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Die Grundlagen des Urheber- und Verlagsrechts in Deutschland im 17. und frühen 18. Jahrhundert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 21 Seiten

Buchwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geschichtlicher Abriss
2.1 Handschriftenzeitalter (Antike/Mittelalter)
2.2 Frühdruckzeit (15./16. Jahrhundert)

3 Die Entwicklung des Urheberrechts im Untersuchungszeitraum 17. und frühes 18. Jahrhundert
3.1 Grundsätzliche Entwicklungen
3.2 Lehre vom Verlagseigentum
3.3 Lehre vom geistigen Eigentum
3.4 Parallele Entwicklungen im englischsprachigen Raum

4 Weitere Entwicklungen ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

5 Zusammenfassung

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Das Urheberrecht ist „die vom Recht anerkannte und geschützte Befugnis des Urhebers eines Geistesprodukts, ausschließlich und beliebig über dessen Verviel- fältigung und Veröffentlichung zu verfügen.“1 Es blickt auf eine lange Entste- hungszeit zurück. Erste Überlegungen dazu finden sich schon in der Antike, doch bis zur Herauskristallisierung dessen, was wir heute unter dem juristischen Begriff Urheberrecht verstehen, war es ein langer Entwicklungsprozess2. Das Urheber- recht geht nicht auf ein altes germanisches Stammesrecht oder das antike römi- sche Zivilrecht zurück3, sondern „entwickelte sich aus den Rechtsvorstellungen der Aufklärung, speziell aus dem Persönlichkeitsrecht und dem Übergang vom Privileg des Verlags und dem ‚ewigen Verlagsrecht’ zum geistigen Eigentum des Autors.“4

Die vorliegende Arbeit konzentriert sich auf die grundlegenden Entwicklungen im Untersuchungszeitraum 17. und frühes 18. Jahrhundert, für den die Quellenlage schwer zu überblicken ist, da es sich um eine Auf- und Umbruchszeit handelt, in der weder Buchhandel und Buchdruck institutionalisiert, noch die politische Situation deutschlandweit übersichtlich waren.

Die Abhandlung ist chronologisch gegliedert, die dem Untersuchungszeitraum vorhergehenden und nachfolgenden Entwicklungen werden ergänzend in verkürzter Form aufgeführt.

2 Geschichtlicher Abriss

Der folgende geschichtliche Abriss dient als Hinführung zum Untersuchungszeit- raum 17. und frühes 18. Jahrhundert. Grundsätzliche Entwicklungen aufgrund zeitlicher - z.B. philosophischer, gesellschaftlicher und politischer - Rahmenbe- dingungen und technischer Innovationen sollen mit der Entstehung des Urheber- rechtsgedankens in Verbindung gebracht werden. In Punkt 2.1 wird die Ära der Handschriften fokussiert, in Punkt 2.2 rückt die Frühdruckzeit und die dadurch hervorgerufene Entwicklung im technischen und juristischen Bereich in den Vordergrund5.

2.1 Handschriftenzeitalter (Antike/Mittelalter)

In Antike und Mittelalter war noch kein Urheberrechtsgedanke entwickelt. Die handschriftliche Produktion war eine 1:1-Buchproduktion. Bücher wurden ausge- liehen und die Inhalte gelesen oder kopiert, dies war selbstverständlich. Jedoch war der Großteil der Überlieferung mündlich geprägt, Werke wurden aufgeführt, gesungen oder vorgelesen und auf diese Weise meist über Jahrhunderte hinweg tradiert, bis sie eventuell aufgeschrieben wurden. Wenn man dann überhaupt noch nachvollziehen konnte, wer der Urheber eines Werkes war, dachte man aber gar nicht an besondere Rechte, um ihn (bzw. seine Arbeit) zu schützen. Die weiterge- gebenen Inhalte wurden zu Allgemeingut6.

