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Die Urnenfelder-Kultur in Österreich

Mit Zeichnungen von Friederike Hilscher-Ehlert

Fachbuch 2010 118 Seiten

Archäologie

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Die große Zeit der Wallburgen Die Urnenfelder-Kultur

von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr.

Anmerkungen

Literatur

Bildquellen

Die wissenschaftliche Graphikerin

Friederike Hilscher-Ehlert

Der Autor Ernst Probst Bücher von Ernst Probst

Vorwort

Eine Kultur der Bronzezeit, die von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. im Burgenland, in Niederösterreich, in Kärnten, der Steiermark, in Oberösterreich, im Land Salzburg und teilweise in Vorarlberg existierte, steht im Mittelpunkt des Taschenbuches »Die Urnenfelder-Kul- tur in Österreich«. Geschildert werden die Anatomie und Krankheiten der damaligen Ackerbauern, Vieh- züchter und Bronzegießer, ihre Siedlungen, Kleidung, ihr Schmuck, ihre Keramik, Werkzeuge, Waffen, Haus- tiere, Jagdtiere, ihr Verkehrswesen, Handel, ihre Kunst- werke und Religion.

Verfasser ist der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst, der sich vor allem durch seine Werke »Deutsch- land in der Urzeit« (1986), »Deutschland in der Steinzeit« (1991) und »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) einen Namen gemacht hat. Das Taschenbuch »Die Urnen- felder-Kultur in Österreich« ist Dr. Elisabeth Ruttkay (1926-2009), Professor Hermann Maurer und Dr. Jo- hannes-Wolfgang Neugebauer (1949-2002) gewidmet, die den Autor mit Rat und Tat bei seinen Werken über die Steinzeit und Bronzezeit unterstützt haben. Es enthält Lebensbilder der wissenschaftlichen Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert aus Königswinter.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ERNST WAGNER,

geboren am 5. April 1832 in Karlsruhe, gestorben am 7. März 1920 in Karlsruhe. Der Sohn des Stadtpfarrers

von Schwäbisch Gmünd

war 1861 bis 1863 Erzieher in London und 1864 bis 1875

Erzieher des Erbgro ß herzogs in Karlsruhe. 1867 wurde er Leiter

der Friedrichschule.

Von 1875 bis 1919 leitete er

die Großherzogliche Altertümersammlung

(das spätere Badische Landesmuseum in Karlsruhe) und war Oberschulrat.

Auf Wagner geht der Begriff Urnenfelder-Kultur zurück.

Die große Zeit der » Wallburgen «

Die Urnenfelder-Kultur

Im Burgenland, in Niederösterreich, in Kärnten- der Steiermark, in Oberösterreich, im Land Salzburg und teilweise in Vorarlberg ist ab etwa 1300/1200 v. Chr. bis 800 v. Chr. - wie in Deutschland - die Urnenfelder-Kultur nachweisbar. Dieser Begriff geht auf den süddeutschen Prähistoriker Ernst Wagner (1832-1920) zurück. Er bezieht sich auf die Bestattu- ngen der Knochenreste von auf Scheiterhaufen ver- brannten Toten, die in Urnen und in Süddeutschland auf großen Gräberfeldern beigesetzt wurden.

Der Wiener Prähistoriker Richard Pittioni (1906-1985) meinte 1938, im 13. Jahrhundert v. Chr. habe im Gebiet der Lausitz zwischen Sachsen, Brandenburg und Schlesien eine massenhafte Abwanderung der dortigen Bevölkerung begonnen. Nach dem Aufeinandertreffen dieser umherziehenden Völker mit einheimischen Kulturen in verschiedenen Teilen Europas seien durch Vermischung lokale Urnenfelder-Gruppen hervorge- gangen.

