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Strukturalismus und Kommunikationsmodelle

Hausarbeit 2009 12 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Gegenstand der Sprachwissenschaft

3 Was bedeutet Strukturalismus ?

4 Saussures sprachliches Zeichen und die Dichotomien
4.1 Signifié vs. Signifiant
4.2 Die Merkmale Linearität / Arbitrarität
4.3 Langue vs. Parole
4.4 Syntagmatik vs. Paradigmatik
4.5 Synchronie vs. Diachronie

5 Das semiotische Dreieck von Ogden und Richards

6 Kommunikationsmodelle
6.1 Karl Bühlers Organon-Modell
6.2 Das Kommunikationsmodell nach Roman Jakobson

7 Schlussgedanken zum Strukturalismus

8 Abbildungsverzeichnis und Bibliographie

1 EINLEITUNG

Die menschliche Fähigkeit des Sprechens, unsere Sprache, bereitet den Sprachwissenschaftlern schon seit Jahrhunderten Kopfzerbrechen. Im Gegensatz zu anderen Geistes- und Naturwissenschaften bietet die Sprache kein genau zu definierenden Ansatz für einen Untersuchungsgegenstand, denn nach J. Vachek ist „ein System, dessen Komponenten gegenseitig auf verschiedene Weise verbunden sind und sich gleichzeitig bedingen.“ (vgl. Ebneter 1973: 13)

Der Schweizer Sprachwissenschaftler und Begründer der Genfer Schule, Ferdinand de Saussure (1857-1913), befasste sich ausgiebig mit dem Gegenstand der Sprachwissenschaft. Zwei seiner Studenten, Charles Bally und Albert Sechehaye, die seinen Vorlesungen beigewohnt hatten, gaben des Professors linguistische Erkenntnisse unter dem Titel „ Cours de linguistique générale “ heraus. Dieses Werk gilt heute als Ausgangspunkt und somit als zentrale Grundlage der strukturalistischen Linguistik. So ist es nicht verwunderlich, dass Jonathan D. Culler ihn als father of modern linguistics, the man who reorganized the systematic study of language and languages in such a way as to make possible the achievements of the twentiethcentury linguists. […] master of a discipline which he made modern. (Thilo 1989: 7f.) bezeichnete. Beschäftigt man sich mit der Sprache im Allgemeinen, so stellt sich einem die Frage, wie diese in Erscheinung tritt. Sprache entsteht immer im Akt der Kommunikation – diesen Prozess zu untersuchen, machten sich ebenfalls namhafte Vertreter des Strukturalismus wie Karl Bühler und Roman Jakobson zur Aufgabe. Sie entwickelten Kommunikationsmodelle, die sich mittels des sprachlichen Zeichens erklären lassen. Innerhalb meiner Arbeit versuche ich zuerst den Gegenstand und die Problematik der Sprachwissenschaft aufzuzeigen, um danach näher auf den Strukturalismus eingehen zu können. Insbesondere Saussures Theorien nehmen hierbei eine zentrale Stellung ein. Im Anschluss daran erläutere ich verschiedene Kommunikationsmodelle der Linguistik.

2 DER GEGENSTAND DER SPRACHWISSENSCHAFT

Auf die Frage hin, was den Gegenstand der Sprachwissenschaft ausmacht, stößt man auf einige Probleme, die vor allem auch Saussure selbst schon damals erkannt hatte. Denn obwohl wir wissen, dass die Sprache an sich das Untersuchungsobjekt darstellt, so ist es doch schwierig, dies zu definieren. Ist nun der Gegenstand selbst oder eher „der Gesichtspunkt, aus dem man ihn betrachtet“ (Schiwy 1969: 107) älter, wo doch das Objekt erst durch den Gesichtspunkt erschaffen wird? Und welche Betrachtungsweisen haben Vorrangstellung oder sind bedeutender als andere? In jedem Fall hat das sprachliche Phänomen jedoch zwei sich entsprechende Seiten, die sich gegenseitig bedingen, denn ein durch den Mund artikulierter, akustischer Laut existiert erst durch seine Aufnahme durch ein Hörorgan. Andersherum kann ein Laut nur dann wahrgenommen werden, wenn er mittels Stimmorgan artikuliert wurde. Des Weiteren ist die menschliche Rede ein Produkt aus einer individuellen und einer menschlichen Seite, das nur gemeinsam zum Verständnis beiträgt und nicht für sich allein stehen kann. Als letztes zeigt sie sich „sowohl als ein feststehendes System als auch eine Entwicklung“ (Schiwy 1969: 108, zit. n. Saussure); somit ist sie zugleich statisch Gegenwärtiges als auch dynamisch Zeitloses.