Das lateinische Wort „plagiarius“, das ursprünglich einen Menschenräuber bezeichnete, tauchte unter dem Aspekt des geistigen Diebstahls7 erstmals in der Antike beim Dichter Martial auf, dessen Geschichte ein gewisser Fidentinus als seine eigene ausgegeben hatte8. Teilweise herrschte eine kritische Betrachtung von Werken, die aus anderen übernommen wurden, z.B. war in der Renaissance das plagium literarium eine nicht kenntlich gemachte Übernahme fremder Gedanken (bzw. Texte)9.

Die Handschriftenkultur kümmerte sich nicht um den Schutz der Rechte der Urheber10. Erstens wurden viele Texte anonym überliefert und somit war die Frage nach einem Urheberrecht nicht relevant, zweitens waren die Menschen der Auffassung, dass allein die Nennung des Namens des Autors zu dessen Ruhm und Unsterblichkeit führen konnte11. Jedoch galt das Verfälschen von Werken als Problem. Daher versuchten z.B. die mittelalterlichen Dichter ihre Werke durch Flüche zu schützen. Dies tat auch der Verfasser des Sachsenspiegels Eike von Repgow Anfang des 13. Jahrhunderts12. Er wünschte denen, die sein Werk ver- fälschten Aussatz, und Hölle13.

Die an mittelalterlichen Universitäten (meist nur im europäischen Ausland wie Frankreich und Italien) ansässigen stationarii und librarii verliehen Manuskripte gegen Geld14. In diesen - im Mittelalter entstandenen - weltlichen Bildungsein- richtungen wurde das über die Schrift vermittelte Wissen nicht mehr wie zuvor in den Klöstern als Gottesgeschenk, sondern als Gebrauchsgegenstand angesehen15. Schon in der Antike wurden von einem Magister geprüfte Texte zur Abschrift freigegeben.

Im 12. Jahrhundert entwickelte sich allmählich ein Bewusstsein für die Autorenrolle, was dazu führte, dass zunehmend Autornamen in Kopien und Kommentare auftauchten16. Jedoch gab es keine rechtlichen Überlegungen, es ging primär um ideelle Interessen.

2.2 Frühdruckzeit (15./ 16. Jahrhundert)

Mitte des 15. Jahrhunderts erfolgte eine Zäsur im Buchhandel, die auch ein- schneidend für die weitere Entwicklung des Urheberrechtsgedankens war17. Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern legte die Weichen für eine schnellere und preiswertere Buchproduktion und neue Vertriebsarten - „Der neu- en Technik stand eine im Zuge der Renaissance gewachsene Nachfrage nach Ausgaben klassischer und moderner Schriftwerke gegenüber“18. Auch die Refor- mation stellte die Weichen für eine weitere Entwicklung: „Mit Beginn der Refor- mation trat die gelehrte humanistische und scholastische Literatur mehr und mehr in den Hintergrund, um den zeitgenössischen Werken Platz zu machen.“19

Hohe Auflagen, Verschuldungen, fehlende Kalkulationsmöglichkeiten - im Fokus der neuen Situation stand das Überleben der Druckerverleger, der ökono- mische Aspekt. Die Änderungen der Buchproduktion führten zunächst nicht zu einer Herbeiführung eines Urheberrechtsgedankens, es galt nach wie vor der Grundsatz der Vervielfältigungsfreiheit20. Und aufgrund des Nord-Südgefälles im deutschen Buchhandel21 fand nur wenig Austausch der Werke auf Messen statt - die süddeutschen Verleger blieben auf ihren Titeln sitzen, während die nord- deutschen ihre gefragteren Werke nicht gegen die süddeutschen Titel tauschen wollten. Darauf reagierten die süddeutschen Druckerverleger, indem sie die ange- sagten Titel nachdruckten und in ihrem Gebiet vertrieben.

