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Kinder mit einer Störung des Sozialverhaltens in Kindertagesstätten. Eine Herausforderung vor dem Hintergrund der Inklusionsdebatte

Handlungsoptionen für die Fachberatung

Hausarbeit 2011 37 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Zusammenfassung

2 Einleitung

3 Psychopathologie der Störung des Sozialverhaltens
3.1 Definition und Symptomatik
3.2 Epidemiologie
3.3 Verlauf und Prognosen
3.4 Ätiologie

4 Inklusion
4.1 Inklusion – auch für Kinder mit einer Störung des Sozialverhaltens?

5 Fachberatung
5.1 „Index für Inklusion“ auf Kindertageseinrichtungsebene
5.2 „Arbeitsansätze“ zur Zusammenarbeit der Kindertageseinrichtungen mit Eltern
5.3 „Präventionsprogramme“ auf Gruppenebene
5.4 „Konkrete Handlungsoptionen“ auf der Kind- Ebene

6 Schlussfolgerung und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Zweidimensionales Modell für Störungen des Sozialverhaltens

Abbildung 2: Entwicklungsmodell der Störung des Sozialverhaltens

Abbildung 3: Ursachenmodell für Störungen des Sozialverhaltens

Abbildung 4: Entwicklungsmodell von Verhaltensstörungen und Substanzmissbrauch

Abbildung 5: Index- Prozess

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Prävalenzraten

Tabelle 2: Braunschweiger Kindergartenstudie

Tabelle 3: Risiko- und Schutzfaktoren

Tabelle 4: Entwicklungsbedingungen von dissozialem Verhalten

Tabelle 5: Präventionsprogramme

Tabelle 6: Aggression passiert – wie reagieren?

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Zusammenfassung

Die vorliegende Hausarbeit zu den Themen Störung des Sozialverhaltens, Inklusion und Fachberatung, gliedert sich im Wesentlichen in drei Teile.

Im ersten Teil wird der Themenkomplex der Psychopathologie der Störung des Sozialverhaltens behandelt. Dabei geht es um die Symptomatik, die Epidemiologie, den Verlauf, die Prognosen und die Ätiologie.

Der zweite Teil widmet sich dem Thema Inklusion. Die Herausforderung verhaltensoriginelle Kinder in Kindertagesstätten zu erziehen, zu betreuen und zu bilden, wird diskutiert und diese Notwendigkeit durch die Inklusionsdebatte hervorgehoben. Zudem wird begründet, warum gerade diese Kinder vor einem sozialen Ausschluss geschützt werden müssen, nämlich um eine Verstärkung des Problemverhaltens zu verhindern.

Der dritte Teil behandelt das Thema Fachberatung und beantwortet die Fragestellung, wie die herausfordernde Aufgabe der Inklusion in Kindertagesstätten von Kindern mit Symptomen einer Störung des Sozialverhaltens gemeistert werden kann. Die lösungsorientierten Handlungsoptionen wurden anhand der Ätiologie der Störung des Sozialverhaltens erarbeitet. Dabei ließen sich folgende Ansatzebenen erarbeiten:

- Die Handlungsoptionen, auf der Ebene der Organisation, werden mit Hilfe des Index für Inklusion aufgezeigt.
- Verstärkte Zusammenarbeit mit Eltern in den Kindertageseinrichtungen wird als weitere Handlungsoption benannt. Arbeitsansätze werden aufgezeigt.
- Handlungsoptionen auf Gruppenebene werden durch die kurze Vorstellung von verschiedenen Präventionsprogrammen und der Vertiefung des primär präventiven Programms Papilio skizziert.
- Auf der individuellen Ebene werden Handlungsoptionen für pädagogische Akutsituationen am Beispiel von aggressivem Verhalten erläutert.

Abschließend folgt eine Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse und es werden Empfehlungen für die Praxis der Fachberatung gegeben.

2 Einleitung

Der Nervenarzt Heinrich Hoffmann (1844) beschreibt in seinem bekannten Kinderbuch Der Struwwelpeter die Geschichte vom bösen Friederich:

„Der Friederich, der Friederich,

Das war ein arger Wüterich!