Von heutigen Prähistorikern wird die Entstehung der Urnenfelder-Kultur in Österreich unterschiedlich erklärt. Die einen glauben an Unruhen und Wande- Verbreitung der Kulturen und Gruppen während der Spät- bronzezeit (etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr.) in Österreich rungen als Ursachen, andere dagegen halten die Urnenfelder-Kultur lediglich für ein Ergebnis des Austausches von kulturellen und religiösen Ideen zwischen damaligen Kulturen.

In Österreich wird die Urnenfelder-Kultur in zwei Stufen eingeteilt. Die ältere davon fällt in die Abschnitte Bronzezeit D und Hallstatt A. Sie wurde 1954 von Richard Pittioni als Baierdorf-Velatitz-Stufe1 bezeichnet. Dieser Begriff erinnert an die Fundorte Baierdorf in Niederösterreich und Velatitz (Velatice) in Tschechien (Mähren).

Typisch für die Baierdorf-Velatitz-Stufe sind bestimm- te Tongefäße, wie Doppelkonus, Zylinderhalsgefäß und Amphore. Ebenfalls als charakteristisch gelten bronzene doppelschneidige Rasiermesser, Sicherheitsnadeln äh- nelnde Fibeln, Riegsee- und Liptauer-Schwert, Lan- zenspitzen mit Tülle, Helme, Panzer, Beinschienen und Schilde.

Die jüngere Stufe der Urnenfelder-Kultur in Österreich entspricht dem Abschnitt Hallstatt B. Sie wurde 1974 durch den damals in Wien arbeitenden Prähistoriker Clemens Eibner als Podol-Stillfrieder Stufe2 bezeichnet. Am mährischen Fundort Podolí3 bei Brno hat man ein größeres Urnengräberfeld entdeckt, der Fundort Stillfried4 liegt in Niederösterreich.

Kennzeichnend für die Podol-Stillfrieder Stufe sind Tongefäße, die gegenüber denjenigen aus der älteren Stufe in abgewandelter Form erhalten blieben, jedoch nicht mehr so scharf profiliert wie ihre Vorgänger sind. Bei den Metalltypen kamen als Neuheiten bronzene halbmondförmige Rasiermesser, Harfenfibeln, Spi- ralbrillenfibeln und Antennenschwerter dazu. Die Zweiteilung der Urnenfelder-Kultur in eine ältere und eine jüngere Stufe wird immer mehr verfeinert. So spricht man heute in Ostösterreich bereits von den Stufen Blucina-Kopcany, Baierdorf-Lednice, Velatice, Ockov, Oblekovide, Klentnice I, Klentnice II, Brno Obrany und Podolí.

Holzreste von manchen Fundstellen veranschaulichen, welche Bäume in den einstigen Wäldern wuchsen. Fichte (Picea excelsa), Weißtanne (Abies alba) und Rotbuche (Fagus silvatica) sind aus einer Feuerstelle auf dem Brand- stattbühel bei Schwarzach im Land Salzburg nach- gewiesen. Arve beziehungsweise Zirbelkiefer (Pinus cembra) und Stieleiche (Quercus robur) kennt man aus dem Urnengräberfeld von Wels in Oberösterreich. In den Wäldern streiften Braunbären (Ursus arctos) und Wölfe (Canis lupus) umher.

Die Körpergröße der damaligen Männer, Frauen und Kinder wird anhand der Mehrfachbestattung von sie- ben Menschen auf dem Kirchhügel in Stillfried er- sichtlich. Ein etwa 30 Jahre alter Mann war 1,72 Meter groß, eine Frau um 40 maß 1,63 Meter und eine Frau von etwa 45 Jahren erreichte 1,59 Meter. Ein neunjäh- riges Mädchen hatte eine Körperhöhe von 1,24 Me- tern. Von drei Jungen war der Achtjährige 1,16 Meter, der Sechsjährige 1,11 Meter und der Dreijährige 0,83 Meter groß. Ein Mann aus dem Gräberfeld von Obereching im Land Salzburg kam auf eine Körperhöhe von 1,77 Metern. Dagegen war eine Frau von dort nur 1,56 Meter groß.

