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Jalta: Realpolitik ohne wirkliche Alternative oder Fehlbewertung Roosevelts?

Eine Analyse am Beispiel der Polenfrage

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 17 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Prämissen der Entscheidung Roosevelts
2.1. Stalins Interessen
2.2. Polnische Exilregierung und Lubliner Regierung
2.3. Rote Armee in Polen

3. Amerikanische Zielstellung

4. Roosevelts Vorgehen

5. Das Ergebnis im breiteren Fokus
5.1. „Erklärung über das befreite Europa“
5.2. Eintritt Russlands in den Japan-Krieg
5.3. Gründung der UNO

6. Hat Roosevelt einen Fehler gemacht?

7. Schlussfolgerung

A. Anhang: Beschluss der Jalta-Konferenz bezüglich Polen

1. Einleitung

Die US-amerikanische Außenpolitik übt seit jeher eine Faszination auf Studenten der Geschichts- und Politikwissenschaft aus. Das liegt zum Teil daran, dass die U.S.A. im kollektiven Bewusstsein insbesondere Zentraleuropas noch immer ein Stück weit romantisch verklärt sind. Durch die historische Verbundenheit ist das Bild Ameri- kas zu einer Ikone stilisiert worden, die im rauen Alltag der Außenpolitik für viele eine Art Erhabenheit verkörpert. Nicht schnödes Machtinteresse seien bestimmend für das außenpolitische Verhalten dieses Staates, sondern spätestens seit Woodrow Wilson auch zentrale Werte des Liberalismus wie Demokratie und Menschenrechte.

Jeder, der einen zweiten Blick wagt, stellt fest, dass diese Fassade einer Überprüfung nicht lange stand hält. Auch das Handeln der Großmacht Amerika wird im Kern von handfesten politischen und wirtschaftlichen Interessen bestimmt. Gerade deshalb ist es besonders interessant, ihre Außenpolitik aus einer wissenschaftlichen Perspektive unter die Lupe zu nehmen und gegebenenfalls Vorurteile abzubauen. Da die Internationalen Beziehungen eines der wenigen Politikfelder ist, die selbst in Zeiten von WikiLeaks und Konsorten zu großen Teilen noch die Aura des „wirklich Geheimen“ umgibt, ist eine wissenschaftliche Analyse am ergiebigsten, wenn man ein sozusagen verjährtes Beispiel zu Rate zieht.

Diese Motivation in der Hinterhand wollen wir uns in der vorliegenden Arbeit einem solchen Exempel zuwenden. Es geht um das Verhalten Franklin Delano Roo- sevelts während der Jalta-Konferenz vom 4. zum 11. Februar 1945. Der Größe der Arbeit angemessen, werden wir uns lediglich mit der Polenfrage auseinandersetzen. In Folge der Analyse von Roosevelts Vorgehen werden wir allerdings notgedrungen auf andere Ergebnisse der Konferenz eingehen müssen, um mehr Klarheit bezüglich der Motivation des amerikanischen Präsidenten zu erhalten. Die zugrunde liegende Frage lautet: War die Kapitulation in der Polenfrage während der Jalta-Konferenz realpolitischer Sachzwang oder überschätzte Franklin D. Roosevelt die Kooperati- onsbereitschaft Joseph Stalins und gab damit ungewollt ein großes Territorium der Herrschaft einer Wertvorstellung preis, die weder seiner, noch der Überzeugung des US-amerikanischen Volkes entsprach?

Diese Frage ist in der Tat keine sonderlich neue, doch immer wieder wurde vor allem von europäischen Betrachtern zu einseitig geurteilt. So werden bei der Behand- lung der Polenfrage oft alle anderen Ergebnisse der Konferenz und Umstände des Kriegsverlaufes ausgeblendet. Ich plädiere in dieser Arbeit für eine umfassendere Be- trachtung. Die ausgedehnten Folgen der westlichen Niederlage in der Polenfrage auf die gesamten Ostblock-Staaten schaffen fruchtbaren Nährboden für eine vorschnelle Verurteilung Roosevelts. Man kann aber kein Urteil über den US-amerikanischen Präsidenten fällen, wenn man nicht die anderen Ergebnisse und die Sachzwänge betrachtet, die sein Handeln beeinflusst haben.

Wir wollen bei der Beantwortung der Frage chronologisch vorgehen: Nach der Erkundung der Bedingungen, die Einfluss auf die Entscheidung genommen haben, werden wir die amerikanische Zielstellung erläutern. Danach werden wir einen ge- naueren Blick auf Roosevelts Verhandlungspolitik und schließlich auf das Gesam- tergebnis der Konferenz werfen, um eine umfassende Einordnung von Roosevelts Vorgehen zu ermöglichen.

