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Medial erlebte Gewalt und aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen. Zusammenhänge, Gründe und Veränderungen in Schule, Familie und Gesellschaft

Diplomarbeit 2003 95 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Bestimmung des Gewaltbegriffs
2.1 Aggression und Aggressionstheorien
2.1.1 Aggression als Ausdruck eines Triebes
2.1.2 Die Frustrations-Aggressions-Theorie
2.1.3 Die Lerntheorie
2.2 Gewalt
2.2.1 Personale und strukturelle Gewalt
2.2.2 Physische, psychische und andere Formen von Gewalt
2.3 Mediale Gewalt
2.3.1 Definitionen medialer Gewalt in Film und Fernsehen
2.3.2 Medienspezifische Umgangsweisen mit Gewalt
2.3.3 Besonderheiten der symbolischen Gewalt

3 Mediengewalt in der öffentlichen Diskussion
3.1 Die historische Diskussion um Mediengewalt
3.1.1 Von der Antike bis zum 19. Jahrhundert
3.1.2 Der Gewaltdiskurs im 20. Jahrhundert
3.1.3 Besonderheiten des historischen Gewaltdiskurses
3.2 Der aktuelle Gewaltdiskurs
3.2.1 Beispiele zur gegenwärtigen Diskussion um Mediengewalt seit 1990
3.2.2 Die Rolle der Printmedien
3.2.3 Die gesellschaftliche Funktion der Diskussion
3.3 Merkmale des öffentlichen Gewaltdiskurses
3.3.1 Die Folge eines öffentlichen Selbstverständnisses
3.3.2 Die Wahrnehmungskluft in der Medienrezeption
3.3.3 Wissenschaft und Öffentlichkeit

4 Die wissenschaftliche Untersuchung der Mediengewalt in Film und Fernsehen
4.1 Inhaltsanalysen
4.1.1 Allgemeine Probleme der inhaltsanalytischen Untersuchungen
4.1.2 Ausgewählte Inhaltsanalysen
4.1.2.1 ,Gewaltprofil des deutschen Fernsehprogramms’ (Groebel/Gleich)
4.1.2.2 ,Darstellung von Gewalt im Fernsehen’ (Merten)
4.1.2.3 Programmanalyse (Krüger)
4.1.3 Die Bedeutung inhaltsanalytischer Erkenntnisse
4.2 Untersuchungen zur Wirkung von Mediengewalt
4.2.1 Katharsisthese und Inhibitionsthese
4.2.2 Die Stimulationsthese
4.2.3 Die Habitualisierungsthese
4.2.4 Die Kultivierungsthese
4.2.5 Die Suggestionsthese
4.2.6 Lerntheoretische Einordnung der Befunde
4.2.6 Bewertung der Wirkungsthesen
4.2.7 Aktuelle Wirkungsstudien
4.2.7.1 Gewalt, Biographie, Medien (Hopf)
4.2.7.2 Wirkungsanalyse (Grimm)
4.2.7.3 Zusammenfassung der Befunde neuerer Studien

5 Mediale Gewalt in Video- und Computerspiel
5.1 Computerspiele in öffentlicher Kritik
5.2 Besonderheiten des Computer- und Videospielens
5.2.1 Computerspielgewalt – Reale Gewalt – Filmgewalt
5.2.2 Die Faszinationskraft virtueller Gewalt
5.2.3 ,Doom’ und die Ego-Shooter - Gewalt im Spiel
5.3 Zur Wirkung der Computergewalt
5.3.1 Wirkungsannahmen
5.3.2 Was weiß die Wissenschaft?
5.3.2.1 Wirkungsstudie von Steckel und Trudewind
5.3.2.2 Wirkungs- und Nutzungsstudie von Ladas
5.3.2.3 Zusammenfassung neuerer Studien und Bewertung der Ergebnisse

6 Zusammenfassung und Ausblick

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Am Morgen des 26. April 2002 tötete der 19jährige ehemalige Schüler Robert Steinhäuser während der Abiturprüfungen im Erfurter Gutenberg Gymnasium 17 Menschen, darunter 12 Lehrer, zwei Mitschüler, die Schulsekretärin, einen Polizisten und erschoss schließlich sich selbst. Ganz Deutschland trauerte mit den Hinterbliebenen der Opfer dieses dramatischen Amoklaufes und die Frage nach dem ,Warum’ beschäftigte wochenlang die Schlagzeilen der Gazetten.

Auf der Suche nach Gründen für diese schreckliche Tat wurden viele schnell fündig. Roberts exzessiver Konsum von Gewalt- und Horrorvideos zusammen mit seiner Leidenschaft für brutale Video- und Computerspiele sollten Ursache, Motivation und Vorbild für diese Tragödie sein. Für viele Eltern, Lehrer, Politiker und vor allem die Medien selbst war das ein naheliegender Zusammenhang, um das furchtbare Geschehen überhaupt erklären zu können.

Gewalt in den Medien und besonders die Gewaltdarstellungen in Film und Fernsehen sowie brutale Video- und Computerspiele rücken nicht zum ersten Mal ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Zum wiederholten Male werden deren schädigende Einflüsse und Wirkungspotentiale auf Kinder und Jugendliche fester Bestandteil der öffentlichen Diskussion. Doch auch Gegenstimmen sind zu hören, die auf andere Determinanten wie familiäre Situation, schulische Probleme und gesellschaftliche Zwänge als grundlegende Faktoren hinweisen, welche Gewaltbereitschaft in der Persönlichkeitsentwicklung des Jugendlichen verankern.

Aufgrund der Ereignisse von Erfurt und der anschließenden Ambivalenz in der öffentlichen Diskussion um die Wirkung von Gewalt in den Medien entschloss ich mich, im Rahmen meiner Diplomarbeit nach Zusammenhängen zwischen medial erlebter Gewalt und aggressivem Verhalten von Kindern und Jugendlichen zu suchen. Dabei habe ich mich hauptsächlich auf mögliche Gewaltwirkungen von Film und Fernsehen und im zweiten Teil auf Computer- und Videospiele als relativ neue und im Vergleich zum Fernsehen differenzierte Medien des Gewalterlebens konzentriert. Eine solche Trennung scheint mir angebracht, da trotz vieler Gemeinsamkeiten sich die Medien Fernsehen einerseits und Computer- / Videospiel andererseits in Hinsicht auf Verbreitung, Zielgruppen, Entwicklung, historischem Hintergrund und der Art des Erlebens in wesentlichen Punkten voneinander unterscheiden. Der Amoklauf von Erfurt ist hierbei lediglich als Beispiel für extreme Jugendgewalt vorangestellt und wird nicht im Einzelnen behandelt.

