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Depression - Krise als Chance

Ursachen, alternative Heilmethoden und Prävention

Diplomarbeit 2011 121 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Beschreibung der psychischen Erkrankung Depression
2.1 Definition Depression
2.2 Differentialdiagnosen unipolar affektiver Störungen
2.2.1 Depressive Episode
2.2.2 Somatisches Syndrom einer Depression
2.2.3 Dysthymia
2.3 Differentialdiagnosen bipolar affektiver Störungen
2.3.1 Manische Episode
2.3.2 Hypomanie
2.3.3 Zyklothymia
2.4 Symptome der Depression
2.5 Formen der Depression
2.6 Häufigkeit, Geschlecht, Alter und soziale Schicht
2.7 Verlauf und Prognose

3. Ursachen der Entstehung von Depressionen
3.1 Allgemeine Fakten
3.2 Biologische Faktoren
3.2.1 Hormonelle Faktoren
3.2.2 Biologische Grundlagen und Prädispositionen
3.2.3 Prozesse, die mit den biologischen Grundlagen und Prädispositionen verbunden sind
3.3 Neurobiologische Faktoren
3.4 Psychologische Theorien
3.4.1 Depressionsmodell von Seligmann
3.4.2 Depressionsmodell von Beck
3.4.3 Depressionsmodell von Lewinsohn
3.5 Psychoanalytische Ansätze
3.6 Sozialwissenschaftliche Erklärungstheorien
3.6.1 Psychosoziale Faktoren
3.6.2 Depression als Ausdruck einer sozialen Gratifikationskrise
3.6.3 Depressionen bei Kindern als Folge elterlicher Depressionen
3.7 Medikamente
3.8 Gesellschaftliche Aspekte

4. Behandlungen von Depressionen
4.1 Allgemeine Fakten
4.2 Pharmakotherapie
4.3 Psychotherapie
4.4 Lichttherapie
4.5 Sport und Bewegung in freier Natur
4.6 Wachtherapie
4.7 Alternativen bei sehr schweren Depressionen
4.8 Elektrokrampftherapie

5. Drei Erfahrungsberichte
5.1 Nähere Erläuterung
5.2 Fragen als Grundgerüst für die Erfahrungsberichte
5.3 Erfahrungsbericht Markus Zimmermann* (Name geändert)
5.4 Erfahrungsbericht Susann Schäfer* (Name geändert)
5.5 Erfahrungsbericht Christian Nagel* (Name geändert)
5.6 Schlussbemerkung zu den Erfahrungsberichten

6. Alternative Heilmethoden
6.1 Allgemeine Fakten und wissenschaftliche Erklärung
6.2 Yoga und Meditation
6.3 Energiearbeit und Reiki
6.4 Ayurvedische Behandlung
6.5 Schamanische Behandlung
6.6 Kunst- und Ausdruckstherapie
6.7 Musik als heilende Kraft
6.8 Familienstellen
6.9 Homöopathie

7. Depression- Krise als Chance- Aufruf zur eigenen spirituellen Entwicklung
7.1 Allgemeine Fakten
7.2 Tieferes Verständnis für das Vorhandensein einer Seele
7.3 Das höhere Selbst und die physische Persönlichkeit
7.4 Integration von eigenen Schattenseiten
7.5 Veränderung von Gedanken- und Verhaltensmuster
7.6 Entwicklung von Selbst- und Nächstenliebe
7.7 Selbstfindung und Beachtung des eigenen Körperrhythmus
7.8 Integration der weiblichen und männlichen Anteile in uns
7.9 Entwicklung von Kreativität und Annäherung an die Natur

8. Prävention von Depressionen
8.1 Drei Phasen der Prävention
8.1.1 Tertiäre Phase
8.1.2 Sekundäre Phase
8.1.3 Primäre Phase
8.2 Die neue Medizin der Emotionen und andere präventive Methoden
8.3 Kommunikation und Berührung

9. Nachspann

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Depression ist nicht nur eine Krankheit des Körpers und der Psyche, sondern eine Krankheit des Herzens. Sie gibt uns die Chance, unseren Geist, unserem Leben und unserem Herzen mehr Tiefe zu erschließen.“ (Martin 2000: 9)

Viele berühmte, außergewöhnliche Persönlichkeiten und Künstler litten an dieser psychischen Erkrankung, wie beispielsweise Ernest Hemingway, Van Gogh, Maler Hugo van der Goes. Die Depression wird heutzutage sogar als Volkskrankheit bezeichnet, die auch erfolgreiche Menschen mit einem starken sozialen Rückhalt betreffen kann. Der Tod des Fußballspielers Robert Enke schockierte die Bevölkerung. Den Menschen wurde besonders nach diesem Ereignis bewusst, dass die Depression als Erkrankung ernst genommen und nicht verharmlost werden darf.

Ich denke, dass viele Depressionsfälle auch unerkannt bleiben, weil die Menschen heutzutage viele Gelegenheiten haben sich vom Alltagsstress abzulenken, oder diesen auch mit einem Suchtverhalten kompensieren. Aber durch die Verdrängung der Depression wird ein Teil der Persönlichkeit unbeachtet gelassen oder sogar abgespalten. Dies kann wiederum zu einer Entfremdung der eigenen Person führen.

In meinem Leben bin ich einigen mir sehr nahe stehenden Menschen begegnet, die an einer Depression in verschiedenen Ausprägungen erkrankt sind. Auch bei mir kam es vor, dass ich in bestimmten Phasen meines Lebens an depressiven Verstimmungen litt. Ich stellte mir oft die Frage, was die Ursache für dieses sehr tief gehende emotionale Leiden ist. Es wurde mir auch bewusst, dass sich das Leben nach Überstehen einer Krise ändern kann. Aus dieser Erkenntnis heraus hat sich schließlich mein Diplomthema ergeben.

Neben allgemeinen Fakten zur Depression, Ursachen und anerkannten Behandlungen und Ausführungen zur Prävention werden in meiner Diplomarbeit alternative Heilmethoden aufgezeigt. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass eine Krise immer auch eine Chance in sich birgt. Ich glaube, dass alle Menschen im Leben die Möglichkeit erhalten, eine geistige und spirituelle Entwicklung zu erfahren, indem sie die Herausforderungen in schwierigen Phasen erkennen, eine innere Kraft entwickeln und bestimmte Erkenntnisprozesse durchlaufen.

2. Beschreibung der psychischen Erkrankung Depression

Zu den weltweit bedeutendsten und schwerwiegendsten Krankheitsbildern gehören die depressiven Erkrankungen. Sie können unterschiedliche Ausprägungsformen annehmen. Bis zu ca. 20% der Bevölkerung sind von einer Depression betroffen (vgl. Schwarzer 2004: 226).

Ich denke, dass die erhöhte Zahl der depressiven Erkrankungen daraus resultiert, weil in den letzten Jahren verstärkt begonnen wird, die seelischen Störungen in ihrer Vielfalt wissenschaftlich exakt zu untersuchen und genauer zu diagnostizieren. Das Risiko einer Depressionserkrankung steigt meiner Meinung nach auch aufgrund psychosozialer Belastungen unserer Zeit und Gesellschaft.

Depressionen werden zwar als eigenständige Störungsgruppe abgegrenzt. Sie sind aber häufig mit anderen Störungen verbunden. Dazu gehören beispielsweise Manien, Ängste, Furcht- und Trauerreaktionen sowie Persönlichkeitsauffälligkeiten. Wenn man resignativ-depressive Reaktionen bei anderen körperlichen und psychischen Erkrankungen sowie mildere Formen depressiver Störungen zu einer Depressionserkrankung dazu zählt, dann gehört die Depression vermutlich zu den häufigsten psychischen Beeinträchtigungen. Sie kann während allen Lebensabschnitten auftreten (vgl. Hautzinger 1998: 3).

