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Formprobleme des Armen Heinrich Hartmanns von Aue

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 22 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Reime und Metrik
2.1 Reime
2.2 Metrische Analyse und syntaktische Betrachtung
2.3 Zusammenfassung und kritische Betrachtung

3. Strukturanalyse
3.1 Gliederungsversuche nach formalen bzw. zahlenkompositorischen Aspekten
3.1.1 Textabschnitte
3.1.2 Verse
3.2 Gliederungsversuche nach inhaltlichen Aspekten

4. Schlussbemerkungen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Hartmanns Armer Heinrich ist ein Meisterwerk der mittelhochdeutschen Erzählkunst. Der Dichter beherrschte den Stoff und formte ihn zu einem einheitlichen Organismus, dessen Glieder in sich und im Verhältnis zum Ganzen ein wohlgeordnetes Gesamtbild ergeben.“[1]

Ziel dieser Arbeit ist es, Hartmanns Armen Heinrich auf seine Formen zu untersuchen. Der Arme Heinrich als kleinstes episches Werk Hartmanns mit einem überschaubaren Umfang von 1520 Versen eignet sich gut für die Formanalyse mit dem Umfang einer Hauptseminararbeit.

Der erste Teil dieser Arbeit geht auf die metrischen und syntaktischen Besonderheiten und Reimarten ein. Folgend werde ich die Ergebnisse zusammenfassen und mich kritisch dazu äußern. Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Strukturanalyse. Es werden Gliederungsversuche des Werkes nach formalen bzw. zahlenkompositorischen und inhaltlichen Gesichtspunkten erläutert, wobei bei den zahlenkompositorischen Gliederungsversuchen Gliederungen vorgestellt werden, denen zum einen die Zahl der Verse zugrunde liegt, zum anderen die Zahl der Textabschnitte. Von den Forschern Eggers, Fechter und Ehrismann werde ich Gliederungsversuche nach inhaltlichen Aspekten vorstellen und diese miteinander vergleichen. Abschließend fasse ich die wichtigsten Ergebnisse zusammen.

2. Reime und Metrik

2.1 Reime

Der Arme Heinrich ist in Reimpaarversen verfasst, d. h. ein Reimpaar besteht aus zwei Versen, die sich reimen (Endreim). Folglich besteht das gesamte Reimschema ausschließlich aus Paarreimen (aa, bb, usw.):

(Vers 601 ff.)[2]

Der Reimpaarvers ist definiert als ein Vers, der über vier Hebungen verfügt und in dem ein regelmäßiger Wechsel von Hebung und Senkung vorliegt.[3]

„Die in Reimpaarversen verfasste epische Dichtung der mittelhoch- deutschen Klassik zeichnet sich gegenüber vorhergehenden Epochen durch eine weitgehend regelmäßige Taktgestaltung und hohe Ansprüche an die Reinheit des Reims aus.“[4]

Im Armen Heinrich ist zu erkennen, dass die regelmäßige Taktgestaltung nur bedingt eingehalten wurde, jedoch hielt Hartmann von Aue den Endreim streng ein. Die Endreime sind ein- oder zweisilbige Reime, d. h. der Endreim besteht entweder aus einer betonten Silbe (auch männliche bzw. stumpfe Kadenz genannt) oder aus einer betonten und unbetonten Silbe (auch weibliche bzw. klingende Kadenz genannt). Dreisilbige Reime sind nicht vorzufinden.[5]

(Vers 1087 ff.)

Dem Wechsel von männlicher und weiblicher Kadenz liegt kein bestimmtes Muster zugrunde.