Mit dem Hinweis auf Veränderungen in Schule, Familie und Gesellschaft im Titel dieser Arbeit soll schon vorweg impliziert werden, dass auch die schulische und familiäre Situation sowie die individuell wirkenden gesellschaftlichen Bedingungen bei der Suche nach Entstehung von Aggressionen zu berücksichtigen sind. Das Nachzeichnen von konkreten Entwicklungen in Schule, Familie und Gesellschaft ist nicht Thema dieser Arbeit.

Forschungsstand

Der Amoklauf von Erfurt ist das bisher dramatischste Ereignis seiner Art in Deutschland, doch nach den eventuellen schädlichen Folgen von Gewaltkonsum im Fernsehen wird nicht erst seit Erfurt oder vergleichbaren anderen Vorfällen gesucht. Vielmehr beschäftigt sich die Forschung mit dem Medium Fernsehen schon seit dessen Entstehung und sucht nach Wirkungspotentialen von medialen Gewaltdarstellungen. Mit der rasant steigenden Qualität der Computer- und Videospiele rücken auch diese in den letzten Jahren immer mehr in den Blickpunkt der Gewaltforschung.

Laut Kunczik und Zipfel gehen Schätzungen inzwischen von über 5000 Untersuchungen zum Thema Gewalt in Film und Fernsehen aus (Kunczik u. Zipfel 2002, S. 1). Analysen, die sich allein auf Computer- und Videospiele konzentrieren, gibt es weitaus weniger, aber auch hier wächst die Anzahl stetig. Dennoch ist in beiden Fällen noch keine endgültige These aus der Forschung heraus entstanden, die eine eindeutige Antwort auf die Fragestellung hin liefern könnte, ob Gewaltkonsum die Aggression steigert. Fest steht jedoch, dass ein direkter monokausaler Zusammenhang zwischen Gewaltkonsum und Gewalttätigkeit nicht anzunehmen ist. Allgemein sind sich Wissenschaftler mittlerweile darüber einig, dass Gewaltdarstellungen in den Medien nur unter gewissen Umständen negativ auf den Rezipienten wirken können, wobei mehrere andere Faktoren berücksichtigt werden müssen. Dies gilt jedoch nur als minimaler Konsens, denn insgesamt zeichnet sich laut Merten die bisherige wissenschaftliche Untersuchung zur Wirkung medialer Gewalt aufgrund theoretischer, begrifflicher und methodischer Schwierigkeiten nicht durch Evidenz, sondern eher durch Fragwürdigkeit aus. Dies führt dazu, dass „empirisch harte Befunde zur Wirkung dargestellter Gewalt so gut wie gar nicht vorliegen“ (Merten 1999, S. 10).

Die heutige öffentliche Diskussion mit Forderungen nach Eindämmung der Mediengewalt oder gar nach Zensur wird allerdings weniger durch die Ergebnisse der wissenschaftlichen Gewaltforschung geprägt als vor allem durch populärwissenschaftliche Publikationen mit unbewiesenen Behauptungen. Damit wird immer wieder neu der wissenschaftlich schon widerlegte monokausale Zusammenhang zwischen medialer und realer Gewalt ins Rampenlicht gerückt.

Gliederung der Arbeit

In vorliegender Arbeit beschäftige ich mich mit medialen Wirkungsannahmen in Öffentlichkeit und Wissenschaft und versuche die Frage nach Zusammenhängen zwischen medial erlebter Gewalt und aggressivem Verhalten von Kindern und Jugendlichen zu beantworten.

Im zweiten Kapitel werde ich zunächst einen definitorischen Zugang zu Gewalt und Aggression wählen und dabei auch auf einige psychologische Basistheorien zur Entstehung von Aggressionen näher eingehen. Im Anschluss daran gilt es, reale Gewaltformen von den Gewaltpräsentationen innerhalb der Medien Film und Fernsehen abzugrenzen und medienspezifische Umgangsweisen mit Gewalt und deren Besonderheiten aufzuzeigen. Damit möchte ich deutlich machen, dass Gewalt, wie sie die Medien darstellen, nicht ohne weiteres mit realer Gewalt zu vergleichen ist.

Das dritte Kapitel enthält die eingehende Untersuchung des öffentlichen Verständnisses der Wirkungsmechanismen der Mediengewalt. Hier wird durch einen historischen Abriss verdeutlicht, wie stark eine monokausale Wirkungsannahme in der öffentlichen Meinung verhaftet ist, die den aktuellen Gewaltdiskurs kennzeichnet, und welche Rolle die Printmedien bei der Propagierung eines solchen zum Selbstverständnis gewordenen Wirkungszusammenhangs spielen. Zudem werden die Fragen nach Funktion und Folgen der öffentlichen Diskussion beantwortet und letztlich einem wissenschaftlichen Verständnis gegenübergestellt.

In Kapitel vier wende ich mich der wissenschaftlichen Untersuchung des Themas ,Gewalt in Film und Fernsehen’ zu. Inhaltsanalytische Studien bilden dort mit Analysen, wie viel und welche Arten von Gewalt im deutschen Fernsehprogramm gesendet werden, die Grundlage für experimentelle wissenschaftliche Untersuchungen, die konkret Wirkungen der Mediengewalt auf den Zuschauer klären. In diesem Rahmen werde ich klassische Wirkungsthesen und neuere Wirkungsstudien darstellen und anhand von beispielhaften Studien die Vorgehensweisen erläutern, um letztendlich aktuelle Erkenntnisse aus der Wirkungsforschung präsentieren und bewerten zu können.

Im fünften Kapitel werde ich die öffentliche und wissenschaftliche Diskussion noch einmal speziell auf das Medium Computer- und Videospiel und dessen Gewaltinhalte beziehen. Die eigene Qualität der Gewalt im Spiel und die davon ausgehende Faszinationskraft wird ebenso Thema sein wie das durch extrem gewalttätige Vorfälle wie Erfurt so in die Kritik geratene Genre der Ego-Shooter mit seinen besonderen Gewaltpräsentationen. Abschließend gehe ich auch hier auf die wissenschaftliche Untersuchung der Gewalt ein und werde anhand theoretischer Überlegungen und der Ergebnisse neuerer Studien mögliche Wirkungsmechanismen formulieren.

