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Andachtsbilder - Der Schmerzensmann

Seminararbeit 2001 11 Seiten

Kunst - Malerei

Leseprobe

Inhalt

1. Der Schmerzensmann
1.1. Definition
1.2. Der Begriff Schmerzensmann
1.3. Kreuzigungsdarstellungen um 1300

2. Der Franziskanerorden und die Andacht
2.1. Franziskus von Assisi und der Schmerzensmann
2.2. Das kleine Andachtsbild

3. Geschichte des Schmerzensmann-Bildes im Mittelalter

4. Literaturnachweis

Andachtsbilder: Der Schmerzensmann

1. Der Schmerzensmann

1.1. Definition

Der Glaube an Jesus Christus wurde im Mittelalter nicht nur als Lehrstück behandelt, sondern auch gelebt. Daher hat er sich nicht in ständig gleichbleibender Form gezeigt. Vielmehr traten zu bestimmten Zeiten einzelne Gedanken stärker hervor und andere zurück, so dass in der bildenden Kunst, die dem Glauben Rechnung tragen wollte, nach geeigneten Möglichkeiten gesucht wurde, diese verschiedenen Akzentuierungen auch in den Darstellungen Jesu Christi erkennbar werden zu lassen. Ein besonders signifikantes Beispiel für ein solches Hervortreten einzelner Gedanken und die Suche nach deren bildkünstlerischer Umsetzung ist das seit dem Hochmittelalter fassbare Phänomen des Schmerzensmannes.

Unter dem Begriff Schmerzensmann versteht man ein Bild Jesu Christi, das durch die Wundmale, insbesondere durch die Seitenwunde, auf die Passion und die Wiederholung dieses Opfers im Rahmen der Eucharistie hinweisen soll. Es ist zu unterscheiden von den Ecce-homo-Bildern, auf denen Christus – mit Dornenkrone und Purpurmantel – mit den Merkmalen der vorangegangenen Geißelung, jedoch ohne die Wundmale zu sehen ist.[1]

Im deutschen Raum ist für den Schmerzensmann auch die Bezeichnung Erbärmdechristus oder „Erbärmdebild“ entstanden. Es stellt Christus in keiner chronologisch registrierbaren Situation seines Leidenswegs (bspw. Johannes 18 bis 19) dar, sondern zeigt ihn als Erlöser und visionäre Symbolfigur, durch die Wunden als schon gekreuzigt ausgewiesen. Er wird als Mensch tot und als Gott lebend dargestellt. Das Wesen Christi, zugleich Gott und Mensch, wird bildlich ausgedrückt, wobei jedoch ein neues, gefühlsbetontes Moment hinzukommt: Der Gekreuzigte scheint sich bisweilen unmittelbar an den Betrachter zu wenden und um Erbarmen zu flehen.[2]

Der Schmerzensmann wird häufig mit geöffneten Augen, selten als Leichnam dargestellt. Es entstanden eine Reihe von Typen und Varianten, auch vermischt mit anderen Andachtsbildern: Als Halbfigur aus dem Sarkophag oder aus einem Wolkenraum ragend, als ganze Figur statuenhaft, auf die Seitenwunde weisend oder das Blut aus ihr mit einem Kelch auffangend, mit Leidenswerkzeugen oder von ihnen umgeben, zuweilen sitzend oder fürbittend vor Gottvater kniend, von der Mutter begleitet, die ihn beklagt oder umarmt, oder von Maria und Johannes oder von Engeln umgeben.[3]

1.2. Der Begriff Schmerzensmann

Die Schmerzensmanndarstellungen haben vom biblischen Kontext her im „Vierten Lied vom Gottesknecht“, Jesaja 52,13 bis 53,12, dem die Bezeichnung vir dolorum („Mann der Schmerzen“), Schmerzensmann, entstammt, einen fest umrissenen Vorstellungshintergrund: Es wird eine Person beschrieben, in der sich Herrlichkeit und Niedrigkeit treffen, welche die Schmerzen der Welt trug und damit Sühne für sie geleistet hat:[4]

„Seht, mein Knecht hat Erfolg, er wird groß sein und hoch erhaben. Viele haben sich über ihn entsetzt, so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch, seine Gestalt war nicht mehr die eines Menschen. Jetzt aber setzt er viele Völker in Staunen, Könige müssen vor ihm verstummen. (...) Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so dass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut“[5].

