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Brünhild im Vergleich mit ihren nordischen Versionen und ihre Darstellung im Nibelungenlied

Seminararbeit 2008 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nordische Brünhild-Figuren
2.1 Brynhild in der Snorra Edda
2.2 Brynhild in der Völsunga-Saga
2.3 Brynhild in der Thidrekssaga

3. Vergleich zwischen den nordischen Versionen und der Brünhild im Nibelungenlied
3.1 Erweckung
3.2 Werbungsfahrt und Brautnacht
3.3 Frauenzank

4. Zwei Brünhild-Figuren im Nibelungenlied
4.1 Mächtige Herrscherin und Amazone
4.2 Wahrung der männlichen Weltordnung
4.3 Wechsel der attitude

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Thema dieser Arbeit ist die Darstellung und Umsetzung der Brünhild-Figur im Nibelungenlied, was an ihr möglicherweise auf Vorlagen aus der nordischen Sagendichtung beruht und wie diese den Dichter des Nibelungenliedes beeinflusst haben

Zuerst wird exemplarisch anhand wichtiger Sagenkompilationen skizziert, wie die Brynhild-Figur (so die nordische Schreibweise) in den skandinavischen Quellen dargestellt wird. Dann werden bedeutsame Handlungskomplexe um Brünhild aus diesen Sagen mit dem Nibelungenlied verglichen und aufgezeigt, an welchen Stellen ganz verschiedene Umsetzungen realisiert wurden. Auf dieser Basis folgt eine genauere Betrachtung der Brünhild-Figur im Nibelungenlied mit Schwerpunkt auf der Zwei-Brünhild-Figuren-Theorie.

Der zweite, vergleichende Teil ist analytisch möglichst nah am Originaltext des Nibelungenliedes angelegt und orientiert sich besonders an der Sekundärliteratur von Ursula Schulze, der dritte Teil, der die Gestaltung der Brünhild-Figur im Nibelungenlied untersucht, geht unter anderem kritisch mit Gail Newmans Aufsatz „The Two Brunhilds?“ im Vergleich zu Elisabeth Lienerts und Ursula Schulzes Forschungsstandpunkten um.

2. Nordische Brünhild-Figuren

Im Folgenden soll kurz dargestellt werden, wie Brünhild in der Snorra Edda, in der Völsunga-Saga und in der Thidrekssaga dargestellt wird und welche Handlung sich um diese Figur herum ereignet. Alle drei Quellen sind in Skandinavien entstanden.

2.1 Brynhild in der Snorra Edda

Die Snorra Edda ist ein Lehrbuch für Skalden und entstand um 1220 durch den isländischen Dichter und Historiker Snorri Sturluson.[1] Sie stellt eine wichtige Quelle der germanischen Mythologie dar, unterliegt allerdings schon christlichen Einflüssen.[2]

Der Held Sigurd – ihm entspricht Siegfried im Nibelungenlied – reitet, nachdem er schon andere Abenteuer bestritten hat, zu einem Haus im Gebirge, worin sich eine schlafende Walküre aufgebahrt mit „Helm und Brünne“ befindet, welche ihr Sigurd vom Leib schneidet und woraufhin sie erwacht. Von nun an wird sie Brynhild genannt.[3]

Später in der Sage geht Sigurd mit Gunnar (≈Gunther) auf Werbungsfahrt, um um Brynhild zu werben. Diese befindet sich in einer Halle inmitten der Waberlohe (ein Wall aus lodernden Flammen[4] ) und hat geschworen, nur den zu heiraten, „der es wagt[], die Waberlohe zu durchreiten“[5]. Da Gunnars Pferd davor zurückschreckt die Flammen zu durchreiten, wechseln Gunnar und Sigurd ihre Gestalt und dieser reitet durch die Waberlohe. Daraufhin heiratet Brynhild Sigurd im Glauben, er sei Gunnar, noch am selben Abend. Um ihr aber nicht in der Hochzeitsnacht die Unschuld zu nehmen, legt er sein Schwert in die Mitte des Bettes. Am nächsten Morgen schenkt er ihr einen Ring und nimmt ihr dafür einen anderen vom Finger. „Dann [reitet] Sigurd zu seinen Gefährten zurück“ und wechselt mit Gunnar wieder die Gestalt.[6]