Erst allmählich, nachdem die Verbesserung der Drucktechnik und die dadurch ermöglichten größeren Auflagen, die rasche Vermehrung der vorhandenen Druckereien und schließlich auch die größer werdende Zahl neuer Werke lebender Autoren Druckunternehmungen zu einem Wagnis werden ließen, begann man, auf die Problematik des Nachdrucks aufmerksam zu werden.22

Sebastian Brant, dessen Narrenschyff gleich nach Erscheinen 1494 nachge- druckt wurde, ging es bei der Diskussion um seine Ehre als Urheber seines Wer- kes23, die er aufgrund der Nachdruckproblematik in Gefahr sah. Andere Beweg- gründe hatten die Drucker und Verlegersortimenter: Ihr Absatz und somit ihre Existenz wurde durch Nachdruck gefährdet, der bis dahin noch als natürlicher Konkurrenzkampf galt und als Kavaliersdelikt angesehen wurde24. Da die Nach- drucker weder hohe Kosten für Textbeschaffung (z.B. durch Bezahlen eines Au- tors), noch für die textkritische Bearbeitung aufbringen mussten, konnten sie auch billiger produzieren25.

Im 16. Jahrhundert klagten z.B. Martin Luther und Erasmus von Rotterdam mehrfach über den Nachdruck26, durch den ihre Werke verunstaltet und dadurch falsche Inhalte an die Menschen vermittelt wurden27. Hier erkennt man schon ein Verlangen nach einem persönlichen Schutz der Autoren28. Durch die öffentliche Behandlung des Themas, z.B. durch eine Klagschrift Luthers über den „unchristlichen Nachdruck“29, wurden die Menschen angeregt, über die gegenwärtige Situation nachzudenken.

Zu dieser Zeit gab es verschiedene Überlegungen, wie man diesen Usus unter- binden könne, da es auf der anderen Seite auch zu erheblichen Geldeinbußen bei den Originalverlegern kam. Dieses Thema war vorher nur sehr vereinzelt ange- sprochen worden, denn „[w]o es [...] kein Urheberbewusstsein gab, wo keine ma- teriellen Interessen beeinträchtigt waren, da stellte sich auch die Frage der Veröf- fentlichungs- und Vervielfältigungsbefugnis nicht.“30 Eine Lösungsmöglichkeit schien die Vergabe von Privilegien („privilegia impressoria“) zu sein. Die Druck- privilegien lösten nach und nach das bis dahin gültige Handelsrecht ab und waren anschließend für ca. drei Jahrhunderte die beherrschende Rechtsform31. Bereits Mitte des 15. Jahrhunderts erhielt Johann von Speyer (1469) das erste seiner Art: der Drucker bekam durch kaiserlichen oder landesherrlichen Schutz das Monopol auf ein Druckwerk, das sollte ihn vor Nachdruck und gleichzeitiger durch schnelle Produktion in „liederlichste[r] Weise“32 entstehenden Verfälschung schützen33.

Ein Privileg diente der Verhinderung von übermäßiger Konkurrenz. Es galt dem Schutz des Druckwerks, nicht des Geisteswerkes, dem Schutz des Druckers, nicht des Autors34. Außerdem gab es Privilegien zum Schutz der Existenz eines Druckers und zur gleichzeitigen Gewährleistung der Abdeckung des regionalen Bedarfs35.

Noch in der Anfangzeit der Privilegien [...] wurden von verschiedenen Städten allgemeine Vorschriften gegen den Nachdruck erlassen [, die] alle Drucker bzw. Verleger eines bestimmten Territoriums gegen Raubdrucke schützen sollten.36

Die wesentlich später entstandenen Autorenprivilegien37 spiegelten den aufkommenden Gedanken an Belohnung des Autors für die geistige Schöpfung wider38. Die Privilegienvergabe und das Entstehen des Urheberrechts sind mit- einander verflochten, das bemerkten auch Kapp und Goldfriedrich, die die Thematik des Urheberrechts nur in Verbindung mit dem Privilegienwesen ausführen39.

Im weiteren Verlauf fehlen große Zäsuren ähnlich dem Buchdruck und der Reformation, die Übergänge von verschiedenen Stationen und Epochen verlaufen fließend, teilweise parallel, aber auch von Region zu Region unterschiedlich40.

[...]


