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Erzähler und Erzählerkommentare in Hartmanns "Erec"

Hausarbeit 2008 13 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Erzähler in Hartmanns Erec

3 Theoretische Betrachtung von Erzählerkommentaren

4 Analyse ausgewählter Erzählerkommentare in Hartmanns Erec
4.1 Beispielkommentar 1 (Vorgangserläuterung)
4.2 Beispielkommentar 2 (Einzigartigkeitshyperbel)
4.3 Beispielkommentar 3 (Kritik)
4.4 Beispielkommentare 4 und 5 (sentenziöse Bemerkungen)

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Erzähler nimmt in literarischen Texten eine wichtige Rolle ein. In Werken des Mittelalters, wie auch in Texten der Neuzeit fungiert er als fiktionale vermittelnde Instanz zwischen Rezipient und den dargebotenen Vorgängen und ist selten mit dem Autor gleichzusetzen.[1] Durch zahlreiche verschiedenartige Kommentare und Bemerkungen tritt auch der Erzähler des Erec Hartmann von Aues immer wieder in den Vordergrund. Dieses kunstvoll gestaltete Werk lässt den Rezipienten nicht daran zweifeln, dass jeder Episode, ja jedem Satz, schon durch die Einordnung ins Geschehen und den Platz im Text eine Bedeutung zukommt. Doch was genau will der Erzähler des Erec mit seinen Kommentaren erreichen? Welchen Zweck erfüllen sie, an ihren ausgewählten Stellen im Text? Und welche Wirkung wurde damit auf das mittelalterliche und das neuzeitliche Publikum erreicht?

Ziel dieser Hausarbeit soll es demnach sein, den Erzähler anhand der auftretenden Erzählerkommentare näher zu betrachten.

Des Weiteren wird der Versuch unternommen, verschiedene ausgewählte Beispiele von Erzählerkommentaren aus Hartmann von Aues Roman Erec funktional und erzähltechnisch in die Struktur des Handlungsablaufs einzuordnen.

Am Ende der Arbeit wird ein Fazit gezogen, in dem die oben aufgeworfenen Fragen beantwortet werden sollen.

2 Der Erzähler in Hartmanns Erec

Der Erzähler, in der neueren Wissenschaft auch als die Erzählinstanz bezeichnet, ist in einem fiktionalen Text die Instanz, die zwischen den Rezipienten und dem Erzählten vermittelt.[2] Er ist dasjenige Medium, welches von den Vorgängen, Personen, Sachen und so weiter „erzählt“.

Kann man den Erzähler also mit dem Autor gleichsetzen?

Das Verständnis von Autorschaft ist im Mittelalter ein völlig anderes, als das heutige. Im modernen Sinne ist der Autor der faktische Urheber, der Erzähltextes[3], ein kreativer Schöpfer, der ein Produkt erschafft: den Text.[4]

Zu Hartmanns Zeiten ist ein Autor lediglich derjenige, der einen Stoff der Erzähltradition oder einen schon vorhandenen Schrifttext bearbeitet.[5]

Eine Idee vom geschaffenen Produkt oder von Besitztum und Urheberrecht scheint es im heutigen Sinne nicht gegeben zu haben. Allerdings ist eine Unterscheidung zwischen Bearbeiter und Schreiber bezeichnend dafür, dass es eine vage Vorstellung vom „Eigenen“ gegeben haben muss.[6]

In Hartmann von Aues Roman Erec haben wir es nach Stanzel mit einer auktorialen Erzählsituation zu tun, welche sich dadurch auszeichnet, dass ein persönlicher Erzähler vorhanden ist, welcher sich mittels Kommentaren zum Erzählten auslässt.

Im Erec wird von der szenischen Darstellung ausgiebig Gebrauch gemacht, sie ordnet sich der berichtenden Erzählweise allerdings unter, was für die auktoriale Erzählweise typisch ist.[7] Die auktoriale Erzählsituation wird nach Stanzels Typologie „durch die Vorherrschaft einer Allwissenheit suggerierenden Außenperspektive“[8] definiert, was sich am Beispiel des Erec sehr gut nachvollziehen lässt.

