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Mikrogeschichte in der Ethnologie

Ein wertvoller Beitrag

Hausarbeit 2011 9 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Mikrogeschichte?
2.1 Allgemein
2.2 das außergewöhnliche Normale
2.3 Gemeinsamkeiten mit ethnologischer Feldforschung

3. Kritische Überlegungen und der Mikro-Makro-Link
3.1 Kritik
3.2 Die Beziehung von Mikro und Makro

4. Schluss

5. Quellen

1. Einleitung

Die postmoderne Erkenntnis dass Geschichtswissenschaft im Grunde eine subjektive Konstruktion ist führte zu Veränderungen und Strömungen innerhalb der Disziplin. Unter ihnen sticht die Mikrogeschichte für Ethnologen besonders hervor, da die Ethnologie einigen Einfluss auf die Entwicklung dieser Strömung hatte und eine Reihe Gemeinsamkeiten und ähnliche Forschungsstandards vorhanden sind.

Im Folgenden möchte ich mich daher mit der Mikrogeschichte ausführlich auseinandersetzen. Zuerst gebe ich eine allgemeine Einführung, um dann näher auf konzeptionelle Besonderheiten einzugehen. Der zweite Teil bietet einen Überblick über Kritiken und Überlegungen zur Mikrogeschichte, speziell zur Beziehung der Mikro- und Makroebene. Insgesamt können im vorliegenden Text lediglich die Hauptgedanken und -argumente zusammengefasst werden, da die Diskussionen zum Thema einen erstaunlichen Umfang erreicht haben.

2. Was ist Mikrogeschichte?

2.1 Allgemein

Sucht man nach Ausgangspunkten für die Entwicklung der Mikrogeschichte aus der Gesamtdisziplin ist eine fundamentale „Ablehnung eines evolutionistischen Geschichtsverständnisses oder Kritik einer globalhistorischen eurozentrischen Perspektive“ (Medick 1994: 43) von grundlegender Bedeutung.

Die Generalisierungen der ereignisorientierten Geschichte halten nicht stand, wenn man sie mit der Realität des kleineren Maßstabes vergleicht, obwohl diese sich so erklären lassen sollten (Magnusson 2003: 709). Auf diese Diskrepanzen möchten die Anhänger der Mikrogeschichte und sie umgehen, indem sie individualistischer arbeiten. Bei dieser Strömung der Geschichte handelt es sich daher im Wesentlichen um die Verkleinerung des Beobachtungsmaßstabes der herkömmlichen Geschichte, Vorgänge also wie mit einem Mikroskop betrachtet werden. Durch die Nahaufnahme sollen dennoch umfassendere historische Zusammenhänge erschlossen werden (Burghartz 2002: 214). Es wird aber nicht der Untersuchungsgegenstand oder die Fragestellung verkleinert, sondern lediglich der Beobachtungsmaßstab. Die Größe des Erkenntnisgegenstands sollte man keinesfalls mit der Erkenntnisperspektive verwechseln (Medick 1994: 44).

Die klassische Vorgehensweise von Ginzburg, Guerre und anderen Vorreitern der Mikrogeschichte ist hierbei, die Weltanschauung und Kultur von Einzelpersonen zu rekonstruieren oder besondere Einzelereignisse zu untersuchen. Dabei soll zwar auf der einen Seite kontextualisiert werden, auf der anderen Seite aber die starren Kategorien der Mainstream-Geschichte umgangen werden. Es handelt sich somit um eine Dezentrierung der Perspektive, eine bewusste Verschiebung von Königen, Adel, Großbürgertum und anderen typische Akteuren auf eine Geschichte „von unten“. Die Fälle werden hierbei unter dem Gesichtspunkt des außergewöhnlichen Normalen ausgewählt, auf welches ich später näher eingehen werden. (Burghartz 2002: 214f)

Mit der Verkleinerung des Beobachtungsmaßstabes geht ein intensiveres Studium der Quellen einher. Gleichzeitig heißt Mikrogeschichte jedoch nicht, die Lebenswelten anderer Menschen oder Gruppen außer Acht zu lassen. (Levi 1991: 95)

Die Frage des Maßstabes ist für Levi eine zentrale, da Mikrogeschichte dem Gedanken entspringt, dass man individuelle Personen nicht einfach anhand der Regeln der übergeordneten Systeme beurteilen oder beschreiben kann - Stichwort „agency“. Die Grundüberzeugung der ihrer Anhänger ist, dass Mikrogeschichte Fakten offenbaren kann, die ohne sie verborgen blieben. (Levi 1991: 97)

