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Das Bauhaus und die neue Frau

bauhaus feminin – ein Mythos

Wissenschaftlicher Aufsatz 2009 9 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Das Bauhaus und die neue Frau

Ich tanze auf allen Wegen.

In alle dunklen Straßen will ich mich stürzen.

Auf der eigenen Spur.

Ich grüße alle Menschen, in allen Häusern,

hinter den Fenstern, in allen Stuben.

Auf der eigenen Spur.

Lyrik von Marianne Brandt [1]

bauhaus feminin – ein Mythos

»Die neue Frau ist da – sie existiert« schreibt 1918 die russische Schriftstellerin Alexandra Kollontai. Das Bild der Frauen in den Medien der 1920er Jahre bestimmen selbstbewusste, dynamische, experimentierfreudige Frauen: Die Autofahrerin, die Pilotin, die Sportlerin, die Lebenslustige und der Typ der androgynen Garçonne mit kurzem Haarschnitt und Hosen tragend. Sie alle prägen das Image der »Neuen Frau« und Zeitschriften wie »die neue linie« verbreiten es. Dies medial vermittelte Bild der Frau in den zwanziger Jahren stellt jedoch einen Mythos dar, der vor allem die Oberfläche und das Äußerliche meint.

Mädchen und junge Frauen träumten und hofften zwar auf das Erlernen und Ausüben eines eigenen Berufes, jedoch waren die Berufswünsche am Anfang des 20. Jahrhunderts oftmals verbunden mit tradierten weiblichen Tätigkeiten, wie weben, nähen, kochen und bügeln. Demgegenüber standen ganz neue Berufsbilder, auch gestalterische, wie die Fotografie, die einige Frauen für sich entdeckten.

Vor einigen Jahren ist das Thema »Frauen am Bauhaus« aus Richtung der Frauenbewegung aufgegriffen worden. Insbesondere Anja Baumhoff eröffnete mit ihrer Grund legenden Forschung auf diesem Gebiet die Diskussion über Schattenseiten [2] am Bauhaus und ist damit dem Mythos Bauhaus [3] auf der Spur. Die Genderforschung sorgte ebenso dafür, dass einzelne Gestalterinnen der Moderne erstmals bekannt und ihr Werk wahrgenommen wurden.

Anni Albers, Ré Soupault, Lotte Stam-Beese, Lucia Moholy-Nagy und viele andere standen an der Seite bekannter Männer. Das Interesse an den Frauen, die am Bauhaus studierten und arbeiteten, richtet sich häufig auf ihren persönlichen Lebensweg sowie ihre Liebes- und Paarbeziehungen mit berühmten Männern aus Künstlerkreisen. Ihre eigenen schöpferischen Leistungen in der Moderne geraten dadurch in den Hintergrund. Andere wie Marianne Brandt, Grete Reichardt, Gunta Stölzl und Benita Koch-Otte gingen einen eigenständigen Weg. Einen leichten Start hatten jedoch alle Bauhäuslerinnen nicht. Die geringere Einschätzung weiblicher Leistungen auch seitens der Bauhausmeister sowie die oftmals fehlende Unterstützung in den Werkstätten bis zur Entscheidung der Leitung, Frauen nur noch in der Weberei aufzunehmen, bzw. in Ausnahmen auch in der Buchbinderei und der Töpferei, erschwerten ihre Ausbildung erheblich. Der Vorschlag wurde laut Meisterratsprotokoll in der Sitzung am 17. März 1921 angenommen. Sämtliche Meister waren anwesend.