Die Gebisse der drei Erwachsenen aus Stillfried ha- ben stark unter Karies gelitten. Die Frau um 40 hatte dadurch bereits einen Backen- und einen Vorbacken- zahn im Oberkiefer verloren, drei weitere Zähne im Ober- und Unterkiefer waren weitgehend zerstört, und zwei wiesen Kariesspuren auf. Bei der Frau um 45 waren von dem Backenzahn im Oberkiefer nur noch Wurzel- ruinen erhalten und zwei andere Zähne kariesgeschädigt. Bei dem Mann sind im Oberkiefer zwei Backenzähne und ein Vorbackenzahn bis auf Wurzelreste zerstört gewesen.

Die Frau um 40 hatte sich viele Jahre vor ihrem Tod als Erwachsene die rechte neunte Rippe gebrochen. Ursache hierfür könnten ein plötzliches Ausgleiten und Aufprallen mit der rechten Rumpfseite auf einer Kante oder ein heftiger Stoß von einem Rinderhorn beim Füttern oder Melken gewesen sein. Die Fraktur verheilte mit geringfügiger Verschiebung der Bruchenden. Auf dem linken Scheitelbein dieser Frau ist eine ovale Delle von 3,2 mal 2,1 Zentimeter Größe sichtbar. Sie könnte von einer chirurgischen Ausschabung oder sym- bolischen Schädeloperation (Trepanation) stam-men. Bei der Frau um 45 ist eine Knochennarbe von 4,2 mal 2,5 Zentimeter Größe auf der linken Stirnhälfte erkennbar, die vielleicht ebenfalls von einer Ausschabung oder Schädeloperation herrührt. Diese Frau hatte zudem ein chronisches Wirbelsäulenleiden (Spondylosis deformans). Das neunjährige Mädchen und der achtjährige Junge aus Stillfried litten unter Eisenmangel-Anämie. Dies ließ sich an siebartigen Porositäten des Augenhöhlenda- ches (Cribra obitalia) ablesen. An den Langknochen eines Menschen aus Mannersdorf am Leithagebirge wurden Symptome einer Hungerosteopathie festge- stellt Offenbar kannte man damals schon die betäubende und anregende Eigenschaft des Bilsenkrautes (Hyo- scyamus). Denn Samen dieser Pflanze lagen in einer tönernen Urne des Gräberfeldes von Leobersdorf in Niederösterreich. Eine solche Grabbeigabe war vorher nicht bekannt.

Tönerne Spinnwirtel und Webgewichte belegen das Spinnen von Flachs und Schafwolle sowie das Weben von Kleidungsstücken. Spinnwirtel und Webgewichte wurden in den Siedlungen von Gars am Kamp und Stillfried (beide in Niederösterreich) sowie auf dem Heiligen Berg bei Bärnbach (Steiermark) gefunden. Bei Ausgrabungen am 458 Meter hohen Burgstallkogel bei Kleinklein5 in der Steiermark konnten] Reste einer Grube freigelegt werden, in der ein Webstuhl gestanden hatte. Mit einer Breite von etwa drei Metern handelte es sich hierbei um den größten Webstuhl aus der Urnenfelder-Zeit.

In einem der Gräber des Friedhofes von Salzburg- Maxglan fand sich ein ganzer Satz von Webgewichten, die teilweise durch Hitzeeinwirkung zerbrochen sind. Der Salzburger Prähistoriker Fritz Moosleitner vermutet, dass man zusammen mit dem Leichnam einen kom- pletten Webstuhl auf dem Scheiterhaufen verbrannt hat. Dieser Brauch ist zur gleichen Zeit auch aus Norditalien bekannt.