Der Frauenzank zwischen Brynhild und Sigurds Ehefrau Gudrun, Gunnars Schwester, wird folgendermaßen in der Snorra Edda dargestellt: Beide Frauen bleichen sich im Flusswasser die Haare. Brynhild möchte weiter flussaufwärts knien, damit sie nicht das Wasser abbekommt, das Gudruns Haare durchronnen hat, und begründet ihr Recht darauf damit, dass sie den mutigeren Gatten habe. Nun positioniert sich Gudrun wiederum weiter flussaufwärts und äußert, dass Sigurd noch tapferer als Gunnar sei, woraufhin Brynhild erwidert, dass Gunnar die Waberlohe durchritten habe. Gudrun offenbart ihr dann, dass das in Wirklichkeit Sigurd war, und hält ihr zum Beweis den Ring vor, den Sigurd Gunnars Frau in der Hochzeitsnacht abgenommen hat. Brynhild veranlasst daraufhin Sigurds Tod.

2.2 Brynhild in der Völsunga-Saga

Die Völsunga-Saga entstand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts und kennt wie die Snorra Edda die Erweckungsszene auf dem Berg Hindarfjall:

„Auf dem Berg sah er ein großes Licht, wie wenn ein Feuer bränne, zum Himmel leuchten. Aber als er hinkam, stand dort ein Zaun aus Schilden und oben heraus eine Fahne. Sigurd betrat die Umzäunung und sah, dass dort ein Mann lag und in voller Kriegsbewaffnung schlief. Er nahm ihm zuerst den Helm vom Haupt. Da sah er, dass es eine Frau war. Er schnitt ihr mit dem Schwert die wie festgewachsene Brünne vom Leib, da erwachte sie.“[7]

Nach der Erweckung Brynhilds sagt Sigurd zu ihr, dass er sie sich zur Frau wünscht, und sie erwidert „Dich will ich am liebsten haben, und hätte ich unter allen Männern zu wählen“[8], woraufhin sich die beiden verloben und dann zusammen eine Tochter, Aslaug, bekommen. „Die Saga handelt ausführlicher als andere Dichtungen von der Begegnung der kriegerischen Schildjungfrau mit Sigurd.“[9] Im weiteren Handlungsverlauf sind die beiden jedoch meist voneinander getrennt, zwischenzeitlich kommt es allerdings zu einer Begegnung, bei der das Paar das gegenseitige Versprechen erneuert.

Gudruns Mutter verabreicht Sigurd einen Vergessenstrank, damit er sein Gelöbnis gegenüber Brynhild vergisst und Gudrun heiratet. Das geschieht auch so und dadurch wird es möglich, dass Gunnar Brynhild heiraten kann, nachdem er die Waberlohe scheinbar durchritten hat.[10] Brynhild ist mit dieser Wendung der Geschehnisse erst nicht zufrieden und klagt „ Sigurðr, sá er ek kaus mér til mannz[11] („Sigurd, den ich mir zum Mann erkor“), kommt dann aber ihrem Schwur nach und heiratet Gunnar. Sigurd wiederum übt sich als Brynhilds Freier in Gunnars Namen und entwendet ihr den Ring, den er ihr einst zur Verlobung geschenkt hat. Anschließend schenkt er ihn Gudrun, welche ihn Brynhild in der Flussszene vorhält, die ganz ähnlich wie die der Snorra Edda angelegt ist: Die beiden Frauen streiten darum, wer von höherem Rang ist und deshalb sein Haar weiter flussaufwärts baden darf.[12] Die sich durch den Werbungsbetrug betrogen fühlende Brynhild verlangt daraufhin Sigurds Tod, der im „Mordrat“ beschlossen und damit begründet wird, dass Sigurd „Brynhild das Magdtum genommen habe“.[13] Daraufhin „tötet [Brynhild] sich selbst, um mit [Sigurd] im Jenseits vereint zu sein.“[14]

2.3 Brynhild in der Thidrekssaga

Um 1250 entstand in Norwegen die Kompilation deutscher Sagenstoffe namens Thidrekssaga, die hauptsächlich vom Leben Thidreks af Bern handelt.[15]

Thidrek wird zum Kampf herausgefordert von Heime, der der Verwalter von Brynhilds Gestüt ist, woher die besten Heldenrosse stammen.

