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Die Urnenfelder-Kultur in Deutschland

Mit Zeichnungen von Friederike Hilscher-Ehlert

Fachbuch 2011 176 Seiten

Archäologie

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Die Zeit der Unruhestifter Die Urnenfelder-Kultur von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr

Anmerkungen

Literatur

Bildquellen

Die wissenschaftliche Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert

Der Autor Ernst Probst / Seite 169 Bücher von Ernst Probst

Vorwort

Eine Kultur der Bronzezeit, die von etwa 1300/ 1200 bis 800 v. Chr. in Baden-Württemberg, in Bayern, im Saarland, in Rheinland-Pfalz, in Hessen, in Teilen Nordrhein-Westfalens (Niederrheinische Bucht) und südlich des Thüringer Waldes existierte, steht im Mittelpunkt des Taschenbuches »Die Urnenfelder- Kultur in Deutschland«. Geschildert werden die Anatomie der damaligen Ackerbauern, Viehzüchter und Bronzegießer, ihre Kleidung, ihr Schmuck, ihre Werkzeuge, Waffen, Haustiere, ihr Verkehrswesen, Handel und ihre Religion.

Verfasser ist der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst, der sich vor allem durch seine Werke »Deutsch- land in der Urzeit« (1986), »Deutschland in der Steinzeit« (1991) und »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) einen Namen gemacht hat. Das Taschenbuch »Die Urnenfelder-Kultur in Deutschland« ist Dr. Rolf Breddin, Dr. Claus Dobiat, Professor Dr. Markus Egg, Professor Dr. Hans-Eckart Joachim, Professor Dr. Albrecht Jockenhövel, Professor Dr. Horst Keiling, Professor Dr. Rüdiger Krause, Dr. Friedrich Laux, Professor Dr. Berthold Schmidt, Dr. Peter Schröter, Dr. Klaus Simon und Dr. Otto Mathias Wilbertz gewidmet, die den Autor mit Rat und Tat bei seinen Recherchen für sein Buch »Deutschland in der Bronzezeit« unter- stützt haben. Es enthält Lebensbilder der wissenschaft- lichen Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert aus Königswinter.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ERNST WAGNER, geboren am 5. April 1832 in Karlsruhe, gestorben am 7. März 1920 in Karlsruhe. Der Sohn des Stadtpfarrers von Schwäbisch Gmünd war 1861 bis 1863 Erzieher in London und 1864 bis 1875 Erzieher des Erbgro ß herzogs in Karlsruhe. 1867 wurde er Leiter der Friedrichschule. Von 1875 bis 1919 leitete er die Gro ß herzogliche Altertümersammlung (das spätere Badische Landesmuseum in Karlsruhe) und war Oberschulrat. Auf Wagner geht der Begriff Urnenfelder-Kultur zurück.

Die Zeit der Unruhestifter

Die Urnenfelder-Kultur

Die Urnenfelder-Kultur gilt in Europa als eine der wichtigsten Kulturen der Spätbronzezeit.

Sie bestand von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. und vermochte sich vom nördlichen Balkan über die Donauländer bis zur Oberrheinregion auszubreiten. In Deutschland war sie in Baden-Württemberg, in Bayern, im Saarland, in Rheinland-Pfalz, in Hessen, in Teilen Nordrhein-Westfalens (Niederrheinische Bucht) und südlich des Thüringer Waldes hei- misch.

Der Begriff »Urnenfelder-Kultur« fußt darauf, dass damals die Toten auf Scheiterhaufen verbrannt und danach häufig ihre Asche beziehungsweise Knochenreste in tönerne Urnen geschüttet und in Brandgräbern beigesetzt wurden. Gelegentlich bilden die Brandgräber ausgedehnte Urnenfelder mit Dutzenden oder Hunderten von Bestattungen.

Als erster formulierte 1885 der Direktor der Großher- zoglichen Sammlungen in Karlsruhe, Ernst Wagner (1832-1920), die Bezeichnung »Urnen-Friedhöfe«. Seine Publikation »Hügelgräber und Urnen-Friedhöfe in Baden« wurde 1886 durch den Königsberger Prä- historiker Otto Tischler (1843-1891) in der »West- deutschen Zeitschrift« kommentiert. Dabei sprach Tischler von »Urnenfeldern der Bronzezeit«.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Königsberger Prähistoriker Otto Tischler (1843 - 1891) sprach 1886 in einem Beitrag, in dem er die 1885 erschienene Publikation » Hügelgräber und Urnenfriedhöfe in Baden « kommentierte, von » Urnenfeldern der Bronzezeit « .

Karte auf Seite 13:

Verbreitung der Kulturen und Gruppen während der Spätbronzezeit (etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr.) in Süddeutschland und der mittleren Bronzezeit in Norddeutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach Ansicht der meisten Prähistoriker war die Urnen- felder-Zeit ein unruhiger Abschnitt der Urgeschichte. Damals setzten vermutlich in vielen Gebieten Europas große Völkerwanderungen ein, die vielleicht im mittleren Donauraum ihren Ausgang nahmen. Sie erreichten wahrscheinlich nicht nur Süddeutschland, sondern auch den Balkan und die östliche Mittelmeerregion. Sogar die Ägypter mußten sich der Eindringlinge mit Waffengewalt erwehren.

Ihre Ursache hatten die großen Wanderungen der Unruhestifter womöglich in einer erheblichen Bevöl- kerungszunahme, deren Folgen durch ein ungünstiges trockenes Klima verstärkt wurden. Ein weiteres Motiv könnte das Interesse von Anführern der betroffenen Gemeinschaften an Kriegszügen gewesen sein, die bei erfolgreichem Verlauf sowohl Beute als auch Ansehen mehrten. Diese Kriegszüge nun bewirkten vermutlich Ausweichbewegungen jener Stämme, in deren Gebiete die Eroberer zuerst eindrangen.