Der Erzähler in Hartmann von Aues Erec scheint über alle Personen und Vorgänge bescheid zu wissen. Er kennt die Geschehnisse der Vergangenheit (z.B. Famurgan-Exkurs) und der Gegenwart und kann in die Gedanken- und Gefühlswelt der Figuren hineinsehen (z.B. Enites innerer Konflikt bei den Räuber-aventiuren oder der Blick in die 5 Räuber der 2. Räuber-aventiure). Er kann demzufolge keine reale Person (etwa Autor) sein, sondern steht gewissermaßen als Mittelsmann zwischen der fiktiven Welt der Erzählung und der realen Welt der Rezipienten.[9] Häufige Kommentare und persönliche Bemerkungen zum Erzählten sind ebenfalls eine Eigenschaft des Erzählers im Roman Erec. Um diese Kommentare näher zu untersuchen, folgt im nächsten Abschnitt eine kurze theoretische Einführung in die Kategorisierung von Erzählerbemerkungen nach Arndt[10]

3 Theoretische Betrachtung von Erzählerkommentaren

Um Erzählerkommentare zu analysieren, ist es wichtig vorerst einzugrenzen, was als Erzählerkommentar in Frage kommt. Streng genommen stammt der ganze Text aus des Erzählers Mund, jedoch sind die Erzählerkommentare, auf die sich diese Arbeit bezieht, jene Abschnitte der Erzählerrede, die aus dem erzählten Geschehen heraustreten. Kommentare sind Bemerkungen des Erzählers über das Erzählte. Sie sind dem Erzählstoff hinzugefügt und gehören nicht in das Geschehen als solches hinein.[11]

In der Literaturtheorie wird eine große Anzahl verschiedener Bemerkungskategorien beschrieben. Der Verständlichkeit halber sollen in diesem Abschnitt die wichtigsten Erzählerkommentare nach Arndt[12] kurz vorgestellt werden.

Arndt unterteilt die Bemerkungen eines Erzählers in erzähltechnische, kommentierende und allgemeine bzw. verallgemeinernde Bemerkungen. Außerdem benennt er verschiedene Formen der Interaktion zwischen Erzähler und Publikum, auf die in dieser Arbeit nicht näher eingegangen werden soll.

Die erzähltechnischen Bemerkungen werden von Arndt noch weiter in beglaubigende, gliedernde und zum erzähltechnischen Verhalten erläuternde Bemerkungen unterteilt. Die beglaubigenden Bemerkungen können in Form von Quellenberufungen oder Wahrheitsbeteuerungen auftreten. Rückverweise, Ankündigungen und Vorausdeutungen zählt Arndt zu den gliedernden Bemerkungen. Die erläuternden Bemerkungen zum erzähltechnischen Verhalten unterteilt Arndt in explizite Nennung des erzählerischen Verhaltens bei Zitat, Übersetzung und Vergleich und Auslassungs-, Abkürzungs- und Ergänzungsformeln.

Daneben stellt Arndt die kommentierenden Bemerkungen, welche er in Erläuterungen und wertende Stellungnahmen untergliedert. Erläuterungen können sowohl Sach- als auch Vorgangserläuterungen sein und dienen dazu, dem Rezipienten eine Sache oder ein Geschehnis näher zu erklären, zu rechtfertigen oder zu begründen. Wertende Stellungnahmen hingegen sind sehr häufig, da sie nicht explizit ausformuliert sein müssen, sondern auch in Form einer kommentierenden Erzählweise auftreten und es bei Hartmanns Erec kaum eine völlig wertungsfreie Passage gibt. Schon Umschreibungen oder Beiwörter wie guot oder boese lassen die persönliche Wertung des Erzählers einfließen. Wertende Stellungnahmen dienen zum Bewerten und Einordnen bestimmter Handlungen oder Personen.

