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Antikensehnsucht: Johann Joachim Winckelmann und die Folge

Seminararbeit 2008 23 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Antikensehnsucht im 18. Jahrhundert

2. Winckelmann und die Folge
2.1. Intention Winckelmanns
2.1.1. Schulbildung und autodidaktes Studium
2.1.2. Vom Beruf zur Leidenschaft
2.1.3. Rom und die Ausgrabungen Herculaneums
2.2. Innovation in Winckelmanns Werk
2.2.1. Antikensehnsucht, edle Einfalt und stille Größe
2.2.2. Die Pflanzenmetapher als Hilfsmittel der Stileinteilung
2.2.3. Die eine Kunst
2.3. Die sofortige und andauernde Folge seines Werks
2.3.1. Weiterentwicklung durch Herder

3. Ein Mensch und Werk, dessen Wirkung nie endet

Bibliographie

1. Antikensehnsucht im 18. Jahrhundert

Wirft man einen allgemeinen Blick auf die Kunst des 18. Jahrhunderts, sticht ein wissenschaftlicher Name klar hervor - Johann Joachim Winckelmann. Fachunabhängig werden die meisten Menschen diesen Namen als bekannt wahrnehmen, viele werden wissen, dass er mit Archäologie und Kunstgeschichte in Verbindung gebracht werden muss.

Warum ist das so? Wie kam Winckelmann zu diesem unterschwelligen Bekanntheitsgrad?

Um dies zu beantworten bedarf es zunächst eines kurzen Exkurses, was und wer mit der Kunst bis zum 18. Jahrhundert in Verbindung gebracht werden muss und welche Voraussetzungen für Winckelmann gegeben waren, um daran mit seinen Werken anzuknüpfen.

Mit Barock als vorherrschende, epochale Stilrichtung lassen sich Künstler wie Peter Paul Rubens, Jan Vermeer oder Diego Velázquez trotz ihrer thematischen Unterschiedlichkeit verbinden, prunkvolle Architektur wie das Schloß Versailles und dessen Kommittent König Ludwig XIV. kommen einem in den Sinn und Frauen in aufwendigen Kleidern aus teuren Stoffen mit weiten Reifröcken. Und natürlich Kirchen, nach italienischem Vorbild gestaltet mit teurem Marmor, verziert mit Gold, aufwendigen Putten und Ornamenten.

Doch all der Prunk und der über Kunst aufgezeigte Reichtum verlieren im ausgehenden 18. Jahrhundert an Reiz. Die Kunst und speziell die aufkeimende Kategorie der Kunstwissenschaft sehnt sich zurück nach klaren Formen und Strukturen, nach schlichter Darstellung. Von Antikensehnsucht ist die Rede, denn die Antike scheint die einzige Epoche zu sein, in der von wahren Meistern und einem vollkommenen Stil gesprochen werden kann1.

Und Winckelmann sollte der erste wahre Kunsthistoriker und Archäologe werden, der sich damit auseinandersetzt und so durch neue Ansätze und Vorgehensweisen die Kunstwissenschaft neu definiert.

2. Winckelmann und die Folge

Was macht nun gerade Johann Joachim Winckelmann und sein Werk aus? Wie konnte ein 1717 in Stendal geborener, einfacher Schuhmachersohn2 eine derart wichtige Bedeutung für die gesamte Kunstgeschichte erlangen? Kann die Person Winckelmann überhaupt von seinem Wissensdurst und seiner Antikenliebe getrennt werden? In wie weit spiegelt sein Werk seine Persönlichkeit wieder? Und wie stark kann sein Einfluss bis in die heutige Zeit wahrgenommen werden?

Im Folgenden soll genau dies beantwortet, sowie Winckelmanns Entwicklung, Werdegang und Werk betrachtet und diskutiert werden. Denn erst wenn die Basis dessen geklärt ist, was sein Antrieb und Beweggrund war, was sich in seinem schriftlich festgehaltenen Gedankengut verbirgt; erst dann lässt sich über die Folge des Phänomens Winckelmann sprechen.

2.1. Intention Winckelmanns

Die Grundzüge in Winckelmanns Intention finden sich bereits in seiner Kindheit. Wie bereits erwähnt, stammte er aus einfachen Verhältnissen. Da sich das Interesse der Eltern primär auf die für den Lebensunterhalt notwendige Arbeit richtete, war das Einzelkind Johann Joachim die meiste Zeit auf sich gestellt.

Diese Zeit verbrachte er allerdings nicht wie die meisten Kinder üblicherweise mit Freunden, mit Spielen, mit kindlichen Abenteuern - nein, er beschäftigte sich mit den alten Griechen und Römern und las so viel darüber, wie er nur erfahren konnte. Allerdings sah er selbst sein Interesse an diesen nicht kindgerechten Themen nicht als Zeitvertreib, sondern als eine Möglichkeit des gesellschaftlichen Aufstieges und damit verbundenen weiterführenden Studien und Möglichkeiten.