Es gab aber auch Experten, die derartige Wanderungen bezweifelten. Der Freiburger Prähistoriker Georg Kraft (1894-1944) beispielsweise schloss 1927 nach der Untersuchung süddeutscher Urnenfelder aus, dass eine große Kulturbewegung von Osten nach Westen stattgefunden habe. Im Gegensatz dazu vertrat 1938 der österreichische Prähistoriker Richard Pittioni (1906- 1985) die Ansicht, in der Lausitz zwischen Sachsen, Brandenburg und Schlesien habe im 13. Jahrhundert v. Chr. eine große Abwanderung eingesetzt. Aus der Begegnung der wandernden Gruppen mit den älteren einheimischen Kulturen in verschiedenen Teilen

Europas seien als Folge lokale Urnenfelder-Gruppen entstanden, die sich im 12. und 11. Jahrhundert v. Chr. über fast den gesamten Kontinent verbreitet hät- ten.

Angesichts bestimmter Gemeinsamkeiten bei den ar- chäologischen Funden - etwa immer wiederkehrender ähnlicher Gefäßtypen - meinte Pittioni auch, alle Ur- nenfelder-Gruppen hätten einer Gemeinschaft mit derselben Sprache angehört. Er nahm an, dass die Ur- nenfelder-Kultur mit einer konkreten Einzelsprache, nämlich dem Illyrischen, in Verbindung gebracht wer- den könne, und sprach in diesem Zusammenhang von so genannten Proto-Illyrern. Laut Pittioni waren die Urnenfelder-Leute Alteuropäer, die weite Teile Europas in Besitz nahmen.

Der Tübinger Prähistoriker Wolfgang Kimmig bestritt 1964, dass die einzelnen Urnenfelder-Gruppen einem Volk angehört hätten. Nur die östlichen Gruppen ließen sich dem illyrischen Volkstum zuordnen. Wie Pittioni befürwortete auch Kimmig die Theorie der Wande- rungen, die neben Kulturkontakten und einem Kultur- austausch mit verschiedensten gegenseitigen Beein- flussungen für die Ausbreitung der Urnenfelder-Kultur verantwortlich seien.

Nach Auffassung Kimmigs führten die Wanderungen der Urnenfelder-Leute über Griechenland, die ägäischen Inseln bis nach Syrien, Palästina und Ägypten. Demzufolge wären europäische Fremdlinge in den Mittelmeerraum eingedrungen und hätten dort ähnliche Unruhen ausgelöst wie in Mitteleuropa, Italien, Frankreich, Spanien und sogar England.

Für Süddeutschland und das Ostalpengebiet werden die 1902 durch den damals in Mainz arbeitenden Prähistoriker Paul Reinecke (1872-1958) eingeführten Stufenbezeichnungen Bronzezeit D, Hallstatt A und Hallstatt B verwendet. Davon umfasst Hallstatt A zwei Unterstufen (Ha A 1, Ha A 2), Hallstatt B dagegen drei Unterstufen (Ha B 1, Ha B 2, Ha B 3).

Die Einteilung der Stufen und Unterstufen basiert auf bestimmten Bronzeobjekten und ihrem Formenwandel (Schwerter, Dolche, Messer, Rasiermesser, Nadeln, Fi- beln, Armringe, Tassen) sowie Tongefäßen. Die zahl- reichen kennzeichnenden Formen dieser Stufen und Un- terstufen wurden 1959 durch bis dahin in München tätigen Prähistoriker Hermann Müller-Karpe be- schrieben. Eine genaue Auflistung all jener Objekte ist in einem populärwissenschaftlichen Buch wie diesem nicht möglich.

Nach neuesten Überlegungen wird heute die Urnen- felder-Kultur dreigegliedert.1 Die erste Stufe entspricht der späten Hügelgräber-Bronzezeit (Bronzezeit D) und der frühen Urnenfelder-Zeit (Hallstatt A 1). Die zweite Stufe umfasst die mittlere Urnenfelder-Zeit (Hallstatt A 2 bis B 1) und die dritte Stufe die späte Urnenfelder- Zeit (Hallstatt B 2/3).

Klimatisch gesehen herrschte während der Urnenfelder- Zeit eine Trockenphase. Gegen Ende dieser Zeit um 800 v. Chr. ereignete sich ein Klimasturz, der mit hö- heren Niederschlagsmengen verbunden war. Dies hat- te zur Folge, dass der Wasserspiegel der Seen anstieg und die Seeufersiedlungen (»Pfahlbauten«) in Süd- deutschland aufgegeben werden mussten.

Die archäologischen Funde deuten darauf hin, dass wohl mächtige Häuptlinge, »Fürsten« und Priester das Sagen hatten. Denn nur so sind der arbeits- und zeit- aufwendige Bau von befestigten Höhensiedlungen (»Burgen«) sowie die kultisch motivierten Sach-, Tier- und Menschenopfer zu erklären. Neben Einzelbe- gräbnissen bedeutender Persönlichkeiten in ein- drucksvollen Gräbern und mit reichen Beigaben (Wa- gengräber, s. S. 66) gab es Friedhöfe mit Hunderten von gleichartigen Brandgräbern.

Welche Körpergröße die damaligen Männer erlangen konnten, wird an dem unverbrannten Skelett eines Mannes aus dem Doppelgrab von Frankfurt/Main- Berkersheim ersichtlich. Dieser zusammen mit einer kleinen Frau bestattete Mann maß 1,75 Meter. Bei einer Doppelbeisetzung von Ilvesheim (Rhein-Neckar-Kreis) in Baden-Württemberg war der etwa 20 Jahre alte, athletisch gebaute Mann 1,72 Meter groß. Dagegen erreichte die mit ihm beerdigte etwa 15-jährige grazile Frau nur 1,62 Meter.

Tönerne Spinnwirtel und Webgewichte sowie Gewebereste belegen, dass die Kleidung aus Flachs (Linum usitatissimum) und Schafwolle angefertigt wurde. Spinnwirtel sind nicht nur aus Siedlungen, sondern auch aus vielen Gräbern bekannt.

