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Englische Passivkonstruktionen und ihre semantischen Grundlagen

Hausarbeit (Hauptseminar) 1993 28 Seiten

Anglistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1.Einleitung
1.1 Aufgabenstellung und Vorgehensweise
1.2 Die Beziehung zwischen Aktiv und Passiv

2. Englische Passivkonstruktionen
2.1 Das indirekte Passiv
2.2 Passive Verben des Sagens und Denkens
2.3 Das Zustandspassiv
2.4 Passivkonstruktionen mit get und have
2.4.1 Das get-Passiv
2.4.2 Das have-Passiv
2.5 Das Mediopassiv
2.6 Andere Bildungen des Passivs

3. Das Präpositionalpassiv
3.1 Die Passivierung von Präpositionalverben (inherent preposition verbs)
3.2 Die Passivbildung bei phrasal verbs
3.3 Präpositionale Nominalphrasen als Subjekte von Passivsätzen

4. Fazit

Literatur

1. Einleitung

1.1 Aufgabenstellung und Vorgehensweise

In dieser Arbeit sollen englische Passivkonstruktionen und ihre semantischen Grundlagen behandelt werden. Für das Herangehen an diese Aufgabenstellung erweist es sich als hilfreich, zunächst zu klären, welche Beziehung das Passiv zu dem ihm entgegenstehenden Genus Verbi, dem Aktiv, besitzt. Daher soll in einem zweiten einleitenden Teil kurz die Annahme einer Transformation des Passivs aus dem Aktiv erörtert werden. In diesem Zusammenhang spielen auch Fragen nach den Relationen von syntaktischen und semantischen Kategorien eine Rolle, die im weiteren Verlauf der Arbeit Beachtung finden sollen. Insbe­sondere werden der semantische Gehalt des Passivs im Unterschied zum Aktiv und semantische sowie syntaktische Restriktionen für die Passivierung von Interesse sein.

Diese Betrachtungen sollen anhand der Darstellung einiger englischer Pas­sivkonstruktionen vollzogen werden. Eine Passivkonstruktion, und zwar das Präpositionalpassiv, wird hierbei hinsichtlich seiner Beschränkungen und seines semantischen Gehalts ausführlicher behandelt werden. Die Auswahl der Passiv­formen erfolgt unter kontrastivem Gesichtspunkt, d.h., daß vor allem solche Konstruktionen behandelt werden, die aus Sicht des Deutschen ungewöhnlich wirken bzw. geeignet erscheinen, dem deutschen Englischlerner Probleme zu bereiten. Eine zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse bildet den Ab­schluß der Arbeit.

1.2 Die Beziehung zwischen Aktiv und Passiv

Mit Beginn der Transformationsgrammatik wurde das Passiv in einer trans­formationellen Beziehung zum Aktiv gesehen, wobei Passivkonstruktionen als Ableitungen von zugrundeliegenden Aktivsätzen aufgefaßt wurden1. Bei der Passivtransformation wird von aktiven Sätzen mit transitiven Verben ausgegan­gen, wie sie z.B. die Sätze 1) und 2) darstellen:

1) Mary hit John.

2) Paul had damaged the car.

Diesen beiden Sätzen unterliegt die syntaktische Struktur NP1 Aux V NP2 , in der Aux sowohl für Modalverben als auch für das Tempus des Satzes steht.2 Bei der Umwandlung dieser Aktivsätze ins Passiv werden mehrere, hier nicht weiter zu beschreibende Transformationsschritte wie Permutation, Sub­stitution, Deletion und Addition angewandt, für die sich eine zusammenfassen­de Passivtransformationsregel aufstellen lässt: NP1 Aux V Np2 => NP2 Aux be Ven (by Np1)3. Nach dieser Regel ergeben sich für 1) und 2) folgende Passivsätze:

3) John was hit by Mary.

4) The car had been damaged by Paul.

