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Musik im Religionsunterricht - Ein Überblick mit praktischem Beispiel

Hausarbeit 2009 16 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Pop- und Rockmusik im Religionsunterricht

3. Aktives Musizieren

4. Absolute Musik nach Klaus König

5. Praktisches Beispiel: Arvo Pärt: „Fratres“ – Gemeinschaft

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Musik und Kirche haben eine lange gemeinsame Geschichte. Immer wieder gab es Anlehnungen und Entfernungen. So ist auch der Begriff „Kirchenmusik“ semantisch vielfältig belegt, er steht für gregorianischen Gesang, alte sowie neue mehrstimmige Kirchenmusik, Instrumentalmusik, liturgischen Gesang, religiösen Volksgesang.[1] Allgemein betrachtet gibt es eine lange und enge Bindung zwischen Musik und Kirche: Bereits im Alten Testament erfahren die Mensch die Gegenwart Gottes, Dank und Lobpreis werden dabei beispielsweise in den Psalmen ausgedrückt.[2] In Eph 5,19 steht geschrieben: „Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lobe des Herrn!“[3] Die Gesänge sind hierbei zwischen Gott und den Menschen angesiedelt, sie wurden den Menschen vom Geist eingegeben. Die Musikgeschichte beginnt mit der Notation der Gregorianik zu Beginn des neunten Jahrhunderts, immer mehr Stimmen und Instrumente kommen im Laufe dazu. Tänze und Instrumentalmusik galten als typisch heidnisch, erst Luther hat auch dieser Musik wieder einen neuen Stellenwert in den Gemeinden verordnet.[4] Nach der Reformation eignete sich auch die katholische Kirche immer mehr die Musik für sich an. Im 20. Jahrhundert verabschiedet die Kirche mehrere Dokumente[5], die die Musik ins Zentrum rücken, unter anderem auch in die der religiösen Erziehung.[6]

Heute stellt der moderne Schulalltag die Religionspädagogik vor eine große Aufgabe. Es soll fächerübergreifend unterrichtet werden, neben vielen anderen Bereichen soll Musik als ein Kulturträger in den Religionsunterricht mit eingebracht werden. Diese Arbeit geht auf drei verschiedene Varianten, sich mit Musik im Religionsunterricht zu beschäftigen, ein: Als erstes wird die Arbeit mit Pop- und Rockmusik dargestellt. Lebensweltlich bei den Jugendlichen fest verankert, gibt es eine Art Spagat für den Religionslehrer zu vollführen: Inwiefern kann er Popmusik in den Unterricht adaptieren, ohne Unwillen heraufzubeschwören? Welchen Nutzen kann es haben, Popmusik im Religionsunterricht mit einzubauen? Das aktive Musizieren im Religionsunterricht mit seinen möglichen Schwierigkeiten und Chancen wird im zweiten Abschnitt dieser Arbeit näher untersucht. Im dritten Teil wird der Ansatz von Klaus König analysiert, der sich mit absoluter Musik im Religionsunterricht beschäftigt hat. Diesem Abschnitt schließt sich ein praktisches Beispiel an, Arvo Pärts „Fratres“[7] und die Bearbeitung von Gil Shaham und Roger Carlsson[8] sollen für einen möglichen Einsatz im Unterricht aufbereitet werden.

2. Pop- und Rockmusik im Religionsunterricht

Der Einsatz von Rock- und Popmusik im Religionsunterricht bringt vielerlei Chancen mit sich, allerdings gibt es hierbei ebenso einige Stolperfallen und Grenzen zu beachten.

Das fängt bereits damit an, dass die musikpädagogische Ausbildung der Religionspädagogen stark vernachlässigt wird. Bis in die 1960er Jahre mussten Religionslehrer noch über einen viel breiten Liedschatz verfügen. In der heutigen Ausbildung der Lehrer werden aufgrund der methodischen Vielfalt innerhalb des Religionsunterrichtes andere Schwerpunkte gesetzt.[9] Bubmann und Landgraf bringen die Frage ein, wie musisch- professionell Religionspädagogen andererseits sein müssen. „Mögen Musikprofis über den schrägen Gesang mancher Lehrer/innen […] die Nase rümpfen, Musik hat in der Religionspädagogik zunächst andere Ziele als die Reinheit des Tons.“[10] Primär wichtig sind vielmehr die eigene Entfaltung der Stimme, das Miteinander im gemeinsamen Singen und die Möglichkeit, sich in der Interpretation kreativ zu entfalten.[11]