Er fing die Fliegen in dem Haus

Und riss ihnen die Flügel aus.

Er schlug die Stühl' und Vögel tot

Die Katzen litten große Not.

Und höre nur, wie bös er war:

Er peitschte sein Gretchen gar! [...]“ (Hoffmann, 1844, S. 3f.)

Hoffmann beschreibt seinen Protagonisten Friederich als Wüterich. Handlungen, wie Tiere zu quälen, zu schlagen und zu töten, zeichnen sein Verhalten aus. Auch andere Kinder sind Opfer seiner Aggression. Er peitscht sogar das Gretchen. Dieses Verhalten beschreibt Symptome, welche die Störung des Sozialverhaltens charakterisieren. Unter der Störung des Sozialverhaltens werden im Allgemeinen delinquente, dissoziale, aggressive und oppositionelle Verhaltensweisen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zusammengefasst (Baving, 2006, S. 6; Grasmann, 2009, S. 1).

In der Literatur finden sich Prävalenzraten der Störung des Sozialverhaltens bei Kindern und Jugendlichen bis zu 16% (Fröhlich-Gildhoff & Abler, 2006, S. 21; Revens-Sieberer, Wille & Bettge, 2007, S. 873ff.; Boumann, 2008, S. 28ff.; Hölling, Erhart, Ravens-Sieberer & Schlack, 2007, S. 786; Ihle & Esser, 2002, S. 82ff.). Die Braunschweiger Kindergartenstudie berichtet von 6,3 bis 9,3% grenzwertigem, dissozialem und aggressivem Verhalten. Zwischen 1,6 und 4,9% der Kinder zeigen sich sogar klinisch auffällig (Kuschel et al., 2004, S. 40). Diese Tatsache unterstreicht ebenso die KiGGS-Studie (11% grenzwertiges und 9,5% auffälliges Verhalten) (Hölling et al., 2007, S. 786). Hinzu kommt, dass offensichtlich von einer Zunahme von psychischen Störungen, im Kindes- und Jugendalter, auch der Störungen des Sozialverhaltens auszugehen ist (Schlack, 2008, S. 246f.; RKI, 2007; Hölling; Kurth, 2008). Daraus kann man schlussfolgern, dass auch Kindertagesstätten zunehmend mit dieser Problematik konfrontiert sind.

Bei Kindern, die schon früh ein solches Verhalten aufzeigen, besteht das erhöhte Risiko, im späteren Lebensverlauf gewalttätig und kriminell zu werden und unter psychischen Problemen zu leiden sowie eine Abhängigkeit zu Substanzen mit Suchtpotential zu entwickeln (Conradt & Essau, 2004, S. 11). Je früher die Probleme erkannt werden, desto früher können auch gezielt gegensteuernde Maßnahmen erfolgen. Für Kindertagesstätten ist dies eine große Aufgabe und stellt eine besondere Herausforderung da.

Verstärkt wird diese Herausforderung über einen neuen Höhepunkt der Inklusionsdebatte des im Juni 2011 veröffentlichten weltumfassenden Berichts zur Behinderung (World report on disability). Dessen zentrale Forderung ist es, Inklusion vor allem im Bereich der Bildung in nachhaltige Konzepte einzubetten (WHO, 2011). Somit sind auch Kindertagesstätten, mit verpflichtendem Charakter, aufgefordert dies zu gewährleisten. Inklusion betrifft auch Kinder mit delinquenten, dissozialen, aggressiven und oppositionellen Verhaltensweisen. Diese Kinder müssen persönliche Unterstützung erfahren können und eine längerfristige Betreuung erhalten. Wie aber kann eine solche Herausforderung in der Praxis gemeistert werden?