Orientieren werden wir uns vor allem an den amerikanischen1 und russischen2 Pro- tokollen der Jalta-Konferenz. Grundlegende Daten und Fakten zur Konferenz werden als bekannt vorausgesetzt, umfangreiche Darstellungen sind angesichts der Seiten- zahl nicht möglich. Wir können im Gegenteil lediglich einen einführenden Blick auf die Thematik werfen und nicht ansatzweise die Fülle an zitierungswürdigem, teils sehr unterhaltsamen Material aufführen, die die Quellenlektüre zu Tage brachte. Methodisch gesehen, wird es sich daher nicht vorwiegend um die übliche Darstel- lung von Ereignissgeschichte handeln. Die Analyse von Roosevelts Verhalten soll im Vordergrund stehen. Für eine etwas detailliertere Übersicht in deutscher Spra- che empfehle ich die entsprechenden Kapitel in Wolfgang Marienfelds „Konferenzen über Deutschland“.3 Einen guten Einblick in den Werdegang der Kriegsdiplomatie der Drei Großen bietet LLoyd Gardner.4 Schließlich will ich mit einem stärkeren Fo- kus auf unsere Fragestellung den neuesten Beitrag zur Debatte, Fraser J. Harbutts Werk aus dem Jahre 2010, empfehlen, das einen interessanten, frischen Wind in die Debatte gebracht hat.5

2. Prämissen der Entscheidung Roosevelts

Die bedeutungsvollen Verhandlungen um die Zukunft Polens hätten nicht sechs von acht Plenarsitzungen der Jalta-Konferenz in Anspruch genommen, wenn sie nicht unter schwierigen Vorzeichen gestanden hätten. Trotz der hohen Ziele (siehe Kapitel 3) hatten die Westmächte in diesem Punkt von Anfang an eine äußerst schwache Verhandlungsposition. Stalin hatte die Macht im von seiner Roten Armee besetzten Polen. Churchill und Roosevelt kamen in diesem Punkt als Bittsteller ohne Druckmittel zur Konferenz.

2.1. Stalins Interessen

Polen war im Laufe der Geschichte immer wieder der Angriffskorridor nach Russland gewesen. Abgesehen von einem russlandfreundlichen, war Stalin so auch an einem starken Polen interessiert. Dieser Schwachstelle sollte in Zukunft vorgebeugt werden, indem man beides sicherstellte. Als Diktator hielt Stalin es am zielführendsten, das Land zu unterwerfen und als Satellitenstaat seinem Einfluss zu unterstellen.6

2.2. Polnische Exilregierung und Lubliner Regierung

Nach der Besetzung Polens flüchtete die polnische Regierung ins Exil. Ab 1940 hatte sie ihren Sitz in London. In Polen etablierten die jeweiligen Besatzer ihr eigenes Ver- waltungssystem. Anfang Februar 1945 war Polen vollständig von der Roten Armee besetzt, die nun kurz vor Berlin stand. Doch die Exilregierung wurde von den Rus- sen nicht anerkannt. Sie setzten stattdessen das sogenannte Polnische Komitee der Nationalen Befreiung ein, das sich aus lokalen kommunistischen Kräften zusammen- setzte. Diese Lubliner Regierung war von Russland abhängig und nicht demokratisch legitimierte. Sie war ein bloßes Instrument Stalins, um Polen zu kontrollieren.7

2.3. Rote Armee in Polen

Das Land war vollständig besetzt. Die Armee sicherte die Vormachtstellung der von den Russen eingesetzten Lubliner Regierung. In Folge dessen agierte der polnische Widerstand weiter, mit dem neuen Besatzer als Feind. Es ist durchaus nachvollzieh- bar, dass die Rote Armee nun verstärkt für die öffentliche Ordnung sorgen musste, um das Land hinter der Front zu befrieden und den Nachschub zu sichern. Das heißt aber auch, dass Polen nicht nur durch eine abhängige Regierung in der Hand Stalins lag, sondern auch durch die de facto Vormachtstellung der Roten Armee als ordnende Gewalt.8

3. Amerikanische Zielstellung

Die Ziele der amerikanischen Delegation für die Jalta-Konferenz sind in einem Gutachten des State Department, das im Vorfeld des Treffens verfasst wurde, gut dokumentiert.9 Hier heißt es zu Beginn:

[...]


1 United States Department of State: Foreign Relations of the United States: Conferences at Mal- ta and Yalta 1945, von: http://digital.library.wisc.edu/1711.dl/FRUS.FRUS1945 (17. September 2011, 18:13 Uhr). Washington D.C. 1945.

2 Fischer, Alexander (Hrsg.): Teheran, Jalta, Potsdam: Die sowjetischen Protokolle von den Kriegskonferenzen der „Großen Drei“. Dritte Auflage, Köln 1985.

3 Marienfeld, Wolfgang: Konferenzen über Deutschland: 2. Teil: Die alliierte Deutschlandplanung und -politik 1941-1949. Hannover 1963. S. 149-184.

4 Gardner, LLoyd C.: Spheres of Influence: The Great Powers Partition Europe, from Munich to Yalta. Chicago 1993.

5 Harbutt, Fraser J.: Yalta 1945: Europe and America at the Crossroads. New York 2010.

6 Vgl. Die sowjetischen Protokolle von den Kriegskonferenzen der „Großen Drei“. S. 135.

7 Vgl. Marienfeld 1963. S. 173ff.

8 Vgl. Marienfeld 1963. S. 171.

9 Conferences at Malta and Yalta 1945. I. Pre-Conference Documents. S. 230-234.

Details

Seiten
17
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656052760
ISBN (Buch)
9783656052654
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v181979
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Jaltakonferenz Konferenz von Jalta 1945 Churchill Roosevelt Stalin Protokolle Polen Curzon-Linie Polenfrage
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