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Biografiearbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe

Bachelorarbeit 2010 71 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärungen
2.1 Biografie
2.2 Dimensionen von Biografie
2.2.1 Biografie als subjektive Wirklichkeit
2.2.2 Biografie als Prozess
2.2.3 Biografie und Lebenswelt
2.3 Biografiearbeit - Annäherung an den Begriff
2.3.1 Biografieforschung als relevante Bezugswissenschaft
2.3.2 Biografiearbeit - Definition
2.3.3 Zum Methodenbegriff in Bezug auf Biografiearbeit
2.3.3.1 Methodenbegriff allgemein
2.3.3.2 Methodenbegriff in der stationären Kinder- und Jugendhilfe
2.4 Abgrenzung zur Therapie

3. Gegenstand der Biografiearbeit
3.1 Biografische Selbstreflexion
3.2 Autobiografisches Gedächtnis

4. Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen
4.1 Rechte von Kindern
4.1.1 Rechte nach der UN-Kinderrechtskonvention
4.1.2 Rechte nach dem SGB VIII
4.2 Bedürfnisse von Kindern
4.2.1 Bedürfnispyramide nach Maslow
4.2.2 Grundbedürfnisse von Kindern
4.3 Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen
4.3.1 Ökonomisch- räumliche und soziale Lebenswelt
4.3.2 Geistige Lebenswelt
4.4 Biografiearbeit in unterschiedlichen Altersstufen
4.5 Für die Biografiearbeit relevante Besonderheiten in der kindlichen Entwicklung

5. Die stationäre Kinder- und Jugendhilfe als Ort für Biografiearbeit
5.1 Alltag und Rahmenbedingungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe
5.2 Kontext und Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen
5.3 Voraussetzungen und Anforderungen an den Sozialarbeiter

6. Funktionen der Biografiearbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe
6.1 Identität und Integration
6.2 Stabilisierung und Hilfe zur Bewältigung
6.3 Aktivierung von Ressourcen
6.3.1 Definition und Funktion von Ressourcen
6.3.2 Kohärenz
6.3.3 Resilienz
6.4 Beziehungsaufbau und -gestaltung

7. Methodische Aspekte der Biografiearbeit
7.1 Einteilung von Methoden der Biografiearbeit
7.2 Exemplarische Methoden für die Kinder- und Jugendhilfe
7.3 Lebensbuch als exemplarische Methode der Biografiearbeit
7.3.1 Lebensbuch allgemein
7.3.2 Voraussetzungen und Rahmenbedingungen
7.3.3 Strukturierung eines Lebensbuches

8. Besonderheiten und Herausforderungen
8.1 Fehlende Informationen
8.2 Schwierige Themen
8.3 Grenzen von Biografiearbeit

9. Erweiterung und Fortführung

10. Fazit

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

„Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.“ (Gabriel García Márquez, 2002, 7).

Kinder und Jugendliche in der stationären Kinder- und Jugendhilfe[1] haben in ihrer Biografie eine Besonderheit: Das Leben und die Erziehung außerhalb der Familie. In der stationären Kinder- und Jugendhilfe sind Biografie und Erziehung eng verbunden. Jedes Kind/ jeder Jugendliche bringt eine andere Geschichte mit, einen anderen Hintergrund, nicht selten haben sie mehrere Brüche, Beziehungsabbrüche und Umzüge hinter sich. Die Aufnahme in eine stationäre Einrichtung ist für viele Kinder[2] ein weiterer Bruch oder auch ein Schock- und Ausnahmezustand. Viele machen sich Selbstvorwürfe und haben nicht selten viele Lücken in ihrer Lebensgeschichte (Lattschar/Wiemann, 2008, 29ff). Eine Erzählung von einem Kind oder Jugendlichen im Heim könnte wie folgt lauten:

Ich konnte wieder die ganze Nacht nicht schlafen. Jetzt bin ich müde. Ich dachte an die Orte, an denen ich früher gewohnt habe. In dem alten Haus in N. wohnte ich gemeinsam mit meiner Mutter und meiner Schwester. In das Kinderheim in Y. kam ich mit zwölf Jahren. Da war es sehr schön. An das Kinderheim in Z. kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß noch nicht einmal mehr, wie das Zimmer aussah, in dem ich damals geschlafen habe. Irgendwann in der Frühe, es wurde bereits hell, bin ich dann eingeschlafen.“ (Köttig/ Rätz-Heinisch, 2005, 16).