Eine Stoffwechselstörung im Gehirn verursacht Depressionen. Das Denken, die Gefühle, der Körper der Betroffenen, die sozialen Beziehungen, das ganze Leben sind beeinträchtigt. Obwohl dieser psychischen Erkrankung eine enorme Bedeutung zugemessen wird, kann sie häufig nicht erkannt oder aber nur unzureichend behandelt werden. Dies verursacht großes Leiden und Verlust an Lebensqualität für die Betroffenen und deren Angehörigen (vgl. Schwarzer 2004: 226).

Manche Menschen verstehen unter dieser psychischen Erkrankung eine Trauer, die durch schmerzliche Trennung oder durch den Tod eines geliebten Menschen ausgelöst wurde. Doch selbst diese Empfindungen gleichen nicht annähernd einer krankhaften Depression. Auch verbindet jeder Mensch mit dem Wort Depression etwas sehr Subjektives. Meiner Meinung nach kann das eigentliche Leid der Betroffenen niemand nachvollziehen.

2.1 Definition Depression

Die Depression gehört zu den affektiven Störungen (ICD -10: F30-39), die mit Beeinträchtigung des Antriebs und der Stimmung einhergehen (vgl. Schwarzer 2004: 227).

Gefühle von Niedergeschlagenheit und tiefer Trauer treten bei vielen Menschen meist nach belastenden Ereignissen auf. Beispiele hierfür ist der Tod eines geliebten Menschen oder das Ende einer Partnerschaft. Diese Gefühle lassen jedoch nach einer bestimmten Zeit nach und sind ganz normal bei einem Trauerprozess. Eine Depression liegt in diesem Fall noch nicht vor. Auch ist es dem Betroffenen noch möglich, sich kurzzeitig durch einfühlsame Gespräche mit Freunden oder Aktivitäten abzulenken. Bestehen die Gefühle jedoch über einen langen Zeitraum, kann sich dieser Zustand zu einer Depression steigern. Neben der tiefen Trauer und Niedergeschlagenheit empfinden die Betroffenen meist auch eine quälende emotionale Leere und Freudlosigkeit. Verschiedene körperliche Beschwerden treten in vielen Fällen zusätzlich auf. Selbst die gesamte Lebensführung des Betroffenen kann stark beeinträchtigt sein. Depressive haben große Schwierigkeiten alltägliche Aufgaben, wie den Haushalt oder die Ausübung eines Berufs zu bewältigen. Oft treten starke Selbstzweifel auf. Die Betroffenen haben kein Interesse mehr an Dingen, die ihnen früher wichtig waren. Selbst der Zuspruch von nahe stehenden Personen oder andere Ablenkungen bereiten ihnen keine Erleichterung (Internetquelle 1).

Unterschieden wird zwischen einer pathologisch niedergedrückten Stimmung (Depression), einer krankhaft gehobenen Stimmung (Manie) und einem phasenhaften Wechsel von depressiven und manischen Phasen (Manisch- depressive Erkrankung; bipolare affektive Störung). Die Manie wird als eigenständige Störungsgruppe abgegrenzt, ist aber häufig mit der unipolaren Depression verbunden (vgl. Schwarzer 2004: 227).

2.2 Differentialdiagnosen unipolar affektiver Störungen

Zu den Unterteilungen der unipolar depressiven Störungen zählen depressive Episoden, Anpassungsstörungen und Dysthymien. Die möglichen Symptome dieser Erkrankungen sind identisch. Unterschiede in der Diagnostik ergeben sich durch die zeitliche Erstreckung der Symptome, durch die Menge zeitgleich auftretender Beschwerden sowie durch den Zusammenhang (innerhalb eines halben Jahres nach dem Ereignis) depressiver Symptomatik mit einer psychosozialen Belastung (vgl. Hautzinger 1998: 10).

2.2.1 Depressive Episode

Eine depressive Episode wird unterteilt in leicht, mittel oder schwer. Diese gelegentlich auftretende negative Befindlichkeit kann bei fast jedem Menschen auftreten, ähnlich der Melancholie. Diesen Zustand bezeichnet man jedoch noch nicht als normale oder schwere Depression. Zu den Symptomen der leichten, mittleren oder schweren depressiven Episode zählen (vgl. Hautzinger 1998: 10).

1. Gedrückte, depressive Stimmung, die für den Betroffenen ein deutlich abnormes Ausmaß annimmt und bis zu etwa 2 Wochen anhält
2. Verlust von Freude und Interesse an Aktivitäten, die bis Dato kein Problem darstellten, beziehungsweise mit Anstrengung verbunden waren
3. Erhöhte Ermüdbarkeit oder verminderter Antrieb
4. Verlust von Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
5. Ausgeprägte, unangemessene Schuldgefühle oder unbegründete Selbstvorwürfe
6. Wiederkehrende Gedanken an den Tod oder Suizid, oder suizidales Verhalten
7. Vermindertes Denk- oder Konzentrationsvermögen, Unentschlossenheit
8. Änderung der psychomotorischen Aktivität mit Hemmung oder Agitiertheit (subjektiv oder objektiv)
9. Verschiedenste Arten von Schlafstörungen
10.Gesteigerter Appetit oder Appetitverlust mit entsprechender Gewichtsveränderung

(vgl. Hautzinger 1998: 10f)

Eine leicht depressive Episode liegt vor, wenn insgesamt mindestens vier der zuvor aufgezeigten Symptome (1) bis (10) zutreffend sind. Darunter müssen zwei der Symptome (1) bis (3) vorliegen.

Sind mindestens sechs der Symptome (1) bis (10) für den Betroffenen zutreffend sowie mindestens zwei der Symptome (1) bis (3), dann liegt eine mittelschwere depressive Episode vor.

Im Falle das acht von den aufgezeigten zehn Symptomen und alle drei Symptome (1), (2) und (3) auf die Situation der Betroffenen passen, liegt höchstwahrscheinlich eine schwere Episode vor (vgl. Hautzinger 1998: 10f).

Mit diesem emotionalen Zustand der depressiven Episode reagieren die Menschen auf krisenhafte Ereignisse oder auf eine aktuell empfundene bedrückende persönliche Situation. Um diese Lage zu umgehen oder zu überwinden, versuchen die Betroffenen den sozialen Kontext zu reflektieren und sich selbst besser zu verstehen. Sie ziehen eine praktische Schlussfolgerung daraus, um mit der schwierigen Situation umzugehen oder diese zu überwinden. Zu den zentralen Beschwerden zählen Gefühle der Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Gefühle der Sinnlosigkeit, Gefühlsarmut auch geschätzten und geliebten Menschen gegenüber. Hoffnungslosigkeit und Angst begleiten diese beschriebenen Zustände. Wenn diese Zustände eine bestimmte Intensität oder Dauer nicht überschreiten, können sie noch als normale oder gesunde Reaktionen auf verschiedenste Erfahrungen eingestuft werden, wie beispielsweise bei Misserfolgen, Verlusten, Belastungen, Zeiten der Einsamkeit, Erschöpfung oder Ziellosigkeit. Ungelöst ist die Frage in der Depressionsforschung, an welchem Punkt die Grenze zwischen den normalen Reaktionen und den klinisch auffällig erachteten Symptomen überschritten wird (vgl. Summer 2008: 15).

2.2.2 Somatisches Syndrom einer Depressiven Episode

Von einem somatischen Syndrom einer depressiven Episode spricht man dann, wenn mindestens vier Merkmale aus den folgenden acht Symptomen zutreffend sind (vgl. Hautzinger 1998: 11).

