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Der Tod in Jean Pauls "Hesperus"

Von der Befreiung der Seele

Hausarbeit 2008 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zwischen Religion und Naturwissenschaft: Der Tod in der Aufklärung
2.1 Sensenmann oder Schlafes Bruder: Vorstellungen zum Tod
2.2 Moralität als Vorbereitung für das Jenseits: Herders Idee von der Unsterblichkeit der Seele

3. Körper und Seele, Sterben und Schlaf: Ansichten im Hesperus
3.1 Die Seele ist der Tanzmeister, der Körper der Schuh: Viktors Aufsatz und Leichenrede
3.2 Unter der Erde ist Schlaf, über der Erde ist Traum: Emmanuels Visionen vom Tod

4. Der längste Tag des Jahres: Abschied und Sterben Emmanuels
4.1 Die erhabene Vormitternacht, die selige Nachmitternacht: Emmanuels unerfülltes Begehren
4.2 Der sanfte Abend: Emmanuels Tod

5. Schluss

6. Bibliographie

1.Einleitung

Tod und Jenseits sind von jeher Themen die die Menschheit beschäftigen. Jede Epoche, jede Religion, jede intellektuelle Strömung versucht ihre eigenen Antworten auf die Fragen nach dem ob und wie eines Lebens nach dem Tode zu finden. Während einige Kulturen die Möglichkeit eines Lebens nach dem Tod strikt verneinen, finden andere in der Sicherheit eines kommenden Paradieses den Sinn ihres Daseins. Im 18. Jahrhundert, in einer Zeit des Umbruchs, in der Ereignisse wie die französische Revolution und der französische Bürgerkrieg dem Thema eine tragische Aktualität verliehen, wurden die Fragen nach Tod und Jenseits erneut aufgeworfen und diskutiert. Was ist Sterben? Was geschieht mit unserer Seele nach dem Tod? Ist der Tod ein Schrecken oder Segen? Auch Johann Gottfried Herder hat sich als bedeutender Philosoph und Theologe des 18. Jahrhunderts mit diesen Fragen beschäftigt. Seine Ausführungen haben dank seines Einflusses schon zu damaliger Zeit in vielen Bereichen der Kunst und der Wissenschaft Spuren hinterlassen.

Der Tod und seine Bedeutung für den Übergang der Seele in andere Welten spielt in Jean Pauls Hesperus eine entscheidende Rolle. So setzt sich beispielsweise die Hauptfigur Viktor intensiv mit diesen Themen auseinander. Zum einen geschieht dies auf der theoretischen Ebene, in die Viktors Kenntnisse der Medizin mit einfließen, zum anderen muss er das Sterben seines Freundes und Lehrers Emmanuel erleben und dessen Sichtweise anerkennen. Emmanuel erhofft sich von seinem Tod die endgültige Befreiung seiner Seele aus seinem von Krankheit gemarterten Körper. Inwieweit sich die durch Herder repräsentierten Vorstellungen von Sterben und Tod im Hesperus verbildlicht finden, soll im Folgenden erörtert werden.

2. Der Tod in der Aufklärung

Literatur und Kunst vom späten Mittelalter bis in die frühe Neuzeit thematisieren Sterben und Tod sowohl auf christlicher als auch gesellschaftlicher Grundlage. Die Kirche bediente sich der Ars moriendi um die Gläubigen zu christlichem Lebenswandel anzuregen und den Ablasshandel florieren zu lassen. Bilder von Totentänzen, in denen der Tod in Form eines Skeletts die Menschen umtanzt - Bauern sowohl als Papst und Könige - zeigen seine Allgegenwärtigkeit in Kriegs- und Pestzeiten. Der Tod bezeichnete den Übergang zum höchsten Gericht, die Pforte zur Auferstehung nach einem tugendhaften, das Tor zur Hölle nach einem lasterhaften Leben.