Kinder und Jugendliche „...sind gefordert, ihre biografische Selbstkonstruktionen in ihr gegenwärtiges Lebens zu integrieren und ihre Zukunft zu planen und meistern zu können.“ (ebd). Gerade bei Kindern und Jugendlichen mit vielen Brüchen in ihrem Leben ist diese Integration erschwert, bzw. der Prozess blockiert. Hierfür benötigen sie meist professionelle Hilfe (ebd).

Angesichts dieser Affinität, Soziale Arbeit bzw. Heimerziehung und Biografie stellt sich die Frage, wie kann Biografiearbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe aussehen? Dafür soll zunächst geklärt werden, was sich hinter dem Begriff Biografiearbeit (Kapitel 2) verbirgt und was ihr Gegenstand (Kapitel 3) ist, um anschließend Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen anzusehen. Darauf aufbauend soll sie im Kontext der stationären Kinder- und Jugendhilfe (Kapitel 5) betrachtet werden, um im Anschluss ihre Funktion (Kapitel 6) herauszustellen. Die methodischen Aspekte (Kapitel 7) und die Grenzen von Biografiearbeit (Kapitel 8) sollen betrachtet werden, um zum Schluss die Erweiterung (Kapitel 9) und das Fazit (Kapitel 10) zu ziehen.

2. Begriffsklärungen

Zunächst bedarf es sich einiger Begriffsklärungen, begonnen mit dem Begriff Biografie (Kapitel 2.1) und dessen Dimensionen (Kapitel 2.2). Anschließend soll eine ausführliche Annäherung an den Begriff der Biografiearbeit stattfinden (Kapitel 2.3), um schließlich Biografiearbeit von der Therapie abzugrenzen (Kapitel 2.4). Doch was bedeutet nun zunächst Biografie?

2.1 Biografie

„Biografie bedeutet Lebensbeschreibung (das griechische Wort bios = leben, gráphein = schreiben, zeichnen, abbilden darstellen).“ (Hölzle, 2009a, 31).

„… Biografie beschreibt einen Prozess, der mit der Geburt eines Menschen beginnt und mit dessen Tod endet.“ (Raabe, 2004, 9).

Biografien sind immer nur Einzelteile eines Lebens, auch wenn sie den Anspruch haben, ein ganzes Leben wiederzugeben. Jede Beschreibung, auch wenn sie noch so gut ist, bleibt eine Re-Konstruktion einer Realität, die vergangen ist (Ruhe, 1998, 134).

Bei Glinka (2005, 209ff) ist Biografie als eine Gesamtschau, die sich sowohl auf die Abfolge von Ereignissen als auch auf die eingelagerten Erfahrungen richtet, zu verstehen. Es sind keine unveränderbaren, starren Gebilde, sondern dynamische Vorgänge, die sich mit jeder Entscheidung neu formen.

„Biographie ist als Konzept strukturell auf die Schnittstelle von Subjektivität und gesellschaftlicher Objektivität, von Mikro- und Makroebene angesiedelt und eröffnet somit die Möglichkeit, Lern- und Bildungsprozesse im Spannungsfeld subjektiver und objektiver Analysen zu erfassen.“ (Krüger/ Marotzki, 1999, 8)

2.2 Dimensionen von Biografie

Will man den Begriff Biografie in seinen vielfältigen Schichten verstehen, was wiederum die Voraussetzung für das richtige und umseitige Verständnis von Biografiearbeit ist, muss man sich die verschiedenen Dimensionen von Biografie ansehen, zunächst Biografie als subjektive Wirklichkeit (Kapitel 2.2.1), dann als Prozess (Kapitel 2.2.2) und Biografie in Bezug zu Gesellschaft und Lebenswelt (Kapitel 2.2.3).

2.2.1 Biografie als subjektive Wirklichkeit

„Erinnerung ist nie objektiv.“ (Gudjons/ Wagener-Gudjons/ Pieper, 2008, 25). Raabe (2004, 8) spricht bei Biografie von einer inneren Wirklichkeit und einer äußeren Realität. Das was von außen betrachtet werden kann, ist der Lebenslauf, die innere Wirklichkeit erfahren Außenstehende nur, indem es der Biografieträger[3] ihnen mitteilt. In der Biografiearbeit ist es wichtig, die Einflüsse von innen nach außen[4], aber auch von außen nach innen zu bearbeiten (ebd). Es ist die Tatsache zu berücksichtigen, dass Menschen ihre Wirklichkeit konstruieren und die Erinnerung „… ein komplexes und kompliziertes Konglomerat der Reproduktion von vergangener Wirklichkeit, dem Erleben dieser Wirklichkeit, dem Speichern dieses Erlebens, des Zugriffs auf das Gedächtnis und der Intentionen des Zugriffs.“(Ruhe, 1998, 11) ist. Das bedeutet, dass Biografie bzw. die innere Wirklichkeit immer subjektiv ist.

