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Labor et Televisionis - Günther Anders' Thesen über Arbeit und Fernsehen

Bachelorarbeit 2011 20 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Vorwort

II. Arbeit und Entfremdung
1. Arbeitslosigkeit

III. Freizeit
1. Die Angst vor dem Nichts
2. Die ins Haus gelieferte Welt
3. Die Verbiederung der Welt
3.1 Die drei Nebenwurzeln der Verbiederung
3.2 Die Hauptwurzel der VerbiederungS

IV. Rückfragen und Betrachtungen

V. Nachwort

VI. Quellenverzeichnis
1. Literatur
2. Internet

I. Vorwort

ÄArbeit“ kommt vom mittelhochdeutschen Äarebeit“, welches sich wiederum von der Wortwurzel Äorbu“ - zu Neuhochdeutsch ÄKnecht“ - ableitet. Die ursprüngliche Bedeutung von Arbeit ist also die Knechtstätigkeit, welche zumeist negativ besetzt war und mit Begriffen wie ÄNot“ oder ÄMühsal“ in Verbindung gebracht wurde. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde Arbeit in einem Gegensatz zur Muße gesehen.1 ÄDiese Unterscheidung ließ sich nur solange aufrechterhalten, wie die (wesentlich geistig ausgeübten) ‚freien‘ Tätigkeiten (‚Muße‘) von den (wesentlich körperlich ausgeführten) abhängigen Tätigkeiten eindeutig zu unterscheiden waren. […] Arbeit im heutigen Sinne bezeichnet im allgemeinen einen auf ein Ziel gerichteten, bewußten, der Befriedigung von Bedürfnissen oder Verwirklichung von Werten dienenden Einsatz körperlicher und geistiger Kräfte.“2

Doch das Leben besteht nicht nur aus Arbeit. Nicht nur unsere Arbeitsbedingungen und unsere Tätigkeitsfelder haben sich durch die Technisierung verändert; auch die Art und Weise wie wir unsere Freizeit gestalten sieht heute anders aus als noch vor einigen Jahrzehnten. Günther Anders (1902 - 1992) hat sich in seinem technikkritischen Denken nicht nur mit der industriellen Revolution und deren weit reichenden Folgen befasst, sondern auch das seiner Zeit neue Medium Fernsehen kritisch in den Blick genommen und in scharfsinniger - manchmal geradezu zynischer - Weise analysiert.

In dieser Bachelorarbeit soll der Versuch unternommen werden Zusammenhänge von Arbeit und Freizeit in der technikkritischen Philosophie von Günther Anders herauszuarbeiten und weiterführende Fragestellungen aufzuwerfen, sowie einige eigenständige Betrachtungen anzustellen.