1. Starker Verlust von Freude und Interesse der normalerweise als angenehm empfundenen Aktivitäten
2. Eingeschränkte Fähigkeit, emotional auf Aktivitäten, Ereignisse und Personen zu reagieren, auf die vorher normalerweise emotional reagiert wurde
3. Erwachen am frühen Morgen zwei Stunden oder mehr vor der gewohnten Aufstehzeit
4. Morgentief, das morgens stärker empfunden wird als abends
5. Von anderen bemerkt oder berichtete Hinweise auf ausgeprägte psychomotorische Hemmung oder Agitiertheit
6. Deutlicher Appetitverlust
7. Gewichtsverlust (etwa 5% oder mehr im vergangenen Monat)
8. Deutlicher Libidoverlust

(vgl. Hautzinger, 1998: 11)

2.2.3 Dysthymia

Eine depressive Stimmung, die häufig wiederkehrt und für einen Zeitraum von mindestens zwei Jahren anhält, bezeichnet man in der Fachsprache Dysthymia. Sind mindestens drei der folgenden elf genannten Merkmale für eine Person zutreffend, kann das ein Zeichen dafür sein, dass eine depressive Störung, Dysthymia, vorliegt (vgl. Hautzinger, 1998: 12).

1. Verminderte Aktivität oder Energie
2. Schlafstörungen
3. Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit, Verlust des Selbstvertrauens
4. Häufig auftretende Konzentrationsschwierigkeiten
5. Häufiges Weinen
6. Verlust von Freude oder Interesse an angenehmen Aktivitäten oder sexuellen Begehren
7. Gefühl der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit
8. Erkennbares Unvermögen zur Bewältigung der Anforderungen des alltäglichen Lebens
9. Negative Einstellung, Pessimismus hinsichtlich der Zukunft, Grübeln über die Vergangenheit
10.Sozialer Rückzug
11.Verminderte Gesprächigkeit

(vgl. Hautzinger, 1998: 12)

In dem Falle, dass depressive Symptome im Zusammenhang mit dem Tod einer nahestehenden oder geliebten Person stehen, geht man aber von einer sozial erwarteten Trauer aus. Sollte die Trauer allerdings über mehr als sechs Monate andauern, könnte dies ein Zeichen für ein Entstehen einer depressiven Episode oder Dysthymie sein (vgl. Hautzinger 1998: 12).

Wenn die diagnostischen Kategorien nicht zur Anwendung kommen oder passen, obwohl eine deutlich depressive Symptomatik vorliegt, kann eine andere affektive Störung diagnostiziert werden. Wichtig ist auch abzuklären, ob körperliche Prozesse oder bestimmte Substanzen eine depressive Erkrankung gefördert haben, beziehungsweise Auslöser für diese sind. Des Weiteren sollte zwischen schizophrenen und schizoaffektiven Störungen abgegrenzt werden (vgl. Hautzinger 1998: 12).

Die schizoaffektive Störung wird als eine psychische Störung bezeichnet, die Symptome einer manisch-depressiven Störung als auch Symptome einer Schizophrenie in sich vereint. Symptome, die zu dem schizophrenen Formenkreis zählen, wie beispielsweise Halluzinationen oder Wahn, können bei einer schizoaffektiven Störung zusätzlich auftreten (Internetquelle 2).

2.3 Differentialdiagnosen bipolar affektiver Störungen

2.3.1 Manische Episode

Eine gehobene, expansive oder gereizte Stimmungslage des Betroffenen in deutlich erkennbarem Ausmaß ist kennzeichnend für eine manische Episode. Das Kriterium für diese Episode ist erfüllt, wenn die krankhafte Stimmung mindestens eine Woche anhält und mindestens drei Merkmale aus den folgenden hier aufgeführten Merkmalen von (1) bis (9) auf die betroffene Person zutreffen, beziehungsweise drei Merkmale, falls die Stimmung nur gereizt ist. Es liegt erst dann eine manische Episode vor, wenn die in den folgenden Punkten aufgeführte Symptomatik eine starke Beeinträchtigung für den Betroffenen aufweist (vgl. Hautzinger 1998: 8f).

1. Motorische Ruhelosigkeit, gesteigerte Aktivität
2. Gesteigerter Rededrang
3. Als subjektiv empfundenes Gefühl von Gedankenjagen oder Ideenflucht
4. Verlust normaler sozialer Hemmungen, führt meist zu unangemessenen Verhalten
5. Vermindertes Schlafbedürfnis
6. Größenideen oder überhöhte Selbsteinschätzung
7. Ständig sich ändernde Aktivitäten und Pläne oder Ablenkbarkeit
8. Leichtsinniges Verhalten, dessen Risiken den Betroffenem nicht bewusst ist (rücksichtsloses Fahren, törichte Unternehmungen)
9. Sexuelle Taktlosigkeiten oder gesteigerte sexuelle Energie

(vgl. Hautzinger 1998: 8f)

2.3.2 Hypomanie

Hat der Betroffene innerhalb von vier aufeinanderfolgenden Tagen eine gehobene oder gereizte Stimmung und treffen drei von den folgenden genannten Merkmalen

(1) bis (7) zu, handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Hypomanie. Es liegt erst dann eine manische Episode vor, wenn die in den folgenden Punkten aufgeführte Symptomatik eine starke Beeinträchtigung für den Betroffenen aufweist (vgl. Hautzinger 1998: 9).

1. Motorische Ruhelosigkeit oder gesteigerte Aktivität
2. Gesteigerter Rededrang
3. Konzentrationsschwierigkeiten oder Ablenkbarkeit
4. Vermindertes Schlafbedürfnis
5. Gesteigerte sexuelle Energie
6. Leichtsinniges oder verantwortungsloses Verhalten
7. Übermäßige Vertraulichkeit oder gesteigerte Geselligkeit 8

(vgl. Hautzinger 1998: 9)

2.3.3 Zyklothymia

Wenn in einem Zeitraum von mindestens zwei Jahren die instabile Stimmung des Betroffenen mit vielen Perioden einer Depression und einer Hypomanie einhergeht, spricht man von der sogenannten Zyklothymia. Auch können in dieser Zeitspanne Intervalle von normalen Stimmungen auftreten. Mindestens drei von den hier aufgeführten Merkmalen (1) bis (8) müssen auf die betroffene Person zutreffen (vgl. Hautzinger 1998: 9).

1. Verminderte Aktivität oder Energie
2. Schlafstörungen
3. Gefühl von Unzulänglichkeit oder Verlust des Selbstvertrauens
4. Konzentrationsschwierigkeiten
5. Sozialer Rückzug
6. Verlust von Freude und Interesse an angenehmen Aktivitäten
7. Verminderte Gesprächigkeit
8. Grübeln über die Vergangenheit, Pessimismus bezüglich der Zukunft

(vgl. Hautzinger 1998: 9f)

Die Unterscheidung zwischen einer unipolaren Depression und einer bipolaren Störung ist bei der Diagnose sehr wichtig, da dies therapeutische Konsequenzen hat. Normalerweise wird eine unipolare Depression psychotherapeutisch und pharmakologisch anders behandelt als eine bipolare affektive Störung (vgl. Hautzinger 1998: 8).

2.4 Symptome der Depression

Die folgenden Symptome sind typisch für eine Depression. Zu der depressiven Verstimmung einer ernsthaften Erkrankung zählen innere Leere, Lust- und Freudlosigkeit. Die Betroffenen zeigen wenig Interesse für ihre Umwelt und leben oft in ständiger Ängstlichkeit. Hinzu kommt ein Gefühl der Gefühlslosigkeit, auch geschätzten und geliebten Personen gegenüber (vgl. Schwarzer 2004: 228).

Der Verlust der Freude am Leben und die Unfähigkeit andere Gefühle, wie Schmerz und Liebe zu empfinden, wird als qualvolles Leid beschrieben. Die Betroffenen befinden sich in einem Teufelskreislauf, der ohne professionelle Hilfe sehr schwierig zu durchbrechen ist (vgl. Wilms & Jarmer 1999: 69).