2 Zur Bestimmung des Gewaltbegriffs

Eine Begriffsbestimmung von Gewalt und Aggression ist die theoretische Voraussetzung, will man nach Zusammenhängen zwischen medial erlebter Gewalt und aggressivem Verhalten von Kindern und Jugendlichen suchen. Verfolgt man öffentliche Diskussionen zu diesem Thema, so ist immer wieder festzustellen, dass diese Begriffe ohne vorherige und eindeutige Definition verwendet werden und davon ausgegangen wird, dass allgemein bekannt ist, was unter Gewalt und Aggression verstanden wird. Diese Problematik fehlender Definitionen stellt auch einen Mangel in einem Großteil der wissenschaftlichen Untersuchungen dar. So kritisiert Helga Theunert als „grundlegendes Defizit der traditionellen Gewaltwirkungsforschung ... die weitgehend fehlende bzw. ungenügende Bestimmung ihres Gegenstandes.“ (Theunert 2000, S. 42). Auch andere kommen zu dem Ergebnis, dass „die Begriffe Aggression und Gewalt ... häufig aufs unterschiedlichste definiert bzw. ohne Definition verwandt“ werden (Kunzcik 1998, S. 13), oder der „Begriff der Gewalt nicht zufriedenstellend definiert ist“ (Merten 1999, S. 9). Auf die Problematik, die sich daraus für mediale Wirkungstheorien ergibt, soll im weiteren Text noch eingegangen werden.

Im Folgenden werde ich die Begriffe Aggression und Gewalt zunächst anhand von verschiedenen Definitionen und Theorien darlegen und auch in Bezug auf meine Themenstellung eingrenzen, um dann mit einem definitorischen Zugang zur medialen Darstellung von Gewalt und deren Besonderheiten fortzufahren.

2.1 Aggression und Aggressionstheorien

Eine grundsätzliche Unterscheidung von Aggression und Gewalt ist schwierig insofern, als in der Forschung diese beiden Begriffe weitgehend bedeutungsgleich zur Anwendung kommen. Laut Lexika ist „Aggression“ allgemein „Angriff, Verletzung, affekt- oder triebbedingtes Angriffsverhalten“ (Aggression: Stichwort in www.wissen.de). Laut Merten entstammt der Gewaltbegriff dem politischen Diskurs, während der Aggressionsbegriff maßgebend ist für eine eigene Richtung in der Psychologie – die Aggressionsforschung (Merten 1999, S. 20). Demnach wird aus psychologischer Sicht Gewalt gemeinhin als besondere Ausdrucksform von Aggression gesehen, für deren Entstehung es drei bedeutende Theoriekonzepte gibt, die auch im Hinblick auf einen eventuellen Zusammenhang zwischen realer und medialer Gewalt wichtig sind.

2.1.1 Aggression als Ausdruck eines Triebes

Einer der ersten triebtheoretischen Ansätze entstammt der Feder von Sigmund Freud, der dem Menschen „eine angeborene Neigung ... zum <Bösen>, zur Aggression, Destruktion und damit zur Grausamkeit“ zuspricht“ (Freud 1930, zit. nach Nolting 1992, S. 44). Zunächst betrachtet als eine Ableitung des Sexualtriebes, wurde Aggression in Freuds dualistischem Triebkonzept später Bestandteil des Todestriebes, der zusammen mit dem Lebenstrieb (Eros) die Grundlage des menschlichen Daseins bildet. Der Todestrieb, dessen eigentliches Ziel die Selbstvernichtung ist, wirkt immer in „einer Mischung mit der Energie des lebenserhaltenden Eros, der Libido“ (Nolting 1992, S. 45). In der Psychoanalyse wird das Freudsche Theoriekonzept nur teilweise übernommen, wobei man von der Idee eines auf sich selbst gerichteten Todestriebes Abstand nimmt. Bestandteil bleibt jedoch ein unter anderen Trieben bestehender Aggressionstrieb als endogene Kraft.

In der Ethologie, der vergleichenden Verhaltensforschung, geht vor allem Konrad Lorenz von der Existenz eines dem Menschen innewohnenden Aggressionstriebes aus. Nach dieser auf Tierbeobachtungen beruhenden Annahme ist Aggression im Sinne von Lorenz eine spontane und instinktive Handlung, somit „eine angeborene, triebhafte innere Erregung, eine spezifische Energie, die sich im Nervensystem ansammelt und nach Entladung drängt“ (Merten 1999, S. 36).

Der triebtheoretische Standpunkt geht davon aus, dass das Auftreten von Aggressionen unvermeidbar ist, da es sich um einen dem Menschen angeborenen Trieb handelt. Die Theoriekonzepte von Freud und Lorenz werden in der Psychologie von vielen Seiten, vorrangig von den Lerntheoretikern, kritisiert und auch die Existenz eines spontanen Triebes kann nicht nachgewiesen werden. Hans-Peter Nolting fasst die verschiedenen Kritikpunkte wie folgt kurz zusammen: „Angeborene Grundlagen sind eine Sache, eine spontane Triebquelle eine ganz andere“ (Nolting 1992, S. 56).

2.1.2 Die Frustrations-Aggressions-Theorie

Die Frustrations-Aggressions-Theorie begründet sich im „Behaviorismus“ und erklärt Aggression als reaktives Moment. Abseits von triebtheoretischen Erklärungsansätzen soll demnach ein ärgerliches oder frustrierendes Ereignis die Ursache und der Auslöser von Aggression sein. Frustrationen werden laut Nolting in drei Typen untergliedert:

- Störung einer zielgerichteten Handlung (Hindernisfrustration);
- Mangelzustände (Entbehrungen);
- Angriffe, Provokationen und Belästigungen (schädigende Reize).

(Nolting 1992, S. 61)

Für die Art und Weise, wie eine Aggression ausgeführt wird, gibt es in der Frustrations-Aggressions-Theorie verschiedene weiterführende Erklärungen. Bestimmend für die Stärke einer Aggression ist äquivalent die Stärke der vorangegangenen Frustration, wobei die Aggression gegen den Auslöser des frustrierenden Erlebnisses immer am stärksten ist (Fremdaggression). Hemmend auf die Aggressionsneigung kann die Androhung einer Bestrafung der Aggression wirken. Ist diese Hemmung zu stark, so kann die Frustration eine aggressive Handlung gegen die eigene Person auslösen oder die Aggression wird auf ein anderes Objekt abgeleitet bzw. verschoben. Letztlich soll die Ausführung einer Aggression einen reinigenden, sogenannten kathartischen Effekt haben und die Bereitschaft zu weiteren Aggressionen reduzieren. Dieser Katharsiseffekt wird im Rahmen der medialen Wirkungstheorien erneut eine Rolle spielen.

Nach den ursprünglichen Annahmen der sozialpsychologischen Forschung besteht wie beschrieben eine kausale Beziehung zwischen Frustration und Aggression. Dieser Zusammenhang wird später modifiziert, indem Aggression nicht mehr als die unbedingte Reaktion auf Frustration verstanden wird, sondern nur noch als eine mögliche Reaktion auf frustrierende Erfahrungen. Basierend auf dieser Modifikation konzentriert sich die weitere Forschung mehr auf die Frage, unter welchen Bedingungen Frustration zu Aggression führt und fügt mehrere Faktoren der Reaktionskette hinzu.

