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Dantes Odysseus als visionärer Seefahrer? - Die Odysseusdarstellung im Canto 26 des Inferno

Hausarbeit 2009 24 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Gliederung

1.Einleitung

2.Weltbild im frühen Mittelalter

3.Kurze Geschichte der Seefahrt im Frühmittelalter

4.Dantes Weltbild

5.Inhaltliche Zusammenfassung des 26. Inferno-Gesangs

6.Odysseus im 8. Höllenkreis
6.1 Odysseus und die drei Sünden
6.2. Odysseus und sein 'abuso d'intelligenza'
6.3 Die Hybris des Odysseus
6.4. Odysseus als Spiegelbild Dantes

7.Columbus, Alexander und Odysseus

8.Literaturverzeichnis

Einleitung

„Auch hat ja der Held und Gott / den Schiffen zum Grenzziel gesetzt / diese erhabenen Zeichen“. Worauf der Sänger Pindar hier in seiner dritten nemeischen Ode am Anfang des fünften Jahrhunderts vor Christus anspielt, sind die Säulen des Herkules, die man heute als Meerenge von Gibraltar kennt. Sogar der Halbgott Herkules hat es also nicht gewagt über diese Grenze hinauszusegeln und hat für alle Seefahrer deutlich seine Säulen errichtet.

Was veranlasst deshalb Dante „seinen“ Odysseus über diese Grenze hinaus in die menschenleere Weite segeln zu lassen? Das soll in dieser Arbeit näher beleuchtet werden, wobei zuerst ein Überblick über die mittelalterliche Seefahrt gegeben werden soll, bevor der Versuch einer Interpretation des 26. Gesangs des Infernos vollzogen wird.

Weltbild im frühen Mittelalter

Bevor man sich aber dem Stand der frühmittelalterlichen Seefahrt zuwenden kann, muss man sich ein Bild davon machen, wie Dantes Zeitgenossen die Welt gesehen haben. Hier konkurrieren vor allem das christlich geprägte Weltbild, das die Welt als Scheibe sieht, und das ptolemäisch-aristotelische Weltbild, das sich die Welt als Kugel vorstellt.

Die christliche Vorstellung der Welt geht vor allen auf den alexandrinischen Kaufmann und Mönch Kosmas Indikopleustes zurück. Im Jahre 550 schrieb er sein Werk Topographia Christiana, ein aus zwölf Büchern bestehendes Werk, das ein christliches Weltbild zeichnet und somit einen Gegenpart zur ptolemäischen Kugelidee bildete. Indikopleustes stellt sich die Welt als ein Rechteck vor, an dessen Grenzen Mauern sind, die den Himmel tragen.

Obwohl diese Ansicht der Welt weit verbreitet war, fand sie bei den nachfolgenden Generationen keinen großen Anklang mehr: „Die Weltkarte des Indienfahrers Cosmas setzt durch ihre naive und wahrhaft barbarische Einfachheit den Beschauer in Erstaunen.

Die ptolemäische Weltkarte wurde astronomisch berechnet, wobei die Breitenangaben erstaunlich genau wiedergegeben sind (bei gleichzeitiger Schwäche bei den Längenangaben). Die 127 nach Christus von Ptolemäus gezeichnete Weltkarte, die bis weit ins Mittelalter Gültigkeit besessen hat, reicht von den Säulen des Herkules im Westen bis zur Gangesmündung im Osten. Im Norden erstreckt sie sich bis zu dem Land der Skythen und im Süden bis zu der großen Wüste. Als südlichste Bewohner der Erdkugel galten die Inder und die Äthiopier.

Im Gegensatz zu den heutigen Weltkarten, war diese geostet und nicht genordet. Auf der anderen Seite der Kugel vermutete man unendliche Wassermassen ohne festes Land und Menschen.