Dabei muss beachtet werden, dass es nicht nur ungewöhnlich für ein Kind war, ein derartiges Literaturinteresse zu hegen, sondern dass es in dieser Zeit grundsätzlich schwierig war, die von ihm bevorzugte Literatur zu erhalten. Oft gab es nur wenige Exemplare eines Werkes, käuflich nur zu Preisen die sich die Familie Winckelmann nicht hätte leisten können. So reduzierte sich die Auswahl auf die Angebote der Schulliteratur, Bibliotheken und Leihgaben. Sein frühes Interesse war demnach abhängig von Zufällen und er war so gezwungen, zu lesen was er in die Hände bekam, und nicht primär, was ihn interessierte. Seine autodidakte Früh-Fortbildung war folglich zunächst stark determiniert. Um dem zu entgehen, bemühte er sich um ein Stipendium, um statt an der üblichen Stendaler Schule an der Lateinschule unterrichtet werden zu können. Seine Bemühungen lohnten sich - er durfte die gewünschte Schule mit stipendialer Unterstützung besuchen.

Er widersprach somit bereits als Kind allem, was als typisch oder üblich galt - und das bereits durchaus bewusst. Aber gerade diese „stark ausgeprägte Gegnerschaft zu seiner eigenen Zeit bestimmte seine spätere Leistung: Sie befähigte ihn, seine Vision des Schönen umso intensiver herauszuarbeiten“3.

2.1.1. Schulbildung und autodidaktes Studium

Mit dem Beginn seiner Schulbildung eröffneten sich dem wissensdurstigen, jungen Winckelmann mehr Möglichkeiten seinem Interesse nachzugehen. Er besuchte die Lateinschule zu Stendal anfangs euphorisch (schließlich hatte er sich den Zugang zu dieser und dem dafür notwendigen Stipendium hart erarbeitet), war jedoch bald von der mangelnden Information seitens der Lehrkörper enttäuscht. So betrieb er in großem Maße autodidakt Studien nach seinem Ermessen und setzte sich dabei unter anderem vertieft mit Sophokles, Aristophanes, Homer und Plato auseinander4.

Nach Beendigung der Schulzeit nahm Winckelmann sein Studium an der Universität Halle auf. Sein persönliches Hauptgebiet legte er dabei abermals auf Rom und Griechenland sowie der von dort ausgehenden und der allgemeinen Kunst. Er war allerdings gezwungen, sich um die Theologie zu bemühen, da es die einzige von Staat und Kirche finanziell geförderte Disziplin darstellte und somit für Winckelmann von notwendiger Bedeutung war, um überhaupt studieren zu können und damit Zugang zu der für ihn so wichtigen Literatur zu erhalten5. An dieser Stelle muss nochmals erwähnt werden, dass Literatur derzeitig ein hohes und seltenes Gut war. Der Student Winckelmann musste sich ebenso wie der Schüler Winckelmann mit der Literatur begnügen, die es gab, und nicht mit der, die er bräuchte oder gar, die ihn interessierte. Zu Winckelmanns Studienzeit war es außerdem üblich, dass die Zentralbibliothek nur eine Stunde täglich geöffnet wurde - leicht nachvollziehbar, wie uneffektiv unter derartigen Umständen gearbeitet werden konnte.

Zeitgleich und ebenfalls in Halle postulierte Alexander Gottlieb Baumgarten über die Wissenschaft des schönen Denkens ein ästhetisches Ideal, welches später von Winckelmann aufgefasst und adaptiert werden sollte6. Letztendliche schloss Winckelmann sein Studium mit einem schlechten Zeugnis der Theologie ab, versuchte sich einige Zeit als Privatlehrer und schrieb sich dann für ein Jahr an der Universität Jena in Naturwissenschaften und neueren Sprachen ein - allerdings ohne einen Abschluss zu erhalten7. Doch sein Studium stellte sich als ähnlich enttäuschend heraus, wie es bereits die Lateinschule gewesen war. Winckelmann war abermals nicht zufrieden mit der Art der Wissensvermittlung, mit den Informationen und deren Fülle, mit den Professoren und ihrer überheblichen Art, ihren veralteten Ansichten. So sollte er sich später in seinem Werk mehrmals kritisch bis negativ bezüglich dieser Zustände äußern, wie zum Beispiel in seiner Beschreibung des Torsos zu Belvedere:

„Denn es ist nicht genug zu sagen, daß etwas schön ist: man soll auch wissen, in welchem Grade, und warum es schön sey. Dieses wissen die

Antiquarii in Rom nicht, wie mir diejenigen Zeugniß geben werden, die von ihnen geführet sind, und sehr wenige Künstler sind zur Einsicht des Hohen und Erhabenen in den Werken der Alten gelanget.“8 Diese Punkte waren mitunter ein erster Grundstein für Winckelmanns späteres Ziel, so zu schreiben, dass Wissen für jedermann zugänglich und verständlich wie nachvollziehbar formuliert sein sollte9.