Der Gegenstand der Sprachwissenschaft ist kein einheitliches Ganzes, bei dem man Gefahr laufen würde, die Doppelseitigkeiten der menschlichen Rede nicht zu berücksichtigen. Vielmehr setzt er sich aus vielen kleinen Einheiten zusammen, die insgesamt ein System darstellen. Versucht man jedoch, diese von verschiedenen Gesichtspunkten gleichzeitig zu untersuchen, so erblickt man nur ein Chaos zusammenhangsloser Erkenntnisse verschiedener Wissenschaften, wie z.B. die der Anthropologie, Psychologie, Philologie oder der normativen Grammatik, welche aber klar von der Sprachwissenschaft differenziert werden müssen. Durch die hierbei auftretenden Schwierigkeiten kommt man zu dem Entschluss, dass man „sich von Anfang an auf das Gebiet der Sprache begeben und sie als die Norm aller andern Äußerungen der menschlichen Rede gelten lassen [muss]. […] unter so vielen Doppelseitigkeiten scheint allein die Sprache eine selbständige (sic!) Definition zu gestatten, und sie bietet dem Geist einen genügenden Stützpunkt.“ (ebd.: 108)

3 WAS BEDEUTET STRUKTURALISMUS ?

Um die Methoden des Strukturalismus sowie dessen verschiedene Auffassungen, vertreten durch diverse Schulen der Linguistik, verstehen und auch nachvollziehen zu können, sollte zuerst einmal der Begriff Strukturalismus an sich geklärt werden.

Da diese Terminologie jedoch nicht nur dem linguistischen Bereich vorbehalten ist, beginne ich mit einem weiteren, übergreifenden Versuch einer Definition, der auf allerlei geisteswissenschaftliche Disziplinen ausdehnbar ist, um mich dann immer mehr einem Definitionsvorschlag unseres eigentlichen Objektes, der Sprachwissenschaft, zu nähern. So beschreibt Helga Galles den Strukturalismus als enzyklopädisches Stichwort folgendermaßen:

Im Unterschied zur historischen sucht die strukturalistische Methode nicht nach Wechselwirkungen zwischen empirischen Phänomenen. Sie arbeitet mit theoretischen Modellen, zwischen denen sie lediglich Ähnlichkeiten bzw. Entsprechungen aufsucht. Zu diesen Modellen gelangt die strukturale Methode über die Feststellung der formalen Beziehungen, welche die ein Phänomen konstituierenden Elemente miteinander verbindet (Opposition, Permutation, Transformation). Das System dieser Beziehungen (…) wird Struktur genannt. Die Formalisierung der Strukturen über Modelle, die auch die nichtrealisierten Möglichkeiten einbeziehen, erlaubt es, den semantischen Wert der realisierten und also empirisch auffindbaren Kombinationen zu präzisieren. (Schiwy 1969: 230)

Es lässt sich daraus erkennen, dass das Strukturalistische immer etwas Systemhaftes darstellt, das durch Methoden und Modelle besteht, wie sich auch an folgendem Versuch einer Definition zeigt:

Der Begriff Strukturalismus stellt keine terminologisch präzise Bestimmung dar; wissenschaftsgeschichtlich deckt er ein Spektrum unterschiedlicher Strömungen und Richtungen der sprachwissenschaftlichen Forschung des 20. Jh. ab; dabei herrscht Einvernehmen über die Schwierigkeit, den Strukturalismus als Mode und Methode zu charakterisieren, so dass Definitionsversuche wegen ihrer Beschränkung auf minimale Gemeinsamkeiten der einzelnen Richtungen letztlich zu einer Aufweichung des Strukturbegriffs führen. (Zöfgen 1977: 3)