Die Annahme des Passivs als Ableitung aus zugrundeliegenden Aktivsätzen findet jedoch auch Kritik. So kritisieren Dirven und Radden beispielsweise, daß das Passiv in der Transformationsgrammatik ausschließlich als syntaktische Ka­tegorie, als aus der Tiefenstruktur transformierte Oberflächenstruktur betrach­tet wird, während der Bedeutungsgehalt passivischer Konstruktionen nicht an­gemessen behandelt wird4. Ebenso stellt Hüllen heraus, daß im transformati­onsgrammatischen Modell insbesondere semantische Merkmale des Passivs zu­gunsten einer exakten, gut nachvollziehbaren, aber vereinfachten Darstellung vernachlässigt worden sind.5 Als Argument gegen die Vorstellung einer Passiv­transformation und zur Betonung des Stellenwerts, den die Semantik des Pas­sivs besitzt, wird u. a. angeführt, daß die Bedeutung aktivischer Sätze bei einer Transformation ins Passiv nicht immer unverändert bleibt. Eine Äquivalenz der Bedeutungen wird jedoch als Voraussetzung für Transformationen angesehen.6

5) Every Student in this class read two books.

6) Two books were read by every student in this class.

Während es in Satz 5) unbestimmt ist, welche Bücher jeder einzelne Student gelesen hat, sind es in Satz 6) zwei bestimmte Bücher, die von jedem Studen­ten gelesen wurden. Somit wird deutlich, daß die Passivtransformation eine Be­deutungsveränderung zur Folge hat und daher die für die Transformations­grammatik angenommene Voraussetzung hier nicht gegeben zu sein scheint. Gegen die Passivtransformation kann weiterhin die Tatsache angeführt werden, daß nicht bei allen transitiven Verben eine Umwandlung von Aktiv- in Passiv­konstruktionen möglich ist bzw. bestimmte Formen des Passivs nicht ohne weiteres in aktivische Sätze umwandelbar sind. Als transitive Verben, die nicht passivierbar sind, können z. B. Besitzverben (Satz 7)) und symmetrische Verben, d.h. zweiwertige Verben mit dem Rollenrahmen [- O, O]7 (Satz 8)) genannt werden.

7a) John has two cars.

b)*Two cars are had by John.

Ausnahme: Two cars are owned by John.

8a) Mike resembles my father.

b) * My father is resembled by Mike.

Passivische Konstruktionen mit transitiven Verben, für die keine adäquaten Ak­tivkonstruktionen existieren, liegen z. B. bei den Verben des Sagens und Den­kens8 vor:

9) John is said to be clever.

Die semantischen Besonderheiten solcher Passivkonstruktionen im Vergleich zum Aktiv werden in einem späteren Abschnitt noch eingehender behandelt werden.

Es zeigt sich, daß die Passivtransformation Restriktionen unterliegt, die ins­besondere semantisch begründet sind. Angesichts solcher Beschränkungen, wie sie hier nur beispielhaft angesprochen werden konnten, stellt Hüllen gar die Frage, ob die Annahme einer Umkehrbarkeit von Aktiv und Passiv überhaupt Gültigkeit besitzt.9 Es muß jedoch festgehalten werden, daß die bei der Anwen­dung der Passivtransformationsregel auftretenden semantischen Schwierigkeiten natürlich noch nicht als ein Beweis für das Versagen der Transformations­grammatik gewertet werden können. So führt König aus, daß zum einen für die Passivtransformationsregel durchaus Ausnahmen bestehen können, ohne daß die Regel an sich schon an Gültigkeit verliert. Zum anderen macht er deutlich, daß die formale Darstellung der Passiverzeugung in einer solchen Weise ergänzt und erweitert werden kann, daß zumindest einige der Schwierigkeiten bei der Passivtransformation beseitigt werden.10 Und auch Dirven und Radden bezeichnen die Passivtransformation trotz aller Kritik als geeignete Möglichkeit der Sprachbeschreibung.11 Sie bietet nicht zuletzt Exaktheit und formale Überprüfbar­keit. Die semantischen Besonderheiten des Passivs dürfen dabei jedoch nicht übersehen werden.