2.2.2 Biografie als Prozess

Biografie lässt sich als ein Prozess beschreiben, der von zwei wichtigen Aspekten gekennzeichnet ist: der Aufgabe und der Gefühlshaltung.

Mit jeder Veränderung entstehen für den Menschen neue Aufgaben (Schulze, 2002, 35). Fend (2000, 421ff) nennt z.B. die Entwicklungsaufgaben in der Pubertät. Es geht darum, diese Aufgaben erfolgreich zu bewältigen und daraus Kräfte für weiteres Handeln zu schöpfen (ebd). Denn in jeder „… Handlungsabfolge bedingt das vorausgehende Ereignis die Folgehandlung: Die Bedingungen des menschlichen Handelns liegen in der Vergangenheit.“ (Raabe, 2004, 7).

Der zweite Aspekt, die Gefühlshaltung, meint, „…dass Gefühle und gefühlsmäßige Einstellungen – Abneigungen, Zuneigungen und Interessen, Ängste, Wünsche und Hoffnungen - an der Gestaltung der Biografie einen wesentlichen Anteil haben.“ (Schulze, 2002, 35). Dabei geht es darum, unterschiedliche Gefühlshaltungen zu verbinden und die Frage, welchen Grad der Ausprägung und wie sie inhaltlich gefüllt sind, zu erarbeiten (ebd).

Biografische Prozesse haben den Charakter von Wandlungsprozessen und verschaffen dem Individuum bei erfolgreicher Bewältigung „… einen Zuwachs an Bewegungsfreiheit, Verarbeitungskapazität und Selbstbewusstsein.“ (ebd, 37).

2.2.3 Biografie und Lebenswelt

Biografie unterliegt sowohl der narrativen als auch der sozialen Konstruktion (Hanses, 2008, 11). Biografie ist „… immer auch Spiegel gesellschaftlicher, kultureller und sozialer Verhältnisse…“ (Gudjons/ Wagener-Gudjons/ Pieper, 2008, 16). In dieser Hinsicht ist Ulrich Beck zu beachten, der von einer zunehmenden Pluralisierung der Lebensformen spricht. Die Normalbiografie wird zur „Bastel“- Biografie. Zunehmende Möglichkeiten und die zunehmende Destabilisierung sozialer Ordnungen bieten neben der Entscheidungsfreiheit und Selbststrukturierung des Lebens auch ein hohes Risiko des Scheiterns (Ruhe, 1998, 135). Riskant deshalb, weil die Sinnhorizonte der modernen Biografie diffus geworden sind (Alheit, 2002, 190). Zunehmende Wahlmöglichkeiten fordern immer höhere Ansprüche an die biografische Kompetenz, Leben zu gestalten (Schulze, 2002, 25).

Wichtigen Einfluss auf die Biografie haben zudem die konkrete Lebenswelt und der soziale Raum des Individuums (ebd 37). Biografie ist geprägt von den Strukturen sozialer Differenzen, wie dem Geschlecht des Individuums, den sozialen Lagen und Milieus und der kulturellen Zugehörigkeit (Hanses, 2008, 13). „Alle… Differenzierung der Lebenswelt eines Menschen erhalten in biographischer Sicht eine zusätzliche Bedeutung, durch die Erfahrungen, die dieser Mensch mit ihnen macht, durch die Art und Weise, wie er diese differenzierenden Momenten wahrnimmt, erlebt, aneignet, deutet und für die Gestaltung seines weiteren Lebens nutzt.“ (Schulze, 2002, 39). In diesem Zusammenhang spricht Peter Alheit (2002, 205) von der Schlüsselqualifikation Biographizität. Damit meint er die Fähigkeit, das Leben in den vorgegebenen Kontexten immer wieder neu auslegen zu können mit der Verbindung diese Kontexte als bildbar und gestaltbar zu erfahren.