2.1.2. Vom Beruf zur Leidenschaft

Nach abgeschlossenem Studium eröffnete sich Winckelmann eine einmalige Gelegenheit von großer Bedeutung für seinen weiteren Werdegang: er erhielt 1748 den Posten des „Bibliothekar(s) des Grafen Bünau in Nöthnitz bei Dresden“10. Dies ermöglichte ihm nicht nur zu jeder Zeit den Zugriff auf die gesamte Bibliothek und damit verbunden der Literatur für seine fortschreitende autodidakte Weiterbildung, sondern er befand sich mit Dresden auch in der Kunstmetropole Deutschlands der damaligen Zeit11. Denn „in Dresden traten Kunstwerke an die Stelle der Bücher, Künstler losten die Professoren ab“12 - ein Zustand, nach dem sich Winckelmann Zeit seines Studiums gesehnt hatte. Denn so begann er auch erstmals über die Literatur hinaus auch die Werke zu studieren und sie sich in der Realität anzusehen.

Am wichtigsten war jedoch der zu diesem Zeitpunkt entstehende Kontakt mit Alberico Archinto13. Durch ihn erhielt Winckelmann die Möglichkeit, einen bedeutsamen Bibliothekarsposten in Rom anzunehmen, an dem er mit mehr Aufgaben in seinem Sinne beauftragt werden sollte und zudem in großem Umfang an seinen eigenen Studien weiterarbeiten könne. Um dieses Angebot annehmen zu können, musste Winckelmann zunächst zum Katholizismus konvertieren.

Obwohl Winckelmann Theologie studiert hatte ohne ernsthaft dahinter zu stehen, viel ihm der Entschluss zur Konvertierung nicht leicht. Er benötigte fast fünf Jahre um sich letztendlich dazu durchringen zu können - und dies schließlich nicht aus religiöser Überzeugung, sondern da er der Meinung war, es könne nur von Vorteil sein, sich der Konfession des Königs anzuschließen. Mit Abhandlung dieser für ihn reinen Zweckerfüllung trat er dann 1755 seinen Dienst in Rom an14.

2.1.3. Rom und die Ausgrabungen Herculaneums

In Rom ergaben sich für Winckelmann wohl weit mehr Möglichkeiten als gedacht: Zunächst mussten die Erfahrungen für ihn dort zu einer Art Schock geführt haben, als er in Rom angekommen „sah, dass er nichts wusste, da er doch glaubte, alles gelernt zu haben“15. Dies zeigte Winckelmann erst auf, dass er zu Recht mit Schul- und Universitätsbildung unzufrieden gewesen war. Andererseits war er wohl auch von sich selbst enttäuscht, hatte er doch seine gesamte Zeit mit Literaturstudien verbracht, die nun beinahe nutzlos schienen. So beschränkte sich seine Forschung nicht mehr auf Bibliotheken und Bücher allein sondern nutzte die Gelegenheit von Rom aus reale Eindrücke zu sammeln. Er tätigte Reisen nach Neapel und Pompeji und notierte dabei bereits erste Anhaltspunkte für seine späteren Werke. Zudem entstand in Rom die für Winckelmann wichtigste und engste Freundschaft seines Lebens - die zu Anton Rafael Mengs16. Das wohl bekannteste Portrait Winckelmanns wurde von Anton Rafael Mengs angefertigt. Außerdem ist ein ausgeprägter Briefwechsel zwischen den beiden überliefert, der oft Anlass zu wilden Spekulationen bezüglich der tatsächlichen Beziehung der beiden zueinander auslöste. Winckelmann erwähnt mehrfach, wie sehr er die tiefe und innige Freundschaft zu Mengs schätzt und in ihm einen Verbundenen im Geiste sehe, mit dem er seine Gedanken teilen könne.

[...]


1 Kultermann 1981, S. 96

2 Prange 2007, S. 20

3 Kultermann 1981, S. 91

4 Kultermann 1981, S. 93

5 Kunze 1974, S. 12

6 Prange 2007, S. 21

7 Kunze 1974, S. 14 f

8 Pfotenhauer 1995, S. 175

9 Waetzold 1940, S. 21

10 Kultermann 1981, S. 93

11 Kultermann 1981, S. 94

12 Waetzold 1940, S. 23

13 Kunze 1974, S. 25

14 Prange 2004, S. 32

15 Waetzold 1940, S. 34

16 Kunze 1974, S. 26

Details

Seiten
23
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656045670
ISBN (Buch)
9783656045021
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v180958
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
2,0
Schlagworte
Winckelmann Winkelmann Klassizismus Antike
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Titel: Antikensehnsucht: Johann Joachim Winckelmann und die Folge