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Zur Bedeutung der Freinet-Pädagogik unter besonderer Berücksichtigung der Musikpädagogik

Zwischenprüfungsarbeit 2002 31 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Zielsetzung der Hausarbeit:

2. Wer war Célestin Freinet?
2.1. Biographie
2.2. Die Persönlichkeit Célestin Freinets

3. Grundsätze der Freinet-Pädagogik
3.1. L’ecole moderne francaise
3.2. Ideelle und pädagogische Grundlagen der Schülerzentrierung
3.3. Konkrete Unterrichtstechniken (eine Auswahl)

4. Freinet-Pädagogik heute
4.1. Allgemein
4.2. Schriften zur Freinet-Pädagogik
4.3. Freinet-Pädagogik im Internet
4.4. Selbstdarstellung und Selbstverständnis der Freinet-Bewegung
4.5. Probleme der Freinet-Pädagogik

5. Freinet-Pädagogik und Musikpädagogik
5.1. Zur Bedeutung des Musikunterrichts in dem ursprünglichen pädagogischen Konzept von Freinet
5.2. Die Stellung des Musikunterrichts in der heutigen Freinet-Pädagogik
5.3. Inhalte der Freinet'schen Musikpädagogik

6. Persönliche Schlußbemerkung

7. Literatur

1. Zielsetzung der Hausarbeit:

Célestin Freinet ist, zusammen mit Maria Montessori, John Dewey, Janusz Korczak u. a., einer der bedeutendsten Reformpädagogen. Die Umgestaltung der Schule von unten steckt trotz der weiten Verbreitung und Akzeptanz der Ideen in pädagogischen Kreisen gesell­schaftspolitisch immer noch in den Anfängen. Die Stimmen nach einer Rückbesinnung auf die alten 'Werte von Zucht und Ordnung' werden aus der Angst heraus vor weiteren Bildungs­debakeln, wie sie die Ergebnisse der PISA-Studie anmahnen, sogar eher lauter.

Die vorliegende Hausarbeit versucht zunächst einen kurzen Überblick über die Person und die pädagogischen Grundsätze von Freinet zu geben. Im Anschluss soll anhand einiger Beispiele erläutert werden, inwieweit und wo die Lehre Freinets heutzutage umgesetzt bzw. angewendet wird. Schliesslich soll in einem speziellen Teil die Beziehung zwischen der Freinet-Pädagogik und der Musikpädagogik geprüft werden.

2. Wer war Célestin Freinet?

2.1. Biographie

Celéstin Freinet wurde 1896 in Gars, einem abgelegenem kleinen Dorf an der Grenze der französischen Seealpen, geboren. Als 16jähriger begann er seine Ausbildung zum Lehrer. Er wurdw mit 18 Jahren in den 1. Weltkrieg eingezogen und so schwer verletzt, dass er erst 1921 beginnen konnte als Lehrer in einer Dorfschule zu arbeiten. Früh fing er an sich gegen die Lernmethoden der traditionellen, französischen Schule zu wenden, und tat seine Meinung auch, bereichert durch seine eigenen Vorstellung eines modernen Unterrichts, in Fachzeit­schriften kund. 1924 führte er in seiner Klasse die für seine Pädagogik so typische ‚Druckerei‘ ein. Ab 1926 kamen als wesentliche Elemente die ‚Klassenkorrespondenz‘ und ‚Schulzei­tung‘ hinzu. Zugleich vereinte er die Lehrer, die ebenso wie er die herkömmliche Schule re­formieren wollten, in einer Bewegung, der „Coopérative de l’Enseignement LaÎc“ (laizisti­sche Erziehungskooperative). Im gleichen Jahr trat er der KPF (Kommunistische Partei Frankreichs) bei. Von 1928 an arbeitete Freinet in Saint Paul, wo er aufgrund seiner Ansich­ten mit den Behörden hart aneinandergeriet, was ihn 1935 schliesslich dazu veranlasste eine eigene Schule zu gründen. Ungeachtet dessen wuchs seine Bewegung zunehmend; als Sprach­rohr diente die Zeitschrift L’Educateur Prolétarien. 1940 wurd seine Schule geschlossen und sein Leben von der Gestapo bedroht, weshalb er untertaucht und sich der ‚Resistance‘ an­schloss. Trotz der schwierigen Lebensumstände schrieb er während des Krieges seine grund­legenden Schriften: L’Education du travail (Die Arbeitspädagogik) und Essai de Psychologie sensible (Psychopädagogische Essay). 1947 kam der zumindest in Lehrerkreisen berühmt gewordene Film L’école buisssionière (Die Heckenschule) hinzu, der das Leben in Saint Paul widergibt. Die Zeit nach 1950 war einerseits von heftigen Auseinan­dersetzungen mit Intel­lektuellen der in Frankreich starken kommunistischen Partei und ande­rerseits von dem steti­gen Anwachsen der Bewegung geprägt. Letzteres führte dann 1957 auch zur Gründung der „Fédération Internationale des Mouvements d’Ecole Moderne“ (Internatio­nale Föderation der Freinet-Bewegung). In den nachfolgenden Jahren widmete Freinet sich vor allem der Ver­breitung und Weiterentwicklung seiner pädagogischen Ideen. Er starb 1966 und wurde in sei­nem Geburtsort beigesetzt.