Die depressive Antriebsstörung stellt ein weiteres Symptom dar. Zu einem Problem für die Betroffenen werden alltägliche und private Aktivitäten, die bis dato gut zu bewältigen waren. Sie können sich oft schwer entscheiden, bleiben handlungsunfähig. Auch fehlen Initiative und Schwung. Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen sowie die Neigung über alles nachgrübeln zu wollen, ist dem Symptom der depressiven Denkhemmung zugeordnet. Häufig machen sich die Betroffenen über die gleichen Themen, wie Schuld, Angst, Versagensgefühl, Perspektivlosigkeit oder Ähnliches Gedanken. Zu den depressiven körperlichen Beeinträchtigungen zählt man Schlafstörungen, Appetitlosigkeit oder ein Übermaß an Nahrungsaufnahme sowie Libidoverlust. Auch treten oft Schwindel, Kopf-, Rücken-, Magen- oder Brustschmerzen auf, ohne dass eine organische Ursache gefunden werden kann. Zudem ist zu erwähnen, dass die körperlichen Symptome so in den Vordergrund der Wahrnehmung rücken können, dass die eigentliche Erkrankung übersehen wird (vgl. Schwarzer 2004: 228).

Eine nicht zu unterschätzende Gefahr stellt die Selbsttötung (Suizid) von depressiven Menschen dar. Ungefähr 10 bis 20 % der Betroffenen setzen ihrem Leben ein Ende. Aber selbst für Fachleute ist es sehr schwierig diese Suizidgefahr zu erkennen und richtig einzuschätzen. Fest steht, dass eine akute starke Angst des Patienten, eine lang anhaltende und schwere Depressivität, massive Selbstvorwürfe und Schulderleben ein erhöhtes Risiko darstellen. Auch zu beachten sind Suizide oder Suizidversuche in der Herkunftsfamilie, im sozialen Umfeld sowie Suizidversuche des Erkrankten selbst. Es sollte gehandelt werden, wenn aus Gesprächen mit dem Betroffenen herausgehört wird, dass der depressiv Erkrankte sich häufig Gedanken über einen Suizidversuch gemacht und eventuell auch schon Vorbereitungen getroffen hat. Eine stationäre Behandlung sollte dann in Betracht gezogen werden, wenn kein ausreichender Schutz für den betroffenen Menschen gewährleistet werden kann (vgl. Schwarzer 2004: 228f).

2.5 Formen der Depression

Wenn Lustlosigkeit, Niedergeschlagenheit und Traurigkeit gemeint ist, werden oft die Begriffe „Depression“ und „depressiv“ verwendet. Dauern diese Zustände länger an, kann es auch zu einer Depression kommen. Jedoch sind die Übergänge zwischen einer bedrückten Stimmung und einer leichten Depression fließend. Ab einem bestimmten Schweregrad besteht aber kein Zweifel mehr am Vorliegen der psychischen Beeinträchtigung. Die Herausforderungen für Psychotherapeuten ist es zwischen leichteren und sehr schweren Depressionen zu unterscheiden. Die Symptome der Depression, wie Verminderung des Antriebs, Interessenlosigkeit, gestörter Schlaf usw. treten bei allen Formen der Depression auf, aber in unterschiedlicher Ausprägung und Zahl (vgl. Wilms & Jarmer 1999: 72).

Wenn der depressiv Erkrankte trotz Freudlosigkeit und Antriebsarmut noch teilweise seine Berufs- und Hausarbeit ausüben kann, liegt eine mittelschwere Depression vor. Zu betonen ist, dass der Betroffene nur mit großer Anstrengung und erheblich eingeschränkter Leistung diese alltäglichen Dinge bewältigen kann. Bei schweren Depressionen wird die Berufsarbeit unmöglich. Selbst einfache Tätigkeiten im Haushalt sind dann in diesem Falle nicht mehr zu leisten. Menschen, die unter einer leichten Depression leiden, fallen ihrer Umgebung meist nicht auf. Sie sind noch in der Lage sich zu gewohnten Aufgaben zu zwingen. Die gedrückte Stimmung sowie die Antriebsverminderung können durch Ablenkung vorübergehend verschwinden. Viele Betroffene glauben in dieser Situation den Zustand mit gutem Willen zu beenden. Dies stellt sich dann aber später möglicherweise als schlimmer Irrtum heraus. Selbst leichte Depressionen, die Wochen, Monate oder gar Jahre andauern, bedeuten im Vergleich zu mittelschweren oder schweren Depressionen großes Leiden (vgl. Wilms & Jarmer 1999: 72f).

Die Unterscheidung der Depressionen nach dem Schweregrad ist wichtig, weil die Schwerpunkte bei der Behandlung verschieden sind. Die Psychotherapie wird bei leichten Depressionen angewandt. Vorübergehend können Medikamente verordnet werden, wenn keine zufriedenstellende Besserung des Patienten zu verzeichnen ist.

Bei einer mittelschweren Depression ist sowohl die Psychotherapie erforderlich als auch die Verordnung von Antidepressiva. Um einen Suizid oder die unerträgliche Qual einer schweren Depression zu verhindern, bekommt der Patient bei der Behandlung antidepressive Medikamente verabreicht. Jedoch wird keine Psychotherapie verordnet (vgl. Wilms & Jarmer 1999: 73).

Ältere Ausführungen beschreiben einen Unterschied zwischen einer endogenen-, einer reaktiven- und einer neurotischen Depression. Die endogene Depression wird im klinischen Alltag auch als affektive Psychose bezeichnet, die aufgrund veränderter Stoffwechselprozesse im Gehirn ausgelöst wird. Sie tritt ohne Ursache auf. Diese Erkrankung kann jedoch auch genetisch bedingt sein. Länger andauernde belastende Erfahrungen in der Bografie eines Menschen können das Entstehen einer neurotischen Depression fördern, die auch als Erschöpfungsdepression bezeichnet wird. Es ist möglich, dass sich eine reaktive Depression als Folge eines aktuellen Ereignisses entwickelt, was von dem Betroffenen nicht verarbeitet wurde. In den vergangenen Jahrzehnten stellte sich aber heraus, dass es einen fließenden Übergang bei der endogenen-, reaktiven- und neurotischen Depression gibt. Beispielsweise kann eine neurotische Depression in eine endogene Depression übergehen. Umgekehrt spielen bei einer endogenen Depression auch Persönlichkeitsprobleme und Umwelteinflüsse eine Rolle. Das heißt, dass reaktive und neurotische Faktoren die endogene Depression beeinflussen können (vgl. Wilms & Jarmer 1999: 73f).

Aktuell gültig ist heute das beschreibende ausgerichtete Diagnoseschema nach ICD- 10 in der psychiatrischen Wissenschaft, indem ein Unterschied zwischen einer depressiven Episode und einer länger anhaltenden depressiven Störungen gemacht wird. Die Intensität der Depression wird mit leicht, mittelgradig, schwer und schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen beschrieben. Für eine chronifizierte Depression ist der Begriff Dysthymia erklärend.

Die Manisch-depressive Erkrankung, die auch bipolare affektive Störung genannt wird, ist durch abwechselnde Episoden von einer Depression und einer gehobenen Stimmung (Manie) gekennzeichnet. Alle Stimmungslagen von abgrundtiefer Einsamkeit und starker Euphorie sind hierbei möglich. Man geht davon aus, dass sich die erste Episode zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr ereignet. Die Zahl der erlebten Episoden variiert von Person zu Person. Patienten sind zwischen den Episoden symptomfrei. Sie gelten in dieser Zeit als psychisch gesund. Nach Schätzungen zufolge leiden 1% der Bevölkerung an einer manisch-depressiven Erkrankung. Frauen und Männer erkranken gleichermaßen häufig an einer bipolaren Störung. Im Gegensatz dazu liegt das Risiko bei Frauen höher an einer unipolaren Depression zu erkranken (Internetquelle 3).

Die saisonale Depression wird auch als Winter- oder Lichtmangeldepression bezeichnet, die in den Monaten November bis März auftreten kann. Die Ursache für die Winterdepression ist der Mangel an Sonnenlicht. Kennzeichnend für diese Art der psychischen Beeinträchtigung sind verminderte Tatkraft, verstärkte Müdigkeit, schlechte Laune, zunehmende Stimmungsschwankungen, ein gesteigerter Appetit in den Herbst- und Wintermonaten sowie ein erhöhtes Schlafbedürfnis. Diese Symptome werden im Frühjahr von einer leichten Hochstimmung abgelöst. Etwa jeder vierte Bundesbürger erkrankt an einer leichten Winterdepression. Und bei 2 bis 5% der Bevölkerung ist die saisonale Depression besonders ausgeprägt. Frauen, besonders mittleren Alters, leiden häufiger an einer Winterdepression (Internetquelle 4).