Von einem Webstuhl stammen elf komplette pyrami- denförmige Webstuhlgewichte und Fragmente solcher Objekte aus Lauf (Kreis Nürnberger Land) in Bayern. Diese Webstuhlgewichte sind in der oberen Hälfte durchbohrt und wiegen zwischen 781 und 989 Gramm. Ihre Funktion bestand darin, senkrecht herabhängende Kettfäden an einem Webstuhl straff zu halten.

Anhaltspunkte über die Garderobe lieferten auch bronzene Nähnadeln mit Öhr, Gewandnadeln zum Zusammenhalten der Oberbekleidung sowie Gürtelhaken und -bleche. Die Gewandnadeln tendierten wieder zu kürzeren und unauffälligeren Formen. Neu waren Nadeln mit Schmuckplatte.

Die Gürtelhaken zum Schließen von Gürteln aus Stoff oder Leder wurden gegossen, gehämmert, aus einem Blechstück geschnitten oder aus Blechdraht zurechtgebogen. Teilweise sind sie mit Ornamenten aus Reihen dicht gesetzter Punzeinschläge versehen. Beschädigte Gürtelhaken wurden häufig repariert.

Als heimische Erzeugnisse gelten zweischneidige bron- zene Rasiermesser mit rechteckigem, doppelaxtähn- lichem und fast kreisförmigem Blatt sowie teilweise durchbrochenem Griff. Dagegen handelt es sich bei den Exemplaren mit trapezförmiger Klinge, einseitiger Schneide und meistens hakenförmigem Griff um Importware aus dem Gebiet der nordischen Bronzezeit. Manche Rasiermesser hat man aus anderen Bronze- objekten geschaffen. So ist ein zweischneidiges kleines Rasiermesser aus Grünwald (Kreis München) aus einem Gürtelhaken angefertigt worden. Reparaturen von stark in Mitleidenschaft gezogenen Rasiermessern sind durch Funde aus Bad Buchau (Kreis Biberach) in Baden- Württemberg und Eberstadt (Kreis Gießen) in Hessen belegt.

Die Rasiermesser wurden in Futteralen aufbewahrt, um ihre Schneiden vor Beschädigungen zu schützen.

Härchen des Futterals hafteten an Rasiermessern von Gemmingen (Rhein-Neckar-Kreis) in Baden-Würt- temberg sowie von Geroldshausen (Kreis Würzburg) und Rehlingen (Kreis Weißenburg-Gunzenhausen) in Bayern. In Gemmingen handelte es sich wahr- scheinlich um Rehhaare von einem Lederfutte- ral.

Experimente des Marburger Prähistorikers Dirk Vorlauf mit der Nachbildung eines zweischneidigen Rasier- messers ergaben, dass sich damit ein Mehrtagebart nur schlecht oder gar nicht rasieren ließ. Eine zufrie- denstellende Rasur wurde erst bei längeren Barthaaren erzielt, wenn man diese festhielt und direkt über der Haut abschnitt. Die Prozedur verlief schmerzlos, und 95 Prozent der abgeschnittenen Haare waren glatt durchgetrennt. Bei den Rasiermessern dürfte es sich um Gegenstände mit mehreren Funktionen handeln. Frisiert hat man sich mit bronzenen Kämmen. Ein solches Toilettegerät aus Hüfingen (Schwarzwald-Baar- Kreis) in Baden-Württemberg trägt blitzartige Griffe, die womöglich stark vereinfachte Vögel darstellen.

Die Urnenfelder-Leute wohnten in unbefestigten und befestigten Flachland-, Seeufer-, Insel- und befestigten Höhensiedlungen (»Burgen«). Auch manche Höhlen dienten als vorübergehende Aufenthaltsorte. Bei Rettungsgrabungen, die unter Leitung des Münchener Prähistorikers Erwin Keller vom 17. April bis zum 1. August 1980 in Unterhaching (Kreis München) vorgenommen worden waren, stellte sich heraus, wie groß damals teilweise die unbefestigten Flachlandsiedlungen waren. Das Dorf von Unterha- ching umfasste einst schätzungsweise etwa 80 Häuser, von denen 51 untersucht werden konnten, und erstreckte sich wohl auf einer Fläche von zehn bis 15 Hektar. Die Häuser in Unterhaching bestanden aus einem Gerüst von mindestens vier Eckpfosten sowie - je nach Wandlänge - bis zu sieben Seitenpfosten. Bei breiteren Gebäuden kamen Firstbäume hinzu, welche die Hauptlast des Daches trugen. Die Gebäude hatten quadratische, kurze und langrechteckige Grundrisse und bildeten überwiegend drei- und vierteilige, aus Haupt- und Nebengebäuden bestehende Gruppen.

Im Laufe der Zeit schadhaft gewordene Pfosten wurden durch neue ersetzt. Wenn es nötig war, ein Haus abzureißen, hat man das neue Gebäude im Bereich des Vorgängerbaues errichtet. Zu diesem Dorf gehörte wohl ein bereits 1934 entdeckter Friedhof mit Brandgräbern, in denen man die Toten jener Siedlung bestattete.

Mehr als 40 Bauten unterschiedlicher Größe wurden von 1987 bis 1991 bei den archäologischen Untersu- chungen im Bereich der neuen Straßen- und Bahntrasse südöstlich von Zuchering (Stadt Ingolstadt) in Bayern entdeckt. Die größeren, zweischiffigen Bauten hatten zwischen 70 und 120 Quadratmeter Nutzfläche, die kleineren rechteckigen oder quadratischen, einschiffigen Bauten zwischen vier und 20 Quadratmeter. Vermutlich bildeten jeweils mehrere beieinanderliegende Gebäude, die als Wohnhäuser, Stallungen, Vorrats- und Arbeits- hütten dienten, eine Hofgemeinschaft.