Außer Kleidungsstücken aus Leinen und Schafwolle wa- ren auch solche aus Fell oder Leder in Mode. Aus drei- eckigen Fellstücken hatte man zum Beispiel eine ke- gelförmige Kopfbedeckung angefertigt, die im Grüner- werk von Hallstatt (Oberösterreich) entdeckt wurde. Bronzene Nähnadeln aus Gräbern belegen das Nähen. Die Garderobe wurde durch bronzene Nadeln, Fibeln oder Knöpfe zusammengehalten und verziert. Es gab Violinbogen- und Bogenfibeln mit Fußspirale.

In etlichen Gräbern kamen bronzene Gürtelhaken zum Vorschein. Diese Gürtelschließen waren teilweise reich verziert und in seltenen Fällen sogar vergoldet. Der Gürtelhaken in einem der Gräber aus der Stufe Bronzezeit D von Salzburg-Maxglan wurde bereits in der Hügelgräber-Bronzezeit hergestellt. Er diente spä- ter in der Bronzezeit D als Grabbeigabe. Dieser Gür- telhaken ist auf der Schauseite mit eingravierten kon- zentrischen Kreisen und der Darstellung eines Dolches

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fragment eines Gürtelhakens

mit geritztem und eingeschlagenem Strichdekor

aus Grab 1 von Dorf in Pinzgau (Land Salzburg). Durchmesser der Scheibe zehn Zentimeter. Das ursprünglich im

Salzburger Museum Carolino Augusteum aufbewahrte Original ist verschollen.

versehen. Der Haken wurde ehedem durch schmale, abgerundete Laschen, die sich klammerartig zur Rückseite umbogen, auf dem Ledergurt befestigt. Eines der Enden des Gürtelhakens hat man geflickt, indem man eine Bronzemanschette aus dünnem Blech darüber legte und eine Klammer durchschlug.

Zu dem in Dorf bei Bramburg im Oberpinzgau (Land Salzburg) gefundenen Gürtelhaken gehört eine Gür- telscheibe von zehn Zentimeter Durchmesser und zwei Millimeter Dicke. Die Scheibe weist auf der Vorderseite einen zentralen Spitzbuckel auf und ist mit Kreismustern verziert. Auf der Rückseite findet sich eine Öse. Am linken Rand der Scheibe schließt sich ein einfacher Haken an. Der größere und längere Haken auf der rechten Seite ist abgebrochen.

Drei scheibenförmige Gürtelhaken wurden in Sankt Johann im Pongau (Land Salzburg) geborgen. Ihre Gürtelscheiben sind unterschiedlich groß. Sie haben einen Durchmesser von sieben, siebeneinhalb und neun Zentimetern.

Unter den Funden aus dem Bronzedepot von Sipbachzell bei Leombach in Oberösterreich befand sich ein in Gürtelblech des süddeutschen Typs Riegsee. Es ist mit Spiralmustern geschmückt. Als Raritäten gelten die vergoldeten Gürtelbeschläge aus dem Schatzfund von Rothengrub in Niederösterreich.

Ein fast vollständig erhaltenes tönernes Schuhgefäß aus Unterhautzenthal bei Korneuburg in Niederösterreich Tönernes Schuhgef äß aus Unterhautzenthal bei Korneuburg in Niederösterreich von verschiedenen Seiten. Es ahmt einen Lederschuh nach. Höhe neun Zentimeter. Original im Museum für Urgeschichte des Landes Niederösterreich, Asparn an der Zaya.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tönernes Schuhgefäß aus Unterhautzenthal bei Korneuburg in Niederösterreich von verschiedenen Seiten. Es ahmt einen Lederschuh nach. Höhe neun Zentimeter. Original im Museum für Urgeschichte des Landes Niederösterreich, Asparn an der Zaya.

gilt als naturalistische Nachbildung eines rechten Le- derschuhs. In dessen oberem Schaftbereich sind ein kleiner Ösenhenkel und zwei umlaufende Rillen sichtbar, die wohl Verschnürungen andeuten. Der gut sichtbare Faltenwurf im vorderen Fuß- und Zehenbereich lässt ebenfalls auf eine Verschnürung schließen. Der Bereich der Ferse ist mit kleinen, knubbenartigen Verstärkungen versehen. Dass damals auch Schnabelschuhe in Mode waren, beweist ein tönernes Miniaturmodell aus Gars am Kamp.