Zusammenfassend bietet Biografie als Prozess „… somit Einsicht in die soziale Strukturiertheit biografischen Eigensinns und zeigt, dass individuelle Rekonstruktionen von ˏProblemlagen` gleichzeitig Ausdruck eines sozialen Allgemeinen sind.“ (Hanses, 2008, 13). Biografie hat somit immer zwei Perspektiven: Der Einzelne/ das Subjekt, und die Umwelt/ die Gesellschaft (Raabe, 2004, 11). Insgesamt ist „Biografie … ein Schlüsselkonzept zum Verständnis der Entwicklung des Menschen.“ (ebd).

2.3 Biografiearbeit - Annäherung an den Begriff

Um sich nun dem Begriff der Biografiearbeit anzunähern, bedarf es zunächst der dazugehörigen Bezugswissenschaft (Kapitel 2.3.1) mit einer anschließenden Abgrenzung zwischen Biografieforschung und –arbeit. Aufbauend darauf kann die Definition von Biografiearbeit (Kapitel 2.3.2) formuliert werden, um im Anschluss Biografiearbeit in den Methodenbegriff einordnen zu können (Kapitel 2.3.3).

2.3.1 Biografieforschung als relevante Bezugswissenschaft

„Biografie als sozialwissenschaftliches Konzept hat seine wissenschaftliche Standortbestimmung durch die Entwicklung der Biografieforschung erhalten.“ (Hanses, 2008, 11). Noch genauer gesagt, hat Biografiearbeit ihre relevante Bezugswissenschaft in der Biografieforschung (Dausien, 2005, 8).

Biografieforschung ist noch gar nicht so alt, ihr Beginn liegt in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts, als Znaniecki die Lebenslaufstudien über polnische Bauern, die in die USA wanderten, publizierte. Ebenso bedeutsam waren die Lebenslaufanalysen von C.R. Shaw über straffällige Jugendliche in den 30er Jahren (Gudjons/ Wagener-Gudjons/ Pieper, 2008, 14). In Deutschland beschäftigt sich die Biografieforschung seit Ende der 70er Jahre mit den „…Strukturen eines institutionalisierten Lebenslaufs als Ablaufmuster, in denen sich gesellschaftliche und soziale Ordnungsmuster moderner Gesellschaften… als ˏNormalbiografie` abbilden.“ (Jansen, 2009a, 17). In den 90er Jahren wendet sich die Erziehungswissenschaft der Alltags- und Lebenswelt des Menschen zu (Gudjons/ Wagener-Gudjons/ Pieper, 2008, 14). Ausschlaggebend für diese Entwicklung sind die Pluralisierung der Lebensformen und die Auflösung der „Normalbiografie“. In der Pädagogik findet durch die Ausdifferenzierung verschiedener selbstständiger Tätigkeitsfelder, wie die Heilpädagogik und die Fort- und Erwachsenenbildung, eine vermehrte Beschäftigung mit Biografien statt. 1994 wurde die Kommission „Erziehungswissenschaftliche Biografieforschung“ gegründet. (Schulze, 2002, 24f).

Die Biografieforschung kommt zu ihrer Erkenntnis auf zwei Wegen, entweder durch das Vorfinden von persönlichen Dokumenten wie Tagebüchern und Autobiografien oder durch das Produzieren von Daten, indem sie Forschungsinstrumente wie das narrative Interview, die Gruppendiskussion oder die teilnehmende Beobachtung anwendet. Biografieforschung hat somit mit der Erhebung und der Auswertung von Daten zu tun (Krüger/ Marotzki, 1999, 8).

Dennoch ist es wichtig, Biografieforschung von Biografiearbeit abzugrenzen: In der Biografieforschung werden subjektive Sinnstrukturen in Zusammenhang mit relevanten Kontexten systematisch auf Verdichtungen und Relevanzstrukturen ausgewertet (Jansen, 2009a, 20). In der Biografieforschung werden also Daten von fremden Personen zur wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung interpretiert. Während es in der Biografiearbeit darum geht, anhand der biografischen Selbstreflexion sich die eigene Biografie wieder anzueignen. „Lebensgeschichten werden … für das Verstehen und für die Gestaltung des Lebens der Betroffenen fruchtbar gemacht.“ (Gudjons/ Wagener-Gudjons/ Pieper, 2008, 16). In der Biografiearbeit geht es also ebenso um subjektive Sinnstrukturen, die aber eingebunden sind in eine institutionelle Unterstützung und Begleitung von Menschen (Jansen, 2009a, 20f).

