Schwitters, mit dem Zentralsitz in Hannover, seine Ein-Mann-Kunstbewegung, die nicht nur als künstlerischer Stil, sondern als Revolution des gesamten Kunstwollens von Kurt Schwitters zu verstehen ist.

„Merz kannte keine Grenzen zwischen den Kunstgattungen, zwischen Bedeutendem und Banalem, zwischen Sinn und Unsinn, zwischen Kunst und Leben" heißt es dazu in Karin Orchards Aufsatz über sein Leben und Werk.[12]

Schwitters wirkt dabei nicht nur als Vertreter der traditionellen Kunstgattungen von Malerei, Zeichnung, Skulptur und Grafik sowie aller erdenklichen Mischformen, insbesondere der Collage, sondern zugleich auch als Dichter , Schriftsteller, Architekt und Typograf. Desweiteren beweist er sich aber auch als Vortragender und Entertainer bei seinen Merz­Abenden, Organisator von Kongressen, Veranstaltungen und Festen sowie als hervorragender Aktivist und Kommunikator im Versammeln seiner Künstlerkollegen. Auf diese Weise kommt es 1921 zu einer Vortragsreise nach Prag, die er zusammen mit Raoul Hausmann, Hannah Höch und Helma Schwitters unternimmt sowie 1922 zur Teilnahme an Dada-Veranstaltungen in Weimar, Jena und Hannover und einer Dada-Tournee durch Holland, die in Begleitung von Nelly und Theo van Doesburg sowie Vilmos Huszar zwischen den Jahren 1922 und 1923 erfolgt.[13] Desweiteren gründet er im Jahre 1927, zusammen mit den hannoverschen Künstlern Carl Buchheister, Rudolf Jahns, Hans Nitzschke und Friedrich Vordemberge-Gildewart, die Künstlervereinigung die abstrakten hannover. Im Bereich der Typografie und Werbegestaltung konstituiert sich durch ihn im gleichen Jahr aber zudem auch der ring neuer werbegestalter, der auf Mitglieder wie Willi Baumeister, Walter Dexel, Cesar Domela, Robert Michel und Ella Bergmann-Michel, wie auch Läszlö Moholy- Nagy und Jan Tschichold stolz sein kann. Zudem ist Schwitters aber auch Angehöriger der New Yorker Societe Anonyme sowie der aus Paris stammenden Gruppen Cercle et Carre und Abstraction-Creation.

Nach einigen längeren Aufenthalten in Norwegen, vor allem auf der Insel Hjertoy im Molde- Fjord, wo Schwitters 1934 eine Schmiede mietet, emigriert er am 2. Januar 1937 nach Lysaker bei Oslo, wo er sich drei Jahre aufhält.

Am 9. April 1940 muss Schwitters vor den deutschen Truppen fliehen, die seine Arbeiten zur sogenannten Entarteten Kunst zählen. Über Schottland kommt er dabei ein Jahr später und zusammen mit seinem Sohn Ernst nach London und 1945, durch einen Schlaganfall gesundheitlich schon stark angeschlagen, in das Lake District in Ambleside.

Am 8. Januar 1948 verstirbt Kurt Schwitters schließlich, mit nur sechzig Jahren, im Krankenhaus von Kendal an einem Herzversagen. Im Zeichen des Merz-Kunstbegriffes hinterlässt er ein unglaublich umfangreiches und variationsreiches Werk, das die nachfolgenden Künstlergenerationen, sprich die Neo-Dadaisten, Nouveaux Realistes, Vertreter der Pop Art und die Objektkünstler in grundlegender Weise beeinflussen wird[14].

2. Zum Merz - Kunstbegriff

Kurt Schwitters gesamtes Schaffen ist der Merz-Idee untergeordnet, die sich in allen erdenklichen Materialien und Medien realisiert, denn „Merz bedeutet Beziehungen schaffen,

am liebsten zwischen allen Dingen der Welt" , wie er im Jahre 1924 erklärt. Der Begriff Merz geht dabei, wie auch das Wort Dada, auf einen Zufallsfund zurück, genauergesagt auf den Ausdruck Kommerz- und Privatbank. In seiner, für sein gesamtes Schaffen namensgebenden Assemblage Das Merzbild (Abb. 1) aus den Jahren 1918 und 1919, die später von den Nationalsozialisten als entartet aus der Dresdner Kunstsammlung entfernt wird und seitdem als verschollen gilt, lässt sich mittig die Silbe Merz auffinden, die er aus einer Anzeige der genannten Bank geschnitten und geklebt hat. Eine detaillierte Erläuterung zur Entstehung dieses Begriffes gibt Schwitters jedoch darüber hinaus in seinem MERZ 20 Katalog, wo es heißt:

„Ich nannte meine Gestaltung mit prinzipiell jedem Material MERZ. Das ist die 2te Silbe von Kommerz. Es entstand beim Merz-Bild, einem Bilde, auf dem unter abstrakten Formen das Wort MERZ, aufgeklebt und ausgeschnitten aus einer Anzeige der KOMMERZ- UND PRIVATBANK, zu lesen war. Dieses Wort MERZ war durch Abstimmen gegen die anderen Bildteile selbst Bildteil geworden, und so mußte es dort stehen. Sie können es verstehen, daß ich ein Bild mit dem Worte MERZ das MERZ-Bild nannte, wie ich ein Bild mit <<und>> das Und-Bild und ein Bild mit «Arbeit» das Arbeiter-Bild nannte. Nun suchte ich, als ich zum ersten Male diese geklebten und genagelten Bilder im Sturm in Berlin ausstellte, einen Sammelnamen für diese neue Gattung, da ich meine Bilder nicht einordnen konnte in alte Begriffe, wie Expressionismus, Kubismus, Futurismus oder sonst wie. Ich nannte nun alle meine Bilder als Gattung nach dem charakteristischsten Bilde Merz- Bilder."[15]

Und auch wenn das Wort Merz Schwitters zufolge zunächst nichts bedeutet, denn „Merz ist Merz und nichts weiter" , so veranlasst es, entsprechend seinem offenen Kunstbegriff, trotzdem zu den verschiedensten Deutungen und Assoziationen. „Merz reimt sich aufHerz, assoziiert Schmerz, Kommerz, erinnert an den Monatsnamen März mit dessen Assoziationen an Frühjahr und Wachstum" sowie auch an „den Ort Merzhausen in der Nähe von Willingshausen in Hessen, wo er [Schwitters] sich während seiner Studienzeit häufiger aufhielt."[16]

Bei all dem geht es Schwitters nun nicht um die Formulierung eines inhaltlichen Ausdrucks, sondern vielmehr darum, durch die Verwendung zufällig gefundener Abfälle „einen radikalen Realismus des Materials zu propagieren, das Leben, Fundstücke aus der Wirklichkeit in die Kunst hineinzuholen und mit ihr abzustimmen, die Realität zur Kunst zu machen." Indem er die, von Zerfall und Zerstörung zeugenden Abfälle, wie Schokoladenpapiere, Fahrscheine oder Briefumschläge in seine Kompositionen integriert, verlieren sie gewissermaßen ihre einstige Bedeutung und gehen, durch ihre Kombination miteinander, neue Sinnzusammenhänge beziehungsweise Ordnungen ein.[17] In dieser Verwandlung beziehungsweise Verfremdung von Dingmaterial, die er selbst als Entmaterialisierung bezeichnet sowie das dabei gleichzeitige fragmentarische Andeuten des ursprünglichen Wirklichkeitsstückes, ist nun auch Kurt Schwitters besonderer Beitrag zur Kunstgeschichte zu sehen. Desweiteren spricht Karin Orchard in diesem Kontext aber auch von Schwitters Ziel „eine neue Ordnung [zu] erbauen", indem „den Abfällen und den Trümmern der zusammengestürzten Welt, wie sie sich nach dem Weltkrieg darstellte" eine künstlerische Verwendung zugutekommt. Aber auch Schwitters selbst gesteht sich diesen konstruktiven Moment in seinem Schaffen ein, wenn er Aussagen trifft wie: „Kaputt war sowieso alles, und es galt, aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz."[18]

An diesem Aspekt verdeutlicht sich dann auch schon Schwitters differente Position zu jener der Dadaisten, denen er sich zwar angehörig fühlt und die ebenfalls gegen die wilhelminische Kultur, den Irrsinn des Krieges und die bürgerliche Ordnung antreten, jedoch lediglich das Prinzip der Destruktion verfolgen und eben nicht jenen konstruktiven Gedanken, wie ihn sich Schwitters im Rahmen seiner Merz-Bewegung zum Ziele setzt. „Dada ist [folglich] Antikunst, Merz hingegen Kunst [, die] durch [eine] Umwertung der zivilisatorischen Abfalle"[19]

entsteht oder in Schwitters Worten: „Während Dadaismus Gegensätze nur zeigt, gleicht Merz Gegensätze durch Wertung innerhalb eines Kunstwerkes aus. Der reine Merz ist Kunst, der reine Dadaismus Nichtkunst; beides mit Bewußtsein."[20]

