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Der Begriff der Armut bei Thomas von Aquin und Aristoteles

Seminararbeit 2010 22 Seiten

Philosophie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsangabe

1 Einleitung

2 Thomas von Aquin
2.1 Evangelische Vollkommenheit
2.2 Der Begriff der Armut
2.3 Armut als Werkzeug zur Erlangung der evangelischen Vollkommenheit
2.4 Fazit

3 Aristoteles
3.1 Eudaimonia
3.2 Die äußeren Güter
3.3 Äußere Güter als Werkzeug zur Erlangung der Eudaimonia
3.4 Fazit

4 Zusammenfassung

1. Einleitung

Diese Arbeit setzt sich kritisch mit der Frage auseinander, was unter der evangelischen Armut bei Thomas von Aquin und den äußeren Gütern bei Aristoteles zu verstehen ist und welche Rolle diese Begriffe in der jeweili­gen Philosophie der beiden Autoren spielen. Dabei werde ich von der These ausgehen, dass sowohl die evangelische Armut bei Thomas als auch die äußeren Güter bei Aristoteles Werkzeuge zum Erreichen des ei­gentlichen Ziels des Menschen sind, nämlich

(1) der evangelischen Vollkommenheit bei Thomas und
(2) der eudaimonia bei Aristoteles.

Der Unterschied zwischen beiden Sichtweisen besteht allerdings darin, dass dieses Werkzeug bei Thomas die Armut ist, bei Aristoteles hingegen im Vorhandensein von äußeren Gütern besteht. Bei Thomas lenken Be­sitztümer und Geld vom eigentlichen Ziel - der evangelischen Vollkom­menheit - ab, bei Aristoteles sind diese Güter die Grundvoraussetzung für das Erreichen der eudaimonia und damit der höchsten - nämlich der betrachtenden - Lebensform des Menschen (bios thêorêtikos).

Als Hinführung zum oben vorgestellten Thema werde ich zunächst die Begriffe der evangelischen Vollkommenheit und der eudaimonia erläu­tern. Außerdem wird untersucht, was Armut im Rahmen der Thomisti- schen Philosophie ist und was Aristoteles unter äußeren Gütern versteht.

2. Thomas von Aquin

In diesem Kapitel wird gezeigt, was Thomas von Aquin unter der evange­lischen Vollkommenheit versteht und welche Bedeutung er dem Armuts­begriff im Rahmen seiner Philosophie beimisst. Außerdem wird die Frage geklärt, wie die freiwillige Armut als Werkzeug zur Erlangung der evange­lischen Vollkommenheit eingesetzt werden kann.

2.1 Evangelische Vollkommenheit

Der Begriff der Vollkommenheit bezeichnet die Übereinstimmung von Sein und Sollen. Darunter wird sowohl eine innere Vollendetheit als auch eine äußere Vollständigkeit verstanden.[1] Im Alten Testament bezieht sich der Vollkommenheitsgedanke u.a. auf die religiös-sittliche Ganzhingabe des Menschen im Sinne einer Sollens- bzw. Gehorsamsvollkommenheit.[2] Auch bei Thomas von Aquin findet sich dieser Gedanke der Ganzhinga­be. In seiner Ständelehre der Secunda Secundae der Summa Theologiae legt er dar, dass die

„Religion eine Tugend [ist], durch welche wir Gott zu Dienst und Ehre etwas darbringen. Deshalb werden in betonter Weise ,Religiosen’ jene genannt, welche sich gänzlich dem Dienste Gottes weihen, indem sie [sich selbst] gleichsam Gott zum Ganzopfer darbringen.“[3]

„Darin aber liegt die Vollkommenheit des Menschen, dass er gänzlich Gott anhängt. Und infolgedessen bedeutet die Religio(n) [das Ordensleben] den Stand der Vollkommenheit.“[4]

Thomas behauptet, dass jedes Ding ein bestimmtes Ziel hat, in dessen Erlangung seine Vollkommenheit liegt. Für den Menschen stellt Gott die­ses Ziel dar, wobei die menschliche Vereinigung mit Gott alleine durch Liebe vollzogen werden kann. Je größer die Liebe zu Gott, desto höher ist die menschliche Vollkommenheit. Demnach ist Vollkommenheit die Ver­einigung mit Gott durch die vollkommene Liebe.[5] Ziel des Mönchstums ist die Nachfolge Christi in Wort, Tat und Leben im Geiste des Evangeliums. Folglich begründet Thomas das Ziel des Mönchstums als evangelische Vollkommenheit.