Jakob Tanner macht, angelehnt an Gribaudi, drei Strömungen der Mikrogeschichte aus. Zuerst die Beobachtung lokaler Ereignisse über einen längeren Zeitraum (Vertreter: Medick, Schlumbohm), weiterhin das Konzept nach Ginzburg, nach welchem Akteure mikroskopisch beobachtet werden, um die Kulturbedeutung sozialer Fakten zu erfassen und drittens die Alltagsgeschichte, also die Analyse sozialer Praktiken. Diese letzte Strömung wird vor allem von Giovanni Levi vertreten. (Tanner 2004: 107) Bei der Beschäftigung mit Mikrogeschichte muss man also beachten, welcher Autor welche Aussage trifft, um sie gegebenenfalls den Strömungen zuordnen zu können. Der vorliegende Text bezieht sich jedoch vor allem auf Aspekte, die allen Strömungen gemeinsam sind.

Für die Wiedergabe der Forschungsaspekte ist die Erzählung ein geeignetes Format, da die spezifischen und individuellen Fakten der jeweiligen Forschung auf diesem Wege nicht durch Generalisierung oder quantitative Methoden verzerrt werden. In der Erzählung kann die Beziehung des Individuums zum ihn umgebenden System am Besten wiedergegeben werden. Statt also die Systeme wie Politik oder Wirtschaft auf den Lebensalltag der Menschen zu beziehen soll es mehr darum gehen, dem Alltag innerhalb dieser Institutionen erzählerisch nachzuzeichnen (Tanner 2004: 104). Die Darstellung der Methoden, Besonderheiten und Einschränkungen im Forschungsprozess bilden hierbei einen wichtigen Teil der Erzählung (Levi 1991: 105f). Ethnologen werden in diesem Zusammenhang den Begriff dichte Beschreibung kennen, auf den weiter unten näher eingegangen wird.

So muss man sich bei der Erforschung der Unterklasse, der häufig eine mündliche Kultur zugeschrieben wird, größtenteils auf schriftliche Quellen verlassen, die entsprechend von Angehörigen anderer Schichten verfasst wurden (Ginzburg 1990: 10). Ginzburg spricht in diesem Zusammenhang von einer „Chronik des Gegners“ (1990: 13).

Die angestrebte Leistung der Mikrogeschichte besteht darin, individuelle Erkenntnisse nicht der Verallgemeinerung zu opfern, aber dennoch soweit zu abstrahieren, dass Einsichten über verbreitetere Phänomene gewonnen werden können (Levi 1991: 109).

Carlo Ginzburg, mit seinem Buch „Der Käse und die Würmer. Die Welt eines Müllers um 1600“ ein Vorreiter der Mikrogeschichte, geht in der Einleitung eben jenes Buches näher auf normative Grundlagen und Überlegungen dieser Disziplin ein. So weist er darauf hin, dass die vom Volk hervorgebrachte Kultur sich deutlich von der dem Volk auf oktroyierten Kultur unterscheidet, man sich folglich bei einer Untersuchung im Klaren sein muss, wo das Erkenntnisinteresse liegt. (Ginzburg 1990: 11)

2.2 Das außergewöhnliche Normale

Wie wählt der Mikrohistoriker seine Fälle aus?

Er beginnen mit etwas, das nicht ganz passt, einer Merkwürdigkeit, und sehen dies gegebenenfalls als Zeichen für eine zu entdeckende größere Geschichte (Peltonen 2001: 349). In Ginzburgs Fall wird Menocchio von der Inquisition zweimal verhört. Daran können wir sehen, dass er keinesfalls ein typisches, unauffälliges Mitglied seiner Gemeinde war. Dennoch erfahren wir im Buch eine Menge über die Normalität, die Struktur und Meinungen des Dorfes anhand der Fremdheit Menocchios.

Ein Fall kann also gerade deshalb ausgewählt werden, weil er herausragend ist und das Versagen der sozialen Mechanismen demonstriert (Burke 2005: 42). Hinzu kommt, dass häufig nur von sozial Auffälligen umfangreiche schriftliche Zeugnisse überdauert haben, wie Gerichtsakten oder Inquisitionsakten, da sie die Aufmerksamkeit von Autoritäten erregt haben. Somit zeigen sie auch nach welchen Regeln diese Institutionen arbeiten. (Magnusson 2003: 710).

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Details

Seiten
9
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656057246
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182013
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,3
Schlagworte
mikrogeschichte ethnologie beitrag

Autor

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Titel: Mikrogeschichte in der Ethnologie