Hier kann der Leser bereits die Problematik erahnen, die bei der Findung einer geeigneten Definition auftritt, so wie es beim Literaturbegriff ganz ähnlich der Fall ist. Wohl am klarsten lässt sich der Begriff Strukturalismus folglich dann bestimmen, wenn man ihn unter Eingrenzung seines jeweiligen Gebrauchs in einer bestimmten Wissenschaft untersucht. D.h. in diesem Fall, speziell auf die Sprachwissenschaft bezogen, lassen sich sein wahrer Aussagegehalt bzw. seine wahren Untersuchungsgegenstände konkretisieren:

Der klassische europäische Strukturalismus betrachtet die Sprache als ein System von Systemen, die sich ihrerseits aus Klassen, oppositiven Relationen zwischen den Klassen und Merkmalen als Komponenten der Klassen ergeben. Die Klassen werden aufgrund von Funktionen gewonnen, welche sprachliche (lautliche, morphologische, lexikalische, syntaktische) Erscheinungen gemeinsam besitzen. (Ebneter 1973: 13)

In jedem Fall jedoch beschreibt der Strukturalismus ein System, das eine Struktur besitzt, die wiederum durch viele kleine Einheiten bzw. Systeme untergliedert ist, welche zusammengenommen dem Ganzen erst seine Struktur verleiht. Hier bedingt das Eine das Andere.

4 SAUSSURES SPRACHLICHES ZEICHEN UND DIE DICHOTOMIEN

Nach Saussure ist die Sprache ein System von Zeichen, die Elemente mit zwei Seiten darstellen und untrennbar miteinander verbunden sind. Das sprachliche Zeichen besteht demnach aus den Komponenten Ausdruck, also dem Lautbild, und Inhalt, also der dazugehörigen Vorstellung. Diese entsprechen einem Bezeichnenden (,signifiant‘) und einem Bezeichneten (,signifié‘). (vgl. Eckard 2008: 10)

„Unter einer Dichotomie (,Zweiteilung‘) versteht man ein Begriffspaar, das einen Gegensatz ausdrückt.“ (Gabriel/Meisenburg 2007: 27) Saussure verwendet einige Dichotomien zur Beschreibung von Sprache bzw. des sprachlichen Zeichens, diese lassen sich durch ,vs.‘ beschreiben, was eine Gegenüberstellung kenntlich macht.

4.1 Signifié vs.Signifiant

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Das sprachliche Zeichen ist eine Einheit, in der einem akustischen (bzw. graphischen) Ausdruck ein bestimmter Inhalt zugeordnet ist.“ (ebd.: 27) In Saussures Cours wird das bilaterale Zeichensystem durch eine in der Horizontale geteilten Ellipse dargestellt, wobei sich das Bezeichnende bzw. Lautbild in der unteren und das Bezeichnete bzw. die Vorstellung in der oberen Hälfte befinden.

Abb.1:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Beide Komponenten sind sehr eng miteinander verbunden und bedingen sich gegenseitig. Jedoch sind sie psychischer Natur, sowohl die Vorstellung als auch das Lautbild. „Die Sprache bildet ein System von Zeichen, in dem einzig die Verbindung von Sinn [= Vorstellung] und Lautzeichen [=Lautbild] wesentlich ist und in dem die beiden Seiten des Zeichens gleichermaßen psychisch sind.“ (Eckard 2008: 10f.)

Konzept meint nicht den real existierenden Gegenstand selbst, sondern die Bedeutung dessen (z.B. Baum), also eine gedankliche Abstraktion. Es ist sozusagen eine Art Prototyp davon, was wirklich letztlich gemeint ist.

4.2 Die Merkmale Linearität / Arbitrarität

Die sprachlichen Zeichen sind durch bestimmte Eigenschaften gekennzeichnet, die die Zeit bestimmt. Da sie nicht gleichzeitig, sondern nur eines nach dem anderen realisierbar sind, liegt die Herausforderung darin, unsere nicht dem Linearitätszwang unterliegenden Gedanken bei der sprachlichen Äußerung nacheinander linear wiederzugeben, anders ist es gar nicht möglich.