Ein weiteres Problem ist die Gefahr der Instrumentalisierung der Musik zu religionspädagogischen Zwecken. Landgraf und Bubmann weisen darauf hin, dass die Eigenständigkeit der Musik berücksichtigt werden müsse. Dennoch müssen auch im Religionsunterricht selbstverständlich Inhalte vermittelt werden und damit auch Musikalisches in einen sinnvollen Lernzusammenhang gebracht werden. „Musik in religiösen Bildungsprozessen ist als didaktisch zu verantworten, ohne sie deshalb völlig pädagogisch zu funktionalisieren.“[12]

Auf der anderen Seite warnen Bubmann und Landgraf davor, Musik ohne die Bindung an religionspädagogische Bezüge zum Einsatz zu bringen, sie etwa nur zu konsumieren.[13] Die Interdisziplinität zwischen den Fächern Musik und Religion bringt die Gefahr mit sich, den Fokus nur auf eines der beiden Fächer zu legen. Der Spagat zwischen der Funktionalisierung der Musik zu religiösen Zwecken einerseits und der reinen Analyse musikalischer Mittel andererseits erfordert von den Lehrenden eine hohe Sensibilität.

Zudem besteht die Gefahr, dass Jugendliche sich gegen die Vereinnahmung „ihrer“ Musik wehren.[14] Durch die Individualisierung der Musik in einzelnen Milieus kann erwartet werden, dass einzelne Schüler sich deutlich von der Musik des jeweils anderen Milieus distanzieren. Damit ist Desinteresse bei zumindest einem Teil der Klasse bereits vorprogrammiert. Dem lässt sich eventuell entgegensteuern, indem den Schülern relativ unbekannte moderne Musik näher gebracht und auf die aktuellen Charts verzichtet wird.

Dennoch arbeiten viele Religionspädagogen mit Pop- und Rockmusik im Unterricht. Mögliche Ziele können hierbei sein: Die verschiedenen Mythen und Rituale der Popmusik sollen von den Schülern kritisch gewürdigt werden, damit sie von religiösen „Geistern“ unterschieden werden können.[15]

Der Dualismus zwischen der kapitalistischen Verwertungsmöglichkeit der Musikindustrie und dem künstlerischem kreativen Freiraum soll erkannt werden und Platz schaffen für eigene Erfahrungen und den eigenen Ausdruck.[16] Als Beispiel lässt sich hier Michael Jackson erwähnen, der 2009 verstarb und aus finanziellen Gründen vorhatte, eine Tournee zu starten.

Aus einer etwas weiteren Perspektive heraus lassen sich mit Peter Bubmann mehrere Grunddimensionen der Popmusik festhalten: 1. Sie dient der allgemeinen Orientierung und stiftet Sinn, sowohl durch Texte als auch durch Star- Vorbilder. Popmusik sei lebensweltlich stark verankert und positiv konnotiert.[17] Dies bestätigt auch die Shellstudie aus dem Jahr 2006: Die Jugendlichen sollten aus 16 Freizeitaktivitäten fünf heraussuchen, die sie im Laufe einer Woche absolvieren. Die Rangliste führte mit 63 Prozent „Musik hören“ an, noch vor „Fernsehen“ (58 %) und „sich mit Leuten treffen (57 %).[18]

2. Popmusik stimuliert somatische, psychische und kreative Funktionen des Menschen, dies geschieht natürlich vor allem beim aktiven Musizieren. 3. Popmusik dient der Sozialisierung und hat damit eine kommunikative Funktion. 4. Popmusik zieht kulturelle Grenzen und dient der Merkmalherausbildung in einzelnen Szenen, Lebensstilen und Subkulturen. 5. Popmusik dient ferner als Ausdruck politischen Protests- diese Funktion wird jedoch immer mehr marginalisiert, heute ist sie laut Bubmann nur noch in Subsparten des HipHop, im Punk und in aggressiven Varianten des Heavy-Metal vorzufinden.[19] „Pop- und Rockmusik kann demnach als identitätsstiftendes Ausdrucksmedium, das lebensweltlich stark verankert und positiv besetzt ist und überdies wichtige Sinnfragen von Jugendlichen thematisiert, pädagogisch aufgegriffen werden.“[20]