Bronzene Steigeisen aus Treffelsdorf bei Ottmanach (Kärnten) und Schönberg bei Oberwölz (Steiermark) erleichterten in bergigen Gegenden spürbar das Be- gehen von Steilhängen. In Schönberg hat man ein komplettes Exemplar und ein Bruchstück geborgen. Ersteres Stück ist 10,2 Zentimeter lang und hat vier Spitzen, letzteres trug ursprünglich sechs Spitzen.

Nach den vielen Funden von bronzenen Rasiermessern aus Gräbern zu schließen, dürfte man auf ein gepflegtes Äußeres großen Wert gelegt haben. Mit diesen Toilettegegenständen wurden Bart- und Kopfhaare geschnitten. Ein zweischneidiges Rasiermesser von Grünbach am Schneeberg (Niederösterreich) war aus einer Dolchklinge angefertigt worden.

Die Urnenfelder-Leute wohnten in unbefestigten kleinen Weilern oder Bauerndörfern im Flachland, aber auch in mit Gräben, Wällen und Palisaden stark befestigten burgähnlichen Siedlungen (»Burgen«) in Höhenlage.

Zeichnung auf Seite 23:

Befestigung aus der Zeit der Urnenfelder-Kultur auf einem Berg in Bayern.

Sie wurde an der ungeschützten Flanke durch eine Steinmauer mit Torgasse

und an Steilhängen nur durch eine hölzerne Palisade gesichert. Zeichnung von Friederike Hilscher-Ehlert, Königswinter, für das Buch » Deutschland in der Bronzezeit « (1996) von Ernst Probst.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese »Wallburgen« hatten teilweise eine erhebliche Größe. Sie dürften eher Zentren der Macht eines »Fürsten« gewesen sein als Zufluchtsstätten vor den damals aus Südosten vordringenden Kimmeriern und Thrakern.

Eine Flachlandsiedlung derälteren Urnenfelder-Kultur wurde von 1981 bis 1994 vom Bundesdenkmalamt Wien in Gemeinlebarn (Niederösterreich) untersucht. Auf einer Fläche von etwa 15.000 Quadratmetern konnte ein großer Teil einer zweiphasigen Dorfanlage erforscht werden. Teilweise waren die Hausgrundrisse bis zu 18 Meter lang und maximal sieben Meter breit. Das Brandgräberfeld, auf dem man die ehemaligen Be- wohner bestattete, ist schon in den 1920-er Jahren ent- deckt worden. In Mannersdorf am Leithagebirge (Nie- derösterreich) konnte aus 41 Pfostengruben der Grund- riss eines zwölf Meter langen und 8,60 Meter breiten Hauses rekonstruiert werden.

Einige besonders große »Wallburgen« in Höhenlage sind in Niederösterreich errichtet worden. Dazu gehören die Siedlungen von Stillfried an der March6, auf dem Ober- leiserberg bei Ernstbrunn7, auf der »Holzwiese« und »Schanze« bei Thunau am Kamp8, bei Michelstetten9 und auf dem Burgstall von Schiltern10. Diese Befesti- gungen stammen aus der jüngeren Urnenfelderzeit. Die Stillfrieder »Wallburg« nordöstlich von Wien war auf einem Plateau mit einer Fläche von etwa 23 Hek- tar angelegt worden, das auf drei Seiten durch Talein- schnitte geschützt ist und zur March hin etwa 20 Me-ter tief abfällt. Dieser ausgedehnte Komplex wurde durch den Wiener Prähistoriker Fritz Felgenhauer untersucht. Nach den Erkenntnissen des Ausgräbers war die Be- festigung der älteren Urnenfelder-Kultur nur im Westen durch eine Palisade aus zugehauenen Baumstämmen geschützt. Erst in der jüngeren Stufe hat man einen 1,7 Kilometer langen Wall aus Erdreich aufgeschüttet und diesen im Inneren mit einer Holzkonstruktion verstärkt. Der Wallabschnitt im Westen erreichte eine Höhe von vier Metern. Zusammen mit dem 26 Meter breiten und sieben Meter tiefen Graben davor bildete er den mächtigsten Teil der »Wallburg«.