Klingende Kadenzen werden als Rhythmisierungsmittel genutzt und geben dem Armen Heinrich als Vortragsdichtung eine besondere Qualität. Durch den Einsatz von klingenden Kadenzen werden Klangsignale für den Leser erzeugt, die ihn näher an die vom Dichter beabsichtigte Interpretation des Inhalts bringen sollen.[6] Schmid-Krayer unterscheidet zudem noch in volle Kadenz, und gibt an, dass durch den Übergang von klingender zu voller Kadenz wichtige Aussagen markiert werden, wie z. B. bei der Textstelle, in der das Bauernkind vorgestellt wird.[7]

Die Endreime sind ausschließlich reine Reime, identische und unreine Reime sind nicht vorzufinden.

(Vers 973 f.)

Des Weiteren sind an einigen Stellen Anfangsreime vorhanden, die entweder reine oder identische Reime sind.

(Vers 60 f.)

(Vers 1308 f.)

2.2 Metrische Analyse und syntaktische Betrachtung

Die Unregelmäßigkeiten des Metrums im Armen Heinrich kommen durch den Wechsel von Kadenzen, durch Asynaphien, durch Unter- und Überfüllung der Takte und durch wechselnde Hebungszahlen im Vers zustande.[8]

Um den Sprachfluss zu dynamisieren oder bestimmte Wörter/Verse hervorzuheben, weicht Hartmann vom alternierenden Rhythmus durch Unter- oder Überfüllung des Taktes ab. Beispielhaft ist Vers 4, an dem Hartmann seinen Namen als beschwerte Hebung einfügt, was das Selbstbewusstsein des Autors ausdrückt.[9]

Auch über die Versgrenzen hinweg gibt Hartmann den alternierenden Rhythmus auf, indem er Asynaphien einsetzt. Die Hebung am Ende eines Verses trifft auf die Hebung zu Beginn des nächsten Verses ohne eine dazwischenliegende Senkung.[10]

„ein ritter sô gelêret was,

x / ´x x / ´x x / ´x x / ´x ^ /

daz er an den buochen las,“

/ ´x x / ´x x / ´x x / ´x ^ /

(Vers 1 f.)

Der alternierende Rhythmus wird über manche Verse hinweg aber auch beibehalten, man spricht dann von einer Synaphie: Beim Wechsel des Verses folgt Hebung auf Senkung bzw. Senkung auf Hebung.

„er wart rîcher vil dan ê

/ ´x x / ´x x / ´x x / ´x ^ /

des guotes und der êren.“

(Vers 1430 f.)

„dô er sî vol brâhte

/ ´x x / ´x x / ´x x /

hin, als er gedâhte,“

(Vers 1055 f.)

An diesen beiden Versen (Vers 1055 f.) erkennen wir eine weitere Abweichung von der Definition des Reimpaarverses. Definiert wurde der Reimpaarvers als ein Vers, der über vier Hebungen verfügt, wobei die Anzahl der Hebungen in den oben aufgeführten Versen drei beträgt. Es liegt eine große Schwankungsbreite innerhalb des gesamten Werkes vor: drei bis fünf Hebungen können sich in einem Vers befinden. Beispielhaft für einen Vers mit fünf Hebungen steht Vers 1228:

„nu begunde er suochen unde spehen“

/ ´x x / ´x x / ´x x / ´x x / ´x x /

Bei der syntaktischen Betrachtung der Verse erkennt man, dass die Reimpaare sehr oft voneinander getrennt werden, d. h. ein Satz oft nach dem ersten Vers endet und mit dem zweiten Vers ein neuer Satz begonnen wird, also die Verse verschiedenen Satzgefügen zugeteilt werden. Es gibt jedoch auch Textstellen, wo das Reimpaarende mit dem Satzende übereinstimmt oder der Satz nach dem Reimpaarende in ein neues Reimpaar übergeht.[11] Inhaltliche Zusammengehörigkeit der Verse eines Reimpaares ist folglich nicht unbedingt vorhanden.

(Vers 1151 ff.)

Zwischen den Versen 591 und 592, die ein Reimpaar bilden, liegt sogar eine Abschnittsgrenze.

