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Gegenwärtige Integrationsprobleme unter dem Blickwinkel der Anomietheorie

Seminararbeit 2011 20 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

1 Einleitung

In Zusammenhang mit Wanderbewegungen (Migration) sind bei bestimmten Gruppen von zuwandernden Personen Integrationsprobleme beobachtbar, welche ihrerseits zu einer Steigerung der gesellschaftlichen Anomie führen können.

Es wird der Frage nachgegangen, ob und unter welchen Bedingungen ein Anstieg von Anomie zu erwarten ist und mit welchen Maßnahmen diesem Anstieg entgegenge- wirkt werden kann - sofern der Wunsch und der gesellschaftliche Wille dazu vorhanden ist.

Vorangestellt werden Definition der Begriffe Anomie, Migration und Integration. Anschließend werden die Entstehungsursachen und die Reaktionen von und auf Anomie besprochen. Diese Aspekte werden in Bezug gesetzt zum Themenfeld Integration. Stichprobenartig wird untersucht, ob sich Anomie bzw. Reaktionen darauf bei den zuwandernden Menschengruppen beobachten lässt.

Hierbei wird immer die gegenwärtig in Österreich vorzufindende Situation betrach- tet: mehr oder weniger dauerhafte Zuwanderung aus eher fremden Kulturkreisen (Tür- kei, Ex-Jugoslawien, Afrika . . . ) und ein eher angespanntes bis konfliktträchtiges Ver- hältnis der beiden Gruppen der „Altansässigen“ und der „Zugewanderten“.

2 Definitionen

In diesem Abschnitt wird eine Anzahl gebräuchlicher Definitionen von Migration, Integration und Anomie gegeben. Anschließend werden die Begriffe auf die für die vorliegende Problemstellung notwendige Begrenzung eingeengt.

2.1 Migration

Definitionen des Begriffes Migration findet man im Lexikon der Soziologie:1

Migration, Wanderung, Bewegung von Individuen, Gruppen oder Ge- sellschaften (Bevölkerung) in geographischen und sozialen Raum, die mit einem ständigen oder vorübergehenden Wechsel des Wohnsitzes verbunden ist. M. ist Gegenstand verschiedener Disziplinen (Demographie, Ökono- mie, Soziologie, Anthropologie, Völkerkunde, Statistik), die den Begriff in unterschiedlicher Weise gebrauchen. So wird M. beispielsweise definiert als [1] Wechsel eines Individuums oder einer Gruppe von einer Gesellschaft in eine andere (. . . );

[2] Wechsel von einer sozio-kulturellen Umgebung in eine andere, die sich grundsätzlich von der ersten unterscheidet und auf Grund der Distanz physische Kontakte unmöglich macht (. . . );

[3] Jeder freiwillige oder unfreiwillige, dauernde oder vorübergehende Wechsel des Wohnsitzes (. . . );

[4] Ständiger oder vorübergehender Wechsel des Wohnsitzes, worunter auch der Wohnsitzwechsel innerhalb eines Hauses zu verstehen ist (. . . ); Inwieweit M. zur sozialen Mobilität zu rechnen ist, wird in der Lite- ratur nicht einheitlich beantwortet. Als Synonym für M. stehen Begriffe wie geographische, räumliche und im engeren Verständnis regionale Mo- bilität. Teilweise werden diese ohne Einschränkung mit dem Begriff der horizontalen Mobilität gleichgesetzt (. . . ), teilweise nur bedingt (. . . ).

Offensichtlich passt für die hier zu betrachtende Situation die „Teildefinition“1 in Verbindung mit[2] am ehesten, wobei aber anzumerken ist, das physische Kontakte durchaus möglich sind.

2.2 Integration

Der Begriff Integration wird sehr vielschichtig verwendet.2 Vor allem gibt es „die Integration“ nicht nur in Zusammenhang mit Migration, sondern auch verschiedene

Arten von ihr. In dieser Arbeit wird Integration in folgender vereinfachender Weise gesehen: Integration bezeichnet einen Zustand der Einbindung (und gesellschaftlicher Akzeptanz) von Zuwandernden, der ihnen im Großen und Ganzen die gleichen Rechte, Möglichkeiten und Chancen bietet und indem die wesentlichen Grundnormen der Gesellschaften akzeptiert und respektiert werden.

Diese Punkte sollen hier kurz erörtert werden. Die „aufnehmende“ Gesellschaft for- dert also etwas und gibt auch etwas. Umgekehrt geben Migranten etwas aber fordern auch etwas.

Was (vom Standpunkt der aufnehmenden Gesellschaft) gegeben werden muss, ist die rechtliche Gleichstellung und die Chancengleichheit (welche sowohl eine rechtli- che Basis hat als auch auf alltäglichen Verhaltensweisen beruht). Gefordert wird von den zuwandernden Personen eine Akzeptanz und Einhaltung von bestimmten Grund- normen und eine Aufgabe von Verhaltensweisen und Normen, die eben genau diesen widersprechen.

