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Aristoteles - Wie entstehen ethische Tugenden?

Essay 2011 5 Seiten

Theologie - Systematische Theologie

Leseprobe

Wie entstehen ethische Tugenden?

(Lainer Stephanie)

1. Der Erwerb der charakterlichen Tugend durch Gewöhnung (Aristoteles EN 1103 a14- 25)

Aristoteles unterscheidet zwischen zwei Arten der „Gutheit“ (aréte). Im Gegensatz zur „Gutheit des Denkens“ entsteht die charakterliche Gutheit (ethiké) nicht durch Belehrung. Charaktertugenden sind uns auch nicht von Natur aus gegeben. Bei natürlichen Gegebenheiten ist nämlich die Fähigkeit (dynamis), etwas zu leisten, der Tätigkeit (energeia) vorangestellt. Aristoteles führt hier das Beispiel der sinnlichen Wahrnehmung an: Der Mensch besitzt zuerst die Fähigkeit zu sehen, bevor er etwas sieht.

Bei Charaktertugenden sei es dagegen umgekehrt, Aristoteles vergleicht sie mit Herstellungswissen (techné): Um in den Besitz der Tugend oder techné zu kommen, müssen wir bereits derlei Tätigkeiten ausüben. Aristoteles gibt das Beispiel des Kihtarespiels: Damit man die Fähigkeit des Kitharaspielens erwirbt, muss man bereits Kithara spielen. Analog dazu werden Menschen erst gerecht, indem sie sich darin üben, Gerechtes tun. Naturgegeben ist bei Charaktertugenden lediglich eine natürliche Fähigkeit (dynamis - Kraft, Vermögen, Potenz), charakterliche Tugend durch Gewöhnung zu entwickeln.

Für Aristoteles verhält es sich mit der Tugend also so, dass wir sie erst ausüben müssen um sie zu erwerben. Und so wie wir die Tugenden ausüben, so erwerben wir sie auch. Z.B. wird man ein Baumeister, indem man das Handwerk des Baumeisters erlernt und ein Bauwerk baut. Wenn ein Baumeister mäßig baut, wird er ein mäßig guter Baumeister, wenn er gute Bauwerke baut, ist er ein guter Baumeister. Aristoteles argumentiert es dadurch, dass es ja sonst keine Lehrer bedürfe, wenn alle Baumeister von Natur aus gut wären. So verhält es sich laut Aristoteles auch mit den Tugenden. Wenn wir uns an gewisse Handlungsweisen gewöhnen, werden wir z.B. entweder gerecht oder ungerecht. Z.B. wenn jemand beim Autofahren in Stausituationen sich daran gewöhnt sich zu ärgern, wird er sich in derartigen Situationen auch so verhalten. Mit den entsprechenden Tätigkeiten entstehen die Dispositionen( hexis). Deshalb ist es laut Aristoteles wichtig, in den Tätigkeiten (energeia) die wir ausüben eine gewisse Qualität zu legen. Denn es hängt viel davon ab, ob man von Kind an schon so oder so gewöhnt wird.1

2. Schwierigkeiten, wie wir gut werden können, ohne es schon zu sein (Aristoteles EN 1105 2a-1105 b ff)

(2). Dinge die aufgrund einer Tugend entstehen werden erst dann gerecht wenn der Handelnde aus einer bestimmten Verfassung heraus handelt.2 Nämlich wissend (eidōs), aufgrund einer Entscheidung, also vorsätzlich (prohairoumenos) und seine Handlung muss fest und unerschütterlich sein.3

Die ethische Handlung entsteht also nur dann, wenn die Gerechtigkeit dauerhaft in den Charaktereigenschaften verankert ist und ich aus dieser ethischen Verfassung heraus handle,4 wobei das ständige Tun Voraussetzung ist. Denn erst durch ständige praktische Anwendung des Gerechten wird jemand gut.

Begriffserläuterungen

aréte: griechisch. Tüchtigkeit, Vortrefflichkeit; bei Platon der Lehrer von Aristoteles versteht unter aréte die Tauglichkeit der Seele zu Weisheit und Gerechtigkeit. Desweiteren weist aréte auf die Aretologie zurück. Sie (Aretologie) ist ein Sonderbereich der Ethik und bedeutet die Lehre der Tugend.5

Im Buch Nikomachische Ethik unter Anmerkung aus dem ersten bzw. zweiten Buch wird die Bedeutung aréte noch einmal genauer erklärt was Aristoteles darunter versteht und es wird der Beriff Gutheit für arete verwendete. Genau genommen existiert dieses Wort im Deutschen nicht, aber es zeigt, dass der Begriff sich nicht mit unserer Einstellung deckt.6 Die Anmerkung zum zweiten Buch wird aréte weiter ausgeführt. Hier wird der Gegenbegriff zu aréte erwähnt Kakia. Dies bedeutet Schlechtigkeit. Allgemein ausgedrückt die schlechte Verfassung und eine einzelne schlechte Charaktereigenschaft wird Laster bezeichnet.7

energeia: Der Begriff ist griechischen Ursprungs und bedeutet "Tätig sein, Wirklichkeit, Verwirklichung".

Nach Aristoteles ist energeia "das die Möglichkeit verwirklichende Prinzip". Am Beispiel Lehrer - Schüler erläutert er das Verhältnis von dynamis (Möglichkeit, Fähigkeit) und energeia: Ein Lehrer kann, indem er Wissen vermittelt, die Fähigkeit eines Schülers verändern

- wenn dieser lernfähig ist. Solange der Schüler erworbenes Wissen nicht anwendet, ist er nur der Möglichkeit nach ein Wissender. Erst wenn er dieses Wissen umsetzt, ist diese Aktivität energeia. Sie wird bestimmt als die Verwirklichung jener Aspekte von dynamis, das Vermögen zu wirken, und der Potenzialität.

dynamis: Möglichkeit, Fähigkeit;

„Bei Aristoteles heißt die Potenz (Möglichkeit) der Kraft zu wirken Dynamis (latente Kraft).“8

Das Wort Dynamis bezeichnet jede Art von Anlage, Vermögen, Fähigkeit natürlicher wie erlernter Art. Sie wird von Aristotles aber auch in dem Sinne mit techne verwendet.9 Dynamis, das im Zusammenhang bei Aristotles in der Nikomachischen Ethik im zweiten Buch verwendet wird, kann die Fähigkeit zu einer Tätigkeit sowohl das Vermögen gemeint sein. Wenn man den Satz davor betrachtet, dann weis man dass es um eine Anlage also um ein passives Vermögen handelt.10

[...]


1 Vgl. Aristoteles, EN, 1103b, 10 - 25

2 Aristoteles, EN, 1105 a,30

3 Vgl. Wolf, Aristoteles Nikomachische Ethik, S. 69

4 Vgl. Wolf, Aristoteles Nikomachische Ethik, S69

5 Vgl. Georgi Schischkoff, Philosophisches Wörterbuch, zweite Spalte, 39. S.

6 Vgl. Aristoteles, EN, Anm. 44 I Buch.

7 Vgl. Aristotles, EN, Anm. 1 II Buch.

8 Zit. . Georgi Schischkoff, Philosophisches Wörterbuch, zweite Spalte, 152. S.

9 Vgl. Aristotles, EN, Anm. 7 I Buch.

10 Vgl. Aristoteles, EN, Anm. 2 II Buch.

Details

Seiten
5
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656050797
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181834
Institution / Hochschule
Universität Wien – Theologische Fakultät
Note
2
Schlagworte
aristoteles tugenden

Autor

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Titel: Aristoteles - Wie entstehen ethische Tugenden?