Auf der bewohnten Nordhälfte liegt bei den sogenannten T-O-Karten im Zentrum Jerusalem, die heilige Stadt: „So spricht Gott, der Herr: Das ist Jerusalem, ich habe es mitten unter die Völker und die Länder ringsum gesetzt“. Im Norden befindet sich Asien, im Südwesten Europa, und im Südosten Afrika. Die anderen beiden Kontinente, Australien und Amerika, waren am Anfang des Mittelalters noch unbekannt.

Kurze Geschichte der Seefahrt im Frühmittelalter

Anfang des elften Jahrhunderts zerbricht die Vorherrschaft der Byzantiner (sie verlieren 1004 zum Beispiel die Macht über Bari) und auch die Sarazenen verlieren an Einfluss durch den Anführer der Normannen Guiscard. Dies bietet eine große Möglichkeit für die Hafenstädte Venedig, Amalfi, Genua, und Pisa ihre Machtposition auszubauen, da sie die Endpunkte der orientalischen Handelsrouten bilden.

Amalfis herausragende Stellung hatte allerdings 1135 ein Ende, als es von Pisa geplündert und erobert wurde. Pisa, im Gegensatz zu Amalfi, trat offen in den Krieg mit der arabischen Welt ein, und mit Hilfe der Normannen besiegten sie 1062 die arabische Flotte in den Gewässern von Palermo.

Vor allem Venedig gewann nun an Macht, da es über eine große Flotte verfügte und in der Adria konkurrenzlos war. Venedig betrieb Seemachtpolitik und nach der Eroberung Istriens wurde es unabhängig. Ein wichtiges Ereignis, das die Entwicklung der Schifffahrt förderte, war der erste Kreuzzug, der 1099 mit der Eroberung Jerusalems endete. Die Seestaaten boten den Kreuzfahrern ihre Handelsschiffe für den Transport von Waffen und Truppen an und erhielten dafür im Gegenzug Küstengebiete in den eroberten Territorien , um ihre Vormachtstellung in Handel mit dem Orient auszubauen.

Die große logistische Aufgabe, die mit dem Kreuzzug verbunden war, machte deutlich, dass neue Entwicklungen im Bereich der Schiffstechnik von Nöten waren. Schon 1039 geht aus einer venezianischen Urkunde hervor, dass ein Eisenanker gemietet werden kann, und Mitte des dreizehnten Jahrhunderts wurden erste Kaianlangen und Kräne in Betrieb genommen. Den Kompass in seiner heutigen Form gab es damals noch nicht. Es gab eine magnetisierte Nadel, die in einem Korken auf Wasser trieb, aber dieses Messinstrument war noch sehr ungenau. Der Trockenkompass wurde wahrscheinlich erst Anfang des 15. Jahrhunderts verwendet.

Vielmehr orientierten sich die Seefahrer der Antike und des frühen Mittelalters an den sogenannten Periploi, Reiseanleitungen. Sie enthielten Angaben über den Verlauf der Küsten, Wegangaben, ein Verzeichnis der Häfen, und warnten vor möglichen Gefahren, wie Untiefen.

Abgelöst wurden sie Ende des 13. bis Anfang des 14. Jahrhunderts von den Protolankarten. Sie sind eine Weiterentwicklung der Periploi. Die Angaben sind nun präziser und werden durch Texte gestützt. Küstenlinien und Landungsstellen sind nun durch Erfahrungsberichte sehr wirklichkeitsgetreu wiedergegeben. Es existierten Portolankarten für das Mittelmeer, das schwarze Meer und die atlantische Europaküste. Mithilfe von Protolankarten zeichnete Vesconte 1321 eine ziemlich präzise Landkarte, die von De Mauro 1459 weiterentwickelt wurde, wobei sowohl empirische Forschungsergebnisse, als auch alte christliche Vorstellung in seiner Karte vereint sind. Im Gegensatz zu den christlichen Weltkarten sind die Portolankarten genordet, was die Verwendung der frühen Form des Kompasses nahe legt.