Frauen kamen anfangs zahlreich an das Bauhaus, annähernd zu gleichen Teilen wie Männer. 101 Frau und 106 Männer waren es 1919, so ist zumindest in der neuen Dauerausstellung der Stiftung Bauhaus Dessau (seit 2007) zu lesen. In der Ausstellung sind auf einer einführenden Zeitleiste die Studierendenzahlen vermerkt. Da ich Sie nicht mit Zahlen langweilen will, möchte ich Ihnen hier jedoch die Tendenzen aufzeigen. Von Jahr zu Jahr wurden insgesamt weniger Studenten aufgenommen, davon reduzieren sich aber insbesondere die Zahlen der weiblichen Studierenden. In Berlin fingen dann nur noch 5 Frauen und 14 Männer an zu studieren. Die geringe Zahl von Studienanfängern ist sicherlich mit der schwierigen politischen Situation des Bauhauses zu begründen. Dennoch hat sich das Zahlenverhältnis der Studienanfänger Frauen und Männer sehr verändert. War es anfänglich noch gleichmäßig (Hälfte, Hälfte), so wurden später nur noch etwa ein Drittel bzw. dann ein Viertel Frauen ans Bauhaus aufgenommen. Wer mehr über die Zahlen der Studierenden am Bauhaus erfahren möchte, der sei auf die Dissertation von Folke Dietzsch verwiesen. In einer umfassenden Studie hatte er bereits in den 1980er Jahren damit begonnen, die Studierendenzahlen genauer zu untersuchen. So ist ermittelt, dass insgesamt etwa 1240 Studierende und 100 Lehrende am Bauhaus gewirkt haben. In diesem Zusammenhang möchte ich auf das Projekt Impuls-Bauhaus verweisen. Möglicherweise haben Sie, verehrte Gäste, den weißen Kubus vor dem Hauptgebäude der Bauhaus-Universität gesehen. In diesem Kubus war das Projekt Impuls-Bauhaus ausgestellt. Die Fragestellung von Jens Weber und Andreas Wolter, den Machern von Impuls-Bauhaus, war:

Wer müsste wohl wen, wo und wann getroffen haben?

Die beiden Mediengestalter Jens Weber und Andreas Wolter beziehen sich auf die Daten von Folke Dietzsch. Das Projekt Impuls-Bauhaus analysiert und visualisiert vor allem das soziale Netzwerk des Bauhauses von 1919 bis 1933 und dessen weltweiten Einfluss über diese Zeit hinaus. In einer Forschungsplattform werden die Biografien und Lebenswege aller Bauhäusler zusammengetragen. Ähnlich wie in Datenbanken für museale Archive können die Daten strukturiert eingegeben werden. Die Datenmenge basiert auf der Forschungsarbeit von Folke Dietzsch aus den 1980er Jahren. Damals hatte er die Daten von mehr als tausend Bauhäuslern digital an einem Großrechner der Weimarer Hochschule erfasst. Jens Weber und Andreas Wolter haben diese alten digitalen Datenbestände, die zugleich der Dissertation von Folke Dietzsch »Die Studierenden am Bauhaus« von 1991 zugrunde liegen, nun entschlüsselt und in die Forschungsplattform übernommen. Die redaktionelle und inhaltliche Bearbeitung der vorhandenen Daten sowie die Eingabe neuer Hinweise ist einem ausgewählten Team von Wissenschaftlern vorbehalten, was die entsprechende Qualität sichert.

Interessant zum Vergleich zu den Zahlen der Frauen am Bauhaus erscheint mir die Auswertung von Folke Dietzsch zur Internationalität des Bauhauses für die Weimarer Zeit zu sein. Die Zahlen für die Weimarer Zeit lagen deshalb vor, weil das Bauhaus in Weimar staatlich finanziert war und daher die Daten im Statistischen Reichsamt erfasst wurden, was für die darauffolgende Zeit des Bauhauses als städtische Institution (in Dessau) und als private Einrichtung (in Berlin) nicht erforderlich war. Unter den Studierenden betrug der prozentuale Anteil ausländischer Studierender in der gesamten Weimarer Zeit durchschnittlich 13 Prozent. Mal waren es weniger und im WS 1923/24 waren es sogar kurzeitig über 30 Prozent. Auch an den späteren Stationen des Bauhaus in Dessau und Berlin steigt die Prozentzahl ausländischer Studierender weiterhin, sodass ihr Anteil dann etwa bei 30 Prozent liegt.