Im folgenden sollen einige englische Passivkonstruktionen betrachtet und auch ihre semantischen Grundlagen bedacht werden. Die Auswahl der hier zu behandelnden Konstruktionen ist insofern kontrastiv ausgerichtet, als insbeson­dere solche Passivbildungen angesprochen werden, die dem deutschen Gebrauch des Passivs nicht entsprechen bzw. besondere Probleme für den deutschen Englischlerner aufweisen.

2. Englische Passivkonstruktionen

2.1 Das indirekte Passiv

Bei dreiwertigen Verben, die neben dem direkten auch ein indirektes Objekt besitzen, gibt es im Englischen im Unterschied zum Deutschen zwei Möglich­keiten der Passivbildung. Sowohl das direkte als auch das indirekte Objekt können zum Subjekt des Passivsatzes werden.

10a) John gave a cigarette to Mary.

b) A cigarette was given to Mary (by John).

c) Mary was given a cigarette (by John).

Das Deutsche läßt dagegen nur das direkte Objekt als Subjekt des Passiv­satzes zu.

11a) Eine Zigarette wurde Mary gegeben.

b) Mary wurde eine Zigarette gegeben.

Zwar kann das indirekte Objekt Mary wie in 11b) an den Satzanfang rücken, was typischerweise auch geschieht, doch zeigt eine Substitution durch ein Pronomen, daß die für die Subjektivierung notwendige Nominativform bei Mary hier nicht vorliegt.12

12a) Ihr wurde eine Zigarette gegeben.

b) Mary wurde sie gegeben.

In 11b) bleibt eine Zigarette das Subjekt des Satzes. In 10c) ist die Präposi­tion vor dem direkten Objekt Mary nicht mehr vorhanden. Die Tilgung der Präposition ist dann leicht zu erklären, wenn man annimmt, daß vor der Pas­sivtransformation des Satzes 10a) zunächst eine Umstellung des indirekten Objektes vorgenommen wird, die dieses direkt hinter das Verb rückt.

John gave a cigarette to Mary. -> John gave Mary a cigarette.

Durch die Objektumstellung verliert das indirekte Objekt seine Präposition; durch eine nun erfolgende Passivtransformation kann 10c) erzeugt werden.13 Zu ergänzen ist, daß bei dreiwertigen Verben, deren indirektes Objekt nicht mit der Präposition to, sondern mit for verknüpft ist, Konstruktionen des indi­rekten Passivs häufig nicht möglich oder weniger akzeptabel sind. Diese Re­striktion bleibt auch dann bestehen, wenn zuvor die Umstellung des indirekten Objektes erfolgt.

13a) Paul saved some wine for Mike.

b) Paul saved Mike some wine.

c) ? Mike was saved some wine.14

2.2 Passive Verben des Sagens und Denkens

Verben des Sagens und Denkens wie think, report, believe, rumour oder say werden sehr häufig in der Passivform verwendet.

14a) Paul is said to be dishonest.

b) Three people are reported to have been killed.

Mit der Passivbildung wird die Nennung des Agens vermieden. Wie in 14b) kann zum einen der Aussage hierdurch der Charakter größerer Objektivität ver­liehen werden, weswegen solche Konstruktionen in der Zeitungs- und in der Amtssprache häufig vorkommen.15

Nach Wierzbicka hat die Passivkonstruktion bei Verben des Sagens und Den­kens mit angeschlossenem Infinitiv mit to aber vor allem die Funktion der Di­stanzierung. So möchte der Sprecher in 14a) deutlich machen, daß er nicht sei­ne eigene Behauptung oder Annahme, sondern die anderer Leute wiedergibt. Aufgrund der Distanzierungsfunktion vergleicht Wierzbicka diese Passivbildun­gen mit dem Konjunktiv des Deutschen.16

15a) Mary sagt, Paul sei faul.

b) Paul is said to be lazy.

