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Die Münchner Längsschnittstudie zur Hochbegabung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 17 Seiten

Psychologie - Lernpsychologie, Intelligenzforschung

Leseprobe

Inhaltsangabe:

1. Einleitung

2. Begrifflichkeiten: Querschnittstudie, Längsschnittstudie, Reliabilität, Validität, Signifikanz, Underachiever

3. Die Münchner Hochbegabtenstudie
3.1. Definition: Hochbegabung
3.2. Grundlagen, Zeitraum, Durchführung
3.3. Ziele und Ergebnisse der ersten Testphase (1986/87)
3.4. Ziele und Ergebnisse der zweiten Testphase (1987/88)
3.4.1. Ziele
3.4.2. Allgemeine Ergebnisse
3.4.3. Ergebnisse bei Underachievern
3.4.4. Geschlechtsspezifische Ergebnisse

4. Thesen und Kritik

6. Zusammenfassung

7. Literatur

1. Einleitung

Die Entwicklungspsychologie befasst sich mit der systematischen Erforschung von Veränderungs- und Umformungsprozessen in den Motiven und den Verhaltensweisen von Menschen. Sie will wissen, welche Verläufe kontinuierlich bzw. diskontinuierlich sind und unter welchen Bedingungen. Verhaltensveränderungen ereignen sich über die gesamte Lebensspanne. Die Entwicklungspsychologie will vor allem erforschen, welche Zusammenhänge zwischen Bedingungsfaktoren, genetischer oder sozialer Art und dem tatsächlichen Verhalten eines Menschen bestehen. Entwicklung ist immer zweiseitig bestimmt, von der Natur (Anlage) und der Umgebung. So suchen wir beispielsweise Freunde und Freizeitaktivitäten, die mit unseren eigenen Neigungen übereinstimmen und unabhängig vom Kalenderalter sind. Das Kalenderalter ist als soziale Richtschnur gerade für hochbegabte Kinder oft ein Entwicklungshindernis und gerade intellektuell hochbegabte Kinder sind auf Grund ihres Entwicklungsvorsprunges nicht nach chronologischem Alter einzuteilen. So dürfen intellektuell frühreife Kinder erst ab sechs Jahren zur Grundschule zugelassen werden. Warum aber sollten Schulgesetze, die sich am Durchschnitt orientieren, auch für Kinder gelten, die einen deutlichen Entwicklungsvorsprung haben? Diese und andere Umgebungsvariablen können die individuelle Entwicklung im positiven, aber auch im negativen Sinne beeinflussen. So ist im Grunde die Kreativität und Anstrengungsbereitschaft von Eltern und anderen Erziehern oft entscheidend dafür, ob sich beispielsweise ein musikalisch oder intellektuell hoch begabtes Kind so entwickelt, dass es entsprechende Leistungen (Leistungsexzellenz) zustande bringt. Eltern müssen gute Lehrer finden, geeignete Aus- und Fortbildungsmaßnahmen zur Verfügung stellen, und sie müssen vor allem das Kind so erziehen, dass es motiviert bleibt, sich anzustrengen und Leistungen zu erbringen. Entscheidend ist nämlich, dass das Kind von sich aus keine Anstrengungen scheut und auch Entbehrungen nicht aus dem Wege geht. Diese Zielerreichung muss dann oft gegen Widerstände oder entgegen ungünstigen Bedingungen durchgesetzt werden. Wenn das Motiv innerlich stark genug ist, sind Ziele auch erreichbar. Jede Begabung braucht fördernde und stimulierende Entwicklungshilfe! Diese allgemeine Feststellung stimmt natürlich immer und für alle Kinder. Die Fragen, die hier jedoch im Hinblick auf begabte Kinder gestellt werden müssen, lauten: Habe sie, verglichen mit durchschnittlich begabten Kindern, andere sozial-emotionale Bedürfnisse und wie erkennt man sie? Diese Hausarbeit will an Hand der Münchener Hochbegabtenstudie von Heller und Perleth diesen Fragen nachgehen.

2. Begrifflichkeiten

Querschnittstudie:

Eine Querschnittstudie kann in verschiedenen Forschungsgebieten und unterschiedlichen Forschungsbereichen angefertigt werden. In der empirischen Forschung spricht man von einer solchen Studie, wenn eine einmalige empirische Untersuchung durchgeführt wird, aus der eine gesellschaftliche Momentaufnahme von derzeitigen Fakten, Meinungen und Verhaltensweisen erstellt werden kann.

Längsschnittstudie:

Eine Längsschnittstudie ist ein Forschungsdesign welches in der empirischen Forschung zum Erfassen von sozialen und individuellen Wandlungsprozessen dient. Diese Studie wird mehrfach durchgeführt und die Ergebnisse miteinander verglichen. Eine homogene Gruppe wird über Jahre begleitet und befragt und entwicklungsbedingte Veränderungen werden festgehalten.