Diese Frage soll in dieser Hausarbeit beispielhaft, mit Hilfe der Fachberatung und ihrem Aufgabenspektrum erläutert werden. Fachberatung dient als Unterstützungssystem im Elementarbereich (Hense, 2010, S. 11). Vor dem Hintergrund der Inklusion von Kindern mit einer Störung des Sozialverhaltens in Kindertagesstätten werden Handlungsoptionen auf den Ebenen der Organisation („Index für Inklusion“ Booth, Ainscow & Kingston, 2006), der Mikrosystemebene („Arbeitsansätze zur Zusammenarbeit mit den Eltern“ Pietsch, Ziesemer & Fröhlich-Gildhoff, 2010, S. 77f.), der Gruppe („Präventionsprogramme“ und der Vertiefung des primär präventiven Programms „ Papilio“ Mayer, 2007) und des Individuums („pädagogische Handlungsoptionen bei Akutsituationen am Beispiel von aggressivem Verhalten“ Haug-Schnabel, 2009, S. 116–144) vertieft.

Die Intention der vorliegenden Arbeit ist eine theoretische Fundierung zum Thema Inklusion von Kindern mit einer Störung des Sozialverhaltens für die Fachberatung von Kindertagesstätten darzulegen.

3 Psychopathologie der Störung des Sozialverhaltens

Die Störung des Sozialverhaltens ist eine Störung des Kindes- und Jugendalters. Im Folgenden werden relevante Merkmale der Psychopathologie thematisiert.

3.1 Definition und Symptomatik

Unter dem diagnostischen Begriff Störung des Sozialverhaltens, werden dissoziale[1], aggressive[2] und / oder oppositionelle[3] Verhaltensweisen zusammengefasst (Baving, 2006, S. 6). Die allgemeine Symptomatik kennzeichnet sich dadurch, dass wiederholende und anhaltende Muster von Dissozialität, Aggressivität und aufsässigem Verhalten auftreten (Knopf & Dauer, 2005, S. 111). Es wird von einem persistierenden Sozialverhalten gesprochen, was sich über ein lang andauerndes Verstoßen gegen die Regeln des Zusammenlebens bemerkbar macht (Hartmann, 1977 zit. n. Schmidt, 2004, S. 67). Die Störung umfasst schwere Verletzungen der altersentsprechenden sozialen Normen und Gesetze. Dass heißt auch, dass bei einer Diagnosestellung ein Verhaltensmuster gefordert ist, welches über das tolerierbare Verhalten, wie etwa leichte Regelverletzungen, hinausgeht (Baving, 2006, S. 6; Blanz, Remschmidt, Schmidt & Warnke, 2006, S. 198; Boumann, 2008, S. 12; Dilling, 2011, S. 190; Knopf et al., 2005, S. 111f.; Schmidt, 2004, S. 115; Steinhausen, 2000, S. 225).

In der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) wird die Störung des Sozialverhaltens im Diagnoseschlüssel F 91 kodiert (Dilling, 2011, S. 190–193). Der ICD-10 nimmt in seiner Diagnostik noch weitere Unterscheidungen in folgende Untergruppen der Störung des Sozialverhaltens vor:

- Auf den familiären Rahmen beschränkt (F 91.0)
- Bei fehlenden sozialen Bindungen (F 91.1)
- Bei vorhandenen sozialen Bindungen (F 91.2)
- Mit oppositionellem, aufsässigen Verhalten (F 91.3)

Weitere kombinierte Störungen sind:

- Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens (F 90.1)
- Störung des Sozialverhaltens mit depressiver Störung (F 92.0)
- Sonstige kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen (F 92.8)

Zusammenfassend nennt die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (2007) neun wesentliche Leitsymptome der Störung des Sozialverhaltens:

- deutliches Maß an Ungehorsam, Streiten oder Tyrannisieren
- ungewöhnlich häufige oder schwere Wutausbrüche
- Grausamkeiten gegenüber anderen Menschen oder gegenüber Tieren
- erhebliche Destruktivität gegen Eigentum
- Zündeln
- Stehlen
- häufiges Lügen
- Schule schwänzen
- Weglaufen von zu Hause“ (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie u.a. Hrsg., 2007, S. 265).