II. Arbeit und Entfremdung

Der Terminus ÄEntfremdung“ ist untrennbar mit dem Namen eines großen Philosophen verbunden: Karl Marx (1818 - 1883). Marx beschreibt den Menschen als animal laborandis, dessen Arbeit unter den Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts zu entfremdeter Arbeit wird.3 Der Arbeiter in der kapitalistischen Produktion ist vom Zweck seiner Arbeit, dem Produkt, das er herstellt, entfremdet - man könnte auch sagen bezugslos gemacht. Der Arbeiter selbst ist zur Ware geworden und es kommt zur Entfremdung vom menschlichen Gattungswesen, welches in der Äfreien Selbsttätigkeit im Austausch mit der Natur besteht“4, da Ädas Arbeitsprodukt nicht mehr als Vergegenständlichung außer dem Menschen ist, sondern ihm enteignet wird und ihm nicht mehr als purer Gegenstand, sondern als Mittel in der Hand eines anderen Menschen fremd gegenübertritt.“5 Marxens Analyse geht vom typischen Lohnarbeiter des 19. Jahrhunderts aus, der dem damals neuen Konzept der Arbeitsteilung (bis hin zur Arbeitszerteilung in kleinste Einzelhandgriffe) unterworfen war. Günther Anders greift die Marx’sche Analyse und Kritik in seiner Technikkritik auf. Anders schreibt: Der Arbeiter wird unfrei. ÄUnfrei ist er nicht etwa nur deshalb, weil er vom Eigentum an ‚seinen‘ Produktionsmitteln oder Produkten ausgeschlossen ist, sondern weil er das Ganze des Produktionszusammenhanges, in das er integriert ist, nicht übersieht; und ebensowenig das Endprodukt und dessen Bewandtnis kennt […] ebensowenig die moralischen oder unmoralischen Qualitäten ‚seines‘ Produkts; ebensowenig dessen Nutznießer, Vewender oder Opfer.“6 In Paragraph 5 seines Essays Die Antiquiertheit der Menschenwelt7, welcher mit ÄDas geköpfte Machen“ betitelt ist, kann man Marx und seine Thesen ziemlich deutlich erkennen. Anders beginnt beim traditionellen Verständnis von Arbeit: Jemand bedient sich eines Werkzeuges, um einen Zweck zu erfüllen; Äer beherrscht sie [die Zange (Anm. E.F.)], da er sie ja zu seinem Werkzweck […] einsetzt.“8 Der Werkzweck des Produzenten ist die Erzeugung seiner Waren. ÄDa er sich aber […] nicht allein-laufender Maschinen bedienen kann, muß er sich gleichzeitig Arbeitender bedienen […] damit er sich erfolgreich seiner Maschinen bedienen kann.“9 Der Arbeiter wird - so Anders - in den Dienst der Maschine gestellt und das Einzige, was der Arbeiter zum Ziel hat, ist der Ätadellose Gang der Maschine“10. Für Günther Anders ergeben sich daraus drei Konsequenzen.

Erstens ist damit die ÄArbeit des Arbeiters […] telos-los“11 ; der Arbeiter tut zwar etwas, macht aber nichts - stellt also nichts her. Der Arbeiter ist nur in eine Etappe des in unzählige kleine Schritte zergliederten Produktionsprozesses eingebunden und so zerfällt aus der Perspektive des Arbeiters der ÄProduktionsprozess nicht in Teilproduktionen, sondern lediglich in Teiltätigkeiten“12. Das Machen wird gewissermaßen Ägeköpft“ und so zum reinen Tun verstümmelt.13 Das telos des Arbeiters, Ädas telos der Tätigkeiten ist [nicht (Ergänzung E.F.)] erreicht, wenn ein Produkt fix und fertig da ist, sondern dann, wenn so und so viel getan […] worden ist, also bei Feierabend.“14 Durch das Abhandenkommen des telos wird laut Anders die Arbeit zur Zumutung, da sie dem arbeitenden Menschen zwei Genugtuungen vorenthält: Einerseits die Genugtuung an der sichtbaren Entstehung des Produktes teilzuhaben15 (dieses Gefühl von ÄIch habe das gemacht!“, das uns mit Zufriedenheit erfüllt) und andererseits die Genugtuung, die Ädas auf ein äußeres telos nicht angewiesene echte Tun mit sich bringt“16 (also jene Handlungen, die ihren Zweck in sich selbst tragen wie z.B. Gitarre spielen oder Lesen).