Im Norden der Anlage erlaubte ein kleines Tal den Zu- gang zum Tor. Dieser Zugang wurde durch eine schwere Holzkonstruktion geschützt. Die links und rechts des Nordtores errichteten Bastionen ragen noch heute 13 bis 15 Meter hoch auf. In der Urnenfelder-Zeit waren sie sogar vier Meter höher. Auf der an den Westwall anschließenden Innenfläche, dem so genannten Hügel- feld, lagen Teile der Siedlung, von der Reste der Häuser, Speichergruben und Werkstätten freigelegt wurden. Der höchste Punkt, auf dem heute die Pfarrkiche Sankt Georg steht, war vermutlich dem Herrensitz des »Fürsten« vorbehalten. In der Nachbarschaft fanden sich rätselhafte Hirschbestattungen und Deponierungen vereinzelter Menschenschädel.

Westlich von Thunau am Kamp lag auf einem Hö- henrücken hoch über dem Kamptal eine große »Wallburg«, die durch den Wiener Prähistoriker Herwig Friesinger erforscht wurde. Der westliche Teil dieses Höhenrückens wird »Holzwiese«, der östliche »Schanze« genannt.

Diese Anlage wurde im Süden und Osten durch natürliche Steilhänge geschützt. Deswegen mussten nur noch die Nord- und die Westseite durch einen Wall gesichert werden. Im umwallten Bereich war vor allem der Nordhang dicht besiedelt. Dort wurden teilweise bis zu einem Meter in den Fels gehauene Vorratsgruben und Pfostenlöcher von Ständerbauten mit lehmver- schmierten Flechtwänden sowie Reste von zahlreichen Backöfen entdeckt. Die Häuser hatte man auf Terrassen erbaut. Für Helligkeit darin sorgten Tonlampen.

Nördlich von Thunau am Kamp, nur wenige hundert Meter von der »Wallburg« auf der »Holzwiese« und »Schanze« entfernt, erstreckte sich auf dem Burgberg von Gars am Kamp eine weitere Befestigung der Urnenfelder-Kultur. Sie wurde vermutlich durch den heute noch erkennbaren Graben geschützt.

Aus der Übergangsphase von der späten Urnenfelder- zur frühen Hallstatt-Zeit stammt die »Wallburg« auf dem Burgstall von Schiltern. Dort haben 1939 der Wiener Prähistoriker Eduard Beninger (1897-1963) und 1979 der Wiener Prähistoriker Gerhard Trnka gegraben. Der Burgstall hat im Westen, Süden und Osten durch Steilhänge den Charakter einer Naturfestung. Er war nur von Norden her zugänglich, weswegen dort das 100 Meter hohe, nahezu quadratische Bergplateau durch einem Stein-Erde-Wall mit Holzkonstruktion bewehrt wurde. Zu den kleineren »Wallburgen« aus der älteren Urnenfelder-Zeit in Niederösterreich gehört die Anlage auf der Hohen Wand am Gelände bei Grünbach am Schneeberg11. Sie liegt in etwa 1000 Meter Höhe. Während der jüngeren Urnenfelder-Zeit existierten die »Wallburgen« auf der »Heidenstatt« bei Limberg12, auf dem Buchberg bei Alland13 (beide in Niederösterreich) und auf dem Leopoldsberg bei Wien14.

Ebenfalls in die jüngere Urnenfelder-Zeit datiert werden die »Wallburgen« am Burgstall von Purbach15 und in der Pinkaschlinge von Burg16 im Burgenland. Unweit davon lag die gleichaltrige Befestigung von SopronKrautacker (Ödenburg) in Ungarn.