Nach Nolting sind aggressive Reaktionen vornehmlich dann zu erwarten, wenn

- das Frustrationsereignis den Charakter von Angriffen und Provokationen hat,
- tatsächlich als „frustrierend“ interpretiert und bewertet wird,
- daher auch Ärgergefühle auslöst,
- die betreffende Person für solche Situationen aggressive Verhaltensgewohnheiten mitbringt,
- keine oder schwache Hemmungen geweckt werden und die Situation aggressive Modelle oder Signale bietet.

(a.a.O., S. 70)

Obwohl scharf kritisiert, ist die Frustrations-Aggressions-Theorie aufgrund ihres einfachen Reiz-Reaktions-Musters immer noch eine der populärsten Aggressionstheorien. Doch gerade diese Wenn-Dann-Beziehung gibt Anlass zur Kritik. Albert Bandura, Vertreter der Lerntheorie, bemängelt die in der ursprünglichen Theorie starre Reaktionskette, die die Vielfalt der menschlichen Reaktionsmöglichkeiten außer acht lässt. Ebenfalls problematisch ist die Implikation der Theorie, dass aggressives Verhalten praktisch unvermeidbar sei, da Frustrationen ständig vorkämen. Auch die Existenz des sogenannten Katharsiseffektes als Möglichkeit, Aggressionsbereitschaft zu senken, wird zurückgewiesen.

2.1.3 Die Lerntheorie

Prominentester Vertreter der Lerntheorie ist Albert Bandura, der eine komplexe sozial-kognitive Lerntheorie zur Erklärung aggressiven Verhaltens formuliert. Darin wird aggressives Verhalten ebenso wie jede soziale Verhaltensweise als auf Lernvorgängen beruhend erklärt. Es gibt demnach keine Triebe und auch keine spezifischen Auslöser, die Aggressionen hervorrufen.

„Die Theorie des sozialen Lernens aggressiven Verhaltens unterscheidet zwischen dem Erwerb von Verhaltensweisen, die ein destruktives und schädigendes Potential haben, und Faktoren, die bestimmen, ob eine Person das, was sie gelernt hat, auch ausführen wird“ (Bandura 1979, S. 82).

Laut Bandura sind für den Erwerb des Gelernten im Vergleich zu dessen tatsächlicher Ausführung verschiedene Bedingungsfaktoren relevant. Durch Beobachtungslernen, das Lernen am Modell, eignet sich eine Person neue Verhaltensweisen an oder modifiziert ihr bereits bestehendes Verhaltensrepertoire. Dabei können neben der Aufnahme neuer Verhaltensmuster auch Hemmungen von bereits gelerntem Verhalten verstärkt oder geschwächt werden und ebenso kann Verhalten anderer Personen soziale Anreize bieten. Vorbilder aggressiven Verhaltens lokalisieren Lerntheoretiker vornehmlich in Familie und Erziehung, in Kultur und Subkultur und in den Massenmedien. Die Wirkung der massenmedialen Gewalt wird hier als drittes Element hinter Familie und Kultur gestellt. Welche Problematik jedoch mit einer einfachen Vorbildzuweisung medialer Modelle einhergeht, wird im Rahmen der Wirkungstheorien genauer dargestellt.

Das Erlernen aggressiver Verhaltensweisen sagt noch nichts über deren tatsächliche Ausführung aus. Das Anwenden erlernten Verhaltens „wird in psychologischen Prozessen reguliert, und zwar durch Stimulus-, Bekräftigungs- und kognitive Kontrolle“ (Merten 1999, S. 44). Aggressives Verhalten wird in diesem Sinne wie jedes soziale Verhalten maßgeblich bestimmt durch seine Konsequenzen. Durch Antizipation der möglichen Verhaltensfolgen können hemmende oder eben auch verstärkende Stimuli entstehen, die auf die Entscheidung einwirken, eine Handlung auszuführen. Eine positive Reaktion auf eigenes Verhalten oder die beobachtete positive Bekräftigung des Verhaltens anderer führt zur Wiederholung bzw. Bekräftigung des Verhaltens. Und schließlich spielen kognitive Prozesse eine Rolle, wobei die Interpretation und Bewertung von Situationen und das bewusste Planen und Steuern des eigenen Handelns auf bereits gemachten Erfahrungen beruhen und so auf die Verarbeitung neuer Erfahrungen mit einfließen.

Folgt man Banduras Theoriekonzept, so kann aggressives Verhalten durch Vermeidung positiver Bekräftigungen und sozialer Auslösungsfaktoren verhindert werden.

Die hier erläuterten Theorien zur Entstehung von Aggression finden sich als grundlegende Konstrukte zur Erklärung verschiedener Wirkungsthesen medialer Gewalt wieder, auf die ich in Kapitel 4.2 ausführlich eingehen werde.

2.2 Gewalt

Grundsätzlich ist eine Definition von Gewalt immer abhängig von der jeweiligen Wissenschaft, die sich mit ihr beschäftigt, sei es z.B. Soziologie, Psychologie oder Pädagogik. Im Rahmen der Untersuchung der Mediengewalt kann Gewalt als „die Manifestation von Macht und/oder Herrschaft mit der Folge und/oder dem Ziel der Schädigung von Einzelnen oder Gruppen von Menschen“ (Schorb u. Theunert 1982, S. 323) definiert werden. Einen ähnlichen Gewaltbegriff verwendet auch die Gewaltkommission, eine unabhängige Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt, die Ende der 80er Jahre von der Bundesregierung eingesetzt wurde. Hier geht es „primär um Formen des physischen Zwanges als nötigender Gewalt sowie Gewalttätigkeiten gegen Personen und/oder Sachen“ (Schwind 1989, zit. nach Merten 1999, S. 20).

2.2.1 Personale und strukturelle Gewalt

Die Definition von Schorb und Theunert beinhaltet zwei Dimensionen von Gewalt, die direkte personale und die indirekte strukturelle Gewalt. Dieses Gewaltverständnis geht zurück auf Johann Galtung, der Gewalt als die Ursache für den Unterschied zwischen der potentiellen geistigen und somatischen Verwirklichung des Menschen und dessen aktueller Verwirklichung sieht (Galtung 1982, S. 9). Strukturelle Gewalt beruht auf ungleichen Herrschafts- und Machtverhältnissen im gesellschaftlichen System und kann mögliche Erklärung sein für personale Gewalt, mit der die situativ ungleiche Macht zwischen Ausübenden und Betroffenen gemeint ist. Grob unterschieden wird zwischen personalen und strukturellen Gewaltformen, indem bei personaler Gewalt immer die Existenz eines Subjekts, das direkt und unvermittelt Schaden zufügt, gegeben sein muss, während bei struktureller Gewalt dieses direkt handelnde Subjekt nicht vorhanden ist. Auslöser ist das Vorhandensein von sozialer Ungerechtigkeit im Sinne von ungleichen Machtverhältnissen oder Lebenschancen.