Sigurd ist der Sohn von König Sigmund und Sisibe, die ihr Kind aber direkt nach der Geburt aussetzen muss, weil sie zum Tode verurteilt ist. Sigurd wächst also im Wald „von einer Hinde gesäugt“ und später bei einem Schmied auf, der ihm ein Pferd von Brynhilds Gestüt schenken will. Als Sigurd zu Brynhild, der „Herrin der Burg Seegard in Schwaben“, kommt, klärt sie ihn über seine Herkunft auf[16], nachdem sie ihn an seiner Stärke beim Zerbrechen des Eisentores und Erschlagen der Wächter erkannt hat.[17]

Im 14. Kapitel der Thidrekssaga wird berichtet, wie Sigurd Grimhild, Gunnars Schwester, und dieser Brynhild ehelichen. Gunnar ist der König der Niflungen (≈Nibelungen). Da Brynhild sich Gunnar verweigert, defloriert Sigurd sie unerkannt durch einen „Kleidertausch“[18] und nimmt ihr somit ihre Macht. Beide Männer schweigen über dieses Geschehnis. Zur Eheschließung zwischen Gunnar und Brynhild kommt es einfach dadurch, dass der König zu ihrem Schloss reitet und um ihre Hand anhält. Obwohl sich Sigurd und Brynhild schon zuvor begegnet sind, wird erst jetzt erwähnt, dass er ihr die Ehe versprochen hat. Allerdings entschuldigt er sich, dass er schon mit Grimhild verheiratet ist und Gunnar „ein tüchtiger Mann“ „als Ersatz“ für ihn sei.[19]

Eines Tages kommt es zu einem Streit, weil Brynhild Platz auf einem Hochsitz nehmen möchte, auf dem aber Grimhild bereits sitzt. Brynhild behauptet, dass sie Anspruch auf den Platz habe, weil der Mann ihrer Schwägerin als Kind „hinter einer Hirschkuh“ hergelaufen sei, woraufhin Grimhild ihr offenbart, dass Sigurd es war, der ihr die Unschuld genommen hat. Entrüstet darüber veranlasst Brynhild Sigurds Tod im Mordrat, der von Högni (≈Hagen) ausgeführt wird.[20]

3. Vergleich zwischen den nordischen Versionen und der Brünhild im Nibelungenlied

Dieser Abschnitt beschäftigt sich mit Ähnlichkeiten und Unterschieden zwischen den Brynhild-Darstellungen in den oben genannten nordischen Sagen und der Brünhild aus dem Nibelungenlied, wie die nordischen Versionen den Dichter des Nibelungenliedes möglicherweise beeinflusst haben und an welchen Stellen Modifikationen der Figur notwendig waren.

3.1 Erweckung

Die in der Snorra Edda durch Sigurd erweckte Brynhild ist eine Walküre, eine in der germanischen Mythologie jungfräuliche Kriegerin, ein Schildmädchen, das dem Gott Odin dient und somit aus einem göttlichen, mystischen Umfeld stammt.[21] Brünhild war eine der neun respektive zwölf Walküren in Walhall, eine kräftige, auf die Krieger erotisch wirkende Frau, die die „Sterblichen zum Kampf herausfordert“.[22] Solch ein Szenario passt nicht in die höfische Welt des Nibelungenliedes, aber durch Brünhilds übermenschliche Stärke vor der Ehe mit Gunther ergibt sich eine Art Zwischenstufe zwischen der mythischen Walküre und der höfischen Dame nach der Eheschließung.