Auch aus der Steiermark sind etliche Befestigungen der jüngeren Urnenfelder-Zeit bekannt. Dazu gehören die Anlagen auf dem Burgstallkogel bei Kleinklein17, dem Heiligen Berg bei Bärnbach18, dem Hoarachkogel bei Spielfeld19, dem Königsberg bei Tieschen20, dem Kulm bei Weiz21, dem Ringkogel bei Hartberg22, der Riegersburg bei Riegersburg23 und dem Fötzberg bei Tacken24.

Der Heilige Berg bei Bärnbach verdankt einer auf ihm errichteten barocken Wallfahrtskirche seinen Namen. Während der ausgehenden Urnenfelder-Zeit war auf diesem Berg ein Wall aufgeschüttet worden, der eine Siedlung mit hölzernen Wohnhäusern si- cherte.

Die »Wallburg« auf dem Hoarachkogel wurde durch einen ein Kilometer langen, hufeisenförmigen Wall geschützt. Dort konnten Grundrisse von mehrräumigen Blockhäusern freigelegt werden, von denen das größte 22,6 Meter lang und acht Meter breit war sowie eine Herdanlage besaß.

Zehn Hektar Fläche umfasste die »Burg« auf dem durch Steilhänge geschützten Königsberg bei Tieschen. Der höchste Punkt in der Nordwestecke war besonders gut bewehrt. Dem Wall an der Ost- und der Nordseite hatte man außen einen Graben vorgelagert. Ein Einschnitt im Wall diente als Zugang und wurde durch einen Vorwall zusätzlich abgeschirmt. Den Rand der Südwestseite schloss durch eine Trockenmauer ab. Im Inneren der Befestigung befanden sich kleine Block- häuser.

Auch von den Behausungen der »Wallburg« auf dem Ringkogel wurden Reste entdeckt. Es handelte sich um drei Grundrisse mit Herden, Abfallgruben und Steinpflasterungen. Auf dem Fötzberg hat man sogar sieben Grundrisse von Anwesen sowie Herde auf Lehmböden gefunden.

»Wallburgen« der Urnenfelder-Zeit sind des weiteren aus Vorarlberg bekannt. Hierzu gehören die Anlagen auf der Heidenburg25 und dem Hochwindenkopf bei Göfis26, auf dem Sattelbergköpfle im Rheintal bei Koblach27 sowie auf dem Katilsköpfle bei Nüziders28. Auch dort wurden die offenen Seiten durch Wälle gesichert. Dagegen handelte es sich am kleinen Exer- zierplatz in Bludenz29 um eine ungeschützte Talsied- lung, von der Herdstellen von Wohnhütten erhalten blieben.

Die etwa drei Hektar große Höhensiedlung auf dem Freinberg bei Linz30 in Oberösterreich wurde durch einen etwa 200 Meter langen und bis zu fünf Meter hohen Wall geschützt. Dort war in der späten vorrö- mischen Eisenzeit eine weitere Befestigung errichtet worden.

Eine der am bekanntesten Höhensiedlungen im Land Salzburg lag auf dem Rainberg in Salzburg31. Auf die- sem Berg hatten um 4000 v. Chr. bereits Menschen der Jungsteinzeit ihre Siedlungen errichtet. Das um- fangreiche Fundgut aus verschiedenen Abschnitten - darunter der Urnenfelder-Zeit - ist durch einen Stein- bruchbetrieb ohne genauere Fundbeobachtung zu- tage gefördert worden. Es überwiegen Keramikreste, aber auch Metallfunde sind zahlreich vertreten. Die Bewohner der Höhensiedlung auf dem Rainberg sind nach Auffassung des Salzburger Prähistorikers Fritz Moosleitner auf dem nur 1,5 Kilometer entfernten Gräberfeld von Salzburg-Maxglan bestattet wor- den.