2.2.2 Physische, psychische und andere Formen von Gewalt

Als Unterformen personaler Gewalt finden sich in der Literatur die Begriffe physische und psychische Gewalt. „Unter physischer Gewalt sind alle Formen gefasst, die körperliche Zerstörung, Verletzung oder Einschränkung zur Folge haben, also die Gewalt, die Menschen anderen Menschen körperlich zufügen“ (Theunert 2000, S. 86). Gewalt gegen Sachen bezieht Theunert in ihre Begriffsdefinition insofern ein, als dass sie dann besonderen Wert erhält, wenn sie schädigende Folgen für Menschen hat.

Unter psychische Gewalt fallen unter anderem Verhaltensweisen wie Drohungen, Beleidigungen und Diskriminierung. Psychische Gewalt betrifft somit die geistige und seelische Verfassung der Betroffenen und ist im Vergleich zu physischer Gewalt oft unbewusster in ihrer Erscheinung. Ihre Folgen sind nicht eindeutig auszumachen.

Wie sich schon vermuten lässt, sind die dargestellten Dimensionen und Formen von Gewalt nicht ohne weiteres klar voneinander zu trennen. Personale Gewalt tritt oft in Folge von ungleichen gesellschaftlichen Machtverhältnissen auf und ist so in strukturelle Gewalt eingebunden. Ebenso können physische und psychische Gewalt gemeinsam auftreten oder voneinander abhängig sein. So wirkt sich z.B. die physische Gewaltanwendung gegen einen Ehemann bei der miterlebenden Ehefrau als psychische Gewalt aus.

Neben der Unterteilung in personale und strukturelle sowie in physische und psychische Gewalt unterscheidet vor allem Merten (1999, S. 26ff) noch viel differenziertere Formen. Hier z.B. legitime versus illegitime Gewalt, wobei zwischen Legitimität und Illegitimität ursprünglich aufgrund eines staatlichen Gewaltmonopols unterschieden wird. Alle gewalttätigen Handlungen, die durch eine soziale Gruppe oder Instanz akzeptiert werden, gelten demnach als gesetzlich legale bzw. moralisch legitime Gewalt. Interessant wird dies, wenn wir später die unterschiedliche Wahrnehmung von medial präsentierter legitimer und illegitimer Gewalt betrachten.

Bei individueller und kollektiver Gewalt ist die Anzahl der Aggressoren entscheidend. Alle Gewalt, die von mehr als zwei Personen in eine Richtung ausgeht, wird grob gesehen als kollektive Gewalt verstanden, so z.B. das gewalttätige Aufeinandertreffen von zwei Fangemeinden bei einem Fußballspiel. Laut Nolting sind aber situativ andere Faktoren von Bedeutung, wenn es um Gewalt in der Gruppe geht, da dies häufig vom stimulierenden Verhalten anderer Personen ausgeht. Der Angehörige einer Gruppe tut etwas, was er als Einzelner nicht tun würde (Nolting 1993, S. 18). Beispielhaft ist hier das Verhalten eines Jugendlichen innerhalb einer gewalttätigen rechtsextremen Gemeinschaft.

2.3 Mediale Gewalt

In den bisherigen Ausführungen wurde der Gewaltbegriff außerhalb von medialen Zusammenhängen definiert, sämtliche genannten Formen von Gewalt begegnen uns aber auch in den Medien. Auf den folgenden Seiten komme ich von einem rein definitorischen Zugang der medialen Gewalt zu spezifischen Besonderheiten der Gewaltpräsentation im Medium und dem symbolischen Charakter der Mediengewalt in Film und Fernsehen.

2.3.1 Definitionen medialer Gewalt in Film und Fernsehen

Betrachtet man gegenwärtig die Gewaltdarstellungen, die uns Tag für Tag in den Medien begegnen, so lassen sich grob zwei Paare von Darstellungsmustern finden. Kunczik führt hierzu eine Unterteilung von Mathias Kepplinger und Stefan Dahlem an, die zwischen natürlicher und künstlicher sowie zwischen realer und fiktiver Gewalt unterscheiden. „Unter der Darstellung realer Gewalt wird dabei die Präsentation von Verhaltensweisen verstanden, die physische oder psychische Schädigung beabsichtigen oder bewirken. Die Darstellung fiktionaler Gewalt bedeutet demgegenüber die Präsentation von Verhaltensweisen, die dies nur vorgeben“ (Kunczik 1998, S. 14). Fiktionale Gewalt findet sich hauptsächlich in Spielfilmen oder Serien und reale Gewalt in Nachrichtensendungen oder Dokumentationen. Eine solch klare Trennung scheint aber immer schwieriger zu werden, da es mittlerweile eine Reihe von Fernsehformaten wie z.B. Reality-TV (Wirklichkeitsfernsehen) gibt, in denen sich Merkmale realer und fiktionaler Gewalt vermischen.

Natürliche und künstliche Gewalt wird durch die Art der Präsentation voneinander getrennt. Natürliche Gewalt ist eine lebensechte Präsentation wie in einem Realfilm mit ,echten’ Schauspielern und künstliche Gewalt ist das artifizielle Pendant, das wir z.B. in Zeichentrickfilmen finden.

Den meisten heute vorhandenen Analysen zum inhaltlichen Gewaltanteil in den Medien und die Studien, die sich mit Wirkungen von Gewaltdarstellungen beschäftigen, liegt laut Kunczik die Untersuchung natürlicher fiktiver Gewalt zugrunde, obwohl auch dem Wirkungspotential der Präsentation realer Gewalt schon seit Ende der 80er Jahre immer mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. Die strukturelle Gewaltdimension bleibt, sofern sie nicht in personaler Gewalt mündet, in der Forschung relativ unbeachtet (a.a.O., S. 14).

2.3.2 Medienspezifische Umgangsweisen mit Gewalt

Wenn wir über die Wirkungen von medialen Gewaltdarstellungen sprechen, so müssen wir uns immer vor Augen halten, dass es nicht in erster Linie das Medium selbst ist, das Gewalt erschafft. Innerhalb von Spielfilmen oder Actionserien und ebenso in Nachrichtensendungen und Dokumentationen wird Gewalt nur dargestellt bzw. abgebildet. Gewalt ist mit den Worten von Schorb und Theunert „zuallererst ein gesellschaftliches Phänomen und Problem“ (1984, zit. nach Theunert 2000, S. 107). Gewalt im Medium, sei sie fiktional oder real, hat also immer Verbindungen zu gesellschaftlichen Wirklichkeiten und darf nicht losgelöst davon betrachtet werden. Es muss aber unterschieden werden, welche spezifischen Eigenschaften die mediale Darstellung und Abbildung von Gewalt hat. Hans-Dieter Kübler formuliert die These, dass alle Fernsehpräsentationen „symbolisch, also medial und semiotisch vermittelt“ (Kübler 1995, S. 81) sind, wobei das Fernsehen eine Selektion bestimmter Aspekte vornimmt und sie in medienspezifischer Weise verarbeitet.