Aus Eching2 (Kreis Freising) in Bayern kennt man zwei kleinere Flachlandsiedlungen. Das aus 16 Häusern bestehende Dorf Eching 1 war durch einen Graben und eine Pfostenreihe gesichert. Im Gegensatz dazu verfügte das etwa 1200 Meter entfernte, nur teilweise ausgegrabene Dorf Eching 2 über keinen Schutz. Auch dort wurden 16 Häuser festgestellt, ursprünglich dürften es nach Erkenntnissen des Münchener Prähistorikers Stefan Winghart jedoch mehr gewesen sein. Die Gebäude in Eching 2 waren fünf bis zehn Meter lang und einen bis neun Meter breit.

In Dietfurt3 (Kreis Neumarkt) in Bayern wurde beim Bau des Rhein-Main-Donau-Kanals eine unbefestigte Flachlandsiedlung entdeckt. Dort gruppierten sich 23 Gebäude um einen Dorfplatz, auf dem sich zwei Straßen kreuzten. Die Gebäudegrundrisse bedeckten Flächen von fünf bis sieben Meter Länge sowie drei bis vier Meter Breite. Größere Gebäude hatten ein Gerüst aus drei parallelen Pfostenreihen mit je drei Pfosten, kleinere nur zwei Reihen mit jeweils drei Pfosten.

In Riesbürg-Pflaumloch4 (Ostalbkreis) in Baden- Württemberg konnten Grundrisse von 17 Pfosten- bauten verschiedener Größe in mehreren Gruppen freigelegt werden. Ein besonders großes Gebäude war 22 Meter lang und 7,50 Meter breit. Vermutlich handelte es sich hierbei um ein kombiniertes Wohn- und Wirtschaftsanwesen. Andere Häuser waren bis zu 18,50 Meter lang und 8,50 Meter breit. Kleinere Bauten dienten vermutlich zu Vorrats- und Speicherzwecken. Zehn maximal zehn Meter lange und 2,25 Meter breite Häuser umfasste die Siedlung von Künzing5 (Kreis Deggendorf) in Bayern. Andere unbefestigte Flach- landortschaften bestanden lediglich aus drei bis sechs Häusern.

Eine der seltenen befestigten Flachlandsiedlungen wurde in Enzweiler bei Idar-Oberstein6 (Kreis Bir- kenfeld) in Rheinland-Pfalz entdeckt. Der dortige Ge- bäudekomplex war auf einer Terrasse der Nahe angelegt und durch eine Mauer, bestehend aus Holzbalken, Lehm- und Steinfüllung, geschützt. Vor der Mauer verlief ein ausgehobener Graben, der als weiteres Hindernis diente.

Am Bodensee und am Federsee bei Bad Buchau lagen in der Urnenfelder-Zeit noch Seeufersiedlungen (»Pfahlbauten«) und Moorbauten. Sie mussten gegen Ende dieses Abschnittes aufgegeben werden, weil der Pegel dieser Gewässer wahrscheinlich aufgrund erhöhter Niederschlagsmengen stark anstieg. Die letzten Uferdörfer am Bodensee existierten um 850 v. Chr. Zu den urnenfelderzeitlichen Ortschaften auf baden- württembergischer Seite des Bodensees gehören die Fundorte Hagnau-Burg7, Konstanz-Langenrain8, Süßenmühle9 und Unteruhldingen10.

Reste der befestigten Siedlung von Hagnau (Boden- seekreis) werden jeweils bei Niedrigwasser sichtbar. Immer dann erscheint vor Hagnau eine Insel im Bodensee, die so genannte Untiefe Burg. An deren Ufern sind zwischen Grundkieseln hölzerne Pfähle, Spülsäume aus Pflanzenfasern, Hölzern und Holzkohlen sowie Keramikreste der Urnenfelder-Kultur zu erkennen. Einst schützten Palisaden im Norden, Osten und Süden den 130 Meter langen und 100 Meter breiten Komplex. Die Anlage von Unteruhldingen (Bodenseekreis) wurde an der Seeseite durch Palisaden aus Eichen-, Buchen- und Erlenholz vor dem Wellenschlag geschützt. Die Baumstämme waren meistens nicht entrindet. Diese Palisaden hat man nach einer gewissen Zeit immer wieder erneuert. In zwei Phasen der Besiedlung wurden gleichzeitig eine innere Eichenreihe und eine äußere Weichholzreihe errichtet.

Die Häuser der Seeufersiedlung von Unteruhldingen sind in Zeilen angeordnet gewesen. Dieses Dorf am Bodensee existierte mit Unterbrechungen etwa 120 Jahre lang. Es konnten drei übereinanderliegende Siedlungen mit einer Fläche von einem bis zwei Hektar nachgewiesen werden. Für die Pfosten der dortigen Häuser verwendete man fast in 90 Prozent der Fälle Eichenholz. Die Pfosten wurden rundum behauen.

Am Federsee bei Bad Buchau (Kreis Biberach) hat der zunächst in Tübingen und später in Berlin tätige Prähistoriker Hans Reinerth (1900-1990) in den Jahren 1920, 1928 und 1936 zwei Seeufersiedlungen der Urnen- felder-Kultur freigelegt, die aus unterschiedlicher Zeit stammen. Ihre Entdeckungsgeschichte begann damit, dass sich ein Landwirt während der zwanziger Jahre in trockenen Perioden über ständig neu auftauchende Pfahlköpfe auf seiner Wiese ärgerte. Die Pfähle wurden durch Schrumpfung der austrocknenden Schichten an die Oberfläche gepresst.