Thomas von Aquin unterscheidet aber klar zwischen dem Zustand der Vollkommenheit und dem „Stand der Vollkommenheit" - dem Mönchstum. Der Begriff „Stand" ist keine bloße äußerliche Benennung, sondern eine Bezeichnung dafür, dass der Stand (status) des Mönchstums eine unve­ränderliche Lebensform ist. Thomas schließt keineswegs aus, dass auch außerhalb des Standes der Vollkommenheit ein vollkommenes Leben ge­führt werden und damit ein Zustand der Vollkommenheit erreicht werden kann. Andererseits hält er es für denkbar, dass es im Stande der Voll­kommenheit Mönche geben mag, die nicht vollkommen sind.[6]

Thomas zeigt, dass das Wesen des Standes der Vollkommenheit in der „offiziellen, feierlichen und unwiderruflichen Verpflichtung zum Streben nach der vollkommenen Liebe"[7] gründet. Es ist aber „nicht notwendig, dass jeder, der im Orden lebt, schon vollkommen ist, sondern dass er nach Vollkommenheit strebt."[8] Die bloße Zugehörigkeit zu einem Orden bedeutet demnach nicht bereits das Erreichen des Ziels - der evangeli­schen Vollkommenheit - sondern belegt lediglich, dass der Mönch dieses Ziel anstrebt. „Wer in den Orden eintritt, gelobt nicht, vollkommen zu sein, sondern gelobt, allen Eifer aufzuwenden, um zur Vollkommenheit zu ge­langen."[9]

2.2 Der Begriff der Armut

In der Patristik entwickelt sich im Rahmen der Bibelexegese die Unter­scheidung zwischen praecepta und consilia. Der Begriff praecepta um­fasst die göttlichen zehn Gebote, consilia sind zusätzliche Ratschläge zur Erlangung des Seelenheils. Dabei handelt es sich um sittlich wertvolle Handlungen, die beratenden, keinen verpflichtenden Charakter haben.

Sie beziehen sich z.B. auf das Almosengeben, die Askese, die Keusch­heit oder auch auf bestimmte Tugend- und Frömmigkeitsübungen. Aus diesen consilia haben sich später die drei evangelischen Ratschläge (1) Armut, (2) lebenslange Keuschheit und (3) Gehorsam entwickelt. Die mönchische Lebensform als Stand der Vollkommenheit ist somit das Er­gebnis einer radikalen Umsetzung der drei evangelischen Ratschläge. Erst bei Thomas von Aquin bekommen diese eine differenzierte Fassung und damit eine ethisch-philosophische Rechtfertigung.[10]

Im Rahmen der Quaestio 186,2 seiner Ständelehre der Secunda Secun- dae der Summa Theologiae stellt Thomas die Frage, ob jeder Ordens­mann grundsätzlich zur Befolgung aller drei evangelischen Räte verpflich­tet ist, wenn er den Stand der Vollkommenheit gelobt hat.[11] In dieser Quaestio legt er dar, dass etwas in dreifacher Weise zur Vollkommenheit gehört, nämlich (1) wesentlich, (2) der Folge nach und (3) als Werkzeug. Er zeigt, dass nur die Liebesgebote wesentlich zur Vollkommenheit gehö­ren; der Folge nach „das, was aus der Vollkommenheit der Liebe folgt; z.B., dass einer den segnet, der ihn verflucht,..“[12] ; als vorbereitendes Werkzeug zur Vollkommenheit nennt er „Armut, Enthaltsamkeit, Enthal­tung [von Speis und Trank] und anderes dergleichen“[13]. Allerdings zählt er diese Werkzeuge zu den wesentlichen Gelübden des Ordensstandes, ohne deren Befolgung sich das mönchische Leben unweigerlich verwelt­licht.