Zurück zu den Anfängen des Bauhauses 1919

Noch im Programm des Bauhauses hatte Gropius 1919 formuliert: »Aufgenommen wird jede unbescholtene Person ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht, deren Vorbildung vom Meisterrat des Bauhauses als ausreichend erachtet wird«. Als aber am 20. September 1920 das Aufnahmeverfahren diskutiert wurde, drängte Walter Gropius auf eine »scharfe Aussonderung gleich bei den Aufnahmen [...], vor allem bei dem der Zahl nach zu stark vertretenen weiblichen Geschlecht.«

»Wo Wolle ist, ist auch ein Weib, das webt, und sei es nur zum Zeitvertreib« (Sprichwort Oskar Schlemmer nachgesagt)

Die Einrichtung einer speziellen Klasse für Frauen ging auf die Initiative von Gunta Stölzl und einiger ihrer Mitschülerinnen zurück, da sie mit dem traditionellen Handarbeitsunterricht der Werkmeisterin Helene Börner in der Weberei unzufrieden waren. Gunta Stölzl erinnert sich rückblickend durchaus verklärt an diese Initiative: »bauhausmädchen der ersten zeiten versuchten sich in jeder werkstatt, tischlerei, wandmalerei, metallwerkstatt, töpferei, buchbinderei. bald zeigte sich, daß der schwere hobel, das harte metall, das anstreichen von wänden für manche nicht die betätigung war, die den psychischen und physischen kräften entsprachen. die seele blieb dabei hunrig! […] wir gründeten eine frauenklasse. unsere ersten taten waren kinderspielzeuge, aus bunten lappen, holz, draht, glasperlen und knöpfen, stroh, gummischwämmchen und pelzresten bastelten wir flammend begeistert ›urtiere und urmenschen‹ zusammen. Die fanaktik – die starke ausdruckskraft maximal kontrastierender materie hatte es uns angetan! unsere fantasiestrotzenden werke haben wir mit anderen ersten bauhauskuriositäten zusammen in der ›dadabude‹ auf dem weihnachtsmarkt von weimar einer jubelnden kinderschar für einen groschen verkauft.« (Bauhaus. Zeitschrift für Gestaltung, 2.7.1931, zit. n. Das Bauhaus webt, 1998, S. 237) Die Weberei ging letztlich in der Frauenklasse auf.