Ein wichtiger Unterschied zwischen der englischen und deutschen Konstruk­tion besteht darin, daß der Sprecher sich mit dem Konjunktiv von der Meinung einer einzelnen Person distanzieren kann, während das Passiv nur eine Distan­zierung von einer allgemeinen Meinung zu leisten vermag. Es wird angenommen, daß passive Verben des Sagens und Denkens ein be­sonderes semantisches Merkmal besitzen, und zwar das der Distanzierung, das in der Aktivform nicht enthalten ist. Diese Annahme wird u. a. dadurch ge­stützt, daß bestimmte Verben dieses Typs keine Entsprechungen im Aktiv besitzen.

16a) Mary is said to be a Mormon.

b) *They/I say Mary to be a Mormon.

Aus dieser fehlenden Übertragungsmöglichkeit schließt Wierzbicka: „ …the 'passive of opinion' constitutes a construction in its own right, with its own peculiar meaning”17. Andererseits gibt es natürlich auch Konstruktionen mit Verben des Sagens und Denkens, die sowohl im Aktiv als auch im Passiv zu bilden sind.

17a) John is believed to be intelligent.

b) I believe John to be intelligent.

Doch auch hier läßt sich ein Bedeutungsunterschied zwischen Aktiv und Passiv erkennen. Während sich der Sprecher in 17a) von der allgemeinen Mei­nung absetzt, wird in b) durch eine Angabe des Agens im Gegenteil betont, daß hier nur die persönliche Meinung des Sprechers angeführt wird, die nicht notwendigerweise von der Allgemeinheit geteilt werden muß.18

[...]


1 Ekkehard König: Englische Syntax II. Struktur des einfachen Satzes. Frankfurt a. M.: Athenäum Verlag 1973. S. 58.

2 Rene Dirven u. Günter Radden: Semantische Syntax des Englischen. Wiesbaden: Athenaion 1977. (= Schwerpunkte der Linguistik und Kommunikationswissenschaft; Bd. 13) S. 189.

3 Ebd. S. 190.

4 Ebd. S. 190f.

5 Werner Hüllen: Linguistik und Englischunterricht 2. Heidelberg: Quelle & Meyer 1976. S. 59.

6 Vgl. Dirven u. Radden: Semantische Syntax des Englischen. S. 192.

7 Hier ist die Rolleneinteilung nach Dirven und Radden übernommen worden, auch wenn die Definition der Rolle Objektiv bei Dirven und Radden nicht unproblematisch erscheint. Vgl. Dirven u. Radden: Semantische Syntax des Englischen. S. 146, 193.

8 Wolf Friederich: Technik des Übersetzens. Englisch und Deutsch. 4. Aufl. München: Max Hueber Verlag 1977. S. 87.

9 Hüllen: Linguistik und Englischunterricht 2. S. 62.

10 Vgl. König: Englische Syntax II. S. 60-62.

11 Vgl. Dirven u. Radden: Semantische Syntax des Englischen. S. 193.

12 Dirven u. Radden: Semantische Syntax des Englischen . S. 195.

13 Vgl. König: Englische Syntax II. S. 65f.

14 Vgl. L.G. Alexander: Longman English Grammar. London: Longman 1988. S. 8.

15 Vgl. Dirven u. Radden: Semantische Syntax des Englischen. S. 197.

16 Anna Wierzbicka: The Semantics of Grammar. Amsterdam: John Benjamins Publishing Company 1988. S. 46f.

17 Anna Wierzbicka: The Semantics of Grammar. S. 47.

18 Ebd. S. 49.

Details

Seiten
28
Jahr
1993
ISBN (eBook)
9783656050773
ISBN (Buch)
9783656051077
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181838
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Anglistisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
englische passivkonstruktionen grundlagen

Autor

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