„Es gibt gewisse [geistliche] Räte, ohne deren Beobachtung das ganze Le­ben des Menschen sich in weltliche Geschäfte verliert; so wenn einer Ei­gentum besitzt oder verheiratet ist, oder sonst etwas tut, was in den Be­reich der wesentlichen Gelübde des Ordensstandes gehört. Deshalb sind die Ordensleute zur Befolgung all dieser Räte verpflichtet.“[14]

Armut gehört demnach nicht zu den praecepta, denn diese Vorschriften formulieren die notwendige Voraussetzung der Glückseligkeit und Voll­kommenheit. Sie sind im Prinzip an jeden adressiert, weil sie alle Hinder­nisse aus dem Weg räumen, die der Liebe zu Gott entgegenstehen. Ar­mut aber zählt zu den consilia, die für ein auf Vollkommenheit abzielen­des Leben unverzichtbar sind und die Betätigung der Liebe fördern. Rat­schläge „zeigen den Weg aus der Weltbefangenheit zur Freiheit für und in Gott"[15]. Sie sind - anders als die praecepta - nicht von jedem in der glei­chen Weise befolgbar, weil „nicht jeder für die mönchische Lebensweise geboren ist."[16] So erhält der Ratschlag der Armut eine Bedeutung für Theorie und Praxis des Ordenslebens. Im Rahmen der Schulung und Übung ist Armut für den Mönch eine Art therapeutisches Mittel zur Erlan­gung seines Endziels: Der vollkommenen Liebe.[17]

2.3 Armut als Werkzeug zur Erlangung der evangelischen Vollkom­menheit

Bei Thomas nimmt unter den drei Gelübden die freiwillige Armut als Mittel und Werkzeug zur Erlangung der evangelischen Vollkommenheit den wichtigsten Platz ein.

„Daraus ergibt sich: das erste Fundament, um zur Vollendung der Liebe zu gelangen, ist freiwillige Armut, dass man ohne Eigentum lebt...“[18]

Da der Stand der Religiosen nicht bedeutet, schon im Besitz der voll­kommenen Liebe zu sein, genügt es, diese Vollkommenheit anzustreben. Besitz aber birgt die Gefahr, den Geist anzulocken; für Übung und Schu­lung der Ordensleute hingegen ist es unabdingbar notwendig, von allen weltlichen Begierden Abstand zu nehmen.[19]

[...]


[1] HWPh, Bd.11, S.1115.

[2] A.a.O., S.1118.

[3] Thomas von Aquin: Die deutsche Thomas-Ausgabe, Bd.24, II-II / 183-189, 1952, S.103. “Religio autem, ut supra habitum est, est quaedam virtus per quam aliquis ad Dei servitium et cultum aliquid exhibet. Et ideo antonomastice ‘religiosi’ dicuntur illi qui se totaliter manci- pant divino servito, quasi holocaustum Deo oferentes.”

[4] Ebd., „In hoc autem perfecto hominis consistit quod totaliter Deo inhaereat: sicut ex supra dictis patet. Et secundum hoc, religio nominat perfections statum. ”

[5] P. Rupert Hirschenauer: Die Stellung des heiligen Thomas von Aquin im Mendikantenstreit von Paris, 1934, S.113 f.

[6] P. Rupert Hirschenauer, a.a.O., S.115.

[7] P. Rupert Hirschenauer, a.a.O., S.114 f.

[8] Thomas von Aquin, a.a.O., S.104, "Unde non oportet quod quicumque est in religione, jam sit perfectus: sed quod ad perfectionem tendat. ”

[9] Thomas von Aquin, a.a.O., S.107,”Ergo dicendum quod ille qui tansit ad religionem, non profitetur se esse perfectum, sed profitetur se adhibere studium ad perfectionem conse- quendam. ”

[10] HWPh, Bd.8, S.34 f.

[11] Thomas von Aquin, a.a.O., S.105.

[12] Thomas von Aquin, a.a.O., S.106, “sicut illa quae consequuntur ex perfectione charitatis: puta quod aliquis maledicenti benedicati.”

[13] Ebd., “sicut paupertas et continentia et abstinentia et alia hujusmodi. ”

[14] Thomas von Aquin, a.a.O., S.108 f., “dicendum quod quaedam consilia sunt, quae sipraetermitterentur, tota vita hominis implicaretur negotiis saecularibus: puta si aliquis haberet proprium, vel matrimonio uteretur, aut aliquid hujusmodi faceret quod pertinet ad essentialia religionis vota. Et ideo ad omnia talia consilia observanda religiosi tenentur. ”

[15] HWPh, Bd.8, S.35.

[16] Ebd.

[17] Ulrich Horst, a.a.O., S.107.

[18] Thomas von Aquin, a.a.O., S.112, “Inde est quod ad perfectionem charitatis acquirendam, primum fundamentum est voluntaria paupertas, ut aliquis absque proprio vivat...“

[19] Ulrich Horst, a.a.O., S.108.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656045236
ISBN (Buch)
9783656044758
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181412
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,3
Schlagworte
begriff armut thomas aquin aristoteles

Autor

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