Jedes einzelne Leitsymptom rechtfertigt bei längerem Auftreten (über ½ Jahr) und entsprechend schwerer Ausprägung die Diagnose einer Störung des Sozialverhaltens (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie u.a. Hrsg., 2007, S. 265; Dilling, 2011, S. 190; Baving, 2006, S. 7; Blanzet et al., 2006, S. 198; Boumann, 2008, S. 12).

Der amerikanische Diagnoseschlüssel DSM-IV (American Psychiatric Association 1994) unterscheidet die Störung des Sozialverhaltens (engl. „ disruptive behavior disorder “) in zwei Formen: die Störung des Sozialverhaltens (engl. „ conduct disorder “) und die weniger schwerwiegende Störung mit oppositionellem Trotzverhalten (engl. „ oppositional-defiant disorder “) (Saß, 2003, S. 123–133).

Im Folgenden wird das zweidimensionale Modell für die Störung des Sozialverhaltens aufgezeigt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Zweidimensionales Modell für Störungen des Sozialverhaltens

(Quelle: Steinhausen, 2002, S. 211 in Orientierung an Frick et al., 1993)

Dieses Modell von Steinhausen (2002) stellt die typischen Verhaltensweisen der Störung des Sozialverhaltens dar. Dabei werden die Dimensionen des offen versus verdeckten Verhaltens sowie des destruktiven versus nicht destruktiven Verhaltens berücksichtigt (Steinhausen, 2002, S. 211f.).

3.2 Epidemiologie

Die Angaben zur Prävalenzrate variieren je nach Studie, Terminologie, Erhebungsmethode, Altersgruppe und Stichprobe erheblich (Klicpera, 2007, S. 145; Lösel, 2008, S. 2; Fröhlich-Gildhoff et al., 2006, S. 21).

Tabelle 1 gibt eine Übersicht:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Prävalenzraten

(Quelle: eigens erweiterte Tabelle von Fröhlich-Gildhoff et al., 2006, S. 21)

Diese Zusammenstellung der Prävalenzraten der Störung des Sozialverhaltens bzw. dem Umgang mit Gleichaltrigen und deren aggressivem, dissozialem Verhalten macht deutlich, wie verschieden die Einschätzungen sind.

Im Weiteren soll noch die Braunschweiger Kindergartenstudie herangezogen werden, da das Setting Kindergarten hier von besonderem Interesse ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Braunschweiger Kindergartenstudie

(Quelle: Kuschel et al., 2004, S. 101)

Die Angaben der Geschlechterverhältnisse zeigen, dass Jungen drei bis vier Mal häufiger von der Störung des Sozialverhaltens betroffen sind als Mädchen (Moffitt, Caspi, Rutter & Silva, 2001, zit. n. Klicpera, 2007, S. 145). In der Kindergartenstudie finden sich jedoch entgegengesetzte Angaben. Hier zeigen die Mädchen im Grenzbereich höheres aggressives Verhalten als Jungen (s. Tabelle 2).

Schlussfolgernd kann die übereinstimmende Aussage gemacht werden, dass die Störung des Sozialverhaltens zu den häufigsten der ermittelten Störungsformen zählt (Fröhlich-Gildhoff et al., 2006, S. 21; Aichinger, 2007, S. 67). Weiter kann festgehalten werden, dass dieses Problemverhalten schon im Kindergarten erhebliche Ausmaße annehmen kann (Kuschel et al., 2004, S. 97–106).

Die Prävalenzraten der Störung des Sozialverhaltens mit dissozialem und aggressivem Verhalten unterstreichen die Wichtigkeit von präventiven und pädagogischen Maßnahmen. Gefordert ist betroffenen Kindern in Einrichtungen entsprechende Unterstützungsleistungen konkret zuzusichern.