Bezüglich der Ausdehnung des Merz-Begriffes auf sein gesamtes künstlerisches Werken, lässt uns Schwitters letzten Endes wissen: „Später erweiterte ich die Bezeichnung MERZ erst auf meine Dichtungen, denn seit 1917 dichte ich, und unendlich auf all meine entsprechende Tätigkeit, jetzt nenne ich mich selbst MERZ."[21]

Zusammenfassend kann man an dieser Stelle also festhalten, dass die Grundlage und das gängige Ausdrucksmittel der Merz-Kunst Kurt Schwitters durch das Prinzip der Collage gebildet wird, das kurz zuvor von den Kubisten entwickelt, jedoch erst durch Schwitters als eine alltägliche Erscheinung in unsere Zeit verlegt wird. Die Technik wird dabei aufgenommen, um Beziehungen im Bild herzustellen oder anders ausgedrückt, einzelne Teile der Welt und des Lebens zusammenzufügen und zu werten beziehungsweise umzuwerten. Diese Forderung nach einer vollkommenen Autonomie der bildnerischen Mittel, sprich der Verlust des gegenständlichen Charakters von Gebrauchsobjekten, die nun eine bildnerische Qualität erhalten, kann als radikaler Bruch mit allen Traditionen verstanden werden, insbesondere mit den künstlerischen Konventionen des 19. Jahrhunderts, und wird von Schwitters im Laufe seine Schaffens auch auf die Dreidimensionalität übertragen. An dieser Stelle ist vor allem der Merzbau von Bedeutung, eine Raumplastik, auf die nun im nächsten Abschnitt genauer eingegangen werden soll, da Schwitters sie „als Summe seiner Kunst, als sein Gesamtweltbild und Lebenswerk"[22] betrachtet.[23]

3. Der Merzbau

Als sein Lebenswerk bezeichnet Kurt Schwitters seinen so genannten Merzbau, „das merkwürdigste Kunstgebilde der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts"[24], wie es in der Monographie von Kurt und Beate Kusenberg zu lesen ist, welches sich kurz formuliert, als eine begehbare Innenplastik beschreiben lässt, deren mehrere Etagen mit Treppenaufgängen umfassendes Zentrum, versehen mit Säulen, Höhlen und Grotten, wie in einem Labyrinth, durch verschiedene Eingänge zu erreichen ist (Abb. 2 - 4).

Diese Architektur, die Schwitters in seinen Manifesten und Briefen häufig auch als Kathedrale des erotischen Elends, einfach nur als Kathedrale sowie Säule oder sein Atelier bezeichnet[25], entsteht dabei in dreifacher Ausgabe, zunächst in seiner Heimatstadt Hannover, dann im norwegischen und zehn Jahre später im englischen Exil.[26]

Zwischen den Jahren 1923 und 1936/37 lässt sich dabei die bauliche Zeitspanne in Hannover festlegen, in den Jahren 1937 bis 1940 arbeitet Schwitters dann an seinem zweiten Merzbau im norwegischen Lysaker und ab 1947 bis zu seinem Tod am 8. Januar 1948 errichtet er daraufhin sein drittes architektonisches Konstrukt, die Merzbarn (-Scheune) im englischen Elderwater.[27]

Bedauerlicherweise ist nur noch jene, aufgrund von Schwitters Tod, unvollendete Leistung in England erhalten geblieben, da der Baukomplex in Hannover 1943 bei einem Luftangriff der Alliierten zerstört wird und der Merzbau in Norwegen im Jahre 1951 den Flammen zum Opfer fällt.[28]

Als der wichtigste der drei Merzbauten gilt hingegen jener in Hannover, denn wie Dietmar Elger uns berichtet, „entstand [er] in einem ständigen Werkprozeß während Kurt Schwitters' künstlerisch wichtigster Jahre." Weitere Gründe für die vorrangige Bedeutung des hannoverschen Baus sind jedoch zudem, dass keinerlei photographische Dokumente der norwegischen Architektur erhalten sind, es lediglich unzureichende Beschreibungen derselben gibt und die englische Merzbarn über ein anfängliches Baustadium nicht hinauskam.[29] Als Ausgangssituation für den Merzbau in Hannover muss dabei Schwitters Atelier in der, auf der zweiten Etage liegenden, Wohnung des elterlichen Hauses in der Waldhausenstraße Nr. 5 angesehen werden, die er 1915 zusammen mit seiner Frau Helma, geborene Fischer, bezieht (Abb. 5).[30]