Die weit verbreitete Annahme, die damaligen Seefahrer hätten sich bei ihren Reisen nur in Küstennähe aufgehalten, widerspricht Höckmann. Schon ab dem 1. Jahrhundert vor Christus gab es die astronomische Nautik. Damals orientierten sich die erfahrenen Seefahrer an den Sternbildern, um den Kurs für längere Reisen zu berechnen. Als Hilfsmittel dienten ihnen das Astrolabium, das Gnomon und Sternenkarten.

Aufgrund der frühen Pilgerreisen sind die Weltbilder zu Dantes Zeiten trotzdem noch sehr christlich geprägt, aber man steht am Anfang einer Entwicklung, in der mehr und mehr Wert auf empirisch nachgewiesene Angaben gelegt wurde. Die „antici“ und die „moderni“ befinden sich im Kampf, und am Ende gehen die „moderni“ als Sieger daraus hervor.

Dantes Weltbild

Der Theologe Dante war der christlichen Anschauung verbunden, und dennoch entschied auch er sich für das von Ptolemäuas und Aristoteles vertretene Kugellmodell der Welt, wie man an einigen Stellen in der Divina Commedia sieht, wenn er für die Beschreibung der Welt Begriffe wie „palla“, „tondo“ oder „globo“ verwendet.

Dante vermischt in seiner Weltanschauung christliche und wissenschaftliche Vorstellungen. Dante vermutet den Läuterungsberg und das Paradies auf der Antipode, der unbewohnten Seite der Welt. Seiner Meinung nach zog sich das Festland aus Scham vor Satan, der auf die Erde fiel und in Golghata den Höllenkrater aufriss, von der Südseite auf die Nordseite zurück. Die Erdmasse, die er bei seinem Aufschlag verdrängte, bildete nun den Läuterungsberg, an dessen Spitze das irdische Paradies Eden liegt und vor dessen Küste der Seefahrer Odysseus Schiffbruch erlitt.

Auch hier weicht Dante, der Theologe, von der Bibel ab, denn in Genesis 2, 8 wird das irdische Paradies in den Osten verlegt („Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte.“). Im Gegensatz zu Ptolemäus, aber wie schon Petrus de Alliaco, nordete Dante seine Weltkarte, wobei Jerusalem trotzdem den Mittelpunkt der bewohnten Welt bildete.

Verwunderlich an Dantes Weltbild ist, dass er das Ende der bewohnten Welt an der Gangesmündung ansiedelte, obwohl ihm beim Schreiben der Divina Commedia die Reisen des Marco Polo ins entfernte China schon bekannt gewesen sein dürften.

Laut der ptolemäischen Weltkarte ist es möglich auf direktem Weg nach Indien zu segeln, da der amerikanische Kontinent nicht bekannt war. Indien war ein wichtiges Ziel in der damaligen Zeit. Venedig verdankte seine Vormachtstellung der Nähe zum Orient und den damit verbunden kurzen Handelsrouten. Spanien hatte großes Interesse Venedig und andere Zwischenhändler im Mittelmeer auszuschalten und versuchte deshalb einen direkten Seeweg nach Indien zu finden. Als die Reconquista 1492 mit den Fall Grenadas erfolgreich vollzogen war, schickte man Christoph Columbus, noch euphorisiert von der gelungen Rückeroberung Spaniens, mit seiner Santa Maria auf das offene und noch unbekannte Meer hinaus.

Davon wusste Dante natürlich nichts als er 1307 anfing seine Divina Commedia zu schreiben, allerdings dürfte ihm die Geschichte der Gebrüder Ugolino und Vadino Vivaldi ein Begriff gewesen sein. In den Chroniken von Jacopo d'Oria wird das Schicksal der beiden Genuesen erzählt, die 1291 die Säulen des Herkules hinter sich ließen und auf das offene Meer zusteuerten. Von dieser Reise kehrten die beiden Brüder nie zurück und ihr tragisches Ende wurde zu einer oft erzählten Geschichte in Italien.