Mitunter wurden auch hochgelegene Höhlen in Nie- derösterreich von Urnenfelder-Leuten aufgesucht. Sie dienten aber nicht für längere Zeit als Wohnungen, sondern lediglich als vorübergehender Unterschlupf für Jäger oder Erzsucher. Das war offenbar in der Kammerwandhöhle bei Reichenau an der Rax und möglicherweise zudem in der Breccienkammer oberhalb von Sieding der Fall.

Den Ackerbau bezeugen Reste von Getreidekörnern und von Hülsenfrüchten. Aus Burgschleinitz in Nie- derösterreich sind Emmer (Triticum dicoccon), Gerste (Hordeum vulgare), Ackerbohne (Vicia faba) und Linse (Lens culinaris), aus Thunau am Kamp-»Holzwiese« (Niederösterreich) Weizen, Emmer, Gerste, Acker- bohne, Erbse (Pisum sativum) und Linse, aus Wien- Aspern Zwergweizen (Triticum aestivum ssp. compactum) und Einkorn (Triticum monococcum) bekannt. In Traun bei Linz (Oberösterreich) wurden Emmer und Hühnerhirse (Echinochloa crusgalli) nachgewiesen und in Neuburg- Horst bei Koblach (Vorarlberg) Zwergweizen, Rispen- hirse (Panicum miliaceum), Ackerbohne und Erbse.

Eine tönerne Deckeldose aus Stillfried (Niederöster- reich) in einer Grube unter dem Westwall enthielt Asche von Gerste. Sie rührt entweder von verbrannten Ge- treidekörnern oder von spelzenreichem Mahlabfall her. Tierknochen und -zähne vom Brandstattbühel bei Schwarzach stammen vom Rind, Schwein, Schaf und der Ziege, die als Haustier gehalten wurden. Schafe, Ziegen und Schweine sind in Horn durch Fleischbei- gaben in Gräbern nachgewiesen.

In einer Siedlungsgrube von Neusiedl an der Zaya (Niederösterreich) wurde das Skelett eines verkrüp- pelten, zehn bis zwölf Jahre alten männlichen Hun- des mit einer Widerristhöhe von 52 Zentimetern entdeckt. Dem behinderten Tier ist zu Lebzeiten ein Teil des Hinterbeins abgetrennt worden. Der Wie- ner Archäozoologe Erich Pucher interpretierte die- sen Fund als liebevolle Bestattung eines geschätz- ten Haustieres. Komplette Hundeskelette sind an- sonsten in mitteleuropäischen Siedlungsgruben jener Zeit selten.

Die Pferde stammten vielleicht - wie manche Prähi- storiker glauben - von Züchtern der Thraker und Kimmerier und wurden vermutlich komplett mit Zaumzeug weiterveräußert. Darauf deutet eine Reihe von Funden thrakokimmerischer Trensen und Be- schläge aus Adelsgräbern und Bronzedepots hin.

Im Blauen Bruch bei Kaisersteinbruch (Burgenland) kam der Halswirbel eines Pferdes zum Vorschein, in dem eine bronzene Pfeilspitze steckte. Warum dieses Tier einem Pfeilschuss zum Opfer fiel, ist nicht zu ergründen.

Rätsel geben einige Skelette von Wildtieren aus der »Wallburg« Stillfried auf. Der Archäozoologe Erich Pucher identifizierte diese Funde als Reste von Rot- hirschen (Cervus elaphus), Wölfen (Canis lupus) und Füchsen (Vulpes vulpes), die eingefangen und - wie zahlreiche gut verheilte Verletzungen und andere

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Details

Seiten
118
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656054542
ISBN (Buch)
9783656054863
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182000
Note
Schlagworte
Bronzezeit Spätbronzezeit Urnenfelder-Kultur Urnenfelderkultur Urnenfelder-Zeit Urnenfelderzeit Archäologie Urgeschichte Österreich

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Titel: Die Urnenfelder-Kultur in Österreich