Die für dieses Sujet zentrale Dimension der Rock- und Popmusik ist sicherlich die Religiöse. Der sozialisierende Einfluss der Kirchen geht immer weiter zurück, ins Zentrum rücken verstärkt Jugendszenen und Jugendkulturen. Musikkonsumenten entwickeln dabei religionsanaloge Verhaltensweisen. Musik dient als Lebenshilfe und Begleitung im Alltag. Lieder und Songs können so stark mit der Lebensgeschichte verwachsen sein, dass von ihnen psychische Wirkungen ausgehen.[21] Erzählungen und Mythen werden von Musik tradiert, immer wieder treten hier auch tiefe Sehnsüchte nach Sinn und Erlösung auf, als Beispiel hierfür sei nur die Beschwörung der Liebe erwähnt.[22] Musik wirkt grenzüberschreitend, sie ermöglicht Ausbrüche aus dem Alltag in Bereiche des Ekstatischen und überirdischer Möglichkeiten. Dabei wird der eigene Körper gesteigert wahrgenommen.[23] Musik ermöglicht subkulturellen Protest und motiviert zu politischem oder ethischem Handeln. Dies geschieht oftmals auf Ebene der Songtexte, als auch im konkreten Handeln wie beispielsweise bei Solidaritätskonzerten.[24]

So soll die religiöse Dimension der Popularmusik von den Schülern wahrgenommen und benannt werden können.[25] Viele Songs erhalten explizit religiöse Themen, Bilder und Symbole.[26] So veröffentlichten bereits 1993 die Crash Test Dummies „God shuffled his feet“. In dem Song sprechen sie von der Schöpfungserzählung bis zur Theodizeefrage hin viele religiöse Themen an: „After seven days / He was quite tired, so God said: / “Let there be a day / Just for picnics, with wine and bread” […] The people sipped their wine / And what with God there, they asked him questions / Like: […] if your eye got poked out in this life / would it be waiting up in heaven with your wife?”[27] Neben diesen expliziten Erwähnungen weist auch die Musik selbst und ihr komplettes kulturelles Setting religiöse Aspekte auf:[28] So entstand der Jazz neben weltlichen Einflüssen wie traditioneller afrikanischer Musik und militärischer Musik aus kirchlichen Spirituals und Gospels.

Mittels der Beschäftigung mit Rock- und Poptiteln können Schüler Zugänge zu ethischen oder theologischen Fragen und Themen erhalten.[29] Veranschaulichen lässt sich dies an „Blasphemous Rumors“ von Depeche Mode. „Girl of 16/ whole life ahead of her/ slashed her wrists/ bored with life/ didn`t succeed/ thank the Lord/ for small mercies/ […] I don’t want to start/ any blasphemous rumours/ but I think that God´s / got a sick sense of Humour/ and when I die/ I expect to find him laughing”[30]. Dieses Lied ermöglicht den Zugang zu der Theodizeefrage über ein exemplarisch geschildertes individuelles Leid und ist damit den Schülern sicherlich näher als Hiobs Anklage: “Mich ekelt mein Leben an.”[31]

Schüler sollen die Möglichkeit haben, eigene Erfahrungen mit Musik zu machen, um feststellen zu können, ob dieses Medium für sie ganzheitliche Erfahrungen mit sich bringt.[32] Da diese Erfahrungen höchstwahrscheinlich bereits außerhalb des Religionsunterrichtes geschehen, gilt es meines Erachtens vor allem, diese zu reflektieren. Wann habe ich mich während eines Musikstückes gut gefühlt? Wann ging es mir währenddessen schlecht? Hat der Musikkonsum manchmal Auswirkung auf meine Stimmungen? Die Auswertung dieses Fragebogens sollte jedoch auf Freiwilligkeitsbasis beruhen, um die Privatsphäre der Schülerinnen zu respektieren. Vielleicht findet sich ein Schüler, der sich bereit erklärt, sein Musikstück während des Religionsunterrichtes vorzustellen.

Mit den Möglichkeiten, die die musikalische Alltagskultur den Schülern ermöglicht, sollen die Schüler in ihrem eigenen Leben verantwortlich umgehen lernen.[33]

Eine weitere Möglichkeit, mit Pop- und Rockmusik im Unterricht umzugehen, kann die Arbeit mit Musik-Video-Clips sein. Videoclips eignen sich laut Bubmann besonders als Eingangsimpulse und zur Bereicherung und Vertiefung eines Themas. Das Religiöse wird von den Musikern in Videos oftmals auf vielfältige Weise modern umgesetzt, so werden religiöse Symbole wie Kreuze verwendet, traditionelle religiöse Erzählungen und Topoi eingesetzt, Fragen nach dem Sinn gestellt und nicht zuletzt wird die religiöse Selbststilisierung der Stars in manchen Videos drastisch umgesetzt.[34]

