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Mit Gewalt zur Macht und die Macht der Gewalt

Wie konnte sich die organisierte Kriminalität in Russland zu einem Staat im Staate formen?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 18 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Geburt der organisierten Kriminalität
2.1 Bruderschaft der Diebe im Gesetz
2.2 Die Grundstruktur
2.3 Das Initiationsritual

3. Eine historische Bestandsaufnahme Russlands
3.1 Umbrüche in der Perestroika
3.2 Die Mafia als Nutznießer der Privatisierung

4. Die Diebe im Gesetz betreten die große Bühne

5. Ein Staat im Staat entsteht
5.1 Gewaltenteilung im „Mafiastaat“
5.1.1 Exekutive
5.1.2 Judikative
5.1.3 Legislative

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

„ Was macht Russland? “ „ Stiehlt “ .

Diese Aussage1 des russischen Schriftstellers und Historikers Karamsin ist eine humorvoll- traurige Zusammenfassung russischer Geschichte seit der Oktoberrevolution 1917. Das Entstehen eines Machtvakuums infolge von politischen Umbrüchen der Perestroika lässt in Russland einflussreiche und wohlsituierte Akteure der russischen Oberschicht sehr kreativ werden. Wo die Türe offensteht das schnelle Geld zu machen und sich Einfluss zu sichern wird sie von jemandem der die Chance sieht betreten.

Die folgende Hausarbeit zeigt den Zusammenhang zwischen Russlands historischer Entwicklung seit der Perestroika und der Machtergreifung organisierter Kriminalität in der Moderne und vergleicht Letztere mit einem Staat im Staate. Hierbei soll folgende Fragestellung einen Leitfaden bieten:

Mit Gewalt zur Macht und die Macht der Gewalt: Wie konnte sich die organisierte Kriminalität in Russland zu einem Staat im Staate formen?

Zunächst befasst sich der erste Abschnitt mit der Frage von kriminellen Organisationen, speziell den Dieben im Gesetz und ihrer Entstehung, die nach und nach kriminelle Strukturen in Politik und Wirtschaft während der Perestroika einführt und ihr handeln mitbestimmt. Es soll vor allem das Selbstverständnis dieser Gruppe nachvollziehbar aufgezeigt und ihr starker Zusammenhalt als eine Bruderschaft dargestellt werden.

Im zweiten Teil der Hausarbeit erfolgt eine historische Bestandsaufnahme Russlands ab dem Jahr 1985 um einen Einblick in den entstandenen politischen Umbruch und den Kampf um die Verteilung von Privateigentum während der Perestroika zu geben. Hier betraten einige diese sogenannte Tür die es möglich machte aus sozialen Ruinen einen Aufstieg zu schaffen und sich am Staat zu bereichern. Es wird aufgezeigt mit welchen Mitteln dies erreicht wurde.

Der dritte Teil befasst sich mit der Verflechtung zwischen den Mafiastrukturen der alten kommunistischen Partei und den neuen demokratischen Eliten. In diesem Schritt nistet sich das kriminelle Element im Staat ein. Es wird der russische Beamtenapparat vorgestellt und Gründe aufgezeigt weshalb es für Mitarbeiter des Staates von Vorteil ist, ihre Dienste an die Mafia zu verkaufen. Der letzte Teil vergleicht die politische Theorie der Gewaltenteilung nach Montesquieu mit der realen Situation der Diebe im Gesetz und zeigt auf, dass die Mafia in Russland einem Staat im Staate gleicht. Wichtig ist hier zu klären wie die Diebe im Gesetz zu ihrer Stabilität kommen.

In einem abschließenden Fazit werden zentrale Aspekte noch einmal kurz wiederholt und ein Ausblick in die Zukunft eines beraubten und durch Kriminalität gebeuteten Russlands gegeben.

2. Geburt der organisierten Kriminalität

Strukturen organisierter Kriminalität in Russland haben ihren Ursprung in der neuen Gesellschaftsordnung der Ära Stalins im Jahre 1925. „Zum zentralen Kennzeichen der neuen Machtordnung wurde der Terror, der in millionenfachen Verhaftungen, Morden und Deportationen in das System der Straflager, den GULag (Glavnoe Upravlenie Lagerej „Hauptverwaltung der Lager“), gipfelte“.2 In diesen schätzt man bis 1956, dem Jahr der Auflösung dieser, 18 bis zu 20 Millionen Inhaftierte.

In diesen GULags schlossen sich die Kriminellen verschiedener Art zusammen. Mörder, Diebe und andere Verbrecher mit unterschiedlichen Kompetenzen und Qualifikationen begannen sich zu organisieren, vornehmlich nach Berufsmerkmalen.3 Es entstand ein Kastensystem von Taschendieben, Safeknackern, Betrügern und anderen Spezialisten.