Im Hinblick auf mediale Gewalt sind vor allem diese fernsehspezifischen Formen der Präsentation und Vermittlung von Gewalt zu betrachten. Theunert differenziert drei Grundmuster der Umgangsformen mit Gewalt am Beispiel des Fernsehens. Erstens gibt das Fernsehen reale Gewalt wieder, zweitens greift es real vorfindbare Gewalt auf und variiert sie mit fernsehspezifischen Mitteln und drittens produziert das Fernsehen selbst Gewalt (Theunert 2000, S. 113f).

Bei der Wiedergabe realer Gewalt, wie sie im Informationsbereich oder in der Berichterstattung z.B. bei Nachrichtensendungen auftritt, nimmt das Fernsehen oberflächlich keine Veränderungen der Realität vor. Dennoch ist das, was gezeigt wird, „immer nur ein Ausschnitt der Wirklichkeit, auch der Wirklichkeit der Gewaltereignisse und –verhältnisse“ (a.a.O., S. 113). Der Umgang mit realer Gewalt beschreibt somit immer nur einen aus dem Zusammenhang herausgerissenen Teilbereich der Realität nach Kriterien des Besonderen und Berichtenswerten. Diese Selektionskriterien können sich aber je nach Sender und Art der Sendung verändern. So rahmen und spezifizieren die verschiedenen Berichtskontexte eine Gewaltnachricht und bestimmen, welchen Gehalt die Meldung erhält (Löschper 1998, S. 244). Hans-Dieter Kübler benennt für die Übermittlung realer Gewalt in Nachrichten und aktuellen Berichten den Terminus ,symbolisch-dokumentarische Gewalt’ (Kübler 1995, S. 84).

Die Variation der realen Gewalt mit fernsehspezifischen Mitteln trifft in diesem Sinne mehr auf den Unterhaltungsbereich als auf den Informationsbereich zu. Im Informationsbereich kann bereits durch die sprachliche oder filmische Kommentierung realer Gewalt eine Variation der Wirklichkeit einhergehen, wenn z.B. durch einseitige Kommentierung eines Konfliktes der eigentliche Grund der Auseinandersetzung verzerrt wird. Im Unterhaltungsbereich hingegen sind die Variationsformen differenzierter, da reale Formen der Gewalt genommen und im Rahmen ihrer Geschichte dramatisierend erzählt werden. Merten spricht hierbei von einer künstlerisch-ästhetischen Dramatisierung in Unterhaltungssendungen und meint damit eine Überspitzung, Simplifizierung und Idealisierung realer Gewaltformen (Merten 1999, S. 32). Für beide Bereiche - Information und Unterhaltung - gilt, dass jeweils „reale Gewalt variiert wird durch Hinzufügung und Häufung bestimmter Aspekte und Bewertungen, die gleichfalls reale Bezüge haben, aber eben aus dem Gesamt der Wirklichkeit nach spezifischen Kriterien selektiert und neu miteinander verknüpft sind“ (Theunert 2000, S. 114). Heute finden wir diese Verknüpfungen vor allem in den verschiedenen Ausprägungen des bereits erwähnten Reality-TV wie etwa in den momentan sehr beliebten Gerichtsshows, bei denen Verhandlungen über Kriminalfälle mit realem Hintergrund fernsehgerecht aufgearbeitet werden. Grimm sieht in den Vermischungen zwischen realen und fiktionalen Gewaltpräsentationen eine neue Art der medialen Gewalt. Er bezeichnet diese Mischung aus ,facts’ und ,fiction’ als ,faction’, eine Darstellung realer Gewalt eingebettet in und verändert durch medienspezifische Gestaltungs- und Darstellungsmittel (Grimm 1993, S. 23). Ähnlich argumentiert auch Kübler, wenn er zwischen den beiden Polen dokumentarischer und fiktionaler Gewalt die formalen Vermischungen ,pseudodokumentarische Gewalt’ und ,pseudofiktionale Gewalt’ des Reality-TV auf der einen und der Spiel- oder Talkshows auf der anderen Seite unterscheidet (Kübler 1995, S. 84). Mit dieser Kategorisierung medialer Gewalt nimmt Kübler eine Abstufung im Wirklichkeitsgrad der Präsentationen vor, wobei aber immer zu beachten ist, dass selbst die dokumentarische Gewalt nur symbolisch ist.

Nicht zuletzt produziert das Fernsehen selbst Gewalt. Bei Informationssendungen kann Informationsverfälschung, Informationsvorenthaltung oder Undurchschaubarkeit von Informationen vorliegen, was dazu führt, dass Ereignisse nicht richtig, nur einseitig oder für den Zuschauer zu komplex dargestellt werden. Im Bereich der Unterhaltung treffen wir auf vielfältige Umgangsweisen mit Gewalt. Hier dominiert die ,symbolisch-fiktionale’ Gewalt als dramaturgisches Mittel in inszenierten Spielhandlungen.

2.3.3 Besonderheiten der symbolischen Gewalt

Hans-Dieter Kübler weist daraufhin, dass symbolische Gewalt in vielerlei Hinsicht als bedrohlicher wahrgenommen wird als reale Gewalt. Gründe hierfür liegen seiner Meinung nach darin, dass die mediale Gewalt für viele präsenter ist. Das heißt, dass sie mit medial übermittelter Gewalt viel häufiger konfrontiert werden als mit realer Gewalt. Durch ihre Eigenschaften „ungleich verdichteter, drastischer und eindeutiger als die reale Gewalt“ (Kübler 1995, S. 82) zu erscheinen, nimmt mediale Gewalt zusätzlich für den Zuschauer einen oberflächlich höheren Stellenwert ein und „täuscht ... ständig über ihre eigentliche, nämlich symbolische Qualität hinweg“ (ebd.). Dass es ein Mehr an medialen Gewalterfahrungen gibt, wird noch dadurch verstärkt, dass es immer neue Sender gibt, die Gewalt in ihrem Programm darbieten. Hand in Hand mit einer solchen Wahrnehmung der symbolischen Gewalt geht die Weiterentwicklung der technischen Mittel des Fernsehens, die die Qualität der Darstellung insofern verändert, „dass dokumentarische wie fiktionale Inhalte durch eine Verbesserung der Aufnahmetechniken in allen Bereichen des Schnitts, der Kameraführung und der Montage dem Zuschauer einen wesentlich stärkeren Eindruck von Realität vermitteln“ (Eisermann 2001, S. 33).