2.3.2 Biografiearbeit - Definition

„Der Begriff `Arbeit` im Kontext von Biografie verweist auf einen absichtsvollen, bewussten, zielgerichteten und aktiven Prozess.“ (Hölzle, 2009a, 31). Deutlich abzugrenzen ist zur beschriebenen Biografiearbeit, (oder auch pädagogische Biografiearbeit), die biografieorientierte Soziale Arbeit, die zusätzlich „… auch die systematische Reflexion und Gestaltung von Rahmenbedingungen…“ (Dausien, 2005, 10) meint.

Biografiearbeit lebt von dem Gedanken, dass jeder mehr von seinem Leben weiß, als er zu wissen glaubt. Biografiearbeit geht von dem Konzept Biografizität als Schlüsselqualifikation aus (Raabe, 2004, 13) und hat als Ziel, nicht nur das Verstehen der eigenen Lebensgeschichte, sondern auch das Annehmen und Akzeptieren der eigenen durchlebten Geschichte (Gudjons/ Wagener-Gudjons/ Pieper, 2008, 19), um dadurch die bewusste Gestaltung des eigenen Lebens zu etablieren (Raabe, 2004, 13).

Biografiearbeit ist angeleitete Erinnerungsarbeit mit dem Versuch, „… Mensch-Sein als Körper, Geist und Seele in den individuellen, gesellschaftlichen und tiefenpsychologischen Dimensionen wahrzunehmen.“ (Ruhe, 1998, S.134). Es werden methodisch Anregungen gegeben, die Reflexion, Erinnerung und Integration ermöglichen (ebd).

Biografiearbeit hat verschiedene Blickrichtungen:

- Der Blick auf die Vergangenheit dient zur Lebensbilanzierung.
- Der Blick auf die Gegenwart dient zur Lebensbewältigung -begleitung und –veränderung.
- Der Blick auf die Zukunft dient der Lebensplanung und dem Entwerfen des künftigen Lebens (Klingenberger, 2003, 141).

Biografiearbeit kann sich auf unterschiedliche Felder der Sozialen Arbeit beziehen. Adressaten sind Kinder und Jugendliche im Pflege- und Adoptionswesen, Personen in der Erwachsenenbildung, in der Alten- und Behindertenhilfe oder in der Benachteiligtenförderung[5] (Jansen, 2009a, 21).

Biografiearbeit hat viele Definitionen, aber wie lauten Definitionen der Biografiearbeit, die sich auf die Methodendiskussion innerhalb der Sozialen Arbeit beziehen? Dies soll nun im Anschluss geklärt werden.

2.3.3 Zum Methodenbegriff in Bezug auf Biografiearbeit

Obwohl nach Jansen (2009a, 17ff) Biografiearbeit wenig zurück gebunden an eine übergeordnete Methodendiskussion innerhalb der Profession ist, soll doch ein Versuch unternommen werden, Biografiearbeit einzuordnen. Wie widersprüchlich diese Anschauungen sind, zeigen folgende Argumentationen:

Nach Lattschar/ Wiemann (2008, 13) ist „Biografiearbeit … eine strukturierte Methode in der pädagogischen und psychosozialen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und alten Menschen…“. Wiemann (2009, 120) zählt Biografiearbeit „… zu den soziotherapeutischen Methoden“. Jansen (2009a, 21) dagegen spricht von dem Konzept der Biografiearbeit und dass Biografiearbeit „… kaum einheitlich zu erfassen, geschweige denn als Methode zu beschreiben ist.“ Hölzle (2009a, 32) meint ergänzend dazu, dass Biografiearbeit „… auf strukturierte Methoden…“ basiert. Raabe (2004, 11ff) spricht von dem Konzept Biografie und davon, dass „Biografiearbeit… dem Konzept, Biografizität als Schlüsselqualifikation...“ folgt. Auch Hanses (2008, 11) spricht von der „Biografie als sozialwissenschaftliches Konzept…“. Um nun diese Widersprüche aufzulösen, bedarf es zunächst einer genauen Betrachtung der Begriffe Konzept, Methode und Technik in der Sozialen Arbeit (Kapitel 2.3.4.1) und anschließend speziell im Feld der stationären Kinder- und Jugendhilfe (Kapitel 2.3.4.2).