Auf den Feierabend des Arbeiters wird später nochmals zurückzukommen sein.17 Die zweite Konsequenz für Anders ist, dass die Arbeit zwar anstrengungslos, aber dadurch gleichzeitig ihres Charakters beraubt wird.18 Die körperlich harte Arbeit vergangener Jahrhunderte ist durch die immer fortschreitende Industrialisierung zunehmend leichter geworden bis Ädas Anstrengungsquantum […] auf ein Minimum reduziert“19 ist. Dadurch wird der Arbeitende der Freude am Erfolg bzw. am Ergebnis der Arbeit beraubt, die mit der Investition von Anstrengung einhergeht. Durch die Anstrengungslosigkeit der Arbeit bzw. besser gesagt des Tuns, kommt es zu einer Entartung und somit zu Äeiner Art von ‚Nichtstun‘“20. Man kann sich das in etwa so vorstellen, dass ein Arbeiter am Ende seiner Schicht gefragt wird ÄWas hast du heute getan?“ und der Arbeiter kann nur entgegnen, er habe acht Stunden lang eine Maschine bedient. Diese Art von Nichtstun könnte auch passender Weise als leeres Tun bezeichnet werden, denn am Ende des Arbeitstages fühlt sich der Tuende genauso sinnentleert wie es die Tätigkeit, die er den ganzen Tag lang ausgeführt hat, ist.

In dritter Konsequenz weist Anders darauf hin, dass sich der Mensch nach der Maschine richtet, gar ihr Diener wird. Der Arbeitende braucht sich nicht mit einer Welt von Dingen, aus denen er etwas macht, auseinanderzusetzen, sondern ist nur dazu abkommandiert mit der Maschine Schritt zu halten und deren reibungsloses Funktionieren zu gewährleisten. Der Mensch wird zum Knecht der Maschine.21

1. Arbeitslosigkeit

Günther Anders bezieht sich, wenn er von Arbeit spricht, immer auf den Fabrikarbeiter, der acht Stunden täglich am Fließband steht und seine eingeübten Handgriffe im Rhythmus der Maschine verrichtet. Die Fließbandarbeit hat Anders am eigenen Leib erfahren, als er im amerikanischen Exil sein Brot auf als Fabrikarbeiter verdienen musste. Die Tätigkeit am Fließband war für die Arbeiter eine Art Gymnastik, die aus Äimmer gleich bleibenden […] ‚Unfrei-Übungen‘“22 bestand. Die ÄGymnastikübungen“ wurden vom Fließband diktiert - daher bezeichnet Anders sie als unfreie Übungen. Anders gibt außerdem zu bedenken, dass die vielen Arbeiter, die täglich ihre Unfrei-Übungen verrichten dafür auch noch dankbar sind - im Gegensatz zu den unzähligen Arbeitslosen, denen es nicht Ävergönnt ist, diese Gymnastik zu treiben; und […] verbissen das Recht auf diese Gymnastik als politisches Grundrecht proklamieren […] müssen, weil sie ohne derart nichtige Gymnastik im Nichts stehen […] würden.“23

Anders wies bereits im Jahre 1977, in dem er das Essay Die Antiquiertheit der Arbeit verfasste, auf einen unaufhaltsamen Trend hin: Nämlich, dass mit der fortschreitenden Technisierung die Zahl der Arbeitsplätze sinkt - das ist Äeine eiserne Regel der Umkehrung der Proportion […] Es ist unvermeidlich, daß, gewissermaßen als ‚zweites Produkt‘, aus den Automationen ein Millionenhaufen von Arbeitslosen […] herausfällt.“24 Anders spitzt seine These weiter zu indem er behauptet, dass sogar Menschen, die einen Arbeitsplatz haben, in einem gewissen Sinne arbeitslos sind. Nämlich jene Arbeitenden, welchen die Wartungsdienste zufallen. Die Wartungsarbeit ist laut Anders eher eine Wartearbeit - in dem Sinne, dass der Arbeiter darauf wartet, dass die Maschine eine Fehlfunktion hat und er seines Amtes walten kann. Die Fließbandarbeit hält den Arbeitenden wenigstens in Bewegung, sodass ihm ein Tun immerhin vorgegaukelt wird.25 Anders Prognose liest sich noch düsterer: ÄTrotz der entwürdigenden Situation, in der sich diese zum ‚Warten‘26 Verdammten befinden, werden diese doch die Elite der Arbeiter und Angestellten bilden, denn […] die meisten […] werden, wie ‚arbeitswillig‘ immer sie auch sein mögen, vergeblich darauf warten, als Warter eingesetzt zu werden.“27