2.3 Zusammenfassung und kritische Betrachtung

Um die genannten metrischen und syntaktischen Auffälligkeiten sowie die Reimarten des Armen Heinrich zusammenfassend aufzuzeigen, eignen sich die sechs Eingangsverse, in denen fast alle vorgestellten Phänomene auftauchen und die hohe Vielfalt und das zahlreiche Aufkommen verdeutlichen. Auf die metrische Notation wird an dieser Stelle wegen Unübersichtlichkeit verzichtet.[12]

(Vers 1 ff.)

Insgesamt geht die (ältere) Forschung davon aus, dass Hartmann die Unregelmäßigkeiten bzw. Abweichungen von der Definition des Reimpaarverses bewusst, also als Stilmittel einsetzte, um durch den entstehenden Klang beim Vortrag eine bestimmte Wirkung zu erzielen, z. B. um den Inhalt von Wörtern, Versen oder Sätzen hervorzuheben. Alle Abweichungen des 4-hebigen alternierenden Verses mit Endreim werden also als Stilmittel aufgefasst, die den Inhalt unterstützen sollen.

Problematisch und damit zusammenhängend erweisen sich die unterschiedlichen metrischen Analysen, von denen ausgehend die Bedeutung von Versen/Wörtern unterschiedlich interpretiert wird. Als Beispiel eignen sich die Analysen von Bostock und Mittelhochdeutsche Metrik Online der Verse 11 und 29, bei denen der letzte Takt von Bostock als Takt bestehend aus Hebung und Senkung analysiert, bei Mittelhochdeutsche Metrik Online als Takt gefüllt mit Hebung und Nebenhebung (= beschwerte Hebung) bestimmt wird.[13]

[...]


[1] Ehrismann, Gustav: Geschichte der deutschen Literatur bis zum Ausgang des Mittelalters. Band 2, Abschnitt 2, Teil 1. Die Blütezeit. München 1965, S. 204.

[2] Alle künftigen Versangaben beziehen sich auf Hartmann von Aue: Der Arme Heinrich, hg. von Volker Mertens, Frankfurt am Main 2008.

[3] Vgl. http://www.uni-muenster.de/MhdMetrikOnline/sites/metrik/1.4_strophe.php

[4] http://www.uni-muenster.de/MhdMetrikOnline/sites/metrik/2.0 _reimpaarversmetrik.php

[5] Vgl. Bostock, John Knight: Der Arme Heinrich. A poem by hartman von ouwe. Oxford 1969, S. xxxiv.

[6] Vgl. Schmidt-Krayer, S. 251.

[7] Verse 303-306, 311 f., 321 f., 325 f., 343 f.

[8] Vgl. Schmidt-Krayer, Barbara: Kontinuum der Reflexion. Der arme Heinrich. Göppingen 1994, S. 250.

[9] Vgl. Tomasek, Tomas: Germanistische Mediävistik, in: Germanistische Mediävistik. Tomasek/Honemann (Hrsg.). Münster 2000. S. 1-32, S. 10.

[10] Vgl. http://www.uni-muenster.de/MhdMetrikOnline/sites/metrik/2.1.04_Versuebergreifend.php

[11] Vgl. Schmidt-Krayer, Barbara: Kontinuum der Reflexion. Der arme Heinrich. Göppingen 1994, S. 250.

[12] Vgl. Metrische Analyse nach: http://www.uni-muenster.de/MhdMetrikOnline/sites/metrik/2.1.00_der_ arme_heinrich.php

[13] Vgl http://www.uni-muenster.de/MhdMetrikOnline/sites/metrik/sl_derarmeheinrich/ah_vers_11_3.php und http://www.uni-muenster.de/MhdMetrikOnline/sites/metrik/sl_derarmeheinrich/ah_vers_29_2.php und Bostock, S. xxxiv und xxxv.

Details

Seiten
22
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656053132
ISBN (Buch)
9783656052913
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181972
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart
Note
3,0
Schlagworte
formprobleme armen heinrich hartmanns

Autor

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