Reliabilität:

Die Reliabilität (Zuverlässigkeit) ist ein Maß der Genauigkeit und Verlässlichkeit wissenschaftlicher Messungen, die den tatsächlichen Unterschied beschreibt, der nicht durch Messfehler zustande kommt und erklärt werden kann. Der Grad der Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Ergebnisse bestimmt also die Replizierbarkeit von Ergebnissen bei gleichen Bedingungen und stellt eine der Gütekriterien für empirische Untersuchungen dar.1

Validität:

Der Begriff Validität ist vom lateinischen Wort validus (kräftig, wirksam, Gültigkeit) abgeleitet und wird als argumentatives Gewicht einer Untersuchung bezeichnet. Sie bezeichnet die Belastbarkeit einer Annahme und ist wie die Reliabilität und Objektivität ein Gütekriterium für Aussagen aus empirischen Untersuchungen. Weiterhin ist sie die Belastbarkeit der Art und Weise, wie ein theoretisches Konstrukt gemessen werden soll, genannt Operationalisierung.2

Signifikanz:

Die Signifikanz, auch Bedeutung oder Bedeutsamkeit genannt, steht für die Unterschiede zwischen Messgrößen, die mit einer geringen Wahrscheinlichkeit durch Zufall entstanden sind. Liegt also Signifikanz vor, wird darauf geschlossen, dass tatsächlich Unterschiede vorliegen. Dabei können Unterschiede, die signifikant sind, trotzdem zufällig sein und zwischen 0% und 100% liegen. Überprüft wird Signifikanz durch statistische Tests, die an das Datenmaterial angepasst sind und eine Irrtumswahrscheinlichkeit erlauben.

Underachiever:

Der Begriff Underachiever kommt aus dem Englischen von to achieve: etwas zustande bringen und heißt übersetzt Minderleister. Minderleister bezeichnet eine Person, die unter ihrer Leistung und Möglichkeit bleibt. Ihr kognitives Leistungsvermögen steht im Gegensatz zur erbrachten Leistung, denn der Minderleister erbringt weniger Leistung als er im Stande wäre zu erbringen. Bis heute gibt es noch keine eindeutige Definition des Begriffs. Lediglich konzeptuelle und operationale Erklärungen sind in der Literatur zu finden. Die konzeptuelle Erklärung ist häufig sehr weitgegriffen und beleuchtet nur Teilgebiete eines Underachievers. Demnach sind alle, die in irgendeinem Gebiet unter ihren Möglichkeiten bleiben, als Underachiever zu bezeichnen, was so etwa jede Person mehr oder minder einschließt. Die operationale Erklärung begründet das Phänomen mit der Abweichung von Intelligenzquotienten und Leistungstests wie Schularbeiten, die mit einem Schulnotenmittelwert ausgedrückt werden.3

3. Münchener Hochbegabtenstudie

3.1. Definition: Hochbegabung

Um den Begriff Hochbegabung zu definieren muss dieser zuerst einmal in die Worte Hoch und Begabung zerlegt werden. Dabei liegt die Gewichtung klar auf dem Begriff Begabung, der nach H. Roth (1969) ein relativ weites Begriffsverständnis der Gesamtheit personaler und soziokultureller Lern- und Leistungsvoraussetzungen umfasst. Dabei wird die Begabungsentwicklung als Interaktion interner Anlagefaktoren und externer Sozialisationsfaktoren verstanden. Entwicklungspsychologisch ist Begabung der Prozess der Fähigkeits- und Interessenentwicklung zu einem bestimmten Zeitpunkt der Ontogenese, also der individuellen psychischen Entwicklung.4 In der Psychologie wird der Begriff Begabung sowohl als Beschreibungsbegriff (Fähigkeitskonzept) verwendet als auch als Erklärungsbegriff (qualitative Kategorie). Daher entsprechen diese beiden Begriffe auch zwei unterschiedlichen theoretischen Forschungsparadigmen. Zum einen die nomothetisch orientierten psychometrischen Untersuchungen, die quantitative inter- und intraindividuelle Fähigkeitsdifferenzen erfassen sollen und zum anderen die idiographisch orientierten Informationsverarbeitungsansätze der Problemlösungsforschung, die vor allem qualitative Prozesskomponenten bestimmt. Für die Praxis kommt noch eine dritte Begriffsvariante hinzu. Hierbei ist Begabung im Sinne eines psychologischen Eignungs- und Anforderungsbegriffes zu verstehen, der als Disposition und Merkmalsprofil einer Person für bestimmte Lern- und Leistungsanforderungen steht.5 Die psychometrische Bestimmung der Begabung beschränkt sich auf den Unterschied von allgemeinen und differenziellen Fähigkeitsfaktoren, wie verbale, quantitative oder musikalische Fähigkeiten. Der kognitionspsychologische Ansatz hingegen erfasst elementare Informationsverarbeitungsprozesseinheiten als mentale Bedingungskomponente der Begabungsaktivitäten. Beide Forschungsparadigmen dienen auf spezifische Weise zum Erkenntnisgewinn von Begabungsphänomenen und sind somit nicht ohne weiteres austauschbar. Der Begriff Hochbegabung gehört zu den hypothetischen Konstruktbegriffen, der vom jeweiligen theoretischen Bezugssystem abhängt und als individuelle kognitive und motivationale Möglichkeit für Höchstleitung definiert wird.6