Der Beitritt in eine solche Gruppe wurde durch die Zahlung eines Geldbeitrags in einen sogenannten Topf möglich. Dieser wird ebenso durch die Vory v Zakone, den Dieben im Gesetz verwendet und heißt dort Obschchak. Zweck einer solchen „Spendensammlung“ ist die finanzielle Hilfe im Falle einer Inhaftierung, der Bestechung von Beamten oder Polizisten oder um größere Gruppenaktionen durchzuführen.

Diese Banden begannen sich straff zu Organisieren und an Größe zu gewinnen während sie Anfang der 1920er Jahre noch relativ überschaubare Gruppen waren. Ursache dieser großen kriminellen Bewegung war erstens eine durch Alexander Kerenski, ein hohes Mitglied der Regierung der Februarrevolution, durchgeführte Amnesie im Jahre 1917, die „tausende Kriminelle und Rückfalltäter“ wieder in die Freiheit entließ.4 Allein in Moskau gab es rund dreitausend solcher Krimineller und dreißig Banden.

Die zweite Ursache für die Entstehung und Herausbildung solcher Gruppen findet sich in der proletarischen Revolution Lenins. Kriminalität war in dieser Zeit eine Form seinen Protest gegen das neue Denken zum Ausdruck zu bringen. Unter diesen Opportunisten befanden sich Bourgeoisie und ehemalige Offiziere. Diese sollten später dementsprechend auch eine Führungsposition ausüben.5

Unter vielen dieser Banden bildete sich im Jahre 1930 eine Besondere heraus, die ein halbes Jahrhundert später noch eine der Mächtigsten sein würde. Die gesetzestreuen Diebe, die Vory v zakone. Um das Selbstverständnis dieser Gruppe zu begreifen muss eine Vorstellung ihrer Struktur vorgenommen werden.

2.1 Bruderschaft der Diebe im Gesetz

Die Vory v zakone sind eine kriminelle Elite die zur Konsolidierung und Stabilisierung der kriminellen Welt beiträgt. Doch was macht sie so Außergewöhnlich? Ihre Vorteile liegen im Verständnis der Bande. Es ist nicht nur wie bei vielen anderen, eine bloße Zweckgemeinschaft, sondern vielmehr eine Bruderschaft in der sich jeder zu wechselseitiger Hilfe verpflichtet ist. Diese Pflicht ist nur eine von vielen, die fest in einem Ehrenkodex, gleich einem Gesetz, verankert ist (daher auch der Name Diebe im Gesetz oder gesetzestreue Diebe). Bei einem Bruch gegen dieses werden harte Sanktionen in Form von Gewalt bist zum Tode legitimiert durchgeführt. Wir lernen also, dass eine eigene Judikative Gewalt existiert. Ebenfalls verfügt diese Gruppe über einen eigenen Verhaltenskode, der nur Mitgliedern bestimmt ist und durch andere kaum zu durchschauen ist. Man kleidet sich relativ unauffällig. Äußerliche Charakteristiken sind nur unterschwellig zu erkennen und ihre Bedeutung nur für das geübte Auge zu sehen, wie zum Beispiel bei Tattoos oder Halsketten.6

2.2 Die Grundstruktur

Die Diebe im Gesetz verfügen über einen streng hierarchischen Aufbau der auf vollkommene Stabilität ausgerichtet ist.

An Oberster Stelle steht der Dieb im Gesetz. Dieser steuert und kontrolliert Gruppenaktionen und bestimmt durch indirekte Anweisung was zu tun ist. Charakteristisch für ihn ist, dass er niemandem Rechenschaft schuldet und einen Status der Unantastbarkeit innehat. Jede Aktion ist so geplant, dass er niemals mit Verbrechen oder kriminellen Aktivitäten in Verbindung gebracht werden kann. Er leitet alle Überwachungsorgane der Organisation und verfügt ebenso über gute Beziehungen zum Inländischen Geheimdienst der russischen Föderation (FSB). Seine Kompetenzen sind in Form von Kontakten zu Wirtschaft und Politik wie der DUMA und dem Innenministerium (MWD) sehr weitreichend und er gilt als Überwacher des Obshchak.

Ihm untergeordnet stehen die Brigadiere. Diese sind Vertrauensleute und leiten Anweisungen direkt weiter. Ebenfalls erfüllen diese eine „Pufferfunktion“, denn sie schützen den Dieb vor aktiver Mittäterschaft. Ihre Zuständigkeit ist in drei Regionen aufgeteilt: Russland, ehemalige Sowjetunion (Ukraine, Kasachstan usw.) und International. Hauptaufgaben sind die Abfuhren von Zöllen, Koordination der „Soldaten“, Schuldeintreibung und Wirtschaftsverbrechen.