3. Aktives Musizieren

Es gibt vielerlei Möglichkeiten, selbst Musik zu gestalten. Um dem aktiven Muszieren im Religionsunterricht einen Sinn zu geben, soll sich die Lehrkraft laut Johannes Lähnemann beim Aussuchen des Liedgutes drei Fragen stellen: 1. Ist der Text theologisch vertretbar? 2. Sind Inhalt und Melodie kindgemäß? 3. Inwieweit ist das Lied sprachlich und musikalisch sinnvoll?[35] Lähnemann rechtfertigt aktives Musizieren mit der Schülersituation und der Lerngemeinschaft. So entsprächen Lieder dem Singbedürfnis der Schüler, welches durchaus auch geweckt und geschult werden könne. Lieder können eine Stimmung ausdrücken. Lieder können eine Gemeinschaft fördern. Lieder können ein Gebet vertreten.[36] All das kann dazu ermutigen, auch den Religionsunterricht aktiv mit Musik zu gestalten.

Bubmann weist warnend darauf hin, dass die Lust am Singen realistischerweise bereits in der fünften Klasse schwindet.[37] Damit das Singen nicht eintönig erscheint, gilt es, unterschiedliche dynamische und rhythmische Varianten auszuprobieren. Es eignen sich dynamische Differenzierungen, wenn beispielweise einzelne Strophen in unterschiedlicher Lautstärke vorgesungen werden. Sobald die Klasse etwas geübter ist, eignet sich auch mehrstimmiger Gesang, zum Beispiel ein Backgroundchor auf den melodischen Haupttönen, oder eine selbstständige zweite Stimme.[38] Generell eignet sich Gesang zwischen wechselnden Gruppen, zwischen einzelnen Solisten und zwischen Gruppen und Solisten. Nicht jeder Schüler bringt in gleichem Maße die Veranlagung zu gutem Singen mit. Ferner kann es von Vorteil sein, wenn die Lehrkraft laut mitsingt und sogar mit der Gitarre begleiten kann, um die Harmonie zu stützen und Schülern die Ängste vor dem Singen zu nehmen. Als dekonstruktiv sieht Bubmann es hingegen an, die Schüler zum Singen zu zwingen, sei es durch Fixierung der Singenden mit den Augen oder ein hin und hergehen im Klassenzimmer- das wirke eher kontrollierend und damit demotivierend. Zudem hat Bubmann es als hilfreich erfahren, Sprechgesänge mit gesungen kurzen Kehrversen vortragen zu lassen.[39]

[...]


[1] Vgl. Billault 2000, S. 215

[2] Vgl. Billault 2000, S. 216

[3] Einheitsübersetzung 1314.

[4] Vgl. Billault 2000, S. 216

[5] Z.B. „Musicam Sacram“ 1967

[6] Vgl. Billault 2000, S. 216.

[7] Pärt, Arvo: Fratres 1985.

[8] Shaham, Gil: Fratres for violin, string orchestra and percussion 2005.

[9] Vgl. Bubmann/Landgraf 2006, S. 48.

[10] Bubmann/Landgraf 2006,S. 48.

[11] Vgl. Bubmann/Landgraf 2006, S. 48.

[12] Bubmann/Landgraf 2006, S. 49.

[13] Vgl. Bubmann/Landgraf 2006, S.49.

[14] Vgl. Bubmann/Landgraf 2006, S.49.

[15] Vgl. Bubmann 234.

[16] Vgl. Bubmann 234.

[17] Vgl. Bubmann 2002, 231.

[18] Vgl. Hurrelmann 2006, 77ff.

[19] Vergleiche Bubmann 2002, 231.

[20] Bubmann, 231.

[21] Vgl. Bubmann 232f.

[22] Bgl. Bubmann 233.

[23] Vgl. Bubmann 233.

[24] Vgl. Bubmann 233.

[25] Vgl. Bubmann 233

[26] Vgl. Lindner 2003 1363

[27] Böhm, Buschmann 64.

[28] Vgl. Lindner 1363.

[29] Vgl. Bubmann 234.

[30] Böhm, Buschmann 226f.

[31] Hiob 10,1

[32] Vgl. Bubmann 234

[33] Vgl. Bubmann 234.

[34] Vgl. Bubmann 239f.

[35] Vgl. Lähnemann 311.

[36] Vgl. Lähnemann 311.

[37] Vgl. Bubmann 235.

[38] Vgl. Lähnemann 313f.

[39] Vgl. Bubmann 235.

Details

Seiten
16
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656042006
ISBN (Buch)
9783656041771
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181151
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Schlagworte
musik religionsunterricht überblick beispiel

Autor

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