2.2. Die Persönlichkeit Célestin Freinets

Das Leben auf dem Lande und die Natur haben Freinet nachhaltig in seinen pädagogischen Vorstellungen beeinflusst (vgl. Dietrich 1995, S. 14f., Jörg 1979, S. 150; Jörg 1981, S. 18). So bezog er sich zur Darstellung seiner 'Lehre' immer wieder auf Gleichnisse aus der Natur bzw. dem bäuerlichen Leben (vgl. Dietrich 1995, S. 15). Natürlichkeit und Lebensnähe sind Schlüsselbegriffe der modernen Schule, die er der Künstlichkeit und Lebensferne der beste­henden Schule gegenüberstellte (ebda.). Seiner Vorstellung nach sollten sich Kinder ihre Handfertigkeiten und Kenntnisse nicht aus Büchern, sondern "Learning by doing"[1] aneignen, etwa in der gleichen Art wie ein Bauernsohn von seinem vater oder dem Knecht lernt. "Am Anfang jeder Eroberung steht nicht das abstrakte Wissen [...] sondern die Erfahrung, die Übung und die Arbeit[2] " (Boehncke & Hennig 1980, S. 21f.).

Eine wesentliche Stütze auf seinem Weg zu einer neuen Pädagogik war paradoxerweise die körperliche Schwächung durch seine im Krieg erlittene schwere Lungenverletzung[3]. Die Ar­beit in der Schule, insbesondere in der stickigen Luft, war sehr anstrengend für ihn wie er selbst zugab: "Als ich 1920 aus dem 1.Weltkrieg zurückkam, war ich [...] geschwächt, außer Atem und nicht in der Lage, mehr als ein paar Minuten in der Klasse zu sprechen" (Jörg 1981). Freinet ging einerseits dazu über, die Schule möglichst oft auch außerhalb der Klasse stattfinden zu lassen (die sogenannte "Heckenschule", vgl. Jörg 1979, S. 152) bzw. die Schüler eben mehr zu einem selbsttätigem Lernen zu ermutigen. Wegweisend wirkten dabei vermutlich auch die ungünstigen materiellen Umstände, die er bei seiner ersten Anstellung in einer schlecht ausgerüsteten Dorfschule vorfand. Mit Hilfe seiner neuen Unterrichtstechniken wurde das Lehrmaterial von nun an selbst hergestellt, stumpfes Auswendiglernen durch krea­tives selbstentdeckendes Lernen ersetzt. Ein interessanter Nebenaspekt ist, dass Freinet in diesem Zusammenhang selbst niemals von Methoden (vgl. Boehncke & Hennig 1980, S. 26) sondern nur von "Erziehungstechniken" sprach, womit er der Unvollkommenheit der pädago­gischen Ansätze Ausdruck verleihen wollte. So stellt er nicht nur für die Schüler sein Konzept des "tastenden Versuchens" als Teil des forschenden Lernens in den Mittelpunkt, sondern öffnet auch seine eigene Unterrichtspraxis der ständigen Weiterentwicklung.[4]