Darüber hinaus unterscheidet Arndt allgemeine und verallgemeinernde Aussagen, deren Gegenstand die gemeinsame Erfahrungswelt von Erzähler und Publikum ist. Zum einen kann solch eine Aussage in Form einer Sentenz oder sentenziösen Bemerkung[13] auftreten, zum anderen kann der Erzähler nach Arndt allgemeine Aussagen über die lebensbestimmenden Mächte Gott, Teufel und Minne machen. Die Funktion der Sentenzen und sentenziösen Bemerkungen ist nach Arndt weitestgehend Interpretationssache. Sie können einen Beitrag zur Erläuterung liefern, einen Maßstab zur Einordnung des Geschehenen oder einfache Verallgemeinerungen darstellen. In Bezug zum Publikum können sie feststellend, wertend, belehrend oder auch auffordernd sein. Die allgemeinen Aussagen über die lebensbestimmenden Mächte zeigen, dass der Mensch in seinem Handeln nicht frei ist, sondern bestimmten äußeren Einflüssen unterworfen ist.

Allgemein lässt sich demnach sagen, dass Erzählerkommentaren verschiedene Aufgaben zukommen. Auch die Position des jeweiligen Kommentars im Textgefüge, kann eine wesentliche Rolle bei der Analyse desselben spielen.

Im Weiteren soll nun auf verschiedene Beispiele von Erzählerkommentaren in Hartmann von Aues Roman Erec eingegangen werden. Unter Berücksichtigung der Einbindung in die Erzählstruktur soll der Versuch unternommen werden, die Funktionen der einzelnen Bemerkungen zu erkennen und zu verstehen.

4 Analyse ausgewählter Erzählerkommentare in Hartmanns Erec

Nachdem die Theorie nun kurz betrachtet wurde, soll im Folgenden anhand einiger Textstellen die Funktion einzelner Erzählerkommentare analysiert und die Einordnung ins Textgefüge genauer betrachtet werden.

4.1 Beispielkommentar 1 (Vorgangserläuterung)

V. 225-228:

die burc meit er durch den sin,

daz er sîn iht würde gewar,

dem er hete gevolget dar.

Die Textstelle lässt sich nach Arndt den Vorgangserläuterungen zu ordnen. Im Textgefüge befindet sich dieser Auszug in direktem Anschluss an den erzählten Vorgang. Auch formal ist er völlig in den Kontext integriert und wirkt als zur Geschichte gehörig. Die Funktion ist die Erklärung der Handlungsmotivierung des Helden. Dass ein Ritter nicht in der Burg, sondern im darunterliegenden Dorf eine Übernachtungsmöglichkeit sucht, ist ungewöhnlich und bedarf deshalb einer Begründung. Der Erzähler bleibt zwar im Hintergrund, allerdings erklärt er dem Rezipienten, warum diese Handlung so geschieht. Die Handlungen des Helden sollen dem Publikum plausibel erscheinen. Vielleicht soll sich der Zuhörer sogar mit Erec identifizieren können, indem ihm die Motivierung der Handlung aufgezeigt wird und er daran erkennen kann, dass er in einer ähnlichen Situation eventuell ähnlich reagiert hätte. Außerdem zeigt der Erzähler an dieser Stelle, dass Erec nicht einfach handelt, ohne sich der Folgen bewusst zu sein. Vielmehr erscheint er durch diese Ausführung als bedachter Ritter, der sich über sein Tun im Klaren ist.

[...]


[1] Metzler Literatur Lexikon, S. 128 „Epik“.

[2] Metzler Literatur Lexikon, S. 128 „Epik“.

[3] Vogt, S. 43.

[4] Hübner, S. 93.

[5] Hübner, S. 93.

[6] Hübner, S. 93.

[7] Martinez/Scheffel, S. 90.

[8] Zitat: Martinez/Scheffel, S. 92.

[9] Martinez/Scheffel, S. 90.

[10] Arndt.

[11] Arndt, S. 82.

[12] Arndt.

[13] Eine Sentenz ist ein Satz, der Allgemeingültigkeit beansprucht. Als sentenziös gelten Bemerkungen, denen die Strenge der Form und die Prägnanz des Inhalts einer „echten“ Sentenz fehlen, die allerdings den gleichen Anspruch auf Allgemeingültigkeit besitzen.

Details

Seiten
13
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656046875
ISBN (Buch)
9783656046943
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181566
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
erzähler erzählerkommentare hartmanns erec

Autor

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