Die Erkenntnisse Reinerths über die beiden Dörfer von Bad Buchau sind heute teilweise überholt. Er meinte, diese Siedlungen hätten auf einer Halbinsel oder Insel gelegen und seien rundum von Palisaden geschützt gewesen. Reinerth deutete beide Siedlungen irrtümlich als »Wasserburgen« mit Wehrtürmen, Wehrgängen, Brücken, einem Herrengehöft und hufeisenförmigen

Zeichnung auf Seite 25: Rekonstruktion der » Wasserburg « bei Bad Buchau am Federsee in Baden-Württemberg aus der jüngeren Bauphase. Die Rekonstruktion stammt aus einer Publikation von 1936 des damals in Berlin arbeitenden Prähistorikers Hans Reinerth (1900 - 1990).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anwesen. Wie er sich die »Wasserburg« vorstellte, veranschaulichen Rekonstruktionselemente im Freilichtmuseum Unteruhldingen.

1941 wies der Stuttgarter Prähistoriker Oscar Paret (1889-1972) nach, dass die vermeintliche »Wasserburg« nicht auf einer Insel, sondern inmitten eines Flach- moorgebiets nahe beim Federsees lag. Die angeblichen Palisaden definierte er nicht als Palisadenring mit Wehrgängen, sondern als Reste eines mehrfach aus- gebesserten Dorfzauns.

Heute geht man davon aus, dass die ältere Siedlung bei Bad Buchau aus der Zeit um 1100 v. Chr. aus 38 ein- räumigen und ebenerdigen Häusern bestand. Sie waren in Blockbauweise errichtet, hatten Flechtwände und verfügten über eine Wohnfläche von 16 bis 20 Qua- dratmetern. Ein größerer zweiräumiger Bau im Zent- rum könnte dem Häuptling vorbehalten gewesen sein. Als der Spiegel des Federsees stieg, befestigte man das nahe Seeufer mit einem Steinpflaster und schützte die Siedlung mit einer Palisade aus 15.000 Pfählen, die teilweise als Wellenbrecher dienten. Zur Seeseite hin gab es drei Reihen von Palisaden, zur Landseite hin nur eine. Die Außen- und Innenpalisade wurden innerhalb von je vier Jahren errichtet.

Die jüngere Siedlung existierte um 900 v. Chr. Während dieses Abschnittes standen neun Häuser enger beiein- ander, und manche von ihnen waren zu U-förmigen Gehöften angeordnet. Flechtwände gliederten das Innere der Häuser in mehrere Räume. Das Dorf wurde bei einem Brand zerstört, vielleicht infolge eines Überfalls.

In den beiden Siedlungen bei Bad Buchau lebten vermutlich zeitweise bis zu 200 Menschen. Eine sechs bis acht Zentimeter dicke Schicht verbrannten Getreides aus einem Gebäude der jüngeren Siedlung sowie Knochenreste von Haustieren weisen darauf hin, dass es sich um Bauern handelte. Wo die Einwohner ihre Toten bestatteten, weiß man nicht.

Inselsiedlungen aus der Urnenfelder-Zeit sind von Säckingen11 (Kreis Waldshut) in Baden-Württemberg, von der Roseninsel im Starnberger See12 (Kreis Starnberg) und im Altmühltal bei Kelheim13 (Kreis Kelheim) in Bayern sowie aus Groß-Rohrheim14 (Kreis Bergstraße) in Hessen bekannt. In Säckingen lag die Siedlung auf einer ehemaligen Rheininsel, heute wird das Gebiet von der Altstadt überzogen. Auf einer ehemaligen Insel der Altmühl bei Kelheim befand sich ein mehr als 20 Meter langes Haus, das von zwei Palisaden umgeben wurde.

Die befestigten Höhensiedlungen (»Burgen«) wurden teilweise rundum von Ringwällen geschützt, mitunter aber nur an besonders gefährdeten Abschnitten durch Wälle abgesichert. In letzterem Fall spricht man von einer Abschnittsbefestigung. Nach den vielen Befesti- gungen der Urnenfelder-Kultur zu schließen, war diese Phase der Urgeschichte eine »große Zeit der Bur- genbauer«. Die zahlreichen »Burgen« spiegeln ein Schutzbedürfnis während Unruhezeiten wider.

Zu den Befestigungen in Baden-Württemberg gehören die Fundorte Burgberg bei Burkheim15 (Kreis Breisgau- Hochschwarzwald), Dreifaltigkeitsberg bei Spaichin- gen16 (Kreis Tuttlingen), Runder Berg bei Urach17 (Kreis Reutlingen) und Zargenbuckel bei AschhausenSchöntal18 (Hohenlohekreis).

Auf dem Lemberg bei Stuttgart-Weil im Dorf19 beispielsweise hat man an den etwa 450 Meter voneinander entfernten Querseiten vier bis fünf Meter breite Abschnittswälle mit Graben davor errichtet. Besonders viele befestigte Höhensiedlungen konnten in Bayern aufgespürt werden. Im Regierungsbezirk Schwaben liegen die Befestigungen Katzensteig bei Mergenthau20 (Kreis Aichach-Friedberg), auf dem Stadtberg von Neuburg21 und Stätteberg bei Un- terhausen22 (beide im Kreis Neuburg-Schrobenhau- sen).

Die Befestigung auf dem Stätteberg bei Unterhausen wurde teilweise von der Donau und von der hier einmündenden Paar umflossen. Rund um die 300 Meter lange und 180 Meter breite Bergkuppe lag ein Wall, der Reste einer drei Meter dicken Mauer enthielt. Der Wall dürfte schätzungsweise 2,50 Meter hoch gewesen sein. In Oberbayern befinden sich die Befestigungen Große Birg bei Kochel23 (Kreis Bad Tölz-Wolfsratshausen), in Niederbayern der Bogenberg bei Bogen24 (Kreis Straubing-Bogen), in der Oberpfalz der Schlossberg von Kallmünz25 (Kreis Regensburg).

Quer durch das 300 Meter lange und 110 Meter breite Plateau des Bogenberges bei Bogen verlief ein in den Fels eingetiefter, bis zu 3,50 Meter breiter Graben, zu dem ein Wall gehörte. Außerdem waren zwei urnenfelderzeitliche Wälle vorgelagert. Auch ein benachbartes Areal von 400 Meter Länge und l00 Meter Breite wurde von einem Wall geschützt.

