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"Einst erwacht für immer entschlafen"

Eine Interpretation der Verbindung Max Piccolominis als Idealist zu Wallenstein in Friedrich Schillers "Wallenstein"

Hausarbeit 2009 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Idealismus

3. Das Verhältnis von Max und Wallenstein
3.1. Die beidseitige Abhängigkeit
3.2. Wallensteins Verrat
3.3. Der Prozess der Mündigkeit
3.4. Max` Tod

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Wallenstein entwirft Schiller eine Rolle des Protagonisten, die es als solche in der Ge- schichte nicht gab. Dem historischen Wallenstein, welcher keine Leidenschaften zeigte, son- dern nur auf seine Macht fixiert war, fügte Schiller noch eine idealistische Seite hinzu, sodass Wallenstein letztendlich von Goethe als der „phantastische Geist, der von der einen Seite an das Große und Idealische, von der anderen an den Wahnsinn und das Verbrechen grenzt“1 bezeichnet wird. Seiner Meinung nach biete, Wallenstein […] das Beispiel eines realistischen Phantasten, dessen Tiefsinn an wirklich große Fragen stößt2. Das bedeutet, Wallensteins Cha- rakter ist gespalten, er möchte Realität und Idealität und schwankt zwischen Rationalität und Irrationalität, kann sich aber für keine dieser Seiten entscheiden, da er ihnen gleichen An- spruch auf ihre Existenz einwilligt. Auf der einen Seite ist er ein revolutionärer Idealist, da er um das Bestehen und die Notwendigkeit der Gesetze Bescheid weiß und sich dazu berufen fühlt, einen Zustand der Freiheit herzustellen. Andererseits ist er zu sehr auf die Wirklichkeit ausgerichtet, ein Realist des politischen Lebens, der die Intrige wie auch die Mittel dieser kennt und sich ihrer bedient. Es ist der Doppelsinn des Lebens, der ihn hier verklagt.3 Dieser Zwiespalt, durch welchen seine Person tragisch wirkt, wird von zweien seiner Freunde ver- körpert, seine Projektionen, nämlich von Octavio Piccolomini und dessen Sohn Max Picco- lomini. Während Octavio mit seiner realistisch-pragmatischen Denkweise den Staat verkör- pert, ist Max idealistisch, welt- und geschichtsfern veranlagt. Er symbolisiert also den Idea- lismus Wallensteins.4 Als historische Figur nicht existent, führte Schiller ihn und seine Freundschaft zu Wallenstein ein, um dem Feldherrn diese menschliche Seite aufzusetzen. Durch diese rein menschlichen Qualitäten einer Figur, die Schiller in familiären Beziehungen sichtbar werden lässt, ist es möglich das Publikum zu rühren.5

Auf jene eingeführte Seite durch Max und dessen Beziehung zu Wallenstein soll es im Fol- genden gehen. Max soll als der Idealist im Wallenstein hervor gehen und vom Protagonisten abgegrenzt, wie auch mit ihm verglichen werden. Warum und auf welche Weise ihre Bezie- hung sich verändert und in welcher Hinsicht dieser Wandel mit dem Idealismus verbunden ist, ist der Kern dieser Arbeit. Da die hierzu erschienene Sekundärliteratur dieses Thema zwar oft thematisiert, jedoch häufig bloß knapp unter einem anderen Gesichtspunkt und mit Schwer- punkt auf Wallenstein betrachtet, erscheint es mir wichtig, hier einen Überblick über den Wandel der Beziehung zwischen Max und Wallenstein zu geben, in welchem Max im Mittel- punkt steht.

Als Grundlage ist zu Beginn eine Veranschaulichung des Idealismus‘ notwendig. Anschließend wird die Beziehung beider Figuren aufgezeigt. Der anfängliche Umgang miteinander wird durch den Verrat Wallensteins bedeutend verändert. Deshalb ist dieser anschließend aus Maxens Perspektive näher zu betrachten. Ein wichtiger, hier aufgegriffener Aspekt dessen ist die Aufklärung. Es wird erläutert, wodurch und inwiefern Max den Prozess der Mündigkeit durchläuft und welche Konsequenzen dies bezüglich der idealistischen Weltanschauung Maxens hat. Eine Konsequenz ist der Tod Maxens, der schließlich genauer auf die Gründe und Aussagekraft hin betrachtet wird. Durch eine fortlaufende Bezugnahme zum Idealismus Maxens können hier ebenfalls Schlüsse gezogen werden.

Um die Hauptaspekte gründlich darzustellen, wird auf die Ästhetik ebenso wenig eingegangen wie auf die Liebesbeziehung Maxens zu Thekla und seiner Bindung zu seinem Vater Octavio. Auch die Bedeutung der Planeten wird lediglich angeschnitten.