In einem Bericht zweier Journalisten, die Schwitters im Jahre 1919 in seinem Atelier besuchen, findet sich dann unter anderem auch ein erster Verweis auf einzelne plastische Arbeiten, die später dem Merzbau einverleibt werden, denn hier heißt es: „Die eigentliche Privatwohnung im zweiten Stock birgt die intimsten Werke des Meisters, die eigentlichen Merzbilder und -plastiken. Man sehe und staune! Konstruktion für edle Frauen' - ,der Lustgalgen' - ,die Kultpumpe'."[31]

Nebst diesem Bericht, der drei Arbeiten nennt, von denen letztere zwei im weiteren Verlauf noch genauer erläutert werden sollen, dokumentiert aber zudem auch eine Atelier- Photographie aus dem Jahre 1920 ein dreidimensionales Werk Kurt Schwitters, das sich als eine schlanke Säule erweist, die an ihrer Spitze durch eine aus Gips bestehende Büste abgeschlossen wird. Im oberen Bereich ist die Säule zudem mit zahlreichen, jedoch leider unidentifizierbaren Objekten und Materialien bestückt, im Sockelbereich ist sie hingegen

[...]


[1] Kurt Schwitters, Anna Blume (1919), zitiert nach: Kusenberg, Kurt und Beate (Hg.): Kurt Schwitters in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Hamburg 1981, S. 37.

[2] Vgl. Krempel, Ulrich: „Zur Sammlungsgeschichte von Kurt Schwitters in Hannover" In: Kurt Schwitters: Werke und Dokumente. Verzeichnis der Bestände im Sprengel Museum Hannover, bearb. von Karin Orchard und Isabel Schulz, Hannover 1998, S. 7.

[3] Vgl. Begleitheft zur CD-Rom. Hannover 1996 (wie Anm. 2), S. 2.

[4] Vgl. Begleitheft zur CD-Rom. Hannover 1996 (wie Anm. 2), S. 4.

[5] Vgl. Kurt Schwitters. MERZ - ein Gesamtweltbild. Ausst.-Kat. Basel (Mlselm Tinguly), hg. vom Museum Tinguely Basel, Basel 2004, S. 220.

[6] Vgl. Orchard, Karin: „Kurt Schwitters. Leben und Werk" In: Best.-Kat. Hannover 1998 (wie Anm. 3), S. 35.

[7] Vgl. Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 143.

[8] Vgl. ebd., S. 36.

[9] Vgl. Ausst.-Kat. Basel 2004 (wie Anm. 9), S. 220.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 143.

[12] Vgl. ebd., S. 36f.

[13] Vgl. Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 143f.

[14] Vgl. Begleitheft zur CD-Rom. Hannover 1996 (wie Anm. 2), S. 4.

[15] Kurt Schwitters in Merz Nr. 20 (4. März 1927), zitiert nach: Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 21ff.

[16] Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 37f.

[17] Vgl. ebd., S. 38.

[18] Kurt Schwitters, zitiert nach: ebd., S. 39.

[19] Ebd.

[20] Kurt Schwitters in Merz Nr. 4 (Juli 1923), zitiert nach: K^enbe^ 1981 (wie Anm. 1), S. 34.

[21] Kurt Schwitters in Merz Nr. 20 (4. März 1927), zitiert nach: Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 33.

[22] Begleitheft zur CD-Rom. Hannover 1996 (wie Anm. 2), S. 3.

[23] Vgl. ebd.

[24] Kusenberg 1981 (wie Anm. 1), S. 50.

[25] Vgl. Elger, Dietmar: Der Merzbau von Kurt Schwitters. Eine Werkmonographie. 2. Aufl. Köln 1999 (= Kunstwissenschaftliche Bibliothek, 12), S. 10.

[26] Vgl. Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 44.

[27] Vgl. Elger 1999 (wie Anm. 49), S. 9.

[28] Vgl. Orchard 1998 (wie Anm. 10), S. 44.

[29] Vgl. ebd.

[30] Vgl. ebd., S. 20f.

[31] Alfred Dudelsack im Jahre 1920, zitiert nach: ebd., S. 23.

Details

Seiten
40
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656039853
ISBN (Buch)
9783656040460
Dateigröße
3.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180860
Institution / Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) – Kunst- und Baugeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Kurt Schwitters Plastik Merzbau

Autor

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Titel: Kurt Schwitters - Das plastische Werk