10% der Frauen erkranken nach der Geburt an einer Wochenbettdepression, die sogenannte postpartale Depression. Zu der Ursache zählen neben der hormonellen Umstellung Schwangerschaftsprobleme, ein Geburtstrauma, Probleme mit dem Baby oder schwierige soziale Verhältnisse. Aber auch eine Veranlagung der Frau für depressive Erkrankungen, unverarbeitete Ereignisse in der Kindheit, eine Schilddrüsendysfunktion oder ein niedriger Hämoglobinwert können eine Wochenbettdepression verursachen. Annahmen von Experten zufolge müssen jedoch viele Faktoren zusammenkommen, damit diese Erkrankung ausgelöst wird. Zu den Symptomen zählen Ängste, Aggressionen, Schlaflosigkeit, Panikattacken, Müdigkeit, Herzrasen und Weinen. Viele Frauen berichten von Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen und darüber, dass sie Probleme haben, ihrem Kind Liebe entgegen zu bringen. Bei wenigen Frauen treten sogar Selbstmordgedanken oder Wahnvorstellungen auf. Interessanterweise ist die Wochenbettdepression in anderen Kulturen nicht bekannt. Der Grund hierfür ist vielleicht, dass sich mehrere Personen in der Familie oder im Bekanntenkreis um das Kind kümmern. In ländlichen Gegenden in Japan beispielsweise kehrt die junge Mutter in ihr Elternhaus zurück und erhält dort Unterstützung von ihrer Familie (Internetquelle 5).

Als Sonderform bezeichnet man die Anaklitische Depression (Anaklise: Abhängigkeit von einer anderen Person). Diese Form der Depression tritt bei Babys und Kindern auf, die vernachlässigt oder allein gelassen wurden. Aber auch fehlende Zuwendung, Geborgenheit und Sicherheit sind Ursachen für diese Depressionsform. Die Gefühle werden in Jammern, Weinen, Anklammern und anhaltendes Schreien ausgedrückt. Auch Kontaktstörungen und Apathie können später auftreten.

Mit körperlichen Beschwerden geht die somatisierte Depression einher. Diese wird auch als larvierte (lateinisch: larva: hinter einer Maske) Depression bezeichnet. Körperliche Symptome, wie Rückenschmerzen, Beklemmungen im Brustbereich und Kopfschmerzen verdecken das eigentliche Hauptproblem einer behandlungswürdigen Depression. Die somatisierte Depression wird nicht als eigenständiges Krankheitsbild betrachtet, da sie eher zu einer Diagnose zählt, die im Rückblick gestellt werden kann. Wird die Depression als solche erkannt und diagnostisch eingeordnet, ist sie nicht mehr larviert. Für Ärzte ist dieser Begriff jedoch als dauerhaft präsente Mahnung wichtig, damit sie auf dieses Phänomen achten (Internetquelle 6).

Die organische Depression ist vererbbar und aufgrund der erhöhten Umweltbelastung auch erworben. Dabei liegt ein Mangel an Mikronährstoffen vor, wie Spurenelemente und Vitamine. Das Vitamin B6 ist zuständig bei der Bildung von Neurotransmittern im Gehirn und beugt Depressionen vor. Vielfältige Symptome sind bei dieser Form der Depression typisch: Gelenkschmerzen in der Jugend, gehäufte Infekte in der Kindheit, Schilddrüsenprobleme, starke Regelschmerzen, Migraine und Konzentrationsstörungen. Als letztes Symptom tritt schließlich die Depression auf. Die organische Depression ist nicht mit herkömmlichen Antidepressiva behandelbar, da die Medikamente dem Körper noch zusätzliche Vitamine entziehen würden (Internetquelle 7).

Etwa 15-40% aller depressiven Störungen ordnet man der atypischen Depression zu. Sie stellt eine Unterform der Depression dar. Die Bezeichnung „atypisch“ weist daraufhin, dass die Symptome nur teilweise der diagnostischen Klassifikation einer Depression gleichen. Zwar fühlen sich die Betroffenen antriebslos und niedergeschlagen, paradoxerweise sind aber auch Zeichen einer erhöhten inneren Aktivität vorhanden. Merkmale der atypischen Depression sind Stimmungsaufhellbarkeit, vermehrter Appetit oder Gewichtszunahme und eine bleierne Schwere des Körpers. Meist nehmen die betroffenen Personen persönliche Zurückweisungen überempfindlich lang anhaltend wahr (Internetquelle 8).

Die agitierte Depression tritt bei älteren Menschen häufiger auf als bei jungen Menschen. Erkrankten Personen werden von einem rastlosen Bewegungsdrang getrieben, der aber nicht zielgerichtet ist. Der Betroffene kann nicht still sitzen und weder Arme noch Hände ruhig halten. Dies ist oft mit Nesteln und Händeringen verbunden. Des Weiteren haben die Patienten häufig das Bedürfnis sich mitzuteilen und zu beklagen (Internetquelle 9).

2.6 Häufigkeit, Geschlecht, Alter und soziale Schicht

Affektive Störungen, besonders die Depression, zählt zu den häufigsten psychischen Störungen der Menschen im Erwachsenenalter. Es wurden epidemiologische Untersuchungen in England, Skandinavien, USA und Deutschland durchgeführt. Diese weisen daraufhin, dass 15-30 % der Erwachsenen im Laufe ihres Lebens klinisch manifeste depressive Episoden, in häufigen Fällen, mittleren Schweregrades durchleben. Im Vergleich zu den endogenen und psychotischen Depressionen treten die reaktiven und neurotischen Depressionen hierbei zehnmal so häufig auf. Allgemein ist auch zu erwähnen, dass ein Anstieg der Depression in den letzten Jahrzehnten zu verzeichnen ist, besonders in Westeuropa und Nordamerika (vgl. Will & Grabenstedt & Völkl & Banck 1998: 45).

In den westlichen Industrienationen liegt die Häufigkeit von behandlungsfähigen Erkrankungen aller Frauen bei 4,5% bis 9,3% und 2,3% bis 3,2% bei den Männern. Die Annahme, dass Frauen doppelt so oft wie Männer an einer Depression erkranken, hat sich mit diesen Forschungsergebnissen bestätigt. Der Grund hierfür ist eine hohe Sensibilität der Frauen, höhere Rückfallquoten sowie chronische Verläufe der psychischen Erkrankung. Zunehmend gleichen sich diese Werte jedoch an, da auch Männer offener mit ihren Gefühlen umgehen und Unterstützung suchen (vgl. Will & Grabenstedt & Völkl & Banck 1998: 46).

In jedem Lebensalter kann eine behandlungswürdige Depression auftreten, insbesondere aber zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr. Es besteht aber keine Annahme, dass mit zunehmendem Alter höhere Depressionsraten zu erkennen sind. Im hohen Alter sind jedoch eher Männer betroffen als Frauen (vgl. Will & Grabenstedt & Völkl & Banck 1998: 46).

Zwischen der sozialen Herkunftsschicht und dem Auftreten von Depressionen besteht kein Zusammenhang. Bei chronisch verlaufenden schweren Depressionen, wie auch bei anderen psychischen Erkrankungen erfolgt sehr oft ein sozialer Abstieg. Schutzfaktoren gegen depressive Erkrankungen sind soziale Faktoren, wie beispielsweise die Geborgenheit der Familie, vertrauensvolle persönliche Beziehungen und positive berufliche Gegebenheiten. Personen, die getrennt leben oder geschieden sind und keine vertrauten Beziehungen oder Freundschaften führen, haben ein erhöhtes Risiko an einer Depression zu erkranken. Zu weiteren Risikofaktoren gehören Überlastung im Haushalt mit drei oder mehreren Kindern, signifikante Objektverluste, wie der Tod eines nahestehenden Menschen sowie Trennung, Arbeitslosigkeit, schwere Erkrankungen und Stress, insbesondere auf Arbeit (Will & Grabenstedt & Völkl & Banck 1998: 47).