Dass Freinet allerdings nicht nur auf seinen Pragmatismus reduziert werden kann, belegt sein umfangreiches Schriftenwerk, dass aus vielen Büchern und zahllosen Zeitschriftenaufsätzen besteht.[5] In seinen Veröffentlichungen legte Freinet in klarer, lebendiger oft mit Geschichten aus dem Unterrichtsalltag versehener Sprache, seine pädagogische Theorie dar. Dabei wurde er nicht müde die Kernthesen und den praktischen Aufbau seiner Erziehungstechniken zu wiederholen, um dem Mißbrauch und der falschen Interpretation vorzubeugen (Boehncke & Hennig 1980, S. 14). Ergänzt wird sein Schrifttum durch den umfangrei­chen Briefverkehr mit anderen Reformpädagogen seiner Zeit wie Maria Montessori, Adolphe Ferrière, Helen Parkhurst oder Ovide Decroly.

Freinet verstand sich zwar in erster Linie als Pädagoge (vgl. Jörg 1981, S. 164), war aber – vermutlich nicht zuletzt aufgrund seines grossen Sendungsbewusstseins – auch ein sehr politi­scher Mensch. Er engagierte sich in der Lehrer-Gewerkschaft und schloss sich schließlich nach einer Studienreise nach Russland 1925 den französischen Kommunisten an. Seine Schriften und auch die Unterrichtstechniken weisen viele direkte und indirekte Bezüge zu den kommunistischen Vorstellungen oder auch Entlehnungen aus deren Begriffswelt auf. So ist beispielsweise die Arbeit, wohl im Sinne der Selbsttätigkeit der Schüler, aber auch als ein hehres Bild der Tugend "[...] Prinzip, der Motor und die Philosophie der volkstümlichen Pä­dagogik [...]" (Jörg 1979, S. 16). Er erhofft sich von der von ihm initiierten Schulreform eine "pädagogische Revolution" und erklärt beschwörend: "Das zur Macht gelangte Volk wird seine eigene Schule und seine eigene Pädagogik haben. Diese Machtübernahme hat begonnen. Warten wir nicht länger, um unsere Erziehung der neu sich gestaltenden Gesellschaft anzu­passen" (ebda., S.20). Oder an anderer Stelle sagt er beschwörend: "Eine Reform unseres öffentlichen Schulwesens ist also dringend notwendig, um jetzt in der Mitte des 20. Jhdt. un­seren Kindern eine Erziehung zuteil werden zu lassen, [...] in einer Welt, [...] die hoffentlich bald eine Welt des triumphierenden Sozialismus ist" (ebda., S.13). In eindeutig wertender Beschreibung stellt er den unproduktiv philosophierenden "Schwätzer" dem schöpferischen "Schaffer" gegenüber (vgl. Boehncke & Hennig 1980, S. 20). Viele der von ihm engeführ­ten Unterrichtstechniken wie der 'Klassenrat', das 'Tagebuch' oder das Fehlen von Noten ent­sprechen dem Wunsch nach einer Gesellschaft mit gleichberechtigten Menschen, die ohne dem für die kapitalistische Idee so typischen 'Konkurrenzgedanken' auskommen.

Allerdings ließ er sich nie von politischen Ideen vereinnahmen, sondern nutzte vielmehr deren Gehalt zur Befruchtung der eigenen Schulrealität. 1948 trat er aus der Partei aus, was ihm in den folgenden Jahre heftige Kämpfe mit seinen ehemaligen, politischen Freunden ein­brachte. Drei Jahre vor seinem Tod bekräftigt er seine Haltung: "Ich werde mich nicht mehr einseitig einer politischen Gruppe anschließen, und wenn ich die Hälfte meiner Anhänger verliere. Wenn die Politik sich der Schule bemächtigt, zieht die Pädagogik aus ihr aus. Uns geht es um das Kind, um nichts als das Kind und nur um das Kind!" (Protokollnotiz von Hans Jörg vom Kongreß in Niort 1963, zit. in Jörg 1981, S. 178). Und so ist Freinets Werk letztlich auch niemals ein politisches sondern ein pragmatisches, [...] dass jede Dogmatik vermeidet und von daher auch Anhängerinnen verschiedener politischer Tendenzen integrie­ren kann [...]" wie Dietrich (1995, S. 15) feststellt.