Im Rahmen einer Expandierung des Mediums Fernsehen, die sich vor allem in der Erweiterung des Programmangebots und immer wieder neuer Fernsehformate zeigt, nimmt die Allgegenwärtigkeit des Mediums zu. Man denke nur an die in den letzten Jahren ins Netz gegangenen Fernsehsender wie VIVA Plus, MTV 2 (beides Musiksender), N24 (Nachrichtensender), 9 Live oder die Rückkehr von Tele 5, das Anfang der 90er Jahre zum Privatsender RTL II wurde. Gleichfalls zeigt sich eine Ausweitung des Pay-TV Marktes in Deutschland. Zudem ergeben sich durch Kabel- und Satellitenfernsehen immer mehr Möglichkeiten, ausländische Programme zu empfangen. Neue Fernsehformate entstehen wie das vor drei Jahren erstmals gesendete und heftig umstrittene ,Big Brother’, bei dem ein Dutzend Menschen in einem abgesperrten Container drei Monate um den Verbleib ,kämpfen’ müssen, und das mittlerweile in verschärfter Form zum vierten Mal über den Bildschirm geht.

Angesichts dieser Omnipräsenz der Medien und ihren suggestiven Welten wird es für den Zuschauer immer schwerer, die inszenierte von der tatsächlichen Realität zu unterscheiden (Kübler 1995, S. 82). Es zeigen sich bisweilen in der medialen Darstellung dichotome Merkmale. Auf der einen Seite werden zunehmend reale Ereignisse medientypisch dermaßen verändert, dass sie wie fiktionale, von den Medien selbst gemachte Ereignisse, aussehen. Auf der anderen Seite gibt es laut Kübler ,pseudodokumentarische Bilder’, die das Inszenierte als wirklich darstellen, obwohl es dies nicht ist. Phänomene der Verwechslung zwischen realen Geschehnissen und medial in Szene gesetzten gibt es in Extremformen schon lange. So bewerben sich auch heute noch Menschen um ein freies Zimmer in der ,Lindenstrasse’, einer fiktiven TV-Serie, immer wenn dort dem Spielgeschehen nach eine Wohnung frei wird. Unterschwellig zeigt sich dieses Phänomen viel häufiger. So wurde z.B. lange diskutiert, inwiefern Journalisten nach den rechtsextremen Vorfällen in Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen Anfang der 90er Jahre Jugendliche dazu animierten „sich vor die Kamera zu stellen und fremdenfeindliche, antisemitische und menschenverachtende Losungen zu brüllen“ (a.a.O., S. 101).

3 Mediengewalt in der öffentlichen Diskussion

Das vorangegangene Kapitel hat gezeigt, wie vielschichtig der Gewaltbegriff ist, und in welchen Formen und Abstufungen uns Gewalt im täglichen Leben und auch im Fernsehen begegnet. Im Folgenden werde ich nun auf die öffentliche Brisanz des Themas Gewalt und Mediengewalt eingehen. In der Einleitung meiner Arbeit berichtete ich über die ambivalente öffentliche Diskussion zur Rolle der Mediengewalt im Fall Erfurt, und zwar, inwieweit der Konsum von Horror- und Gewaltvideos sowie gewalthaltigen Computer- und Videospielen den ehemaligen Schüler Robert Steinhauser zu seiner Tat gebracht hat. Es scheint wissenschaftlich erwiesen zu sein, dass es zumindest keine monokausalen Zusammenhänge zwischen Gewaltkonsum und Gewalttätigkeit gibt. Dennoch hält sich die Annahme über einen direkten Wirkungszusammenhang vehement in der öffentlichen Meinung und reproduziert sich geradezu selbst, wann immer ein ähnliches Ereignis ins Rampenlicht rückt. Auf der Suche nach Gründen für diese einseitige Wirkungszuweisung ist es hilfreich, zunächst einen Blick auf die historische Entwicklung einer solchen Argumentationsweise zu werfen und diese grob zu skizzieren, um anschließend die aktuelle Debatte um Mediengewalt genauer zu untersuchen.

3.1 Die historische Diskussion um Mediengewalt

3.1.1 Von der Antike bis zum 19. Jahrhundert

Schon in der griechischen Antike beginnt eine Auseinandersetzung, die so in unterschiedlicher Form noch bis heute anhält. Platon (427-347 v. Chr.) geht davon aus, dass insbesondere Kinder und Jugendliche vor Inhalten geschützt werden müssten, die schädliche Einflüsse auf ihre Persönlichkeit nehmen (Vogelsang 1995, S. 99). Ihm geht es dabei vorrangig um Sagen und Märchen wie etwa ‚Ilias’ und die ‚Odyssee’ von Homer, die aufgrund ihres Gewaltgehalts nicht für die Ohren und Augen von Kindern bestimmt seien. Platon fordert in gewisser Weise sogar Zensur bzw. Kontrolle, indem er Dichter von Märchen und Sagen beim Schreiben unter Beaufsichtigung stellen will. „Nur die guten Märchen sollten eingeführt werden, wobei aber unklar bleibt, wer über die Güte anhand welcher Kriterien entscheiden sollte“ (Kunczik 1998, S. 20). Den Gegenpol zu dieser frühzeitlichen bewahrpädagogischen Haltung vertritt sein Schüler Aristoteles, der mit der Formulierung der Katharsisthese den laut Platon schädlichen Einflüssen eine reinigende Wirkung auf gleichartige Gemütsstimmungen zusprach.

Erneute Aufmerksamkeit in Deutschland erhält das Thema zu Beginn der Neuzeit im 16. Jahrhundert mit der Einführung der ,Newen Zeytungen’, die detailgetreu den Verlauf von Verbrechen nachzeichne. In der zeitgenössigen Literatur finden sich viele kritische Stimmen, die auf die Gefahr des Inhalts und auch deren verwerflichen Vorbildcharakter hinweisen. Merten zitiert in diesem Zusammenhang Kaspar Stieler, der vor mehr als 300 Jahren in seiner Arbeit ,Zeitungs Lust und Nutz’ folgendes schreibt: „Es wird darinnen oft von einem verübten Bubenstück berichtet und die Art und Weise wie solches angefangen und vollendet sey so ümständlich beschrieben dass wer zum Bösen geneigt daraus völligen Unterricht haben kann dergleichen auch vorzunehmen“ (Stieler 1695, zit. nach Merten 1999, S. 161).