Etwa 110 Meter hoch über der Vils und der Naab lag die Befestigung auf dem Schlossberg von Kallmünz. Die Hänge zu diesen beiden Flüssen hin waren besonders steil. Einen Kilometer von der äußersten Spitze entfernt wurde der Berg durch einen 800 Meter langen Wall abgeriegelt, der offenbar aus der frühen Urnenfelder-Zeit stammt.

Aus Mittelfranken sind die Befestigungen Gelbe Bürg bei Dittenheim26 (Kreis Weißenburg-Gunzenhausen) und Hesselberg bei Wassertrüdingen27 (Kreis Ansbach) bekannt.

Der Hesselberg bei Wassertrüdingen überragt seine Umgebung um mehr als 200 Meter. Die auf seinem Plateau errichteten Wälle dürften teilweise während der Urnenfelder-Zeit entstanden sein. Außer Resten von Holz-Erde-Mauern am Rand konnten dort auch Hausgrundrisse, Töpferöfen und eine Bronzegießerei festgestellt werden. 1939 wurde der Hesselberg sogar als »heiliger Berg der Franken« bezeichnet.

In Oberfranken entdeckte man die Befestigungen Ehrenbürg bei Schlaifhausen28 (Kreis Forchheim) und Heunischenburg auf dem Wolfsberg bei Gehülz29 (Kreis Kronach).

Auf dem 250 Meter hohen, mehr als 1,5 Kilometer langen und bis zu 350 Meter breiten Berg Ehrenbürg (im Volksmund Walberla genannt) bei Forchheim thronte in der Urnenfelder-Zeit vermutlich eine stadtähnliche Siedlung. Deren Bewohner haben eine große Menge Keramik, viele Bronzeobjekte und drei Depots mit Zierteilen von Pferdegeschirr (Phaleren) hinterlassen. Zahlreiche Halbfabrikate und ein Guss- tiegel weisen auf die Herstellung von Bronzegeräten hin. Die Größe der Höhensiedlung, Funddichte und -qualität sowie die Bronzewerkstätten belegen nach Ansicht des Ausgräbers Björn-Uwe Abels aus Bamberg, dass es sich um ein bedeutendes politisches und wirtschaftliches Zentrum handelte.

Den Bewohnern der Heunischenburg bei Gehülz ob- lag im 10. und 9. Jahrhundert v. Chr. wohl der Schutz einer wichtigen Verkehrsverbindung in den Osten Oberfrankens. Wo Steilhänge auf natürliche Weise die Befestigung sicherten, hatte man nur eine Palisade er- richtet. Dagegen wurde die ungeschützte Flanke durch eine 110 Meter lange, 2,60 Meter breite und 3,50 Meter hohe Steinmauer abgeriegelt, die in einer etwa 30 Meter langen Torgasse endete. Der Mauer war eine 3,60 Meter breite und einen Meter hohe Steinanhäufung (Berme) vorgelagert.

Eine nahe dem Tor angelegte, einen Meter breite Ausfallpforte (Poterne), über die man einen Holzturm gesetzt hatte, erlaubte es den Verteidigern, etwaige in die Torgasse drängende Angreifer auch von hinten unter Beschuss zu nehmen. Als Vorbild für die Ausfallpforte auf der Heunischenburg könnten Poternen von Burgen im Mittelmeergebiet gedient haben.

Noch im Mittelalter wirkte die Heunischenburg so eindrucksvoll auf die damaligen Menschen, dass diese ihre Erbauer irrtümlich für sagenhafte Hünen oder die Hunnen hielten. Darauf ist ihr Name zurückzuführen. Brandspuren und mehr als 100 bronzene Pfeilspitzen werden als Indizien einer kriegerischen Ausein- andersetzung erachtet, die nach Ansicht des Prähi- storikers Björn-Uwe Abels die ganze Befestigung als eine Art Garnison erscheinen lassen.

In Unterfranken liegen die Befestigungen Bullenheimer Berg bei Bullenheim30 (Kreis Kitzingen) und Großer Knetzberg31 (Kreis Haßberge).

Auf dem 1200 Meter langen und maximal 400 Meter breiten Bullenheimer Berg, der seine Umgebung um etwa 50 Meter überragt, gliederten drei quer verlaufende Wälle die Berghochfläche an ihrer schmalsten Stelle. Die acht Meter langen und vier Meter breiten Häuser der Siedlung standen an der Innenseite der Wälle. Ackerbau wurde wohl in der Umgebung des Berges betrieben. Von den Befestigungen im Saarland ist diejenige auf dem Großen Stiefel bei Sankt Ingbert32 (Saar-Pfalz- Kreis) besonders erwähnenswert. Dieser Berg verdankt seiner stiefelähnlichen natürlichen Gestalt den Na- men.

In Rheinland-Pfalz gab es neben anderen die Befesti- gungen auf dem Dommelberg bei Koblenz33 und auf dem Langenberg bei Ernzen34 (Kreis Bitburg-Prüm). Auf dem zwischen dem Rhein und der Mosel gelege- nen Dommelberg bei Koblenz konnten mehrteilige Wallanlagen festgestellt werden. Den Wall sicherte zu- sätzlich ein 7,50 Meter breiter und fünf Meter tiefer Graben. Auf dem Langenberg bei Ernzen zeugen ver- kohlte Eichenholzbalken von einer Brandkatastrophe. Aus Hessen kennt man die Befestigungen auf dem Bleibeskopf bei Bad Homburg35 (Hochtaunuskreis), dem Glauberg bei Glauburg36 (Wetteraukreis) und dem Haimberg bei Haimbach37 (Kreis Fulda).

