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Essay zum Text „An den Rändern des Lesbaren. Dekonstruktive Lektüren zu Franz Kafka: Die Verwandlung, In der Strafkolonie und das Urteil“ von Axel Hecker

Essay 2009 5 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

„Die Strafkolonie erzählt die Geschichte einer Dekonstruktion von Realität“ – so Axel Hecker in seinem Aufsatz[1]. Zweck dieses Essays ist die Herausarbeitung des Prinzips der Dekonstruktion.

Hecker entwickelt in seinem Text mehrere Lesarten der Strafkolonie. Wie in vielen Werken Kafkas gibt es dabei keine richtige, beziehungsweise falsche Lesart des Textes. Allein die Perspektive ist entscheidend. In seiner ersten Interpretation versteht er den Reisenden als „Vertreter der Menschlichkeit“, den Offizier als Befürworter einer grausamen Tötungsmaschine. Dabei geht er zunächst auf den Kontrast der beiden vorhandenen sozialen Schichten ein: Die Gebildeten, vertreten durch den Reisenden und den Offizier, welche in französischer Sprache miteinander kommunizieren und in ihren Artikulationen von klarer, „erkennbarer geistiger Position“ sind, und die Ungebildeten, vertreten durch den Verurteilten und den Soldaten, die teils durch infantile Auffälligkeiten, (Pantomime des Verurteilten) teils durch lethargische Unauffälligkeiten („[…] und kümmerte sich um nichts.“) ihrem Namen alle Ehre machen. Die Kommunikation der beiden Gruppen miteinander, so Hecker, ist reduziert auf „Krafteinwirkungen“. Außer der „Sprache der Erdscholle“ und dem darauffolgendem Gebrüll findet beispielsweise keine sonstige direkte Kommunikation zwischen Offizier und Soldat statt. Diese „Ausgangssituation“, also der Unterschied zwischen gebildet und ungebildet, liest Hecker als „die zwei Seiten einer Arbeit und einer Auseinandersetzung: als eine Aktivität des Geistes, die sich bezieht auf ein möglichst passives Material“. Dabei charakterisiert er dieses Material als „Rohzustand des Lebens“: einfach, ohne Auf und Ab, nur bezogen auf das Hier und Jetzt, „triebhaft, tölpelhaft und primitiv“. Im Folgenden nennt er dieses das „bloße Leben“. Für Hecker geht es in den Dialogen zwischen dem Reisenden und dem Offizier um den Inhalt des „bloßen Lebens“. Der Offizier betrachtet es als „in sich sowohl maß- wie wertlos“. Diese Denkweise hat ihre Gründe: Das bloße Leben ist maßlos, da es seinen Instinkten folgt und dabei keine Grenze kennt. Als Beispiel führt Hecker an, dass sobald der Soldat „unbeaufsichtigt“ ist, er durch infantiles Verhalten aus der „Reihe tanzt“. Im Reisenden sieht der Offizier einen Verbündeten, mit welchem er diesen Konflikt, die ständige Auseinandersetzung mit dem „bloßen Leben“, lösen möchte. Für den Offizier ist die „Schuld immer zweifellos“, da das „bloße Leben“ nicht anders kann als instinktiv zu fungieren. Doch welche Rolle spielt dabei die „Egge“? Hecker interpretiert sie in ihrer Funktion als Vergeistigung des bloßen Lebens. Durch das Einritzen des Urteils erfährt der Mensch Bildung – er wird zu Verstand gebracht. Durch die „Aktivität“ beim Entziffern des Urteils, vollbringt er geistige Arbeit, somit eine Tätigkeit der Gebildeten.

Die Sichtweise des Reisenden ist eine andere . Auch wenn er sich zu Beginn nicht einmischen will, und versucht Neutralität zu bewahren, spricht er sich doch am Ende gegen das Verfahren, ja gegen die Tötungsmaschine aus. Für ihn ist die „Unmenschlichkeit des Verfahrens zweifellos“. Der Tod des Offiziers entspricht der „Beseitigung der Barbarei“. Wie jedoch steht der Reisende zum „bloßen Leben“? Interesse an ihm hat er keines, sonst würde er nicht von der Insel flüchten. Er möchte die „Distanz zum bloßen Leben wahren“. Hecker geht hier zu einer weiteren Interpretation über und stellt dabei eine andere Sichtweise bezüglich des Reisenden in den Fokus: Der Reisende als „Mann der Wissenschaft“. Er betrachtet die praktischen Dinge wie sie sind, ohne Eigenwert, distanziert. Ganz anders der Offizier, bei dem der Eigenwert der Dinge von enormer Wichtigkeit ist. Für ihn haben die Dinge durch ihre Funktionalität eine in sich selbst „innewohnende Zweckmäßigkeit“. Der Apparat, welcher dem Reisenden vom Offizier als „Kunstwerk“ präsentiert wird, ist dabei die Zweckmäßigkeit in sich. Des weiteren versucht der Offizier dem Reisenden beim Entziffern der Schrift zu helfen. Diese ist für ihn unleserlich, was Hecker folgendermaßen begründet: Um die Schrift zu Verstehen muss man an sie glauben, da hilft weder Wissen noch Theorie. Die Schrift ist nicht umsonst schwer zu lesen: Man soll sie erst nach 12 h entziffern können. Für Hecker bedeutet dies, dass eine „Schönschrift für Schulkinder“, welche leicht lesbar und von Wissen und Kenntnis ist, demnach „sofort töten“ würde. Die schwer entzifferbare Schrift gewährt stattdessen Aufschub. Der Tod tritt nicht sofort ein, der Mensch erhält eine „Gnadenfrist“. Bei dieser Lesart plädiert der Reisende also für den unmittelbaren Tod. Glaube und Wissen – die Diskrepanz dieser beiden Begriffe ist dabei von Bedeutung. Zum einen „Nähe und Eigenwert der Dinge“, zum anderen „Abstraktion und Funktionalismus“. Kurz gesagt: Der Offizier sucht die Unterstützung beim Falschen. Obwohl der Offizier predigt, dass die Maschine ohne Fremdeinwirkung fähig ist zu arbeiten, benötigt er für die Erhaltung des Apparats der Schrift des Glaubens den Reisenden als Mann des Wissens. Dies widerspricht sich. Der Offizier glaubt also selbst nicht an das, was er sagt. Die Maschine erkennt dies und lässt den Offizier, während sie sich selbst zerstört, „unmittelbar töten“. Kein Aufschub. Keine Entzifferung.

[...]


[1] Vgl. Axel Hecker: An den Rändern des Lesbaren. Dekonstruktive Lektüren zu Franz Kafka: Die Verwandlung, In der Strafkolonie und Das Urtei Wien 1998, S. 79-119

Details

Seiten
5
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656064084
ISBN (Buch)
9783656878162
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181511
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,2
Schlagworte
Franz Kafka Die Verwandlung In der Strafkolonie Dekonstruktion

Autor

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