Die Zeit der Aufklärung brachte eine andere Perspektive. Die zuvor religiös geprägten Vorstellungen von Seele und Jenseits erfuhren eine Umdeutung ins Metaphysische. Der Tod stellte nun den Übergang der Seele dar „in eine höhere Seinsform ewiger Fortdauer, (…) in der die vom Leib befreite unsterbliche Seele einem Stufenprozess (…)moralischer Weiterbildung unterworfen ist.“1

2.1 Sensenmann oder Schlafes Bruder: Vorstellungen zum Tod

Ende des 18. Jahrhunderts waren die Bilder des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, wie der Mensch den Tod zu erwarten habe, noch durchaus in den Köpfen der Menschen verankert. Französische Revolution und Bürgerkrieg verliehen ihnen Aktualität. So begegnen uns unterschiedliche Vorstellungen in Literatur und Kunst: Während sich beispielsweise Matthias Claudius in seinen Gedichten des freundlich gesinnten „Knochenmannes“ bedient2, wenden sich andere gegen diese „schauderlichen Bilde“3 und ziehen einen Vergleich des Todes mit dem Schlaf vor. Der Tod, so heißt es bei Lessing, solle nach antikem Vorbild als Zwillingsbruder des Schlafes gelten, „mit der Ähnlichkeit unter sich, die wir von Zwillingen so natürlich erwarten“.4 Auch Herder schließt sich der Ablehnung des Sensenmannes als Bild für den Tod an. Seiner Auffassung nach beziehen sich die Schrecknisse des Todes auf die Krankheiten, die diesem vorangehen, und den Prozess der Verwesung, der ihm folgt, aber nicht auf den Tod an sich. Der Tod kommt als Erlöser, als „der schöne Jüngling, der die Fackel auslöscht und dem wogenden Meer Ruhe gebietet“5 und gleicht in seinem Wesen dem Traum:

Da nun alle Ursachen, die uns den Schlaf bringen, und alle seine körperlichen Symptome nicht bloß einer Redeart nach, sondern physiologisch und wirklich ein Analogon des Todes sind; Warum sollten es nicht auch seine geistigen Symptome sein?6

Im Traum können wir folglich einen dem Tod sehr ähnlichen Zustand erleben. Diese Idee führt Herder weiter aus. Seine Ansichten stützt er auf seine Überzeugung, dass die menschliche Seele unzerstörbar und damit unsterblich sei.7

2.2 Moralität als Vorbereitung für das Jenseits: Herders Idee von der Unsterblichkeit der Seele

Herder glaubt an die Unsterblichkeit der Seele. Während der Körper mit seinen Organen Krankheit und Verwesung unterworfen ist, trifft dies nicht auf die Seele zu: „Alles bleibt (…) in der Natur, und so muss auch der einfache, denkende Theil (sic) in der Natur bleiben (…) zerstört werden, nichts werden, kann er nicht.“8 Auch hier zieht Herder wieder die Analogie zum Schlaf: „Nerven und Muskeln ruhen, die sinnlichen Empfindungen hören auf, und dennoch denkt die Seele fort in ihrem eignen Lande.“9 Der Tod ist somit eine Befreiung der Seele von den Hindernissen, die ihr der Körper auferlegt. Gefangen und an die Funktionen der Organe gebunden, muss die Seele auch deren Grenzen im Leben Folge leisten. Nur im Traum hat sie die Möglichkeit sich zu entfalten. Der Traum verleiht so neue Kraft und wirkt verjüngend:

[...]


1 Steiger, 2005. S.f32.

2 Ebd. S.f30.

3 Ebd. S.f36.

4 Ebd. S.f36.

5 Ebd. S.f38.

6 Suphan, Bd. XIII. S.f88.

7 Arnold, 2005. S.385.

8 Ebd.

9 Suphan, Bd. XIII. S.f87.

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656036470
ISBN (Buch)
9783656036678
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180876
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
jean pauls hesperus befreiung seele

Autor

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Titel: Der Tod in Jean Pauls "Hesperus"