An unterster Stelle steht das Fußvolk, die Soldaten. Diese dienen nur in exekutiver Form und führen Befehle aus. Ihr Kompetenzbereich ist beschränkt und jeder hat sein spezielles Tätigkeitsfeld wie Safeknacker, Hehler, Waffenschmuggler etc. Dies ist bewusst so gestaltet, da bei einer Festnahme nur Informationen über sein eigenes „Metier“ preisgegeben werden können und andere Bereiche unangetastet bleiben. Eine stabile „Produktion“, gleich einem Unternehmen, ist daher gewährleistet. Für das Fußvolk ist das Risiko einer Inhaftierung recht groß, da sie die meisten Risiken tragen. Jedoch sind auch die Chancen auf einen Aufstieg als Brigadier hier am höchsten.7

2.3 Das Initiationsritual

Besonders ist ebenfalls das Initiationsritual. Wer zu den Dieben im Gesetz gehören möchte, muss bereits strafrechtlich aufgefallen sein, in den meisten Fällen auch im Gefängnis gesessen haben. Sobald die Gruppe einen Kandidaten ins Auge gefasst hat, wird dessen Leben durchleuchtet und Informationen über ihn eingeholt. Eine Beschattung und Kontrolle seiner Handlungen wird hier vorgenommen. Der Kandidat wird dann von mindestens zwei Mitgliedern zur Aufnahme empfohlen. Ist dies geschehen findet eine sogenannte „Shodka“ statt.8 Dies ist eine Versammlung von Vors (Dieben) bei der der Neuling zu einem von ihnen gekrönt wird. Sie hat jedoch auch die Funktion persönliche Probleme zwischen „Autoritäten“ zu lösen.9

Er muss dabei einen Eid leisten, Versprechen ein guter Vor zu sein und niemals mit anderen Banden zusammenzuarbeiten. Bricht er den Eid, wird er mit der Polizei gleichgestellt und des Verrats angeklagt, das schlimmste was man einem Dieb im Gesetz vorwerfen kann. Diese Abstimmung findet jedoch nicht nur in Freiheit statt, sondern genauso im Gefängnis. Hierbei werden auf Zettel Qualitäten des Neulings aufgeschrieben, wie zum Beispiel Ehre, Disziplin, Aufopferung, Anzahl und Höhe der Spenden an den Obshchak, Glauben etc. und mit einer Mehrheitsentscheidung entschieden ob dieser sie erfüllt10. Folgt die Zustimmung zum Beitritt bekommt der Novize einen neuen Spitznamen, den er erst nach einigen Jahren verliert und sich dann einen eigenen aussuchen darf. Daran sieht man wie lange er der Gruppe bereits angehört.

Er hat dann die Pflicht auf ewig den folgenden Ehrenkodex11 (in gekürzter Form) zu erfüllen:

1.) Ein Vor muss einen anderen in allen Umständen unterstützen
2.) Ein Vor soll von dem leben was er gestohlen, durch Betrug erbeutet und beim Kartenspielen gewonnen hat. Nur der unabhängige Vor ist ein wahrer Vor
3.) Die Regeln der Sowjetunion/ Russland existieren nicht für den Vor
4.) Vory haben ihre eigenen Gerichte (shodkas). Jeder Vor kann bis zur Todesstrafe richten.

[...]


1 Stanislaw Goworuchin (1994): Moskau und die Mafia, S.29

2 Vgl. Haumann, Heiko (2007): Die russische Revolution 1917, S. 113

3 Vgl. Illesch, Andrej (1991): Die roten Paten, S.14f.

4 Illesch, Andrej (1991): Die roten Paten, S. 16f.

5 Vgl. Illesch, Andrej (1991): Die roten Paten, S.17

6 Vgl. Varese, Federico (2001): The Russian Mafia, S. 147

7 Vgl. finCEN Law-Enforcement eyes new player in organized crime In: Update: A bulletin of financial crimes and money laundering, Frühling/ Sommer 93, Bd 2, Nr. 1. und 2.www.fincen.gov Abrufdatum: 18.09.2010

8 Vgl. Varese, Federico (2001): The Russian Mafia, S. 147

9 Vgl. Illesch, Andrej (1991): Die roten Paten, S.21

10 Vgl. Illesch, Andrej (1991): Die roten Paten, Organisiertes Verbrechen in der Sowjetunion S.18

11 Varese, Federico (2001): The Russian Mafia, S. 151

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656050926
ISBN (Buch)
9783656051213
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181722
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2.0
Schlagworte
gewalt macht kriminalität russland staat Mafia

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Titel: Mit Gewalt zur Macht und die Macht der Gewalt