Bleibt noch zu betonen, dass Freinet ein Organisationstalent war, was sich zum einen im ge­samten Aufbau seines pädagogischen Konzepts manifestiert. Und zum anderen darin, dass es ihm trotz der meist widrigen Umstände in denen er gelebt und gearbeitet hat, gelungen ist, eine neue Pädagogik zu entwickeln, zu erproben und in einer immer noch lebendigen Bewe­gung zu verbreiten (ebda.).

3. Grundsätze der Freinet-Pädagogik

Célestin Freinet hat seine pädagogischen Grundsätze vor allem aufgrund der Erfahrungen in der Volksschule, in der er selbst unterrichtete, aber auch für die Vorschulzeit entwickelt[6] (vgl. Jörg 1979). Seine 'Lehre' hat er wiederholt in verschiedenen Büchern und Aufsätzen klar strukturiert und bewußt anwendungsbezogen beschrieben (z. B. in Les techniques Freinet de l'Ecole Moderne). Ein weiteres Grundlagenwerk, das L’ecole moderne francaise[7], dem er auch den Untertitel "Ein praktischer Leitfaden zur materiellen, technischen und pädagogi­schen Organisation der Volksschule" gegeben hat, soll als Einstieg in die Gedankenwelt Frei­nets dienen. In einem zweiten Teil soll unter Heranziehung neuerer Literatur (im wesentlichen Dietrich 1995) genauer auf die materiellen, organisatorischen und ideellen Elemente des Unterrichts eingegangen werden.

3.1. L’ecole moderne francaise

Die Persönlichkeit des Kindes selbst steht als Grund, Impulsgeber und Gestalter im Mittel­punkt seiner Pädagogik, was sie z. B. von den mitunter recht abstrakten Bildungsidealen der sogenannten humanistischen Erziehung abhebt. So verwundert es nicht, dass Freinet der For­mulierung eines Erziehungsziels in seinen "allgemeinen Grundprinzipien" auch die Kritik an dem bestehenden Bildungssystem voranstellt (Jörg 1979)[8]: „[...] wird von der Mehrzahl der Eltern [...] , nicht die tiefe Bereicherung der Persönlichkeit ihrer Kinder als das Wichtigste angesehen, sondern die zum Bestehen der Examina notwendige Ausbildung, [...]. Angesichts dieser [...] Konzeptionen, [...] gilt es für uns, als wahres Erziehungsziel zu fordern, daß das Kind in ei­nem größtmöglichen Maße zur Entfaltung seiner Persönlichkeit im Schoße einer vernünftigen Gemeinschaft gelangen kann, der es dient und die ihm auch dient“ (ebda., S. 14). Um diesem Ziel gerecht zu werden, fordert Freinet in erster Linie von den Ansprüchen des Kindes auszu­gehen und eben nicht von denen der Gesellschaft an das Kind: „Von seinen wesentlichen Be­dürfnissen, hingeordnet auf die Belange der Gesellschaft, der es angehört, sind die von ihm zu erwerbenden manuellen und geistigen Fertigkeiten, das Bildungsgut, die Art der Vermittlung des Bildungsgutes und die Art und Weise seiner Erziehung abzuleiten“ (ebda., S. 15). Folge­richtig kann auch nur das Kind selbst der Lehrer sein („Durch Selbsttä­tigkeit wird aller Bil­dungserwerb erzielt“, ebda., S. 16), dem Lehrer verbleibt hingegen die Rolle des Moderators, des 'Hausmeisters' und vertrauten Ansprechpartners – je weniger er gebraucht wird umso bes­ser: "Da wir augenblicklich nicht behaupten dürfen, daß wir die Kinder sowohl methodisch wie wissenschaftlich so führen können, daß jedem von ihnen die ihm persönlich angepaßte Erziehung zuteil wird, begnügen wir uns damit, ihnen ein ihre In­teressen förderndes Milieu zu schaffen und ein entsprechendes Arbeitsmaterial und kindge­mäße Techniken zu entwickeln, die ihre Bildung fördern, [...]“ (ebda.). Dass bei einem schü­lerzentriertem Unterricht 'Wis­senslücken'[9] entstehen können, nimmt Freinet dabei wohlwis­send und aus der Überzeugung heraus, dass die Entwicklung der Lebenskompetenzen wichti­ger ist, in Kauf: "Wache Köpfe und geschickte Hände sind besser als mit Wissen vollge­stopfte Hirne" (ebda., S. 17). Bedingt durch die Selbstorganisation der Schüler bei gleichzei­tiger Aufhebung der herkömmlichen Reibungsverluste durch das Lehrer-Schüler-Autoritäts­gefälle, steigt die zu erwartende Moti­vation und sinken zudem die Disziplinschwierigkeiten (vgl. freinet 1979, S. 18). Im weiteren setzt sich Freinet mit der Frage der gesellschaftlichen Grundlage und Organisation seiner Schulreform auseinander, auf die an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden soll, die aber wiederum seine umfassende auf die Praktikabilität ausgerichtete Gedankenwelt, belegt.