2. Der Idealismus

Die Grundidee des Idealismus‘ besteht in der Annahme Platons, für jedes Ding unserer Sphä- re gäbe es eine Idee, ein Urbild, das wir erfassen müssen, um das Ding an sich zu verstehen. Diese Ideen und Urbilder tragen wir in unserer eigenen Seele, da diese vor der Niederlassung in unserem Körper im Reich der reinen Ideen Urbilder geschaut hat, derer sie sich nun auf- grund der Ähnlichkeit zu den sinnlichen Dingen erinnert. Das Erkennen bzw. Verstehen eines Dinges ist deshalb nach Platon das bloße Wiedererkennen dessen, was im Reich der reinen Ideen von unserer Seele aufgenommen wurde. Die Innenwelt, zu der das Ich, der Geist, das Denken und auch das Bewusstsein zählen, ist demnach die eigene Wirklichkeit, die auf die Außenwelt übertragen wird. Die äußeren Dinge entspringen also unserer inneren Welt, sodass ein ideales, gedachtes oder bewusstes Sein entsteht, das wir als Wirklichkeit bezeichnen.6

Auch Schiller musste nach dem Ausgang der französischen Revolution feststellen, „dass die bloße Befreiung von den äußeren Zwängen des ancien r é gime längst noch nicht die Freiheit im Menschen befreit“7, was eine allgemeine Enttäuschung hervorbrachte. Dieser Verlust der Freiheit inspirierte die Systementwürfe des Idealismus‘.

Es gilt mehrere Arten des Idealismus‘ zu unterscheiden. Hier aufgenommen, würde bloß ein aus dem Kontext gegriffenes, weit umfassendes philosophisches Thema angeschnitten wer- den, welches nicht vollständig erläutert wäre. Aus diesem Grund werden sie hier nicht ange- führt. Ausschließlich eine Art ist zu erwähnen, da sie meiner Meinung nach in Max wiederzu- finden ist. Der Idealist, welcher dem historischen Idealismus angehört, versteht die Idee nicht nur als eigentliches Sein, sondern ebenso als die Leitmacht der ganzen Weltgeschichte. Wie bei jeder anderen Ausprägung des Idealismus‘ gilt auch hier: „Immer hat der Geist den Vor- rang vor dem Stoff, die Seele vor dem Leib, das Denken vor dem Wahrnehmen.“8

Aus jener Grundlage schöpft auch Schiller seine Vorstellung von Idealismus und Ideal.

Den Begriff „Ideal“ bezieht Schiller auf die Kunst, wobei er jedoch verschiedene Gruppierun- gen darlegt. So gibt es zum einen den Idealbegriff Schillers, welcher moralische und sittliche Veredlung fordert und in welchem das sogenannte „Idealisieren“in eine reine Form verwan- deln, aber nicht veredeln bedeutet. Nach Schiller behandelt der Künstler „das idealistische, oder das kunstmäßig [A]userwählte aus einem wirklichen Gegenstand. […] z.B. behandelt er nie die Moral, nie die Religion sondern nur diejenige Eigenschaft einer jenen, die er sich zu sammendenken will“9. Das Ideal ist also die reinste Ausprägung eines Typs. Zum anderen kommt seinem Ideal noch die Bedeutung hinzu, welche für den Wallenstein wichtig ist. Das Ideal ist hier auch das, was in einem Künstler steckt und was verwirklicht werden muss, dem- nach ein ästhetisches, unendliches Ideal. Hierbei wird die Wirklichkeit selbst als ungenügend erkannt, sodass man bestrebt ist, das Leben gedanklich zu durchdringen und auf einen Ziel- punkt hinzuführen, sich über die Wirklichkeit zu erheben.10 Die utopische Dimension ent- steht in dem ä sthetischen Idealismus, welchen Schiller vertritt, nicht durch die Flucht aus der Wirklichkeit, ihrer Überwindung oder ihrem Ausgleich, sondern aufgrund einer tieferen Ein- sicht in die Wirklichkeit. Der ideale Zustand, der auch als Idylle bezeichnet wird, herrschte nach Schiller schon in Arkadien im Hirtenzeitalter, in welchem der Mensch sich noch im Na- turzustand befand und wurde durch den Gesellschaftsvertrag verdrängt.11 Wie in den Wün- schen der beiden Geliebten des Dramas ausgedrückt, erhofft er diesen Zustand der Idylle er- neut am Zielpunkt der Geschichte.12

Heutzutage wird der Idealist oft mit einem Schwärmer, Träumer oder Phantast verglichen, der sich unerreichbare Ziele setzt und an diese seine ganzen Kräfte vergeudet, da unsere heutige Zeit vorwiegend durch den Realismus geprägt ist. Zum besseren Verständnis, ist hier eine kurze Darstellung des Realismus‘ sinnvoll, da dieser gegen den Idealismus ankämpft und im Wallenstein weit verbreitet ist.