2.7 Verlauf und Prognose

Der Verlauf einer depressiven Erkrankung oder einen bipolaren Störung kann sehr unterschiedlich sein. Depressive Episoden können in verschiedene Phasen unterteilt werden. Die folgende Abbildung verdeutlicht dies.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(vgl. Hautzinger 1998: 15)

Eine kurze Zeitphase der partiellen oder vollständigen Besserung depressiver Symptomatik bezeichnet man in der Fachsprache als Remission. Recovery bedeutet die Genesung der Krankheit über einen längeren Zeitraum. Diese Zeitspanne kann sich zwischen zwei und sechs Monaten erstrecken. Man spricht von einem Rückfall, wenn sich depressive Symptome während einer partiellen Besserung vor der Genesung, der sogenannten Gesundung, zeigen. Tritt eine neue depressive Episode nach einer vollständigen Genesung der Erkrankung wieder auf, liegt eine Wiedererkrankung vor (vgl. Hautzinger 1998: 16).

Die therapeutischen Interventionen sind auf diese Phasen abgestimmt. Als Akuttherapie bezeichnet man die Reduktion von Symptomen während der depressiven Episode. Eine Erhaltungstherapie wird bei Patienten durchgeführt, um sie in der Phase einer partiellen Besserung vor Rückfällen zu schützen. Das Ziel einer prophylaktischen Therapie besteht darin, die Wiedererkrankungen von Depressionen zu verhindern (vgl. Hautzinger 1998: 16).

Typische Parameter einer Depression sind Ersterkrankungsalter, Phasendauer, Phasenanzahl, Phasenitensität, Ausmaß und Dauer des symptomfreien Zyklus, Phasenlänge (Abstand zwischen dem ersten Phasenbeginn und dem zweiten Phasenbeginn) sowie das Ergebnis des bisherigen Verlaufs (vgl. Hautzinger 1998: 16).

Es stellt sich als sehr schwierig für fachkompetente Personen heraus, zwischen uni- und bipolaren Verläufen zu unterscheiden. Selbst nach einer oder mehreren unipolaren Verläufen können manische Episoden auftreten. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich nach etwa drei unipolaren Verläufen eine manische Phase ankündigt, liegt bei 10 bis 30%. Es gibt einige Merkmale, die das Risiko einer bipolaren Erkrankung der Patienten begünstigen. Hierzu zählen ein junges Lebensalter, Schuldgefühle der Betroffenen, psychomotorische Retardierung, starke Belastungen in der Familie mit affektiven Erkrankungen und das Vorkommen einer Manie in der Familie (vgl. Hautzinger 1998: 16).

Bipolare Personen durchleben in einem Zeitraum von über 30 Jahren etwa sieben bis acht depressive Episoden. Dagegen sind es vier bis fünf Episoden bei Patienten mit einer unipolaren Störung. Gemäß neueren Arbeiten stellen einphasige Depressionen eher eine Ausnahme dar. Die natürliche Phasendauer einer bipolaren affektiven Erkrankung wird nach Angaben älterer Arbeiten auf sieben bis acht Monaten geschätzt. Aus neueren Arbeiten geht hervor, dass eine unipolar depressive Episode ungefähr fünf Monate lang andauert und die Phasendauer der bipolaren Erkrankung sich über vier Monate erstreckt (vgl. Hautzinger 1998: 16).

Die depressive Episode und die depressionsfreie Phase werden zusammen als Zykluslänge bezeichnet. Diese dauert bei unipolaren Erkrankungen etwa 4,5 bis 5 Jahre und bei einer bipolaren Störung 2 bis 3 Jahre. Im hohen Lebensalter verkürzen sich die beschwerdefreien Zeiten (vgl. Hautzinger 1998: 17).

Die Prognose, der Ausgang depressiver Erkrankungen, kann nur grob geschätzt werden. Der Grund hierfür ist die methodisch wenig vergleichbare und heterogene Befundlage. Ungefähr die Hälfte oder zwei Drittel der Patienten sind in der Lage, ihren gewohnten Alltag wieder aufzunehmen. Häufig bestehen aber einige Beschwerden trotzdem weiter. Ca. 30% der an einer bipolaren Störung erkrankten Patienten haben fünf Jahre nach dem Anfang der vollständigen Genesung keine Rückfälle mehr. Bei der unipolaren Störung sind es hingegen 42%. An einer Chronifizierung; Minimaldauer der Beschwerden von 2 Jahren, der unipolar als auch bipolaren Erkrankung, erleiden zwischen 10 und 20% der Patienten. Etwa 15% der chronischen Krankheitsfälle werden durch Suizid beendet. Selbst moderne Behandlungsformen konnten dieser Tatsache noch nicht entgegenwirken (vgl. Hautzinger 1998: 17).

Dank der Psychopharmakotherapie lassen sich zwar die Intensität der depressiven Phasen und Rückfälle mindern, die Dauer der depressiven Phasen wird dadurch aber nicht abgekürzt. Positiv zu bemerken ist aber, dass Patienten auch nach langer Krankheitsdauer genesen können. Auch bei einem höheren Lebensalter besteht die Chance einer Gesundung. Einen chronischen Verlauf haben in vielen Fällen neurotische Depressionen. Ausgelöst wird diese Form der depressiven Erkrankung durch psychisch unverarbeitete negative Erlebnisse, die oft in der Kindheit liegen. Auch Rückfälle sind bei dieser Art von Depression zu verzeichnen. Der interpersonelle Bereich, wie die Interaktion mit Freunden, Familie, Bekannte usw. ist bei den Betroffenen stark eingeschränkt. Die chronisch psychosozialen Einschränkungen in diesen Bereichen führen zu einem erhöhten Rückfallsrisiko, weil diese Faktoren das Leben der erkrankten Personen deutlich einschränken. Es ist davon auszugehen, dass ein verstärkter Grad der neurotischen Erkrankung den Krankheitsverlauf einer Depression negativ beeinflusst. Als ungünstig stellt sich also die Verbindung zwischen einer Depressionserkrankung und Störungen mit Angstsymptomen und hypochondrischen Zügen heraus. Ausgeprägte innerseelische Konflikte sowie die damit zusammenhängenden Probleme der Objektbeziehungen und Realitätsbewältigung haben ihre Ursache meist schon in der frühen Entwicklung der Kindheit (vgl. Will & Grabenstest & Völkl & Banck 1998: 48 f).

Depressiv erkrankte Personen haben unter einem erhöhten Risiko an folgenden körperlichen Krankheiten zu leiden. Hierzu zählen Arteriosklerotische Herzerkrankungen, Asthmabronchiale Erkrankungen, Beeinträchtigungen des zentralen Nervensystems, Heuschnupfen oder Allergien, Diabetes mellitus, Infektionserkrankungen sowie die Schwächung des Immunsystems (vgl. Hautzinger 1998: 17).

Depressionen treten in Verbindung mit anderen psychischen Erkrankungen oder Störungen sehr häufig auf, wie zum Beispiel bei Angststörungen (Soziale Ängste, Phobien, generalisierte Angst-, Panikstörungen), Posttraumatischen Belastungsstörungen, Zwängen, Substanzmissbrauch, Essstörungen, Substanzabhängigkeiten, sexuelle Störungen, Schlaf-, Somatoforme- sowie Psychophysiologische Störungen. Zu den somatoformen Beeinträchtigungen gehören medizinisch nicht erklärbare Körpersymptome. Psychophysiologische Beeinträchtigungen sind körperliche Störungen, die durch psychische Probleme verursacht werden. In vielen Fällen treten mitunter auch hirnorganische-, schizophrene- und verschiedene Persönlichkeitsstörungen auf. Neben der depressiven Erkrankung wurde gemäß der Epidemiological Catchment Area Study in 77% der Fälle eine weitere Diagnose für andere psychische Erkrankungen gestellt. Mit 50% zählen die Angststörungen zu den am häufigsten auftretenden Erkrankungen. Substanzinduzierte Abhängigkeiten machten neben der depressiven Erkrankung etwa ein Drittel aus. Dasselbe gilt auch für somatoforme Störungen (vgl. Hautzinger 1998: 18).