Die Gestaltung der Unterrichtsräume und deren Ausstattung mit Lehrmaterialien nimmt bei Freinet gemäß dem handlungsorientierten Ansatz einen breiten Raum in seinem pädagogi­schen Gesamtkonzept ein. Die L’ecole moderne francaise enthält beispielsweise - wie eine Gebrauchsanweisung zur Schulbenutzung - eine detail­lierte Auseinandersetzung mit der „Ausgangssituation“, dem „Raumverteilungsplan“, der „Modernisierung der vorhandenen Schulräume“, der „Möbelausstattung“ und dem „Arbeits­material“ (vgl. freinet 1979, S. 53-68). Besondere Bedeutung kommen den „Arbeitsate­liers“[10] zu, die nach Themenbereichen, z. B. „Schöpferische Betätigung, graphische Gestal­tung und Korrespondenz“ oder „Feldarbeit und Tierpflege“, eingerichtet werden. Jedem Ate­lier ist eine konkrete Liste der „unerläßli­chen“ und der „zusätzlichen Arbeitsmaterialien“ bei­gefügt, womit dem interessierten Lehrer eine Art Grundausstattung der ‚modernen Schule‘ an die Hand gegeben wird.[11] Die in seinem Buch folgenden Kapitel geben einen genauen Über­blick über den Unterrichtsalltag, die Un­terrichtstechniken und das verwendete Material. Eine Aufzählung der vielen Unterrichtsele­mente würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, eine Auswahl wird allerdings in den nächs­ten Kapiteln wiedergegeben.

3.2. Ideelle und pädagogische Grundlagen der Schülerzentrierung

Wenn Freinet die Selbstorganisation des schulischen Lernvorgangs durch das Kind fordert, stellt sich die Frage, auf welcher ideellen und pädagogischen Grundlage dieser Anspruch be­ruht. Dietrich (1995, S. 27) liefert hierzu eine übersichtliche, zehn Punkte umfassende Zu­sammenstellung, die in Abb. 1 grafisch wiedergegeben ist:

Hierzu zählen zunächst drei Grundsätze, die das Recht des Kindes auf seine Individualität als solches und der individuellen Entwicklung seiner Persönlichkeit einfordern. Damit ergibt sich notwendigerweise, dass sowohl der zeitliche als auch inhaltliche Rahmen für das Lernen ebenfalls individuell sein muß. Barré (1997, S.28) schreibt über die gegenläufige Tendenz des Lehrers der Gleichmacherei zu unterliegen: "Die Vielfalt innerhalb einer Klasse ist un­ausweichlich. Es geht nicht darum sie zu tolerieren, sie muß gefördert werden! [...] Die unter­schiedlichen Eigenschaften und Fähigkeiten des Einzelnen müssen in die Klassengemein­schaft aktiv eingebracht werden, die Gruppe muß davon profitieren. [...] Die Schule als Ho­mogenisierungsinstanz ist eine Illusion, selbst im Namen des demokratischen Gleichheits­prinzips."