3.3 Verlauf und Prognosen

Verlauf und Prognosen werden aus dem Entwicklungsmodell der Störung des Sozialverhaltens von Steinhausen (2000) ersichtlich. Daraus geht hervor, wie sich eine Störung des Sozialverhaltens entwickeln kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Entwicklungsmodell der Störung des Sozialverhaltens

(Quelle: in Orientierung an Loeber, 1990 zit. n. Steinhausen, 2000, S. 212)

Die individuellen Variationen im Entwicklungsverlauf können dabei sehr unterschiedlich ausfallen (Boumann, 2008, S. 33f.). Im Verlauf zeigen sich Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Dabei gibt es in der Regel bei Mädchen häufiger ein oppositionelles Trotzverhalten. Jungen hingegen zeigen oftmals ein dissoziales und aggressives Verhalten (Boumann, 2008, S. 33f.). Das Symptom der Aggression zeigt die geringste Neigung zur Rückbildung. Schon ab dem 5. Lebensjahr tritt ein ausgeprägtes aggressives und gewalttätiges Verhalten auf (Steinhausen, 2000, S. 232). Wenn sich ein entsprechendes Problemverhalten einmal gefestigt hat, ist es nur noch schwer zu beeinflussen (Fröhlich-Gildhoff et al., 2006, S. 215). Der Beginn eines solchen Auftretens steht mit dem weiteren Störungsverlauf in Verbindung. Entwickelt sich die Störung in der frühen Kindheit, zeigt sie sich deutlich schwerwiegender, als wenn sie erst im Jugendalter auftritt (Klicpera, 2007, S. 142). Im Falle einer ungünstigen Entwicklung handelt es sich im frühen Erwachsenenalter vielfach um Intensivtäter/innen. Diesen Jugendlichen wird ein Großteil der klassischen Kriminalität zugeschrieben (Loeber, Farrington & Waschbusch, 1998 zit. n. Lösel, 2008, S. 3). Darüber hinaus lässt ein früher Störungsbeginn auch für andere psychosozialen Probleme im Erwachsenenalter schlechte Prognosen erwarten (Robins & Price 1991 zit. n. Lösel, 2008, S. 3). Weiter ist ein ungünstiger Störungsverlauf mit einem hohen Behandlungsbedarf und entsprechenden Behandlungskosten (stationäre Aufenthalt, Gefängnis) verbunden (Blanz, Remschmidt, Schmidt & Warnke, 2006, S. 208; Lösel, 2006, S. 128). Pro Fall können die verursachten Kosten in Millionenhöhe gehen (Muñoz, Hutchings, Edwards, Hounsome, O´Céilleachair 2004, Forster, Prinz, Sander, Shapiro 2008 zit. n. Lösel, 2010, S. 39).

Verlauf und Prognosen einer früh auftretenden Störung des Sozialverhaltens, verdeutlichen die Notwendigkeit schon im Vorschulalter Maßnahmen zu initiieren und betroffenen Kindern Unterstützungsleistungen anzubieten. Die im ungünstigen Fall negativ verlaufende Entwicklung für die Betroffenen und auch der damit einhergehende Kosten-Nutzen-Gesichtspunkt unterstreicht die Dringlichkeit der entsprechenden präventiven und pädagogischen Maßnahmen.

3.4 Ätiologie

Folgendes Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, welche Ursachen und Wirkmechanismen den Entstehungsbedingungen der Störung des Sozialverhaltens zugrunde liegen. Dabei spielen die Risiko- und Schutzmechanismen eine erhebliche Rolle. Diese sind in Tabelle 3 dargestellt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Risiko- und Schutzfaktoren

(Quelle: Steinhausen, 2002, S. 214)

In der Gegenüberstellung der Risiko- und Schutzfaktoren von Steinhausen (2002) werden Faktoren herangezogen, die empirisch gut erforscht sind.[4] Manche Risiko- und Schutzfaktoren geben Ansatzpunkte für den präventiven und pädagogischen Kontext. Daher fundieren häufig Präventionsprogramme auf diesen Erkenntnissen. Neben den Risiko- und Schutzfaktoren finden sich in der Literatur zum Thema Ätiologie der Störung des Sozialverhaltens verschiedene Modelle. Im Nachfolgenden werden zwei Modelle vorgestellt: zum einen das Ursachenmodell für die Störung des Sozialverhaltens, zum anderen dass Entwicklungsmodell von Verhaltensstörungen und Substanzmissbrauch.