1 Kapp 1886, S. 736.

2 Vgl. Keiderling 2008, S. 1.

3 Vgl. Gehring 2007, S. 1.

4 Estermann 2003, S. 509.

5 Diese Gliederung ist angelehnt an Gieseke 1957.

6 Vgl. Gieseke 1957, S. 15.

7 Vgl. Keiderling 2008, S. 2.

8 Vgl. Gieseke 1957 und Junker 2001.

9 Vgl. Gieseke 1995, S. 115.

10 In der Regel herrschte die Auffassung, dass die Texte von Gott diktiert wurden und daher ihre Rechtmäßigkeit bekamen. Teilweise rechtfertigten sich die Autoren dafür, überhaupt zu schreiben, da ja alles schon gesagt worden sei (in der Bibel). Zentren der Buchproduktion waren Klöster, die für den Eigengebrauch, aber auch im Auftrag von Herrschern oder reichen Adligen produzierten.

11 Vgl. Keiderling 2008, S. 2.

12 Vgl. Gieseke 1957 und Junker 2001.

13 Interessant hierbei ist, dass Eike von Repgow Verfasser eines Gesetzbuchs war und sich daher mit Recht und Gesetz auseinander setzte.

14 Durch das sog. „Pecia-System“ wurde die Arbeit verschiedener Kopisten an einem Werk gewährleistet. Vgl. Rautenberg/Wetzel 2001, S. 67.

15 Vgl. Gehring 2007, S. 2.

16 Vgl. Gehring 2007, S. 1.

17 Vgl. Keiderling 2008, S. 4.

18 Gehring 2007, S. 1.

19 Keiderling 2008, S. 5.

20 Vgl. Gieseke 1957, S. 20.

21 Im reformierten mittel- und norddeutschen Raum, vor allem in den Buchhandelszentren Leipzig und Berlin, wurden nationalsprachliche Novitäten und namhafte Autoren (z.B. Martin Luther und Erasmus von Rotterdam) verlegt, während im katholischen Süden weiterhin religiöse Titel wie Erbauungsbücher und geistliche Literatur gedruckt wurde. Vgl. Wittmann 1999, S.100-102.

22 Gieseke 1957, S. 21.

23 Vgl. Gieseke 1957, S. 20-21.

24 Vgl. Keiderling 2008, S. 4.

25 Vgl. Gieseke 1957, S. 23.

26 Vgl. Kapp 1886, S. 737 und Pohlmann 1961, S. 14.

27 Vgl. Gieseke 1957, S. 39.

28 Vgl. Kapp 1886, S. 737.

29 Pohlmann 1961, S. 14.

30 Steiner 1998, S. 40.

31 Vgl. Vogel 1978, S. 187.

32 Kapp 1886, S. 737.

33 Vgl. Estermann 2003, S. 410.

34 Vgl. Keiderling 2008, S. 4.

35 Vgl. Estermann 2003, S. 410.

36 Weber 1976, S. 18.

37 Pohlmann versucht anhand von neuen Quellen darzustellen, dass entgegen der bisherigen An- nahme, Autorenprivilegien seien ausschließlich aus wirtschaftlichem Interesse und nur vereinzelt an Urheber vergeben worden, eben diese keine Ausnahmen waren und sehr wohl der „Bekräfti- gung, Sicherung und Wahrung der Rechte; insbesondere zur Erleichterung der Vollstreckung“ (Pohlmann 1961, S. 7) dienten. Vgl. Pohlmann 1961.

38 Vgl. Junker 2001.

39 Vgl. Kapp 1886, S. 736-756 und Goldfriedrich 1908, S. 420-447.

40 Vgl. Wittmann 1999, S. 82.

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656046219
ISBN (Buch)
9783656045915
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181533
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Buchwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Buchhandelsgeschichte Urheberrecht Verlagsrecht Frühe Neuzeit Verlagseigentumslehre Lehre vom geistigen Eigentum

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Titel: Die Grundlagen des Urheber- und Verlagsrechts in Deutschland im 17. und frühen 18. Jahrhundert