In einem weiteren Schwerpunkt werden die Ziele und Gebote für den Lernprozeß bzw. den Lehrer gruppiert. Der Unterricht soll von Freude und Erfolgsgefühlen begleitet sein. Druck durch Drohungen, Leistung durch Angst vor dem Mißerfolg und auch eine Selektion durch Konkurrenz unter den SchülerInnen soll hingegen vermieden werden. Nicht das fertige Ergeb­nis sondern der Prozeß des "tastenden Versuchens" ist das Lernziel. Dies kann zum Unter­richtsprinzip erhoben werden, wenn auf die Weisheiten der Schulbücher verzichtet und an

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Pädagogische und ideelle Grundlagen der Freinet-Pädagogik geordnet nach

ihren inhaltlichen Schwerpunkten (verändert und ergänzt nach Dietrich 1995, S. 27)

Stelle dessen die kritische unvoreingenommen Betrachtung der Kinder gesetzt wird. Eine le­bensnahe Herangehensweise die Freinet auch als die "natürliche Methode" bezeichnet und dem "Scolatismus"[12] der Pauk- und Buchschule gegenüberstellt. Die Bedeutung des "tasten­den Versuchens" ("tatonnement expérimental") für die Freinet-Pädagogik und dessen pädago­gischen Vorteile seien durch Freinets eigene Worten nochmals unterstrichen (Freinet 1975, S.12, zit. in Baillet 1999, S. 21): "Das Bedürfnis zu untersuchen, [...] ist dem Men­schen, [...], angeboren. [...]. Eine der Handlungen, die er angesichts einer Problematik auspro­biert, führt zum Erfolg. Damit hat er eine Entdeckung gemacht; vielleicht haben andere sie schon vor ihm gemacht, aber für ihn ist es trotzdem eine Entdeckung. Er wird seinem Bedürf­nis folgen, die gelungene Handlung zu wiederholen, und diese wird sich, [...] festigen, [...] und wird sich nach und nach als Lebenstechnik fixieren." Eine Lebenstechnik, die eine ge­sunde Anleitung liefert Frustrationen bei Mißerfolgen zu vermeiden und die Neugier auf weitere Herausforderungen zu stärken.

Als dritter wichtiger Aspekt hebt Dietrich (1995) die sozialen Ansprüche der Freinet-Schule hervor. D. h., dass die SchülerInnen nicht nur für den Erfolg ihrer Arbeiten zuständig sind, sondern auch für eine geeignete, kooperative Klassenatmosphäre, in der dieses Arbeiten über­haupt erst möglich wird. Der Mensch ist ein Individuum und zugleich ein soziales Wesen. Die Umsetzung seiner Wünsche hängen wesentlich von der Beteiligung anderer Menschen ab, und sei es dadurch, dass diese ihn in Ruhe arbeiten lassen. Um dieses zu gewährleisten, wird vor allem, als eine Art Kontrollinstanz, der Klassenrat (Klassenversammlung)[13], indem die SchülerInnen selbstständig ihre Gruppenprobleme lösen, genutzt. Ziel ist es weiterhin positive Kritik üben und akzeptieren zu können und aus der Tragfähigkeit der Gruppe heraus seine Motivation und Leistung zu steigern. Verantwortung für die Gemeinschaft schafft Sicherheit und Geborgenheit für sich selbst. Barré (1997, S. 32) rückt im Zusammenhang mit dem Be­griff der Verantwortung im schulischen Leben auch die der Lehrer in ein neues, interessantes Licht: "Den Erziehern sollte man den Mut haben zu sagen, daß sie nicht für die Gesellschaft verantwortlich sind und die Probleme, die diese auf die Schule überträgt, daß sie jedoch dafür verantwortlich sind, was sie in der Schule machen, daß sie nicht das Recht haben, sich hinter Verordnungen und Richtlinien zu verstecken, [...]."

3.3. Konkrete Unterrichtstechniken (eine Auswahl)

"Um diese Zielsetzungen und Prinzipien verwirklichen zu können, sind klare, durchschaubare Strukturen notwendig. Strukturen, die den Kindern Orientierung geben, ihnen Geborgenheit vermitteln und immer wieder neue Impulse für ihre Arbeit setzen" (. 1992, S. 9). Dieser von praxiserprobten Lehrern verfasste Satz hätte auch von Freinet selbst (vgl. z. B. 1981, S. 57f.) stammen können. Freinet war kein Anarchist, sondern ein pragmatisch orientierter Lehrer, der die Bedeutung des Lernprozesses über die des Lernergebnisses stellte. Deshalb nehmen die Techniken zum Selbstlernen und die Materialien mit denen gearbeitet wird in seinem pädagogischem Konzept einen so breiten Raum ein.