Inhaltliche Zusammenfassung des 26. Inferno-Gesangs

Doch nun zum 26. Gesang des Infernos. Dante und sein Führer Vergil befinden sich im achten Höllenkreis, in dem die fraudolenti, die Betrüger untergebracht sind. Nachdem sie den siebten Höllengraben des achten Kreises, in dem die Diebe für ihre Sünden büßen, von denen Dante angewidert war, verlassen haben, kommen sie in den achten Höllengraben, in dem die consiglieri fraudolenti, die betrügerischen Ratgeber ihr jenseitiges Dasein fristen.

Im Gegensatz zu den anderen Höllenkreisen wird hier eine idyllische Landschaft beschrieben, die Dante so anzieht, dass er beinahe in den Graben hinab stürzt. Nach einer ironischen Abrechnung mit Florenz („Godi, Firenze, poi che se' sí grande/ che per mare e per terra batti l'ali/ e per lo 'nferno tuo nome si spande“ - Freue dich Florenz, so groß ist deine Macht, dass du über Meer und Land deine Flügel spannst, und in der Hölle breitet sich dein Name aus) erkundigt sich Dante nach der Doppelflamme, in der Odysseus und sein treuer Weggefährte Diomedes eingeschlossen sind.

Als contrapasso für ihre lingua ardente, ihrer brennenden Sprache, leiden die geistigen Brandstifter in dem Feuerkegel. Vergil nennt Dante die drei Vergehen für die die beiden Griechen hier unten bis in alle Ewigkeit leiden müssen: Die List mit dem trojanischen Pferd, die Entführung des Achilles und den Raub des Palladiums.

Dante hat den unbezähmbaren Wunsch mit Odysseus zu sprechen und ihn nach den Umständen seines Todes zu befragen, aber Vergil besteht darauf, selbst mit Odysseus sprechen zu wollen. Als Grund nennt er die Tatsache, dass er im Gegensatz zu Dante Griechisch könne, aber wie man an anderen Stellen in der Divina Commedia sieht, verstehen die Leute einander, auch wenn sie nicht derselben Sprache mächtig sind.

Als Vergil die beiden Flammen anspricht, gibt er sich unterwürfig und beruft sich auf sein Dichtertum (Obwohl Odysseus in Vergils Aeneis nicht besonders gut wegkommt). Im Gegensatz zu dem normalen Prozedere bei den anderen Sündern in der Hölle fragt er nicht nach ihren Vergehen, sondern nach den Umständen ihres Todes: „dove, per lui, perduto a morir gissi.“

Daraufhin löst sich die größere der beiden Flammen, Odysseus, und fängt an von seinem Schicksal zu erzählen. Als er von Circe aufbrach, konnten weder die Liebe zu seinem Sohn und seiner Frau, noch die Zuneigung zu seinem Vater das Feuer in ihm besiegen, ein Experte der Welt zu werden („divenir del mondo esperto“). Er segelte bis zu den Säulen des Herkules, der sie dort errichtet hatte, damit kein Mensch darüber hinaus segeln sollte („dov' Ercule segnò li suoi riguardi/ acciò che l' uom piú oltre non si metta“).

In der darauf folgenden 'orazion piccola', die in Wortwahl und Aufbau sehr an die Ansprache des Aeneas, dem Gegenspieler von Odysseus in Vergils Werk Aeneis, erinnert, als er die Einwohner zum Wiederaufbau Trojas anstachelt, appellierte Odysseus an seine schon alt gewordene Besatzung, den Weg mit ihm weiter zu gehen. Sie seien durch ihr Menschsein („fatti non foste a viver come bruti“) dazu verpflichtet nach „virtute e canonscenza“ zu streben.

Die angestachelte Mannschaft folgte Odysseus und nach fünf Monaten auf dem offenen Meer kamen sie in Sichtweite des Läuterungsberges. Bevor sie sich diesem aber nähern konnten, schickte Gott ihnen einen Sturm („com' altrui piacque“) , der das Schiff zum kentern brachte und das Meer schloss sich über ihnen.

[...]

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656046509
ISBN (Buch)
9783656046127
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181416
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
"-"
Schlagworte
Dante Divina Commedia Odysseus 26. Höllengesang

Autor

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