Die Erweckungsszene in der Snorra Edda und in der Völsunga-Saga findet im Nibelungenlied also keine direkte Entsprechung, denn in der beschriebenen Handlung begegnen sich Siegfried und Brünhild auf der Werbungsfahrt zum ersten Mal. Allerdings weiß Siegfried sowohl darüber Bescheid, wo sich Brünhilds Reich befindet, als auch kennt er die Bedingungen, um sie zur Frau zu gewinnen.[23] Woher er dieses Wissen hat, ob er davon gehört hat oder ob er Brünhild bereits vor der erzählten Handlung persönlich kennen gelernt hat, bleibt ungewiss.[24],[25] Als die Krieger zwecks der Brautwerbung zu Brünhilds Burg ziehen, meldet einer von Brünhilds Gefolgsleuten:

vrouwe, ich mac wol jehen,

daz ich ir deheinen nie mêr habe gesehen,

wan gelîche Sîfride einer darunder stât.[26]

[...]


[1] vgl. Reichert, Hermann: Die Nibelungensage im mittelalterlichen Skandinavien. In: Heinzle, Joachim, Klaus Klein und Ute Obhof (Hrsg.): Die Nibelungen: Sage – Epos – Mythos. Wiesbaden 2003, S. 43. [im Folgenden zitiert als: Reichert: Nibelungensage im mittelalterlichen Skandinavien]

[2] vgl. Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie. 3., völlig überarbeitete Aufl. Stuttgart 2006, S. 389f.

[3] Reichert: Nibelungensage im mittelalterlichen Skandinavien, S. 45.

[4] vgl. Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie. 3., völlig überarbeitete Aufl. Stuttgart 2006, S. 479f.

[5] Reichert: Nibelungensage im mittelalterlichen Skandinavien, S. 45.

[6] vgl. ebd. S. 46.

[7] Reichert: Nibelungensage im mittelalterlichen Skandinavien, S. 52.

[8] ebd., S. 75.

[9] Schulze, Ursula: Das Nibelungenlied. Stuttgart 1997. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe 2003, S. 184. [im Folgenden zitiert als: Schulze: Das Nibelungenlied]

[10] vgl. Schulze, Ursula: Brünhild – eine domestizierte Amazone. In: Bönnen, Gerold und Werner Dahlheim (Hrsg.): Sagen- und Märchenmotive im Nibelungenlied. Dokumentation des dritten Symposiums von Stadt Worms und Nibelungenlied-Gesellschaft Worms e. V. vom 21. bis 23. September 2001. Worms 2002. Neuauflage 2006, S. 124f. [im Folgenden zitiert als: Schulze: Eine domestizierte Amazone]

[11] Reichert: Nibelungensage im mittelalterlichen Skandinavien, S. 77.

[12] vgl. Schulze: Eine domestizierte Amazone, S. 52f.

[13] vgl. Bumke, Joachim: Die Quellen der Brünhildfabel im Nibelungenlied. In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte. 54. Heidelberg 1960, S. 23. [im Folgenden zitiert als: Bumke: Quellen der Brünhildfabel]

[14] Schulze: Eine domestizierte Amazone, S. 125.

[15] Reichert: Nibelungensage im mittelalterlichen Skandinavien, S. 62.

[16] ebd., S. 66.

[17] ebd., S. 67.

[18] ebd., S. 68.

[19] Reichert: Nibelungensage im mittelalterlichen Skandinavien, S. 67.

[20] ebd., S. 68f.

[21] vgl. Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie. 3., völlig überarbeitete Aufl. Stuttgart 2006, S. 483.

[22] vgl. Jacoby, Edmund: Mythen und Sagen des Nordens. Die keltische und germanische Überlieferung dargestellt von Edmund Jacoby. Hildesheim 2007, S. 42.

[23] Das Nibelungenlied. Nach dem Text von Karl Bartsch und Helmut de Boor ins Neuhochdeutsche übertragen und kommentiert von Siegfried Grosse. Ditzingen 2002, S. 330. [im Folgenden zitiert als: Nibelungenlied]

[24] vgl. Schulze: Das Nibelungenlied, S. 185.

[25] vgl. Schulze: Eine domestizierte Amazone, S. 124.

[26] Nibelungenlied 411,1-3.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656045465
ISBN (Buch)
9783656044895
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181296
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Brünhild Brynhild Nibelungenlied Snorra Edda Völsunga Thidreksssaga Frauenzank

Autor

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