Vorweg muß darauf hingewiesen werden, dass viele der von Freinet ursprünglich entwickel­ten "Neuerungen" heutzutage überholt oder zumindest nicht mehr den Stellenwert, wie vor 50 Jahren einnehmen können. Hierzu gehören z. B. der Einsatz der Schreibmaschine im Unter­richt oder auch die Schuldruckerei. Letztere gehört wohl zu den bekanntesten Freinet'schen Unterrichtstechniken, wird mittlerweile aber immer mehr durch den Computer ersetzt (vgl. 1997, S. 37f.). Die im folgenden zusammengestellte Übersicht versucht deshalb die modernen Möglichkeiten mit den 'historischen' Vorschlägen von Freinet zu verbinden.

Vorweg sei noch einmal betont, dass alle Unterrichtstechniken von dem Prinzip des "freien Ausdrucks" (vgl. 1999, S. 115) durchwirkt sind. Ziel ist es dabei so wenig Vorgaben wie möglich zu machen, z. B. der Beschneidung des Erfolgserlebnisses durch Korrekturen wie Rechtschreibfehlern durch den Lehrer zu vermeiden. Die Kinder sollen sich schrift­lich, mündlich und in allem was sie erschaffen frei im Sinne einer wirksamen Vertretung ihrer ei­genen Interessen ausdrücken können. Es liegt nahe, dass ein kreativer Umgang (im Sinne des "tastenden Versuchens" mit Materialien und Ideen dabei dem Vorrang gegenüber dem (Aus­wendig)Lernen von Inhalten gegeben wird. Genutzt werden soll ausdrücklich alles, was dem Erkenntnisprozeß der Schüler zweckdienlich ist, bestenfalls werden die Arbeitsmateria­lien sogar selbst hergestellt.

Wie aber lässt sich diese geballte Energie kindlicher Eigenständigkeit und Kreativität in einen sinnvollen Arbeitsprozeß überführen (vgl. Abb. 2)?

1. Da gibt es zunächst die äußere Gestaltung des Klassenraumes[14]. Der idealtypische Klassen­raum ist wie eine Art gemütliches Wohnzimmer eingerichtet, wo anstelle von Katheder und Stuhlreihen viele unterschiedlich zu nutzende Nischen ein vielfältiges Leben in der Klasse ermöglichen (vgl. z. B. , S. 36). Die Wände dienen der Organisation des Unter­richts und der Präsentation der Schülerarbeiten. Die Tische sind für Gruppenarbeiten herge­richtet, Regale oder durch Raumtrenner abgeteilte Bereiche dienen als "Arbeitsateliers" (z. B. Schrank mit Dokumenten zu aktuellen und früheren Themen, Bücherei, neue Medien, etc.). Grünpflanzen oder eine "Kuschelecke" zum Ausruhen und Lesen sind denkbar. Die Schüler müssen ihre Klasse als gemeinsamen Lebensraum begreifen, den es zu gestalten gilt. Und indem eine Ordnung vorhanden ist, die das Arbeiten in der Gemeinschaft erleichtert – die Dinge also alle ihren Platz haben.

[...]


[1] Ein Ausdruck, der vom ebenfalls berühmten Reformpädagogen John Dewey Eingang in unseren allgemeinen Sprachgebrauch genommen hat.

[2] Hierher gehört auch die von Freinet bekannte Aussage: "Seien wir ehrlich: wenn man es den Pädagogen überlassen würde, den Kindern das Fahrrad fahren beizubringen, gäbe es nicht viele Radfahrer" Boehncke & Hennig 1980).

[3] Dietrich (1995, S. 14f.) sieht die "Legende vom Lungenschuß" nur zum Teil gerechtfertigt und lenkt den Blick gleichzeitig, belegt durch ein Zitat von Roycourt (1989, S. 41), auf Freinets Bedeutung als sozialistischer Klassenkämpfer: "Wenn Freinet sich die Aufgabe stellt, die Grundzüge einer Pädagogik des Volkes in die Tat umzusetzen, so geschieht das nicht nur deshalb, weil er als schwer Lungenverletzter nicht mehr als ein paar Minuten in der stickigen Atmosphäre einer Klasse mit 35 Schülern sprechen kann; sondern vor allem deshalb, weil er teilnimmt an dem philosophischen und sozialen Kampf um eine sozialistische Neuordnung der Gesellschaft, um die endgültige Befreiung der Arbeiterklasse. In diesen Kämpfen spielt der Volksschullehrer der 20er Jahre eine wichtig Rolle."