Zeichnung auf Seite 33: Die eindrucksvolle Befestigung Heunischenburg auf dem Wolfsberg bei Gehülz (Kreis Kronach) in Bayern wurde an der ungeschützten Flanke durch eine Steinmauer mit Torgasse und an Steilhängen nur durch eine hölzerne Palisade geschützt. Zeichnung von Friederike Hilscher-Ehlert, Königswinter, für das Buch » Deutschland in der Bronzezeit « (1996) von Ernst Probst

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf dem Glauberg umgab der entlang des Randes verlaufende Wall eine Fläche von etwa 20 Hektar. Der Wall besteht aus einer von innen leicht ansteigenden Erdrampe, die an der Außenfront durch eine Trockenmauer aus Basaltsteinen gehalten wird. Bei Grabungen auf dem Glauberg und dem Haimberg stieß man auf Steinfundamente von Häusern.

Aus Thüringen sind die beiden Befestigungen auf den Gleichbergen bei Römhild38 (Kreis Meiningen) bekannt. Davon ist vermutlich diejenige auf dem Großen Gleichberg die ältere und jene auf dem Kleinen Gleichberg (Steinsburg genannt) die jüngere. Der Schutz der Befestigung auf dem Großen Gleich- berg bestand aus einer 2,50 Meter breiten Mauer (»Rentmauer«), deren einstige Höhe sich nicht mehr ermitteln lässt. Bei dieser Mauer handelte es sich um eine zyklopische Fassade mit großen Basaltblöcken, die mit Geröll hinterschüttet und innen durch Pfosten abgestützt wurde. Die Befestigung auf dem Kleinen Gleichberg war vermutlich von einer Ringmauer aus aufgeschichteten Basaltsteinen umgeben. Manche der befestigten Höhensiedlungen wurden durch Feuersbrünste zerstört. Das war bei den Be- festigungen Buigen bei Herbrechtingen und auf dem Burgberg nahe Burkheim in Baden-Württemberg, bei der Heunischenburg auf dem Wolfsberg in Bayern und auf dem Langenberg bei Ernzen in Rheinland-Pfalz der Fall.

Zur Inneneinrichtung der Häuser auf dem Bogenberg bei Bogen gehörten runde zwei- und einschichtige Backherdplatten mit Wulstrand aus Lehm. Ein schadhaft gewordener Backherd wurde dicht mit Scherben belegt und durch einen zweiten Lehmestrich erneuert. In vier Häusern der Flachlandsiedlung Straubing- Öberau39 in Bayern fanden sich an der Ostwand schmale, längliche Gruben, in denen einst Webstühle standen. Webstuhlgruben kennt man auch von den Fundorten Straubing-Kreuzbreite und Künzing-Umspannwerk (Kreis Deggendorf). Der größte Webstuhl der späten Urnenfelder-Zeit wurde in der westlichen Steiermark ausgegraben.

Die Bewohner der Siedlung von Straubing-Öberau haben ihr Trinkwasser aus einem Brunnen geschöpft, der von aufrecht stehenden Brettern eingefasst war. Im Gegensatz dazu bestanden die Brunnen von Berlin- Lichterfelde, Budense (Dänemark) und Sankt Moritz (Schweiz) aus ausgehöhlten Baumstämmen.

Reste von Getreidekörnern und Hülsenfrüchten sowie bronzene Sicheln und Mahlsteine belegen Ackerbau. Anhand von Funden konnten die Getreidearten Gerste (Hordeum vulgare), Nacktgerste (Hordeum vulgare var. nudum), Emmer (Triticum dicoccon), Saatweizen (Triticum aestivum), Rispenhirse (Panicum miliaceum), Dinkel (Triticum spelta) und Zwergweizen (Triticum aestivum ssp. compactum) sowie die Hülsenfrüchte Ackerbohne (Vicia faba) und Linse (Lens culinaris) nachgewiesen werden. Manche Experten meinen, der Ackerbau sei im Vergleich zur Hügelgräber-Bronzezeit während der Urnenfelder-Zeit intensiver betrieben worden.

In einer Siedlungsgrube von Graben (Kreis Augsburg) in Bayern fanden sich Reste von Gerste, Emmer, Ris- penhirse, Dinkel und Linse. Aus Butzbach (Wetterau- kreis) in Hessen sind Emmer, Zwergweizen, Saatweizen, Nacktgerste und Gerste belegt.

Für die Getreideernte bestimmte bronzene Sicheln wurden vor allem in Depots geborgen. Mahlsteine zum Zerquetschen der Getreidekörner kamen in der Siedlung von Straßkirchen (Kreis Straubing-Bogen) und in einem Grab von München-Englschalking zum Vorschein. Ersterer ist 45 Zentimeter lang und 20 Zentimeter breit, letzterer 50 Zentimeter lang und 33 Zentimeter breit.

Knochenfunde in Siedlungen und Gräbern beweisen die Haltung von Rindern, Schafen, Ziegen, Schweinen und Pferden als Haustieren. Die Bewohner der Siedlung von Gauting (Kreis Starnberg) in Bayern besaßen Rinder, Schafe oder Ziegen und Schweine, diejenigen von Greißing (Kreis Straubing-Bogen) in Bayern hatten Pferde, Schweine und Rinder.

Zwei Gräber aus Grünwald (Kreis München) enthielten Knochen vom Schaf und Schwein. In einem Grab von Gernlinden (Kreis Fürstenfeldbruck) lagen Tierknochen vom Schaf oder von der Ziege und vom Rind. In einem Grab von Altessing (Kreis Kelheim) fanden sich Schienbeinknochen vom Kalb.

Im Steinkistengrab von Bad Nauheim (Wetteraukreis) in Hessen stieß man auf Knochen von der Ziege oder vom Schaf und vom Schwein. In einem Grab von Dietzenbach (Kreis Offenbach) in Hessen wurden Knochen vom Schwein und vom Rind zutage gefördert. Hügelgräber bei Marburg enthielten Knochen von jungen Schweinen, vom Schaf, aber auch vom Reh (Capreolus capreolus).