Das Ursachenmodell der Störung des Sozialverhaltens von Steinhausen (2002) zeigt eine breite Betrachtungsweise, da auch die entsprechenden kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen mit einbezogen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Ursachenmodell für Störungen des Sozialverhaltens

(Quelle: Steinhausen, 2002, S. 213)

Aus dem Modell lässt sich ableiten, dass die Begegnung der Störung des Sozialverhaltens eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist, da sich in jedem Subsystem entsprechende Einflussfaktoren auf die Störung auffinden lassen (Steinhausen, 2002, S. 213f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Entwicklungsmodell von Verhaltensstörungen und Substanzmissbrauch

(Quelle: Webster-Stratton & Taylor, 2001, S. 166f. zit. n. Mayer, 2007, S. 3)

Aus dem Entwicklungsmodell von Verhaltensstörungen und Substanzmissbrauch geht hervor, dass es bereits in der frühen Kindheit zu einer Manifestation der Risikofaktoren kommen kann. Es werden drei Einflussfaktoren hervorgehoben: Entwicklungsfaktoren, Kindfaktoren und Kontextfaktoren. Wenn Risikofaktoren vorhanden sind, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Störung entwickeln kann. Bereits im Kindergarten bestehen Wechselwirkungen zwischen den Kind- und Kontextfaktoren. Dies führt wiederum zu weiteren Risikokonstellationen, wie z.B. der Anschluss an eine deviante Gruppe etc. Am Ende der Kette stehen Substanzmissbrauch, Delinquenz und/oder Gewalttätigkeit.

In Tabelle 4 werden die empirisch gesicherte Kernaussagen über Entwicklungsbedingungen von dissozialem Verhalten zusammenstellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 4: Entwicklungsbedingungen von dissozialem Verhalten

(Quelle: in Orientierung an Beelmann, 2007, S. 110)

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Störung des Sozialverhaltens auf vielerlei Ursachen zurück zu führen ist. Kausale Wirkzusammenhänge konnten entschlüsselt werden. Eine multifaktorielle Betrachtung ist aber in jedem Fall notwendig (Lösel, 2006, S. 128). Aus der Ätiologie der Störung des Sozialverhaltens, lassen sich pädagogische Maßnahmen für einzelne Kinder sowie präventive Maßnahmen für die gesamte Gruppe und für die Kindertagesstätte im Sinne der Organisationsentwicklung ableiten. Konkrete Ansatzpunkte werden im weiteren Verlauf der Arbeit thematisiert (s. Kapitel 5).

4 Inklusion

Der Begriff der Inklusion lässt sich aus dem lateinischen Wort „inclusio“ bzw. „includere“ ableiten. Er bedeutet im Deutschen „Einschluss“ oder „Enthalten sein“ (Ainscow, 2009, S. 67). Inklusion ist ein:

„[...] allgemeinpädagogische[r] Ansatz, der auf der Basis von Bürgerrechten argumentiert, sich gegen jede gesellschaftliche Marginalisierung wendet und somit allen Menschen das gleiche volle Recht auf individuelle Entwicklung und soziale Teilhabe ungeachtet ihrer persönlichen Unterstützungsbedürfnisse zugesichert sehen will. Für den Bildungsbereich bedeutet dies einen uneingeschränkten Zugang und die unbedingte Zugehörigkeit zu allgemeinen Kindergärten [...] des sozialen Umfeldes, die vor der Aufgabe stehen, den individuellen Bedürfnissen aller zu entsprechen - und damit wird dem Verständnis der Inklusion entsprechend jeder Mensch als selbstverständliches Mitglied der Gemeinschaft anerkannt“ (Hinz, 2006, S. 97f.).

Durch die deutsche Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 ist Inklusion in der Bundesrepublik ein verbindliches Recht geworden (Klein, 2010, S. 1). Ein aktueller, neuer Höhepunkt der Inklusionsdebatte, ist der von der WHO im Juni 2011 veröffentlichte weltumfassende Bericht zur Behinderung (World report on disability). Hier werden zentrale Forderungen gestellt, Inklusion vor allem im Bildungsbereich in nachhaltige Konzepte einzubetten (WHO, 2011). Daher sind auch Kindertagesstätten, mit verpflichtendem Charakter aufgefordert, dies zu gewährleisten. Ein verbindlicher Handlungsrahmen stellt die Kindertagesstätten und die darin tätigen pädagogischen Fachkräfte vor herausfordernde neue Aufgaben.