Im England des 18. Jahrhunderts sind es vor allem Bühnenstücke, die in Bezug auf ihr großes Gewaltpotential in den Mittelpunkt der Diskussion geraten und die der Philosoph David Hume in seinem 1757 erschienenen Essay ,Of tragedy’ zur Anklage bringt. Dort heißt es nach einer detailgetreuen Beschreibung des blutigen Selbstmordes eines Greises: „Das englische Theater hat von dergleichen Bildern nur alllzu viel“ (zit. nach Merten 1998, S. 162). Auch Daniel Defoe, Autor des Romans ,Robinson Crusoe’ reiht sich in die Reihe der Kritiker ein, wenn er in Bezug auf das englische Theater von einer Brutstätte des Verbrechens spricht (Kunczik 1998, S. 21). Und Diskussionsmaterial gibt es damals genug, betrachtet man z.B. die Werke von William Shakespeare, hier vor allem ,Hamlet’ (1600) und ,Macbeth’ (1606), in denen es von Mord und Totschlag nur so wimmelt.

Neben dem Theater als Bühne der Gewalt rückt auch das Buch seit Beginn seiner massenhaften Verbreitung nach der Erfindung des Buchdrucks in den Blickpunkt der Kritiker. Shakespeares Stücke sind ja nicht nur als Inszenierung auf der Bühne zu sehen, sondern auch in gedruckter Form erhältlich, und auch Goethes ,Leiden des jungen Werter’ wird nachgesagt, es könnte junge Menschen zum Selbstmord führen, da die Tat als heldenhafte Handlung dargestellt werde. Ebenfalls in England zeichnet sich Ende des 18. Jahrhunderts die Entwicklung eines neuen Genres der Literatur ab, das der ‚gothic novels’. Die Welle dieser Schauerromane beginnt 1764 mit der Veröffentlichung von Horace Warpols ,The castle of Otrano’, das sich stilistisch mehr durch die Beschreibung von Wahnsinn als Gewalt auszeichnet. Dem folgen jedoch etliche Romane die „fast völlig aus Szenen voller Sadismus, Sinnlichkeit und Greueln“ (a.a.O., S. 24) bestehen. Löwenthal lässt sich sogar zu der These hinreißen, dass „einige der Schauerromane, die sich in den letzten drei Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts der größten Beliebtheit erfreuten, manche dieser Groschenhefte voller Sex und Sadismus, die heute unter dem Ladentisch verkauft werden, eher harmlos erscheinen [lassen]“ (Löwenthal 1964, S. 155).

Diesem Genre der Horrorgeschichten haben wir heute allerdings auch eine Vielzahl berühmter Klassiker zu verdanken. Anfang des 19. Jahrhunderts entstehen Werke wie Mary Shelleys ,Frankenstein’ (1816-17) oder Robert L. Stevensons ,The strange case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde’ (1888) und nicht zuletzt Bram Stokers ,Dracula’ (1897). Sie dienen seit Entstehung des Films bis heute immer wieder als Vorlage für die Filmindustrie.

Äquivalent zu den englischen Horrorgeschichten dominieren zur Zeit der Romantik in Deutschland Sagen und Volksmärchen oder Romane wie etwa E.T.A. Hoffmanns ,Die Elixiere des Teufels’. „Der Roman bietet alle Elemente des Schauerlichen auf, ,das Furchtbarste und Entsetzlichste, das der Geist erdenken kann … In Göttingen soll ein Student durch diesen Roman toll geworden sein’, schrieb Heinrich Heine“ (E.T.A. Hoffmann ..., o.S.). Sagen wie die vom Binger Mäuseturm oder dem Rattenfänger von Hameln sind bis heute fester Bestandteil unserer Kultur und prägen unser Verständnis von Gut und Böse. Zudem weisen sie einen tieferen Wahrheitsgehalt auf, was sie zum Bestandteil des populären Literaturwissens macht.

3.1.2 Der Gewaltdiskurs im 20. Jahrhundert

Diese verkürzte Zusammenfassung von mehr als 2000 Jahren Mediengeschichte zeigt, dass der sogenannte Gewaltdiskurs in der Öffentlichkeit eine sehr lange Tradition hat und sich mit seinen gegenteiligen Positionen in die Grundwurzeln unserer kulturellen Entwicklung eingefügt hat. Die Diskussion tritt immer dann am stärksten in den Vordergrund, wenn eine neue Art des Mediums entsteht. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass nach der Erfindung des Kinematographen im Jahre 1895 durch den Franzosen Louis Lumière eine neue Welle des Protests gegen Gewaltdarstellung im Film Anfang des 20. Jahrhunderts aufbrandet.

Der sogenannte Schundfilm ist es damals, der die Kritiker auf die Barrikaden bringt. Kunczik beschreibt dahingehend die Verbreitung von zahlreichen Vereinigungen wie dem ,Volksbund zur Bekämpfung des Schmutzes in Wort und Bild’, die sich gegen die Aufführung solcher Machwerke stellen. Unter ihnen der Jurist Albert Hellwig, der in seiner Arbeit über Schundfilme schreibt, dass „häufiges Anschauen von Schundfilmen mit fast mathematischer Sicherheit zu einer Verrohung des Jugendlichen führen muss“ (Hellwig 1911, zit. nach Kunczik 1998, S. 29). Trotz dieser Annahme fällt es ihm aber schwer, einen Zusammenhang zwischen der angeblichen Verrohung der Jugendlichen und den Schundfilmen zu finden. Dies hindert ihn jedoch nicht daran, in einem späteren Aufsatz polizeiliche Maßnamen für eine Zensur der Filme zu fordern.

Eine große Rolle bei der Gewaltdiskussion Anfang des letzten Jahrhunderts spielt die Eskapismusthese. Dabei geht es darum, dass durch das Kino den Arbeitern die Möglichkeit gegeben würde, aus ihrem Lebensalltag, der immer den gleichen Ritualen folgt, in eine Welt der Sehnsucht, Sensationen und Phantasie zu entfliehen, ohne dass sie dabei irgendeine Art geistiger Anstrengung zu verrichten hätten. Gerade jugendlichen Arbeitern wird in diesem Sinne die Realitätsflucht als schädlich für ihre Entwicklung vorausgesagt. Hierzu Emilie Altenloh in ihrer Abhandlung ,Zur Soziologie des Kino’: „Das bei dem Fehlen aller höheren Interessen der Kino einen bestimmten Einfluß auf die ganze Denk- und Lebensweise dieser ungefestigten Menschen gewonnen hat, steht außer Zweifel“ (Altenloh 1914, zit. nach Merten 1999, S. 165).

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Details

Seiten
95
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638225687
ISBN (Buch)
9783640663453
Dateigröße
955 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18169
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Pädagogisches Institut
Note
sehr gut (1,0)
Schlagworte
Zusammenhänge Gewalt Verhalten Kindern Jugendlichen Hintergrund Veränderungen Schule Familie Gesellschaft

Autor

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Titel: Medial erlebte Gewalt und aggressives Verhalten bei Kindern und Jugendlichen.
Zusammenhänge, Gründe und Veränderungen in Schule, Familie und Gesellschaft