Die Frage, ob Depressionen zeitlich gesehen vor oder nach einer der Parallelerkrankungen auftreten, ist nicht zuverlässig zu beantworten. Bei 60 bis 80% befragten Probanden zu urteilen, entstehen Depressionen erst nach der Ersterkrankung (vgl. Hautzinger 1998: 18).

3. Ursachen der Entstehung von Depressionen

3.1 Allgemeine Fakten

Schon Hippokrates stellte mit seiner Theorie der schwarzen Galle die erste Entstehungstheorie zur Depression vor. Seit dieser Zeit entwarfen die Menschen viele Hypothesen über den Ursprung der Depression. In den letzten Jahrzehnten wurde sehr viel darüber geforscht. Um heute die verschiedenen Erklärungsversuche ordnen zu können, ist eine Unterscheidung in biologische-, psychologische Faktoren und die entsprechenden Modelle wichtig (vgl. Huber 1992: 97f). Dies wird in Punkt

3.2 näher erläutert.

Das Zusammenspiel unterschiedlicher psychischer und biologischer Ursachen kann eine Depression auslösen. Treten belastende Lebensereignisse bei einer Person zusätzlich auf, die bereits eine erhöhte Anfälligkeit für diese psychische Erkrankung hat, führt dies in vielen Fällen zu einer Depression. Liebeskummer, Beziehungsprobleme, die Trennung oder der Tod eines geliebten Menschen oder eine lang andauernde Überforderung im Berufsleben können eine primäre Depression verursachen. Im Gegensatz dazu sind andere körperliche oder psychische Erkrankungen die Ursache für das Auftreten einer sekundären Depression (Internetquelle 10).

3.2 Biologische Faktoren

Der Autor Winfried Huber beschreibt in seinem Buch „Probleme, Ängste Depression“ den Einfluss biologischer-, hormoneller Faktoren sowie genetischer- und erworbener Grundlagen für die Entstehung einer Depression. Außerdem geht er auf die Frage ein, welche Prozesse mit der Störung der Depression verbunden sind (vgl. Huber 1992: 97).

3.2.1 Hormonelle Faktoren

Hormonelle Faktoren können das Entstehen einer Depression beeinflussen. Hierzu zählen beispielsweise die Tage vor der Menstruation, eine gewisse Zeitspanne nach der Geburt, der sogenannte Babyblues und die Wechseljahre. Etwa 10% aller Frauen sind von einer Depression während der Schwangerschaft betroffen. Dies belegte eine umfangreiche englische Studie. Die Symptome können unterschiedlich ausfallen. Aber das Hauptsyndrom ist eine herabgesetzte Stimmung, eine innere Leere, Verzweiflung und Gleichgültigkeit. Dominierend sind negative Zukunftsaussichten, das Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Neben dem niedrigen Selbstwertgefühl treten psychosomatische körperliche Beschwerden hinzu. Verständlich ist auch, dass die depressive Symptomatik von schwangerschaftstypischen Themen beeinflusst wird. Dazu zählen unter Anderem die Gesundheit des Kindes und Befürchtungen in Bezug auf die Mutterrolle (vgl. Huber 1992: 97).

3.2.2 Biologische Grundlagen und Prädispositionen

Familienstudien im Bereich der genetischen Faktoren ergaben, dass die durchschnittlichen Wahrscheinlichkeiten einer Erkrankung bei Familienangehörigen bei etwa 10-15% liegen. Diese Anzahl ist im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung verhältnismäßig höher (vgl. Zerbin-Rüdin 1969: 32). Die familiäre Belastung ist bei bipolaren Erkrankungen noch ausgeprägter. Die Übereinstimmung im Auftreten einer depressiven Erkrankung beträgt bei eineiigen Zwillingen für affektive Psychosen 69%, bei zweieiigen Zwillingen nur 19%. Die familiäre Belastung ist bei neurotischen und bei anderen psychogenen Depressionen geringer als bei affektiven Psychosen (vgl. Huber 1992: 98).

3.2.3 Prozesse, die mit den biologischen Grundlagen und Prädispositionen verbunden sind

Gemäß der Forschungsergebnisse von Mensch und Tier seit Ende der 50er Jahre, konnten Zusammenhänge zwischen neurobiologischen und biochemischen Substanzen und deren Funktionen auf der einen Seite und depressiven Störungen auf der anderen Seite hergestellt werden. Biochemische, neuro-endokrine- und elektrophysiologische Anomalien sind für die Entstehung depressiver Störungen wahrscheinlich. Herausgefunden wurde, dass heterogene Bedingungen, wie genetische, psychosoziale, psychophysiologische und entwicklungsgeschichtliche Einflüsse sowie soziologische- und Intrapersonale Risikoprädispositionen in Verbindung mit biochemischen Veränderungen, wie Aminstoffwechsel, Neurotransmittersysteme, Rezeptoren und neuronale Abweichungen eine Depression auslösen können (vgl. Huber 1992: 98f).

3.3 Neurobiologische Faktoren

Depression kann auch als Ausdruck einer Fehlanpassung an chronischen Stress bezeichnet werden. Über eine andauernde Stimulation der Hypothalamus- Hypophysen-Nebennieren-Achse (HHN-Achse) ist chronischer Stress die Ursache für die übermäßige Ausschüttung von Glucocorticoiden in das Blut. Dies kann zu einer Blockierung der wichtigen Botenstoffe, wie Neurotransmitter, Nordadrenalin und Serotonin, führen. Eine hohe Menge des Stresshormons Cortisol kann bei Depressiven im Blut und Urin nachgewiesen werden. Es besteht also ein Zusammenhang zwischen Stress und dem Auftreten von Depressionen. Zu neuen Erkenntnissen gehören, dass empfindliche Regionen des Gehirns geschädigt und wichtige Botenstoffe, wie Neurotransmitter, Nordadrenalin und Serotonin blockiert werden, wenn Stress auftritt. Störungen der Gedächtnisleistungen bzw. der kognitiven Verarbeitungsprozesse sind auf den Hippocampus des limbischen Systems zurückzuführen. Die einzige Region des Nervensystems, welche neue Nervenzellen bildet, ist der Hippocampus. Die Nervenzellneubildung wird jedoch durch die schädigende Wirkung der Glucocorticoiden beeinträchtigt, die bei negativem Stress im Blut ausgeschüttet werden (vgl. Schwarzer 2004: 229).

3.4 Psychologische Theorien

3.4.1 Depressionsmodell von Seligmann

Martin Seligmann entwickelte die Theorie der erlernten Hilflosigkeit. Die konditionierte Bestrafung von Tieren war ein Bereich, indem er forschte. Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen halfen ihm bei der Entwicklung der Theorie der erlernten Hilflosigkeit. Sie besagt, dass Individuen, die unkontrollierbare Erfahrungen machen, gelernte Hilflosigkeit zeigen und Symptome entwickeln, die einer Depression ähneln. Aus diesem Grund nahm Seligmann an, dass man mit der Theorie die Entstehung von Depressionen erklären könne. Gemäß der revidierten Theorie von Seligmann wird deutlich, dass ein Mensch eine scheinbar nicht kontrollierbare Situation wahrnimmt und davon überzeugt ist, diese Situation nicht kontrollieren zu können. Die Ursachenzuschreibung unangenehmer Ereignisse auf innerliche, stabile und globale Faktoren führt dann schließlich zu Gefühlen der Hilfslosigkeit. Die betroffenen Personen können bei einer Angststörung ihre Angst nicht oder nur schlecht kontrollieren. Dies wiederum führt zu Hilflosigkeits- und im weiteren Verlauf der Erkrankung auch zu Hoffnungslosigkeitserfahrungen. Laut Seligman begünstigen diese Konstellationen die Entstehung einer Depression (Internetquelle 11).