4.1 Inklusion – auch für Kinder mit einer Störung des Sozialverhaltens?

Wenn Inklusion umfassend ernst genommen wird, bedeutet dies, delinquenten, dissozialen, aggressiven und oppositionellen Kindern persönliche Unterstützungsbedürfnisse zuzusichern. Diese Tatsache fordert eine spezielle Betrachtungsweise. Inklusion zielt auf die Anerkennung der Vielfalt und der Differenzen von Individuen ab. Dem steht gegenüber, dass die Kategorie Verhaltensstörung auf Separierung und Isolation abzielt (Langer, 2009). Dies widerspricht dem Inklusionsansatz. Aus diesem Grund wird die Verwendung des Begriffs verhaltensgestört zu verhaltensoriginell erweitert, um betroffenen Kindern mehr Wertschätzung entgegen zu bringen (Hoffmann, 2011, S. 4; so auch Skrodzki, 2002 am Beispiel ADHS).

Über die verwendeten Begrifflichkeiten hinausgehend, braucht es Reflexionsfähigkeit, um grundlegende Veränderungen in der Pädagogik zu erzielen. Jantzen (2001) behandelt genau dieses Thema am Beispiel ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung), welches sich in diesem Sinne auf die Störung des Sozialverhaltens übertragen lässt. Er fordert die tätigen Frühpädagogen/innen dazu auf, nach den Ursachen der Verhaltensstörung zu fragen, um pädagogische Maßnahmen ableiten zu können. Daher kann an dieser Stelle auf die oben aufgeführte Ätiologie der Störung des Sozialverhaltens zurückgegriffen werden. Das Verstehen der zugrundeliegenden Problematik stellt den Kernbereich und die daraus entwickelten Handlungsmöglichkeiten dar. Es geht nicht um eine Lösung des Problems mittels eines sozialen Ausschlusses (Jantzen, 2001, S. 222ff.), wie z.B. durch eine Betreuung in Sondereinrichtungen. Gerade bei Kindern mit Verhaltensoriginalität sollte ein Ausschluss aus der Gemeinschaft vermieden werden, da solche Maßnahmen mit Frustration einhergehen und gewaltorientierte Verhaltensmuster verstärken. Aus diesem Grund gilt es alternative Vorgehensweisen zu prüfen und in den pädagogischen Alltag zu verankern (Hoffmann, 2011, S. 5).

Um diese herausfordernde Aufgabe zu gewährleisten, sollen nachfolgend mit Hilfe der Fachberatung, mögliche Handlungsoptionen diskutiert werden.

5 Fachberatung

In der Fachliteratur zur Beratung finden sich zahlreiche Definitionen. Im Folgenden wird eine Definition aufgeführt, welche für viele Beratungsbereiche, auch für den Bereich der Fachberatung, passend ist.

„Beratung ist eine fachliche Dienstleistung, in der mit spezifischen, wissenschaftlich (z.B. über Beratungsforschung) abgesicherten und in der Praxis bewahrten Methodologien der Informationsvermittlung, der fachlichen Begleitung und interpersonalen Unterstützung Ratsuchenden Kenntnis- und Wissensstände übermittelt werden, deren Umsetzung in Praxisfeldern und deren Transfer in praktisches Handeln unterstützt wird. Dabei auftauchende Probleme sollen durch die Expertise des Beraters in der Kooperation mit dem Beratenen einer Lösung zugeführt werden“ (Petzold, 2003, S. 2).