Doch die Lautfolge an sich weist keinerlei Ähnlichkeit mit dem auf, wofür sie steht, denn beim bloßen Hören des Wortes ,Baum‘ assoziiert ein Kleinkind nicht automatisch den Gegenstand ,Baum‘, außer es hat bereits gelernt, dass dieser ,Baum‘ heißt und merkt sich diese Relation. Unser ganzer Wortschatz ist aus zweiseitigen sprachlichen Zeichen aufgebaut, der durch Konvention, also gesellschaftlicher Übereinkunft, festgelegt ist. Somit entstehen bei jedem die gleichen Vorstellungen und dies ist für ein gegenseitiges Verständnis in der Gesellschaft unbedingt erforderlich. Aber im Grunde, konventionelle Übereinstimmungen ausgenommen, ist das sprachliche Zeichen arbiträr, d.h. jeder kann sich einen willkürlichen Inhalt zu einem Ausdruck vorstellen. Das Verhältnis von signifié und signifiant ist sozusagen arbiträr. Lernte das Kind also zu dem Ausdruck ,Baum‘ den dazugehörenden Gegenstand ,Haus‘, so würde es künftig bei dem Wort Baum an ein Haus denken, sprich, es ordnet dem signifiant einen nicht der Konvention entsprechenden signifié zu.

Ein sprachliches System ist eine Reihe von Verschiedenheiten des Lautlichen, die verbunden sind mit einer Reihe von Verschiedenheiten der Vorstellungen; aber dieses In-Beziehung-setzten einer gewissen Zahl von lautlichen Zeichen mit der entsprechenden Anzahl von Abschnitten in der Masse des Denkens erzeugt ein System von Werten. Nur dieses System stellt die im Innern jedes Zeichens zwischen den lautlichen und [den anderen] psychischen Elementen bestehende Verbindung her. (Eckard 2008: 14, zit. n. Saussure)

4.3 Langue vs.Parole

Die allgemeine Fähigkeit des Menschen zu sprechen, also seine Sprachfertigkeit, nennt man langage. Sie ist sozusagen ein Oberbegriff und dient zur Differenzierung zwischen menschlicher Rede und andersartigen Formen von Kommunikation.

Für uns ist eine andere Distinktion in der strukturalen Linguistik entscheidender: jene zwischen langue, die eine soziale Institution kodifizierbarer Zeichen darstellt, und parole, was die individuelle, konkrete sprachliche Äußerung des Einzelnen meint. (vgl. Reif 1973: 185)

Somit ist die langue ein Code, der allen Angehörigen einer Sprachgemeinschaft bekannt ist und nicht im konkreten Individuum, sondern nur innerhalb dieser Gemeinschaft als soziales Faktum in Erscheinung tritt.

Auch kann man sie als ein System von Relationen und Elementen beschreiben. In diesem haben die Elemente einzeln genommen keine Bedeutung, da ihnen der Bezug zu anderen Einheiten fehlt. Erst durch die Bezugnahme auf das jeweilige Umfeld eines bestimmten Elements lässt sich dessen Funktion bzw. Stellenwert erkennen. Das heißt, die Bedeutung eines Elements kann man durch die Beziehungen zu anderen Elementen aus dem gleichen System ermitteln, indem man sie voneinander abgrenzt. (vgl. Gabriel/Meisenburg 2007: 30f.)

[...]

Details

Seiten
12
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656050988
ISBN (Buch)
9783656051244
Dateigröße
411 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181705
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Romanische Sprachwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Strukturalismus Ferdinand Saussure Genfer Schule Sprachwissenschaft Kommunikationsmodell Karl Bühler Semiotisches Dreieck Odgen und Richards Organon-Modell Roman Jakobson Sprachliches Zeichen Sprache Langue vs. parole Arbitrarität Signifié vs. Signifiant

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Titel: Strukturalismus und Kommunikationsmodelle