[4] Dieses 'pädagogische Motiv' findet sich auch bei Janusz Korczak als eine zentrale Idee wieder.

[5] Dietrich (1995, S. 268f.) nennt in einem bibliographischen Anhang allein 20 Bücher; Boehncke & Hennig (1980, S. 14) sprechen von "[...] Hunderten von Zeitschriftenartikeln." Letztere erschienen vielfach im Selbstverlag C.E.L (Coopérative de l'Enseignement Laic) der Freinet-Bewegung.

[6] Hierzu gehören neben der Konzeption von Kindergärten auch die französische Mutterschule, eine Art Vorschule und die von Freinet gewünschten 'Kinderreservate'. Letztere stellen den Versuch dar, auch den in Städten aufwachsenden Kindern die Möglichkeit einer Erziehung in ländlicher Umgebung zu eröffnen. Ein Ansatz der vor ihm bereits der Altonaer Reformpädagoge Hermann Lietz vertrat, den Freinet auch persönlich kannte. Von Jörg (1979, S. 137) wird Lietz mit einem in seinem Pathos und seiner Unlogik höchst komisch anmutenden Satz zitiert: "Der Aufenthalt in der Grossstadt ist aber noch schlimmer fürs Kind als Bergesabgrund und Stromschnelle. Diese töten im schlimmsten Falle den Körper, jene mit hoher Wahrscheinlichkeit die Seele, die Natur".

[7] Beide sind in der Übersetzung von Hans Jörg erschienen: L’ecole moderne francaise (Célestin Freinet: Die moderne französische Schule, 1979) und Les techniques Freinet de l'Ecole Moderne (Praxis der Freinet-Pädagogik, 1981).

[8] Die, wie im Grunde genommen alle der neueren Autoren bestätigen, an ihrer aktuellen Berechtigung nichts verloren hat.

[9] Die Problematik des Begriffes steht ausser Frage. Was soll gewußt werden und was nicht? Grundlegende Fertigkeiten im Lesen, Schreiben, Rechnen sind auch bei Freinet deutlich erwünscht. Allerdings ist der innerhalb der Wochenpläne (vgl. Kap. 3.2) als Pflichtteil abzuhandelnde Stoff überschaubar. Während der sozusagen als 'Kür' zu bezeichnenden darüberhinausgehenden Stoffmenge keine Grenzen gesetzt werden.

[10] Räumlich gesehen kann es sich dabei um Nischen, Teile des Klassenraumes oder auch eigene Räume handeln.

[11] Boehncke & Hennig (1980, S. 8) sehen in der Matrialauswahl (die letztlich auch die Umgebungsgestaltung mit einschließt) ein zentrales Prinzip: "Freinet-Pädagogik will die Schule nicht durch Ideen verändern, sondern durch eine materielle Umgestaltung des Klassenlebens."

[12] Ein selbstkreierter Begriff von Freinet, den er sprachlich, aber auch inhaltlich von dem Wort 'Hospitalismus' ableitete (Boehncke & Hennig 1980, S. 22).

[13] Ähnliche Ansätze finden sich wiederum bei Janusz Korczak in Form des 'Kameradschaftgerichts' und des 'Kinderparlaments'

[14] Freinet (z. B. 1979, S. 53f.) hat sich auch zu der Gestaltung der Schule mit Gemeinschaftsraum, verschiedenen Arbeitsateliers, einem kleine Zoo, Schulgarten etc. geäußert.

Details

Seiten
31
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638226103
ISBN (Buch)
9783638788298
Dateigröße
679 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v18219
Institution / Hochschule
Universität Bremen – Fachbereich 12 (Erziehungs- und Bildungswissenschaften)
Note
1,0
Schlagworte
Bedeutung Freinet-Pädagogik Berücksichtigung Musikpädagogik

Autor

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