3.2. Grundlagen, Zeitraum und Durchführung

Bereits 1921 entwickelte Lewis M. Terman auf Grundlage des Standfort-Binet-Tests einen für die USA angeglichenen Intelligenztest und bewies, dass Hochbegabte schulisch und beruflich erfolgreicher sind. Diese Studie wurde Terman-Studie genannt und gilt bis heute als Grundlage für alle weiteren Intelligenztests.7 Das daraus entstandene und bekannteste Hochbegabtenmodell ist das Drei-Ringe-Modell von Renzulli 1986 und einer Weiterentwicklung 1993, welches Hochbegabung als Schnittpunkt von überdurchschnittlicher intellektueller Begabung, Kreativität und Motivation betrachtet, die ineinander überfließen.8

Dieses bekannteste Modell von Renzulli bot nun wiederum die Grundlage für die Weiterentwicklung von Kurt A. Heller und Christoph Perleth zur Münchener Hochbegabtenstudie, die in dieser Hausarbeit näher betrachtet werden soll.9

Anders als beim Ausgangsmodell von Renzulli umfasst das Münchener Hochbegabungsmodell fünf Untersuchungsdimensionen, denen jeweils Leistungsbereiche zugeordnet werden können. Hochbegabung kann sich somit im intellektuellen, kreativen, sozialen, musikalischen und psychomotorischen Bereich zeigen. Passend zu den fünf Begabungsdimensionen können bestimmte schulische und außerschulische Leistungen erbracht werden, die durch unterschiedliche kognitive aber auch nicht-kognitive Fähigkeiten, wie Motiv, Interesse, Arbeits- und Lernstile ermöglicht werden.10 Weiterhin differenziert Heller zwischen den Fähigkeiten und motivationalen Merkmalen, die zusammenspielen müssen, damit bei Hochbegabten auch Höchstleistungen beobachtet werden können. Die intellektuelle Fähigkeit wird dabei meist durch einen Intelligenztest ermittelt und als Intelligenzquotient (IQ) festgeschrieben. Dabei entspricht ein IQ von 130 Punkten und mehr einen Prozentrang von 98, der besagt, dass die Testleistung höher liegt als 98% der Vergleichs-/Altersgruppe.11

Das Münchener Hochbegabungskonzept wurde bereits seit 1985 vom Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBW) in Bonn gefördert. Der gesamte Durchführungszeitraum der Studie betrug zweimal zwei Jahre. Somit erstreckte sich die Gesamtzeit von Förderung, Durchführung und Auswertung über fünf Jahre und endete vorläufig 1989.12

[...]


1 Vgl.: Heller, Kurt A. (Hrsg.): Begabungsdiagnostik in der Schul- und Erziehungsberatung. Bern, Göttingen, Toronto 1991, S. 49f

2 Vgl.: Heller (1991), S. 50.

3 Vgl.: Heller, Kurt A.: Zielsetzung, Methode und Ergebnisse der Münchener Längsschnittstudie zur Hochbegabung. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht. Zeitschrift für Forschung und Praxis. München 1990, Jg. 37, S. 94f.

4 Vgl.: Roth, Heinrich: Begabung und Lernen. Ergebnisse und Folgerungen neuer Forschungen. Stuttgart 1969.

5 Vgl.: Schneider, Wolfgang; Stumpf, Eva: Hochbegabung, Expertise und die Erklärung außergewöhnlicher Leistungen. In: Heller, Kurt A.; Ziegler, Albert (Hrsg.): Begabt sein in Deutschland. Berlin 2007, S. 73.

6 Vgl.: Heller (1990), S. 85ff.

7 Vgl.: Minton, Henry L.: pioneer in psychological testing. In: University of New York (Hrsg.): American social experience series. New York 1988.

8 Vgl.: Wild, Klaus-Peter: Identifikation hochbegabter Schüler. Marburg 1990, S. 12; Schneider, Stumpf, S. 73.

9 Vgl.: Heller, Kurt A.; Perleth, Christoph: Münchener Hochbegabtentestbatterie für die Primarstufe. Göttingen 2007.

10 Vgl.: Heller (1990), 87f.

11 Vgl.: Schneider, Stumpf, S. 73.

12 Vgl.: Heller (1990), S. 87.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656053569
ISBN (Buch)
9783656053910
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182103
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Institut für Pädagogische Psychologie Rosa und David Katz
Note
1,0
Schlagworte
Münchener Hochbegatenstudie Hochbegabung Underachiever Längsschnittstudie

Autor

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Titel: Die Münchner Längsschnittstudie zur Hochbegabung