[...]


1 Goethe, Johann Wolfgang von: Die Piccolomini. Wallensteins erster Teil. In: Schillers Wallenstein. Hrsg. von Fritz Heuer und Werner Keller. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1977 (= Wege der Forschung. Bd. 420). S. 9.

2 Reinhardt, H.: Wallenstein. In: Schiller-Handbuch. Hrsg. von Helmut Koopmann. Stuttgart: Kröner 1998. S. 405

3 Vgl. Müller-Seidel, Walter: Die Idee des neuen Lebens: Eine Betrachtung ü ber Schillers „ Wallenstein “ . In: Schillers Wallenstein. Hrsg. von Fritz Heuer und Werner Keller. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1977 (= Wege der Forschung. Bd. 420). S. 380.

4 Vgl. Edelmann, Thomas; Hofmann, Michael: Friedrich Schiller. Wallenstein. Hrsg. von Klaus- Michael Bogdal; Clemens Kammler. München: Oldenbourg 1998. S. 64f.

5 Vgl. Borchmeyer, Dieter: Macht und Melancholie, Schillers Wallenstein. Frankfurt am Main: Athenäum 1988. S. 113.

6 Vgl. Fischl, Johann: Idealismus Realismus und Extentialismus der Gegenwart. Ein Beitrag zur Aussprache ü ber die Weltanschauung des modernen Menschen. Graz, Wien, Köln: Styria. S. 1-4.

7 Feger, Hans: Die Entdeckung der modernen Trag ö die. Wallenstein - die Entscheidung. In: Friedrich Schiller. Die Realit ä t des Idealisten. Hrsg. von Hans Feger. Heidelberg:Universitätsverlag WINTER 2006. S. 252.

8 Fischl, J.: Idealismus Realismus und Extentialismus der Gegenwart. S. 2.

9 Lange, Barbara: Die Sprache von Schillers „ Wallenstein “. Hrsg. v. Stefan Sonderegger und Thomas Finkenstaedt. Berlin, New York: Walter de Gruyter. S. 217.

10 Lange, Barbara : Die Sprache von Schillers „ Wallenstein “ . Hrsg. v. Stefan Sonderegger und Thomas Finkenstaedt. Berlin, New York: Walter de Gruyter. S. 216ff

11 Ein Vertrag bezeichnet Hobbes als „wechselseitige Übertragung von Recht.“ Für ihn war so ein Vertrag zwi- schen den Menschen notwendig, da sie in diesem Naturzustand keinem Gesetz unterliegen. Somit besteht auch keine Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht, das Unrecht existiert nicht, stattdessen hat jedes Individu- um ein Recht auf alles. Hobbes beschreibt den Menschen im Naturzustand als ein eigennütziges Individuum, das unaufhörlich nach Macht strebt. Aus diesem Grund konkurrieren sich alle Menschen und keiner ist mehr vor dem anderen sicher, da auch ein Mord nichts Unrechtes wäre. Im Gegensatz zu Schiller ist der Naturzu- stand für ihn der unsicherste und schlechteste Stand der Menschheit. Um nun die Sicherheit jedes Einzelnen zu garantieren, muss also ein Vertrag abgeschlossen unter diesen abgeschlossen werden. Zwar würde hierdurch die Freiheit jedes einzelnen dort aufhören, wo die eines anderen anfängt, wäre demnach eingeschränkt, doch nur durch diesen wechselseitigen Verzicht auf unbegrenzte Interessenverfolgung ist eine friedliche Kooperati- on möglich. Damit der Vertrag eingehalten wird, übergibt die Bevölkerung ihre Macht an einen Souverän, welcher das Unrecht bestrafen darf. Hobbes vertritt die Staatsphilosophie eines absolutistischen Staats. (Vgl. Hobbes, Thomas: Leviathan. In: Philosophie der Moral. Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Hrsg. von Robin Calikates und Stefan Gosepath. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2009. [= Suhrkamp Taschenbücher Wis- senschaft]. S. 118f.)

12 Vgl. Borchmeyer, D.: Macht und Melancholie. S. 107.

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656056430
ISBN (Buch)
9783656056386
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v182275
Note
Schlagworte
Wallenstein Friedrich Schiller Literatur Idealismus Piccolomini Aufklärung Mündigkeit

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