In der Beratungsliteratur finden sich verschiedene Beratungsansätze. Die am häufigsten vertretenen Ansätze sind der psychoanalytische Ansatz (Wagner, 2007), der humanistische Ansatz (Nußbeck, 2010), der verhaltenstherapeutische Ansatz (Nußbeck, 2010), der systemische Ansatz (Wagner, 2007; Schmidt & Vierzigmann, 2006), der lösungsorientierte Ansatz (Bamberger, 2007; Jong de & Berg, 2008) und der ressourcenorientierte Ansatz (Nestmann, 2007; Knoll, Scholz & Rieckmann, 2005; Nußbeck, 2010).

Das Beratungsgespräch ist in der Regel darüber hinaus von Grundhaltungen der personenzentrierten Gesprächsführung geprägt, die auf Carl Rogers zurückgehen. Diese sind – Empathie,[5] Akzeptanz[6] und Kongruenz[7] (Hoos-Leistner & Balk, 2008, S. 52).

In Abhängigkeit zum / zur jeweiligen Fachberater/in sind verschiedene Beratungsideologien vertreten. Auch die Grundhaltung der personenzentrierten Gesprächsführung hängt von der/dem jeweils Beratenden ab. Je nach Zielsetzung, Methode und Technik geht man auf unterschiedliche Art und Weise die Probleme an. Daher wird dieser Gesichtspunkt in dieser Hausarbeit nicht weiter berücksichtigt. Im Folgenden werden allgemeingültige Grundlagen, wie die Fachberatung in dieser Arbeit verstanden wird, vertieft.

Fachberatung versteht sich in erster Linie als Hilfestellung zur Unterstützung der ratsuchenden Kindertagesstätten. Ziel der Fachberatung ist, so wie es auch in anderen Beratungen der Fall ist, eine Lösung für das individuelle Problem der ratsuchenden Einrichtung zu finden. Je nach Anliegen und Beratungsanlass treten unterschiedliche Zielsetzungen in den Mittelpunkt des Beratungsgesprächs. Wichtig ist, dass Fachberatung und die zu beratende Einrichtung sich über die Ziele des gemeinsamen Beratungsprozesses einigen und diese auch in einer realisierbaren Art und Weise angestrebt werden.

[...]


[1] Dissoziales Verhalten verletzt die sozialen Regeln und Normen. Das Verhalten wird jedoch nicht notwendigerweise in einem gesetzlichen Zusammenhang beurteilt (Baving, 2006, S. 6).

[2] Aggressives Verhalten, beschreibt ein Verhalten, was sich gegen Personen oder Objekte richtet und einen physischen oder emotionalen Schaden verursachen kann (Baving, 2006, S. 6).

[3] Oppositionelles Verhalten ist gekennzeichnet durch trotziges und ungehorsames Verhalten und in manchen Entwicklungsabschnitten als normativ zu beurteilen. Wenn dieses Verhalten jedoch zu lang andauert ist es als dissozial zu beurteilen, da es nicht mit den Regeln des Zusammenlebens vereinbar ist (Baving, 2006, S. 6).

[4] Auch bei anderen Autoren finden sich entsprechende Gegenüberstellungen, die sich im Wesentlichen ergänzen z.B. bei Boumann (2008) und Beelmann (2007).

[5] Empathie meint die Fähigkeit der Beratenden sich in die Klient/innen hineinzuversetzen, ihre Gefühle und Empfindungen zu verstehen und ihnen diese mitteilen zu können.

[6] Akzeptanz meint die Klient/innen so akzeptieren und wertschätzen wie sie sind.

[7] Kongruenz besteht dann, wenn das aktuelles Verhalten und Erleben des Beratenden mit dem bestehenden Selbstkonzept weitgehend übereinstimmen. Nur dann können sich die Klient/innen öffnen und entfalten.

Details

Seiten
37
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656050995
ISBN (Buch)
9783656051251
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181683
Institution / Hochschule
Evangelische Fachhochschule Freiburg – Pädagogik der frühen Kindheit
Note
1,3
Schlagworte
kinder störung sozialverhaltens kindertagesstätten herausforderung hintergrund inklusionsdebatte handlungsoptionen fachberatung

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Titel: Kinder mit einer Störung des Sozialverhaltens in Kindertagesstätten. Eine Herausforderung vor dem Hintergrund der Inklusionsdebatte