2.3.3.1 Methodenbegriff allgemein

Konzept meint ein „… Handlungsmodell, in welchem die Ziele, die Inhalte, die Methoden und Verfahren in einen sinnhaften Zusammenhang gebracht sind“ (Geißler/ Hege zit. in Galuske, 2005, 25).

„Methode (gr. Methodos: Weg, etwas zu erreichen) meint eine planmäßige, konsequente Verfahrensweise zur optimalen Verwirklichung theoretischer und praktischer Ziele.“ (Günder, 2003, 177). Methoden „… enthalten Aussagen über die Ziele, Gegenstände und Mittel des reflektierten Handelns; sie sind zielgerichtet, prozessorientiert und systematisch strukturiert.“ (Kreft/ Mielenz, 2005, 580). „Methoden umfassen … im Regelfall ein ganzes Set an unterschiedlichen Techniken/ Verfahren.“ (Galuske, 2005, 26).

Verfahren und Techniken sind Einzelelemente von Methoden und können „…als Antworten auf Detailprobleme im komplexen Weg von der Identifikation eines Problems zur angestrebten Lösung beschreiben.“ (ebd, 26f).

Galuske (2005, 25ff) unterscheidet Methoden und Techniken anhand des Grades ihrer Komplexität. Nach dieser Definition sind beschriebene Methoden der Biografiearbeit somit Techniken und Verfahren in der Methode der Biografiearbeit.

So fließend und unklar die Grenzen sind, lässt sich aber feststellen, dass Biografie – Biografiearbeit – und Methoden/ Techniken der Biografiearbeit aufeinander aufbauend sind und alle Ansätze das gleiche meinen: „… die Vorstellung, dass es ein zutiefst menschliches Bedürfnis ist, dem Leben einen sinnhaften Bezug … zu geben, sich selbst dabei als lebendige Gestalt der eigenen Lebensgeschichte zu erleben und damit Identität unter den Bedingungen von Kontinuität und Diskontinuität zu konstituieren…“ (Jansen, 2009a, 21). Da diese Widersprüchlichkeiten zudem in fast jedem Beitrag zu lesen sind bzw. in der Überzahl der Fachliteratur von Methoden in der Ein- und Mehrzahl gesprochen wird und es nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist, die genaue Abgrenzung abzuwägen, soll hier nun ebenso von Biografiearbeit als Methode und von Methoden der Biografiearbeit gesprochen werden.

Wie sieht aber nun die Einordnung der Biografiearbeit als Methode im Kontext der stationären Kinder- und Jugendhilfe aus? Dies soll nun erläutert werden.

2.3.3.2 Methodenbegriff in der stationären Kinder- und Jugendhilfe

Bei Methoden im Heimbereich ist deutlich zu unterscheiden, ob es sich um Methoden oder um sozialpädagogische Vorgehensweisen handelt. Zu den sozialpädagogischen Handlungsweisen zählen u.a. die Strukturierung des Alltags, die Beziehungsarbeit, das Bezugserzieher(innen)system und die Ich-Stärkung (Günder, 2003, 178ff). „Methodische Vorgehensweisen innerhalb der Heimerziehung sind wie alle Elemente der Hilfeplanung lebensweltorientiert, sie werden deshalb nicht einfach vorgegeben, sondern ausgehandelt und sie bauen auf den Ressourcen der Betroffenen auf.“ (ebd, 175). Nach dieser Definition müsste Biografiearbeit als Methode in der stationären Kinder- und Jugendhilfe „…planmäßig, regelmäßig, zielgerichtet und unter professionellen Inhalten und Rahmenbedingungen stattfinde(n)…“ (ebd, 179). Zudem müsste sie lebenswelt- und ressourcenorientiert sein (ebd, 175). Die genauere Erläuterung soll dazu in Kapitel 5 stattfinden. Zuletzt soll nun noch die Abgrenzung von Biografiearbeit zur Therapie erfolgen.