Anfangs wurde die Werkstatt für Weberei von der Werkkunstlehrerin Helene Börner zwar geführt, stand aber unter der künstlerischen Leitung von Josef Albers und ab 1921 bis 1927 von Georg Muche. Tatsächlich hatte Helene Börner ihre eigenen Webstühle in den Bestand des Bauhauses eingebracht, denn sie war bereits an der Kunstgewerbeschule Henry van de Veldes als Werklehrerin für, wie es damals hieß, »kunsthandwerkliche Frauenarbeit« tätig gewesen, sodass die Weberei also von Beginn an betriebsbereit war und externe Aufträge übernehmen konnte, was Walter Gropius bei der Planung der neuen Schule unter anderem auch dazu veranlasst haben mag, die Weberei als finanzielle Einnahmequelle zu verbuchen. Als Helene Börner nicht mit an das Dessauer Bauhaus zog, übernahm Gunta Stölzl, die Weberei und wurde 1927 zur Jungmeisterin berufen. Stölzl unterstützte selbst als Frau in einem Aufsatz im Bauhaus-Heft 7/1926 das verbreitete Klischee, dass insbesondere die Weberei passende gestalterische Aufgaben für Frauen bot: »Die Weberei ist vor allem das Arbeitsgebiet der Frau. Das Spiel mit Form und Farbe, gesteigertes Materialempfinden, starke Einfühlungs- und Anpassungsfähigkeiten, ein mehr rhythmisches als logisches Denken sind allgemeine Anlagen des weiblichen Charakters, der besonders befähigt ist, auf dem textilen Gebiet Schöpferisches zu leisten. « Helene Nonné-Schmidt drückte die gleiche Haltung jedoch noch drastischer aus, indem sie Frauen das räumliche Denken im Grunde absprach und ebenso die Fähigkeit das Große und Ganze zu erfassen. Vielmehr seien die visuellen Fähigkeiten von Frauen eher kindlicher Natur, meinte sie. In ihrem Essay »Das Gebiet der Frau im Bauhaus« (zit. n. Wingler 1962, S .126) schrieb Helene Nonné-Schmidt 1926: »Die bildnerisch arbeitende Frau wendet sich meistens am erfolgreichsten der Fläche zu. Das erklärt sich aus der ihr fehlenden, dem Manne eigentümlichen räumlichen Vorstellungskraft. […] Dazu kommt, daß das Sehen der Frau ein gewissermaßen kindliches ist, denn gleich dem Kinde sieht sie das Einzelne und nicht das Allgemeine.« (publiziert in Zeitschrift »Vivos voco« Leipzig Aug./Sept. 1926.) Mit dieser Ansicht begründete sie unter anderem, weshalb gerade die Frauen im oder am Bauhaus in der Weberei tätig waren: »Innerhalb des Bauhauses nun und seiner Werkstätten wendet sich die Frau überwiegend der Arbeit in der Weberei zu, und sie findet dort die weitesten Möglichkeiten für sich. Die Weberei ist die Verbindung unendlicher Vielheiten zur Einheit, das Kreuzen vieler Fäden zum Gewebe. Es ist einleuchtend, wie sehr dieses Arbeitsgebiet der Frau und ihrer Begabung entspricht.« Das Anwendungsgebiet der Webereierzeugnisse sah sie vor allem in der Verbindung mit der Architektur und Inneneinrichtung, was sie allgemeiner mit »Hausbau« bezeichnete. Dabei versuchte sie zu rechtfertigen, weshalb handgefertigte Webstoffe trotz neuester technischer Entwicklungen in der Textilindustrie dennoch weiterhin gefertigt werden sollten, kommt aber lediglich zu der Aussage, dass handgefertigte Webstoffe im Grunde nur noch Bestand haben werden, solange die technischen Möglichkeiten noch nicht ausgereift seien. Anni Albers sieht allerdings die Beziehung der Bauhausweberei zur Industrie bereits 1924 völlig anders. Sie schrieb in einem Bauhaus-Sonderheft der Zeitschrift »Junge Menschen«: »Das Bauhaus versucht, den allgemeinen Kontakt mit dem Material wieder herzustellen. Die Weberei im Bauhaus ist daher zunächst Handweberei. Sie geht also den alten Weg zum Einzelstück. Gleichzeitig greift sie in das Gebiet des ›Zeichners‹ ein und versucht, es umzuformen: statt Zeichnung will sie das Gewebe selbst zur Massenherstellung weitergeben, die Industrie also vom Handwerk aus neu bestimmen. […] Der Weg führt also zum Einzelstück und zur Massenherstellung.« (zit. n. Das Bauhaus webt, 1998, S. 110)

[...]


[1] in: Sylvia Steinhäuser und Franziska Ptak: Wer weiß, ich nicht. Videocollage, 2007 www.funkplatz.de

[2] vgl. Anja Baumhoff: Frauen am Bauhaus – ein Mythos der Emanzipation, in: Bauhaus, hrsg. von Jeannine Fiedler und Peter Feierabend, Köln 1999, S. 96-107 und zahlreiche weitere Publikationen von Anja Baumhoff zum Thema sowie ihre Dissertation: Gender, Art and Handicraft at the Bauhaus, Univ. Baltimore MD, USA, 1994.

[3] Mythos Bauhaus, hrsg. von Anja Baumhoff und Magdalena Droste, Berlin 2009.

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