Günther Anders führt im Weiteren zwei Möglichkeiten an, um dieses Problem in den Griff zu bekommen. Die erste Möglichkeit ist ein totales Umdenken der Gesellschaft und eine Umstrukturierung derselben, was Anders jedoch für Äganz unwahrscheinlich“28 hält. Die zweite Möglichkeit ist, eine Alternative zur Arbeit (in welcher Form auch immer) anzubieten, etwas, das die Massen von Arbeitslosen bzw. den Arbeiter nach Feierabend beschäftigt. Das Verhältnis von Arbeit und Freizeit kehrt sich um. Früher wurde die Arbeit als Fluch wie in jenem vielzitierten Bibelsatz empfunden und die Freizeit war die Freiheit, in der man seinen eigenen Interessen nachgehen konnte. Mit fortschreitender Automatisierung der Arbeitswelt und damit einhergehender steigender Arbeitslosigkeit wird die Existenz ohne Arbeit zunehmend als Fluch empfunden. Anders sieht den Arbeitslosen als einen, der um seine voluptas laborandi, seinen Genuss an der Arbeit, betrogen wird.29 Die in früheren Zeiten so hoch geschätzte Freizeit wird zu einer Qual. Das Leben besteht nur noch aus Freizeit, mit der man sowieso nichts anzufangen weiß - Anders spricht in diesem Zusammenhang auch von einem sich aufstauenden Zeitbrei.30 Anstatt Befriedigung in der Arbeit zu finden, muss erstens der quälende Zeitbrei irgendwie bewältigt werden und zweitens eine Ersatzbefriedigung gefunden werden. Für Günther Anders kommt diese Funktion dem Fernsehen zu. Und so wandelt er den biblischen Fluch-Satz ÄIm Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden“31 auf humoristische, aber irgendwie treffende Weise im Stile seiner literarischen Übertreibung ab: ÄAuf deinem Hintern sollst du sitzen und TV anglotzen dein Leben lang!“32

[...]


1 Vgl. Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 60

2 Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 61

3 Vgl. Liessmann (2003), S. 107

4 Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 185

5 Liessmann (2003), S. 107

6 Anders, AdM 2, S. 91; Vgl. dazu auch: Delabar, S. 31

7 In Anders, AdM 2, S. 58 ff

8 Anders, AdM 2, S. 72

9 Anders, AdM 2, S. 72

10 Anders, AdM 2, S. 72

11 Anders, AdM 2, S. 72

12 Anders, AdM 2, S. 72

13 Vgl. Anders AdM 2, S. 72

14 Anders, AdM 2, S. 72

15 Vgl. Anders, AdM 2, S. 73

16 Anders, AdM 2, S. 73

17 siehe Kapitel III. Freizeit S. 10 ff

18 Vgl. Anders, AdM 2, S. 73

19 Anders, AdM 2, S. 73

20 Anders, AdM 2, S. 73; kursive Hervorhebung durch Evelyne Fröstl

21 Vgl. Anders, AdM 2, S. 74; kursive Hervorhebung durch Evelyne Fröstl

22 Anders, AdM 2, S. 92; kursive Hervorhebung durch Günther Anders

23 Anders, AdM 2, S. 92; kursive Hervorhebung durch Günther Anders

24 Anders, AdM 2, S. 94; kursive Hervorhebung durch Günther Anders

25 Vgl. Anders, AdM 2, S. 95 f.

26 ÄWarten“ ist hier im doppelten Sinn zu verstehen

27 Anders, AdM 2, S. 97; kursive Hervorhebung durch Günther Anders

28 Anders, AdM 2, S. 98

29 Vgl. Anders, AdM 2, S. 27

30 Vgl. Anders, AdM 2, S. 92

31 Genesis, 3.19

32 Anders, AdM 2, S. 28

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656040934
ISBN (Buch)
9783656041238
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181155
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Philosophie
Note
2
Schlagworte
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