2.4 Abgrenzung zur Therapie

Biografiearbeit ist keine Form von Psychotherapie. In der Psychotherapie geht es darum die Ursachen von Verhalten und Erleben aufzudecken und zu mildern oder zu heilen. In der Biografiearbeit hingegen geht es darum, dass der Biografieträger selbst der Interpret seiner Lebensgeschichte wird (Hölzle, 2009a, 33). Biografiearbeit ist Betrachten und Verstehen, Therapie ist Wiedererleben und Durcharbeiten (Raabe, 2004, 19). Therapeutische Prozesse gehen tiefer und weiter (Gudjons/ Wagener-Gudjons/ Pieper, 2008, 20), wenngleich sich Biografiearbeit an Verfahren bedient (z.B. Genogramm, Rollenspiel, Lebenspanoramen…), die sowohl in pädagogischen, pflegerischen und therapeutischen Settings genutzt werden (Jansen, 2009a, 21). Biografiearbeit beschränkt sich auf die Selbsterfahrungsebene und treibt methodisch keine therapeutischen Prozesse an. Eine klare Abgrenzung lässt sich nicht immer vornehmen, aber im Zweifelsfall soll aufgrund möglicher Gefahren, wie z.B. einer Retraumatisierung[6], kein therapeutischer Prozess zugelassen werden (Gudjons/ Wagener-Gudjons/ Pieper, 2008, 21).

3. Gegenstand der Biografiearbeit

Bei der Biografiearbeit steht immer der Einzelne im Mittelpunkt, es geht um die „Selbstthematisierung des Subjekts!“ (Raabe, 2004, 19). Biografiearbeit ist immer ein Prozess, in dem es um Sinnwandlung, um Realität und Veränderung geht. Sie eröffnet neue Sichtweisen, Perspektiven und Zukunftsentwürfe (ebd, 18f). Deshalb sind v.a. die biografische Selbstreflexion (Kapitel 3.1) und das autobiografische Gedächtnis (Kapitel 3.2) Gegenstände der Biografiearbeit.

3.1 Biografische Selbstreflexion

„Biografie ist interaktiver Herstellungsprozess, biografische Selbstreflexion und Selbstpräsentation werden eingefordert und zugewiesen.“ (Hanses, 2008, 12). Biografische Selbstreflexion meint durch Übungen und Methoden strukturierte Rückgriffe auf die Lebensgeschichte. Dabei nimmt sie nicht nur das Individuum in den Blick sondern auch die gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Verhältnisse (Gudjons/ Wagener-Gudjons/ Pieper, 2008, 16). „Die Reflexion subjektiven Erlebens im gesellschaftlich-historischen Kontext ermöglicht die Verknüpfung der individuellen Geschichte mit der Kollektivgeschichte.“ (Hölzle, 2009a, 33).

3.2 Autobiografisches Gedächtnis

„Autobiografische Erinnerung ist ein dynamisches Geschehen, immer Prozess und Resultat zugleich.“ (Rath, 2009, 95). Nach Sigmund Freud (zit. in: ebd 91ff) ist unser autobiografisches Gedächtnis in Bezug auf Kindheitserinnerungen höchst unzuverlässig. Es kann aufgrund der Rückprojektionen von Phantasien Erinnerungsfälschungen erzeugen. Allerdings knüpft es an reale Kinderszenen an. Nicht nur die autobiografische Erinnerung, sondern auch Biografien und Autobiografien sind bezüglich ihres Wahrheitsgehalts fraglich (ebd). Erinnerungen werden nicht selten verkürzt oder ausgeschmückt, manche Erinnerungen verblassen, manche verschwinden, wenn sie nicht in Anspruch genommen werden. Doch das Vergessen (z.B. schlimmer Erlebnisse) ist eine wichtige Fähigkeit, um handlungsfähig zu bleiben. Das autobiografische Gedächtnis unterliegt einem ständigen Wandlungsprozess (Gudjons/ Wagener-Gudjons/ Pieper, 2008, 25f). Jede Erinnerung einer biografischen Szene wird durch die erneute Erzählung wieder neu überschrieben, (Rath, 2009, 91ff) „… Erinnerungen sind Ereignisse plus die Erinnerung an die Erinnerung.“ (Welzer 2003, 200). Das autobiografische Gedächtnis ist die Grundfähigkeit das ICH und das DAMALS in Verbindung zu bringen (Gudjons/ Wagener-Gudjons/ Pieper, 2008, 13). In unserer Erinnerung finden sich verschiedene Repräsentationssysteme (visuell, auditiv, olfaktorisch, kinästhetisch), das hat zur Folge, dass durch Außenreize ein gespeichertes Ereignis assoziiert wird und das Gedächtnis danach sucht: „Wo habe ich das schon erlebt, gesehen, gehört, gerochen oder gefühlt?“ Bei der Konstituierung des autobiografischen Gedächtnisses spielen somit alle sinnlichen Wahrnehmungskanäle eine wichtige Rolle (Knoblich/ Schmid-Isringhausen, 2002, 107f).