1.3. Kreuzigungsdarstellungen um 1300

Im 14. Jh. wandeln sich Darstellungen des gekreuzigten Jesus: Während zuvor die Darstellung als Triumphierender gebräuchlich gewesen war, wurde er nunmehr als Leidender gezeigt. Um 1300 bezeugen die „crucifixi dolorosi“ diesen Wandel: Christus wird meist an einem Gabelkreuz hängend dargestellt, wobei er ausgezehrt, mit schmerzvollen Gesichtsausdruck, geschlossenen Augen und der Dornenkrone auf dem Haupt gezeigt wird. Diese Art der Ausgestaltung lässt sich vor allem durch Kriege, Hungersnöte und die um sich greifenden Pestepidemien jener Zeit erklären: Das Bild von leidenden, dürren Körpern war allgegenwärtig, die Seuche schien eine Strafe Gottes zu sein. Durch die Parallele zwischen den Leiden Christi und den menschlichen Leiden wird die Perspektive auf das ewige Leben nach dem Tode eröffnet, das Erlösung von dem weltlichen Schmerz offeriert. Eine derartige Darstellung ist eng verbunden mit der Frömmigkeit jener Zeit; daher ist es nicht verwunderlich, dass immer neue Christusbildtypen entstehen. Das Bild des leidenden Christus, des Schmerzensmann, als reines Andachtsbild, ist ebenfalls Ausdruck dieser Passionsfrömmigkeit.[6]

Der Schmerzensmann wurde neben dem Kruzifix das hervorragende Bild des Herrn. Seit der Einführung des Fronleichnamsfestes (mhd. „Leib des Herren“) 1264 durch Papst Urban IV. erhielt es für alle Gläubigen zentrale Bedeutung.[7]

Das Bild des Schmerzensmannes, der imago pietatis („Bild der hingebenden Gottesliebe“), wie es im Mittelalter hieß, als mystisches Andachtsbild findet sich auf so vielen Sakramentshäusern und Monstranzen, dass es letztendlich zu einem Etikett der Heiligen Eucharistie geworden ist.[8]

2. Der Franziskanerorden und die Andacht

2.1. Franziskus von Assisi und der Schmerzensmann

Franziskus von Assisi (1181–1226) hatte eine besonders enge Beziehung zum Leiden Christi: So zeigen gemalte Kruzifixe des 13. Jh. aus Italien den Heiligen zu Füßen des Gekreuzigten, die Wunden küssend. Später wird Franziskus den Schmerzensmann umarmend oder Blut aus der Seitenwunde Christi mit einem Kelch auffangend dargestellt. Bisweilen erscheint Franziskus in Kreuzigungs-darstellungen auch als Begleitfigur.

Die Ähnlichkeit zwischen Jesus und Franziskus zeigt sich in der wunderbaren Übertragung der Wundmale des Gekreuzigten auf den Begründer des Franziskanerordens 1224 auf dem Berg Alverna. Auch die Geburt des Franziskus (der Legende nach) in einem Stall, seine erste – nach dem Vorbild der Apostel – gegründete zwölfköpfige Brüdergemeinde, die Pflege von Aussätzigen und die Verkündung der Worte Christi sind Zeichen für die Verbundenheit des Ordensgründer zu Jesus. Die imitatio der erduldeten Leiden Christi, die von Franziskus vorgelebt worden war, wurde in der Folgezeit in vielen Klöstern, auch außerhalb des Franziskanerordens, geübt.[9]

[...]


[1] vgl. Seibert, Jutta (Hrsg.). Lexikon christlicher Kunst. 1980, Freiburg, Brsg.: Herder, S. 279

[2] Sachs, Hannelore, Badstübner, Ernst, Neumann, Helga. Christliche Ikonographie in Stichworten. 1973, S. 297

[3] vgl. Lexikon des Mittelalters, Bd. I, 1980, S. 587f

[4] vgl. Zimmermann, Andrea. Jesus Christus als „Schmerzensmann“ in hoch- und spätmittelalterlichen Darstellungen der bildenden Kunst: eine Analyse ihres Sinngehalts. 1997, Halle: Elektronisches Dokument, ULB Sachsen-Anhalt, S.458

[5] Die Bibel, 1980, Stuttgart: Katholische Bibelanstalt, S.858

[6] vgl. Winnekes, Katharina. Christus in der Bildenden Kunst. 1989, München: Kösel, S. 27ff

[7] Appuhn, Horst. Private Andachtsbilder. 1970, S. 10

[8] vgl. Appuhn, Horst. Einführung in die Ikonographie der mittelalterlichen Kunst in Deutschland. 19853, S. 77

[9] vgl. Seibert, Jutta (Hrsg.). Lexikon christlicher Kunst. 1980, S. 117ff

Details

Seiten
11
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638225434
ISBN (Buch)
9783656561378
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18140
Institution / Hochschule
Technische Universität Darmstadt – Institut für Kunstgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Andachtsbilder Schmerzensmann Kunst Bettelorden

Autor

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Titel: Andachtsbilder - Der Schmerzensmann