3.4.2 Depressionsmodell von Beck

Dem Psychotherapeuten Aaron T. Beck zufolge verursachen negative Gedanken einer Person über sich selbst, über die Zukunft und über die Umwelt eine Depression oder erhalten diese aufrecht. Dysfunktionale Grundüberzeugungen stellen hierbei eine Basis dar, die auf Erfahrungen und Familienbeziehungen in der Kindheit zurückgehen. Folgende negative Grundüberzeugungen sind hierbei typisch: "Mein allgemeiner Wert hängt von jeder Aufgabe ab, die ich ausführe" und "Wenn ich versage, werden sich andere von mir abgestoßen fühlen". Der eigene Selbstwert des Menschen ist demnach von der Wertschätzung und der Meinung durch andere Menschen abhängig. Diese negativen Grundüberzeugungen können jahrelang vorhanden sein und müssen keine negativen Auswirkungen haben. Treten jedoch schwierige Lebenssituationen auf, können das Verhalten und das Erleben des Betroffenen sehr stark beeinträchtigt werden und eine Depression auslösen (Internetquelle 12).

Typische kognitive Verzerrungen sind unter Anderem willkürliche Schlussfolgerungen, Übergeneralisierungen, Personalisierung, Über- oder Untertreibungen, selektive Abstraktion und verabsolutiertes Denken. Jedoch ist noch nicht geklärt, ob Depressionen kognitive Fehlinterpretationen verursachen oder ob sich der Sachverhalt gegenteilig verhält (Internetquelle 12).

3.4.3 Depressionsmodell von Lewinsohn

Dieses Modell entstand ursprünglich aus der operanten Lerntheorie von Skinner. Die Ursache der Depressionsentstehung wird hier durch den Verlust verhaltensbezogener Verstärkungsaspekte erklärt. Über einen bestimmten Zeitraum erhält der Betroffene zuwenig Verstärkung (Belohnung) für sein soziales Verhalten und seine Aktivitäten. Als Folge daraus verliert der Betroffene Interesse und Antrieb für seine Aktivitäten, da er keinen Sinn (Verstärkung) in dem sieht, was er tut. Die Möglichkeiten positiver Verstärkung sind abhängig von der Zahl der Verstärker, die in den Momenten der Aktivität zur Verfügung stehen sowie von der Anzahl möglich verstärkender Ereignisse, die von der persönlichen Geschichte und Situation der Person abhängig sind. Das Individuum kann die Kontrolle über Verstärkungsmöglichkeiten verlieren, wenn äußere Ereignisse, wie beispielsweise Verluste, Missgeschicke usw. das Leben negativ beeinträchtigen. Der Betroffene reagiert dann entweder mit sozialer Zuwendung und sucht Hilfe oder er zieht sich sozial zurück, was wiederum das depressive Verhalten verschlimmert (Huber 1992: 100).

3.5 Psychoanalytische Ansätze

Die Depression gilt in der Psychoanalyse als eine gegen den Menschen selbst gerichtete Aggression. Nach Freud liegen die Ursachen einer späteren Depression in der frühen Kindheit. Werden also in der oralen Phase die Bedürfnisse des Kindes nicht ausreichend befriedigt, macht es sich übermäßig abhängig von anderen Menschen, um das eigene Selbstwertgefühl aufrecht zu erhalten. Die Emotion, Trauer, kann durch den symbolischen oder tatsächlichen Verlust eines Menschen verursacht werden. Dabei laufen Prozesse unbewusst ab. Der Betroffene glaubt unbewusst der geliebten Person etwas Schlechtes entgegengebracht zu haben. Aus diesem Grund wird ein Prozess des Schuldgefühls oder der Selbstverachtung ausgelöst. Dies ist aber abhängig von der Intensität der Bindung an den Menschen. Neal und Davison können die psychoanalytische Sichtweise mit ihren Forschungsergebnissen nicht bestätigen. Zwar kann eine Depression durch Verlustereignisse ausgelöst werden. Es gibt jedoch noch zahlreiche andere Gründe für eine Depressionsentstehung (Internetquelle 13).

Zu den psychischen Ursachen zählt auch die Bedeutung der dysfunktionalen Familie, wie psychoanalytische orientierte Psychologen, Heinz Kohnut und Donald W. Winnicot betonen. In diesem Fall sind die Eltern mit der Erziehungsarbeit überfordert und erwarten von ihren Kindern, dass sie die Eltern glücklich machen. Zumindest sollten die Kinder keine Unannehmlichkeiten bereiten, damit das ohnehin geschwächte Familiensystem nicht aus dem Gleichgewicht gebracht wird. Besonders Kinder, die mit einer bedingungslosen Anpassung auf die familiären Bedürfnisse reagieren, können später an einer Depression erkranken. Ihr handlungsleitendes Motiv ist also die ständige Erfüllung der Erwartungen ihrer Eltern auch im Erwachsenenalter. Es ist möglich, dass diese abzeichnenden Muster durch ein Helfersyndrom oder durch narzisstische Größenphantasien kompensiert werden. Wenn die Überforderung aber zu stark wird und ein unerträgliches Maß annimmt, kann sich aus der latenten Depression eine manifeste Depression entwickeln (Internetquelle 13).

3.6 Sozialwissenschaftliche Erklärungstheorien

3.6.1 Psychosoziale Faktoren

Sofern eine genetische Disposition besteht, können ungünstige Lebensumstände, wie beispielsweise Arbeitslosigkeit, körperliche Erkrankungen, geringe Qualität der Partnerschaft, Verlust des Partners oder der Tod einer nahestehenden Person eine depressive Episode auslösen. Es ist noch wahrscheinlicher, dass eine Person an einer Depression erkrankt, wenn die betroffene Person die psychische Erkrankung bereits durchlebt hat (vgl. Butcher & Mineka & Hooley 2009: 296).

Viele Patienten sind der Ansicht, dass die Ursache der Erkrankung aus lange bestehenden Konflikten resultiert. Würden diese wieder behoben werden, wäre auch die Depression verschwunden. Der Patient verwechselt dabei jedoch höchstwahrscheinlich Ursache und Wirkung. Der Grund hierfür ist, dass nach dem Abklingen der depressiven Episode auch die Belastungen wieder ertragbar werden und zu bewältigen sind (vgl. Butcher & Mineka & Hooley 2009: 296).

Belastende Ereignisse, wie beispielsweise Armut können eine Depression verursachen, sofern eine genetische Disposition der betroffenen Person besteht. Kinder, die in Arbeiterfamilien aufgewachsen sind, haben ein höheres Risiko an einer Depression zu erkranken, als Kinder, die aus der Mittelschicht kommen (vgl. Butcher & Mineka & Hooley 2009: 296).

Eine weitere Risikogruppe für die Anfälligkeit der psychischen Erkrankung sind Frauen aus sozialen Brennpunkten. Diese Annahme bestätigten Brown und Harris (1978) in ihrer durchgeführten Studie in London. Auch weitere Studien haben dieses Ergebnis untermauert (vgl. Butcher & Mineka & Hooley 2009: 307).

3.6.2 Depression als Ausdruck einer sozialen Gratifikationskrise

Zur Erklärung des Auftretens zahlreicher Stresserkrankungen, wie beispielsweise Herz- Kreislauf-Erkrankungen und Depressionen hat der Medizinsoziologe Johannes Siegrist auf der Grundlage umfassender empirischer Studien das Modell der Gratifikationskrise vorgeschlagen. Als Gratifikationskrise wird ein großer psychosozialer Stressfaktor bezeichnet.

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Details

Seiten
121
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656050872
ISBN (Buch)
9783656051183
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181755
Institution / Hochschule
Hochschule Zittau/Görlitz; Standort Zittau
Note
1,5
Schlagworte
Depression Krise Chance alternative Heilmethoden

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Titel: Depression - Krise als Chance