Bronzene Angelhaken aus Gräbern weisen auf ge- legentlichen Fischfang hin. Solche Funde glückten in Altensittenbach und Obernau (Kreis Aschaffenburg), Thann (Kreis Kelheim) in Bayern sowie Kobern (Kreis Mayen-Koblenz) in Rheinland-Pfalz. Vielleicht hatten die Toten, in deren Gräbern Angelhaken zum Vorschein kamen, eine besondere Beziehung zum Fisch- fang.

Ein ganzer mit auf dem Scheiterhaufen verbrannter Rothirsch (Cerphus elaphus) aus einem Hügelgrab bei Marburg in Hessen sowie bearbeitete Geweihstücke aus Merzingen und Mönchsdeggingen (Kreis Donau- Ries) in Baden-Württemberg lassen auf Hirschjagd schließen. Auch Braunbären (Ursus arctos) sind gele- gentlich zur Strecke gebracht worden. Das verraten je eine Bärenkralle aus Graben (Kreis Augsburg) in Bayern, vom Martinsberg bei Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz und ein Bärenreißzahn aus Hoppingen (Kreis Donau- Ries).

Einen kleinen Einblick in die Ernährungsgewohnheiten der Urnenfelder-Leute erlauben Funde aus der Siedlung von Rückersdorf (Kreis Nürnberger Land) in Bayern. Dabei handelt es sich um verkohlten Hirsebrei aus Rispenhirse, Reste von Leinsamen (Linum usitatissimum), Spuren von Leinöl an einer Keramikscherbe sowie andere Fragmente mit Spuren von Emmerschrotmehl und zerstoßenem Samen der Ackerbohne.

Nach Erkenntnissen des Berner Brotforschers Max Währen wurde das Brot ab der Urnenfelder-Zeit luftiger, ohne sein Aussehen zu verändern. Brot diente damals nicht nur den Lebenden als Nahrung, sondern auch den Göttern als Opfer und als Grabbeigabe für Tote. Im bayerischen Bellenberg (Kreis Neu-Ulm) wurde eine Jugendliche mit auf ihrem Leichnam abgelegtem Brot auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Reste dieses Brotes konnten zusammen mit Knochen- und Holzasche an zwei Scherben der tönernen Urne ermittelt werden.

Verkohlte Früchte aus der Siedlung vom Martinsberg in Bad Kreuznach deuten auf Verzehr von Eicheln (Quercus robur) und Wildäpfeln (Malus sylvestris) hin. Die Gefäße im Wagengrab von Hart an der Alz (Kreis Altötting) in Bayern haben Wein oder ein anderes al- koholisches Getränk enthalten, das man mit aroma- tischen Pflanzen versetzte und beim Gelage abschöpfen musste. In der Siedlung von Straßkirchen (Kreis Strau- bing-Bogen) in Bayern wurde das Fleisch von Fluss- muscheln verzehrt.

Die Keramik variierte von Großgefäßen wie hen- kellosen Zylinder-, Trichter- und Kegelhalsgefäßen, Amphoren und doppelkonischen Gefäßen bis zu Kleingefäßen wie Bechern, Krügen, Knickwandschalen, konischen Schalen, tellerartigen flachen Schälchen und Näpfen. Außerdem wurden Sieb-, Säulen- und Saug- gefäße sowie Stempel und so genannte »Brotlaib-Idole« geformt.

Siebgefäße gelten eher als seltene Funde. Scherben einer Siebschale wurden in der Siedlung von Straubing (Ziegelei Dendl) geborgen. In Gräbern von Schifferstadt (Kreis Ludwigshafen) in Rheinland-Pfalz und Bruchköbel bei Hanau (Main-Kinzig-Kreis) in Hessen lagen ebenfalls Siebgefäße.

Eine bis dahin unbekannte Keramikform konnte in einem Grab von Gau-Algesheim (Kreis Mainz-Bingen) in Rheinland-Pfalz geborgen werden. Es ist ein Säu- lengefäß mit kreisrundem Standring, auf dem sich in gleichmäßigem Abstand zehn leicht einwärts gekrümmte Streben hochziehen, die einen schmalen bauchigen Gefäßkörper tragen, der oben mit einem kurzen Hals endet. Das Gefäß ist 27,2 Zentimeter hoch und maximal 41 Zentimeter breit. Ein vergleichbares Exemplar wurde später in Heskem (Kreis Marburg-Biedenkopf) in Hessen entdeckt.

Die Funktion von Sauggefäßen hatte der damals in Mainz tätige Prähistoriker Paul Reinecke (1872-1958) schon 1900 erkannt. Ihm zufolge wurden mit ihrem Inhalt Säuglinge ernährt. Die Sauggefäße waren nie höher als 20 Zentimeter, manchmal sogar nur fünf Zentimeter. Sie fassten durchschnittlich 100 bis 150 Kubikzentimeter Inhalt, höchstens bis zu 250 Kubik- zentimeter.

In einem Brandgrab von München-Englschalking fand sich ein 17,5 Zentimeter langes Sauggefäß mit einer Bronzenagelung als Verzierung. Weitere Objekte dieser Art sind aus Unterhaching (Kreis München) in Bayern sowie aus Alzey-Dautenheim (Kreis Alzey-Worms) und aus der Nähe von Mendig (Kreis Mayen-Koblenz) in Rheinland-Pfalz bekannt. Das 7,8 Zentimeter hohe Sauggefäß bei Mendig hat die Gestalt eines Vogels. Es wurde zusammen mit einer verzierten Rassel gefunden, die als Spielzeug und vielleicht auch als kultisches Lärmgerät diente.

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Details

Seiten
176
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656051435
ISBN (Buch)
9783656051114
Dateigröße
4.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181820
Note
Schlagworte
Urnenfelder-Kultur Urnenfelder-Zeit Urnenfelderkultur Urnenfelderzeit Bronzezeit Spätbronzezeit Archäologie Urgeschichte

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Titel: Die Urnenfelder-Kultur in Deutschland