Exakt in diesem Spannungsfeld liegen die Probleme des Alltags oder des praktischen Zusammenlebens verschiedener Gruppen. Sie rühren zu einem beachtlichen Teil aus der fehlenden Definition und der diffusen Formulierung der erwähnten Grundnormen her.

Ohne hier bestimmte Dinge ohne weitere, ausführliche Diskussion als solche Grundnormen erklären zu wollen, seien exemplarisch einige Punkte angesprochen, die even tuell als solche Grundnormen anzusehen sind: Staatliches Recht steht über religiösem Recht, Gleichstellung von Mann und Frau, Gewaltmonopol des Staates, Selbstbestimmungsrecht bei Volljährigkeit, keine Zwangsehen, u.ä. Ganz sicher gehören Kleidungsnormen nicht zu den Grundnormen (Stichwort Kopftuch).

2.3 Anomie

Im Lexikon zur Soziologie3 findet man folgender Definitionen von Anomie:

Anomie,[1] Zustand der Regellosigkeit bzw. Normlosigkeit a) als Folge wachsender Arbeitsteilung; die Individuen stehen in ungenügend intimer und dauerhafter Beziehung, so dass sich kein System gemeinsamer Regeln entwickeln kann, b) als Folge der Ausweitung der menschlichen Bedürfnis se ins Unendliche. A. tritt besonders in Zeiten plötzlicher wirtschaftlicher Depression oder Prosperität auf und führt zu einer erhöhten Rate abweichenden Verhaltens ( É . Durkheim).

[2] Zusammenbruch der kulturellen Ordnung in Form des Auseinander- klaffens von kulturell vorgegebenen Zielen und Werten einerseits und den sozial erlaubten Möglichkeiten, diese Ziele und Werte zu erreichen, ande rerseits. Die Situation der A.übt auf die Individuen einen Druck zu ab weichenden Verhalten aus und wird je nach Anerkennung oder Ablehnung der kulturellen Ziele und Werte der erlaubten Mittel durch verschiedene Formen der Anpassung bewältigt (R. K. Merton).

[3] Bezeichnung für einen psychischen Zustand, der vor allem durch Ge- fühle der Einsamkeit, der Isoliertheit, der Fremdheit, der Orientierungslo- sigkeit sowie der Macht- und Hilflosigkeit gekennzeichnet ist. An Stelle die- ses Begriffs der A. wird auch die Bezeichnung „ Anomia “ (engl.: anomia) verwandt. Psychologische A. gilt als Folge der A. im soziologischen Sinne. Zur Messung psychologischer A. sind verschiedene, zumeist als „ Anomies- kalen “ bezeichnete Einstellungsskalen entwickelt worden (. . . ).

[4]. . .

Für unsere Bedürfnisse scheint die Definition2 am ehesten zu passen, wobei aber in der gegenwärtigen, österreichischen Situation sicherlich nicht von einem „Zusammenbruch der kulturellen“ Ordnung zu sprechen ist.

3 Anomie bei Durkheim

Bei Durkheim4 findet man folgende einprägsame Aussage zu Ursache und Wirkung der Anomie:

... Zustand von Verbitterung und gereiztem Ü berdruss, der zu Anomie führt, kann je nach den Umständen sich entweder gegen den Betreffenden selbst oder gegen den Mitmenschen richten.

Hier ist schon klar erkenntlich, dass Anomie zwei Arten von Folgen haben kann: Entweder kriminelle Handlungen oder selbstdestruktive Aktionen (Selbstmord, Alkoholismus / Drogenkonsum, . . . ). Anomie geht nach Durkheim einher mit Verbitterung und Überdruss (Überdruss nicht aufgrund von Übersättigung sondern aufgrund von Mangel an bestimmten Dingen).

Des Weiteren sieht Durkheim die Gründe für Anomie folgendermaßen:5

Anomie entsteht bekanntlich dadurch, daßes an bestimmten Stellen innerhalb der Gesellschaft an Kollektivkräften fehlt, das heißt an Gruppen, die zur Regelung des Lebens in der Gesellschaft geschaffen sind.

[...]


1 Fuchs et al. (1988) S. 502.

2 Fassmann (2006).

3 Fuchs et al. (1988) S. 44.

4 Durkheim (1973) S. 421.

5 Durkheim (1973) S. 454.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656043690
ISBN (Buch)
9783656043546
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181256
Institution / Hochschule
Johannes Kepler Universität Linz – Institut für Soziologie
Note
1
Schlagworte
gegenwärtige integrationsprobleme blickwinkel anomietheorie

Autor

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Titel: Gegenwärtige Integrationsprobleme unter dem Blickwinkel der Anomietheorie