Spezifische Erinnerung werden oft verallgemeinert und werden nicht selten zu „… Schemata in Form von ˏSkripts`…“ (ebd, 108), die für das Leben eine große Bedeutung haben. Nach diesen Skripts werden bestimmte Situationen und das Verhalten strukturiert (z.B. „ich wurde immer benachteiligt“) (ebd).

„Lebensgeschichtliche Erzählungen […] geben […] Auskunft darüber, wie jemand sich in der Gegenwart situiert und welche ˏLehren` er aus seiner nach Maßgabe der Gegenwart fungierten Vergangenheit zieht, und nicht darüber, was er tatsächlich erlebt hat.“ (Welzer, 2003, 199f). Und letztendlich ist die entscheidende Frage bei Biografiearbeit nicht nach den Fakten, sondern nach dem subjektiven Erleben und Sinn (Gudjons/ Wagener-Gudjons/ Pieper, 2008, 26).

Zusammenfassend lässt sich folgendes sagen: Gegenstand der Biografiearbeit ist die methodische Begleitung und Anleitung der biografischen Selbstreflexion unter Berücksichtigung der Kenntnisse über das autobiografischen Gedächtnis. Biografiearbeit ist, wie bereits erwähnt, in konkrete Formen der Begleitung und Unterstützung eingebunden. Darum soll zunächst Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen und anschließend im Feld der stationären Kinder- und Jugendhilfe erläutert werden.

[...]


[1] Die Begriffe stationäre Kinder- und Jugendhilfe, stationäre Erziehung und Heimerziehung sind als identisch zu betrachten.

[2] Bei der Verwendung des Begriffes Kinder, sind immer Kinder und Jugendliche gemeint. Von Jugendlichen wird nur gesprochen, wenn diese explizit gemeint sind.

[3] Bei jeder Bezeichnung von Personen sind sowohl die weibliche als auch die männliche Person gemeint, auch wenn immer die männliche Variante verwendet wird.

[4] Wobei das außen sowohl der Lebenslauf, als auch die Umwelt sein kann.

[5] Vergleiche hierfür folgende Literatur: Kinder und Jugendliche: Lattschar, Birgit/ Wiemann Irmela, 2008, Mädchen und Jungen entdecken ihre Geschichte. Grundlagen und Praxis der Biografiearbeit. 2. Auflage. Weinheim: Juventa und Ryan, Tony/ Walker, Rodger, 2007, Wo gehöre ich hin? Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen. 4. Auflage. Weinheim: Juventa Erwachsenenbildung: Kerkhoff Barbara/ Halbach Anne, 2002, Biografisches Arbeiten. Beispiele für die praktische Umsetzung. 1. Auflage. Hannover: Vencentz und Ruhe, Hans Georg, 1998, Methoden der Biografiearbeit. Lebensgeschichten und Lebensbilanz in Therapie, Altenhilfe und Erwachsenenbildung. 1. Auflage. Weinheim und Basel: Beltz Altenhilfe: Osborn, Caroline/ Schweitzer, Pam/ Trilling, Angelika, 1997, Erinnern. Eine Anleitung zur Biographiearbeit mit alten Menschen. 1. Auflage. Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag Behindertenhilfe: Lindmeier, Christian, 2004, Biografiearbeit mit geistig behinderten Menschen. 1. Auflage. Weinheim: Juventa Benachteiligtenförderung: Raabe, Wolfgang, 2004, Biografiearbeit in der Benach-teiligtenförderung. 1. Auflage. Darmstadt: hiba Verlag

[6] „Das Reaktivieren von traumatischen Erfahrungen kann im Nervensystem zu neuer traumatischer Verwundung führen (Retraumatisierung).“ (Lattschar/ Wiemann, 2008, 84). Näheres dazu in Kapitel 7.4.2.

Details

Seiten
71
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656040859
ISBN (Buch)
9783656041153
Dateigröße
3.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181188
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Schlagworte
Biografie Biografiearbeit Lebenslauf Erinnerung stationäre Kinder- und Jugendhilfe Heim

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Titel: Biografiearbeit in der stationären Kinder- und Jugendhilfe